Archiv für die Kategorie ‘Rechtssoziologie’

Bourdieus Rechtsdenken

Für den 4. November 2019 ist in Berlin eine Buchpräsentation und Podiumsdiskussion über Pierre Bourdieu und das Recht angekündigt. Es geht um den von Andrea Kretschmann herausgegebenen Sammelband »Das Rechtsdenken Pierre Bourdieus«, der vor kurzem bei Velbrück erschienen ist. Am wichtigsten ercheint mir an diesem Band die deutsche Übersetzung der beiden für die Rechtssoziologie wichtigsten Texte Bourdieus, nämlich

S. 29-34: Die Juristen. Türhüter der kollektiven Heuchelei [; Les juristes, gardiens de l’hypocrisie collective, in: François Chazel/Jacques Commaille (Hg.), Normes juridiques et régulation sociale, Bd. 1, Paris 1991, 95-99]

S. 35-75: Die Kraft des Rechts. Elemente einer Soziologie des juridischen Feldes [La force du droit. Element pour une sociologie du champ juridique, Actes de la recherche en sciences sociales 64, 1986, 3–19; englisch als The Force of Law: Toward a Sociology of the Juridical Field, Hastings Law Journal 38, 1987, 814-853].

Im Übrigen habe ich bisher nur die Einleitung von Andrea Kretschmann gelesen. Natürlich betont Kretschmann, wie wichtig das alles sei. Aber überraschend Neues gibt es anscheinend nicht.

Bourdieu ist fraglos bedeutend, nicht nur, weil er weltweit häufiger zitiert wird als Luhmann. Seine besondere Anziehungskraft beruht allerdings auch darauf, dass seine Konzepte so wunderbar unscharf sind, dass sie sich als universell verwendbar erweisen. Es kommt hinzu, dass die Mehrzahl seiner Begriffe Metaphern sind, die in der Sache unbegründete und überflüssige Konnotationen tragen, an denen kritische Geister sich gerne aufrichten. Das gilt insbesondere für die Begriffe symbolische Gewalt, Illusio und Hypokrisie. So ist hypocrisie oder in der Übersetzung Heuchelei die Leitmetapher des kurzen Textes über die Juristen. Streicht man diese Metapher und ihre Bezugnahmen heraus, so rennt der Text mit seinen prägnanten Formulierungen in Rechtssoziologie und Rechtstheorie offene Türen ein. Dort formuliert man die Differenz zwischen dem juridischen Spiel auf dem Feld des Rechts und anderen Feldern der Gesellschaft durch die Unterscheidung von Teilnehmer- und Beobachtertheorien. Hypokrisie oder Heuchelei bringen die Konnotation bewusster Verstellung mit sich, und die ist einfach nur infam.

Ich habe die Ankündigung der Buchvorstellung natürlich zum Anlass genommen, die Darstellung der Bedeutung Bourdieus auf Rechtssoziologie online durchzusehen. Es müssen wohl nur einige Literaturhinweise erneuert oder ergänzt werden. Auch meine ausführliche Kritik von Bourdieus Texten zur Männlichen Herrschaft bedarf keiner Revision.

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Offsetting Behavior: Fahrradhelme machen leichtsinnig

Eine neue Untersuchung von Psychologen aus Jena und Victoria (Kanada) [1] bestätigt das Phänomen des Offsetting-Behavior, das in der Rechtssoziologie längst bekannt ist.

Sicherheitsvorschriften werden oft von den potentiellen Opfern unterlaufen. Das gilt etwa für Unfallverhütungsvorschriften am Arbeitsplatz.[2] Deutlicher noch zeigt sich dieser Effekt bei Regeln zur Verbesserung der Verkehrsicherheit. Sicherheitsgurte, Airbags und ABS haben die Zahl der Toten und Verletzten im Straßenverkehr drastisch gesenkt. Aber der Erfolg bleibt hinter dem, was technisch zu erwarten gewesen wäre, zurück. Das liegt daran, dass die Ausstattung mit Sicherheitssystemen sorgloseres Fahren zur Folge hat. Untersuchungen von Versicherungsakten in den USA haben ergeben, dass die Schadensersatzforderungen nach Verkehrs­unfällen gegen Fahrzeughalter, deren Fahrzeug mit einem Airbag ausgerüstet war, nicht abnahmen. Und die Virginia State Police meinte, aus Unfallberichten entnehmen zu können, dass Fahrer von Fahrzeugen, die mit Airbag ausgerüstet waren, aggressiver fuhren.[3] Es gibt auch Zweifel über die Effektivität der Verpflichtung zur periodischen Sicherheitsuntersuchung von Kraftfahrzeugen, denn es liegt nahe, dass für manche Kraftfahrzeughalter der bei solchen Untersuchungen geforderte Mindeststandard das Maximum der Fahrzeugsicherheit darstellt.[4]

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[1] Barbara Schmidt/Luisa Kessler/Clay B. Holroyd/Wolfgang H. R. Miltner, Wearing a Bike Helmet Leads to Less Cognitive Control, Revealed by Lower Frontal Midline Theta Power and Risk Iindifference, Psychophysiology [online vom 14. 8. 2019], https://onlinelibrary.wiley.com/doi/full/10.1111/psyp.13458.

[2] John C. Hause, Offsetting Behavior and the Benefits of Safety Regulations, Economic Inquiry 44, 2006, 689-698; Jonathan Klick/Thomas Stratmann, Offsetting Behavior in the Workplace, 2003 (George Mason Law & Economics Research Paper No. 03-19, verfügbar unter SSRN: http://ssrn.com/abstract=397822).

[3] Steven Peterson/George Hoffer/Edward Millner, Are Drivers of Air-Bag-Equipped Cars more Agressive? A Test of the Offsetting Behavior Hypothesis, Journal of Law and Economics XXXVIII, 1995, 251-264.

[4] Daniel Sutter, Policy Ineffectiveness or Offsetting Behavior? An analysis of vehicle safety inspections, Southern Economic Journal, 2002, hier zitiert nach http://www.allbusiness.com/specialty-businesses/181978-1.html.

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Toilettengerechtigkeit 2.0 – Rechtssoziologie ins Klo gefallen

Im jüngsten Heft der Zeitschrift für Rechtssoziologie vertritt und begründet Ulrike Lembke die These, Unisex-Toiletten seien von Verfassungswegen geboten.[1] Zwei Stichworte hatte ich schon zuvor in die Debatte geworfen: Toilettengerechtigkeit und Biofeminismus, beide mit einer starken Prise Ironie. Nun wird es ernst, denn es gilt, gegen den inversen Biologismus der Geschlechterforschung Stellung zu beziehen.

Die Biologie unmittelbar tut wenig zur Sache. Auf die Diskussion, ob auch Frauen im Stehen pinkeln können[2], will ich mich nicht einlassen. Selbst wenn das nicht der Fall wäre, könnte man sich doch ohne weiteres für entsprechend ausgestattete Unisex-Toiletten entscheiden, und mit einiger Sicherheit hätte man sich nach allenfalls 30 Jahren daran gewöhnt. Mich stört an dem Artikel etwa anderes, nämlich die Darstellung der »binären Geschlechternorm als Gesamtkunstwerk«, das sich aus folgenden Annahmen zusammensetzt:

»Danach ist die Einteilung der Menschheit in zwei (und nur zwei) Gruppen möglich, die auf Grund angeborener und grundsätzlich unveränderlicher Geschlechtsmerkmale klar biologisch-leiblich zu unterscheiden sind. Ferner soll dem binären anatomischen Geschlecht eine binäre soziale Geschlechtsidentität mit geschlechtsspezifischen Eigen­schaften und Verhaltensweisen entsprechen und beide Geschlechterdimensionen (biologisch und sozial) in einer Person stets kongruent sein, während sich zugleich die anatomischen wie sozialen Geschlechtsausprägungen von zwei verschiedengeschlechtlichen Personen wunderbar ergänzen, weshalb auch heterosexuelles Begehren und verschiedengeschlechtliche Paare den Normalfall darstellen. Auf Grund dieser engen Verknüpfung von Geschlecht und sexuellem Begehren wird auch von Heteronormativität gesprochen.«

Dieser Ausgangspunkt ist ein Popanz, auf den man dann genüsslich dreinschlagen kann. Erstaunlich, dass Lembke als ausgewiesene Feministin an dieser Stelle auf die Unterscheidung zwischen Sex und Gender, zwischen biologischem und sozial-kulturellem Geschlecht verzichtet. So kommt es, dass sie auch nicht zwischen (biologischer) Normalität, Normativität und Normalismus unterscheidet. Normal bedeutet, dass Abweichungen vorkommen. Zwischen Normalität und Normativität steht die normative Kraft des Faktischen.[3] Normalismus ist eine soziale Norm, die das psychische Phänomen der normativen Kraft des Faktischen zur sozialen Norm macht.[4] Werden die Begriffe nicht auseinandergehalten, so unterlaufen enthymematische Fehl­schlüsse.

Wenn es dann heißt, keine der vorgenannten Annahmen sei wissenschaftlich haltbar, so ist das ein Selbstläufer, nachdem zuvor »binär« als reiner Dualismus eingeführt worden war. Anschließend (S. 213) kommt das biologische Geschlecht doch noch zu seinem (Un-)Recht. Die unbestrittene Tatsache, dass die Binarität der Geschlechter kein mathematisches Gesetz ist, das ausnahmslos gilt, sondern nur der biologische Normalfall, der allerhand Abweichungen kennt, muss dafür herhalten, dass es keinen Normalfall gibt. Da haben wir den Fehlschluss in Gestalt einer Inversion des biologischen Arguments, dem Lembke sonst –mit gutem Grund – skeptisch begegnet.

Dieses Argument stammt aus der Allianz des Feminismus mit der Queer-Bewegung, einer Allianz, die auf den ersten Blick höchst unwahrscheinlich wirkt. Die Queers [5] als Minderheit haben mit dem gesellschaftlichen Normativismus wirklich ein Problem. Die große Mehrzahl der Frauen dagegen lebt gut und gerne mit der Heterosexualität. Dass die Queers große Anstrengung darauf verwenden, ihre Diskriminierung durch die Aufhebung der Geschlechterdifferenz auszuräumen, und sei es auch durch kühne Neuinterpretationen der Biologie[6], ist deshalb verständlich. Ob dieser Ansatz erfolgversprechend ist, darf bezweifelt werden. Die Queers sind und bleiben eine Minderheit, und gerade deshalb ist ein permanenter Kampf gegen ihre Diskriminierung angesagt. Zu Recht stellt Lembke deshalb die Reihe der Entscheidungen des Bundesverfassungsgerichts heraus, mit denen jedenfalls die rechtlichen Diskriminierungen nach und nach abgebaut worden sind. Ob den Queers aber Unisex-Toiletten weiter helfen würden, ist nicht eigentlich Lembkes Problem. Sie fordert Unisex-Toiletten für alle, und zwar nicht im Interesse der Queers, sondern im Interesse der Frauen.

Die »bipolare Heteronorm« diskriminiert nämlich nicht nur die Minderheit der Queers, sondern auch die Heterofrauen. Das folgt daraus, dass in der Heterosexualität die hegemoniale Männlichkeit verfestigt ist. Dieses Dogma des Feminismus wird heute nicht mehr weiter begründet. Es genügt, sich dazu auf eine Autorität zu berufen, sei sie nun Butler oder Bourdieu. Man kann immer wieder nur über die Kritiklosigkeit staunen, mit der die Beobachtungen Bourdieus in der vormodernen Gesellschaft der Kabylen in die nachmoderne Gesellschaft des heutigen Mitteleuropa transferiert werden. Aber ich mache mir keine Illusionen, dass meine Bourdieu-Kritik eine Feministin überzeugen könnte, wenn sie diese denn überhaupt zur Kenntnis nähme. Daher sei hier konzediert, dass der Feminismus weiterhin gegen eine hegemoniale Männlichkeit antreten muss. Eben das soll durch die Einführung von Unisex-Toiletten geschehen, denn Hetero-Toiletten befestigen die binäre Geschlechternorm, und eben die gilt es zu zerstören.

Richtig ist daran sicher, dass Hetero-Toiletten die normalistische Heteronorm bestätigen. Diese triviale Annahme wird von Lembke ausführlich begründet. Fehlt eigentlich nur noch der Begriff der Hexis. Damit gewinnt der Text den Anstrich wissenschaftlicher Elaboration, der den unkritischen Leser verleitet, auch Prämissen und Konsequenzen zu akzeptieren. Auch wenn der Begründungs­aufwand insoweit überflüssig erscheint, sei doch ein Baustein markiert, nämlich der Begriff der »vorreflexiven Praktiken, die sich in die Körper einschreiben« (S. 229). Die Idee, dass der Körper solche Praktiken auch mitbringen könnte, fällt nicht unter die Denkmöglichkeit der Geschlechterforschung.

Der diskriminierende Charakter von Hetero-Toiletten ist also letztlich sekundär. Primär diskriminierend ist die patriarchalisch hegemoniale binäre Geschlechternorm. Die gilt es zu schwächen und auszuräumen. Das ist die Lösung der Queer-Theorie. Vom Feminismus sollte man einen Versuch erwarten, die binäre Geschlechternorm so zu gestalten, dass sie für beide Geschlechter vorteilhaft wird. Das ist das Dilemma der Geschlechterforschung: Ihre Allianz mit der Queer-Theorie hindert sie, ein positives Frauenbild zu formulieren. Es ist viel von Geschlechtsidentität die Rede. Aber die Geschlechterforschung verweigert den Frauen eine eigene Identität. Nicht einmal auf dem Klo dürfen sie Frau sein.

Gewinner ist die Rechtssoziologie (S. 238):

»Für die rechtssoziologische Forschung sind ›Toilettenfragen‹ äußerst interessant und relevant.«

Nachtrag vom 13. 8. 2019: Zitat Katrin Bauerfeins (lt. WAZ von heute):

Ich bin für Unisex-Toiletten in ICEs und für Sex an der
Uni.

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[1] Ulrike Lembke, Alltägliche Praktiken zur Herstellung von Geschlechts-Körpern oder: Warum Unisex-Toiletten von Verfassungs wegen geboten sind, ZfRSoz 38, 2019, 208-243.

[2] Lembke bei Fn. 17.

[3] Der Begriff stammt bekanntlich von Georg Jellinek. Dazu – aus heutiger Sicht zu grob – Röhl/Röhl, Allgemeine Rechtslehre, 3. Aufl. 2008, 130f. Das ist zu grob, erstens weil dort noch die Unterscheidung zwischen dem psychischen Phänomen der Nachahmung und dem sozialen Phänomen des Normalismus fehlt. Zweitens: Mit dem Faktischen meinte Jellinek das soziale Faktum der Übung oder Gewohnheit. Im Zusammenhang mit dem Naturalisierungsargument muss man aber auch die normative Kraft funktionaler Adäquanz bedenken.

[4] Jügen Link, Normal/Normalität/Normalismus, in: Karlheinz Barck/u. a. (Hg.), Ästhetische Grundbegriffe. Historisches Wörterbuch in sieben Bänden, 2010, Bd. 7, S. 538-562.

[5] Auf dem Feld der Geschlechterforschung hat mehr oder weniger alles, was man sagt, Konnotationen, an Hand derer man von Insidern qualifiziert oder disqualifiziert wird. Das Problem beginnt schon mit der zusammenfassenden Benennung der Menschen, die von der heterosexuellen Norm abweichen. Zeitweise konnte man diese Gruppe als LGBT ansprechen. Heute soll es wohl LGBTQIA+ heißen. Lembke spricht von den »von solchen binär-geschlechtlichen Erwartungen abweichenden Personen und Lebensformen, also von Transgender-Personen, Inter*-Personen, bisexuell oder homosexuell begehrenden Menschen und gleichgeschlechtlichen Paaren«. Ich bevorzuge die Benennung als Queer. Dieser Ausdruck war ursprünglich abwertend gemeint. Aber er hat sich zu einem Titel entwickelt, den die Gemeinten stolz für sich in Anspruch nehmen (können).

[6] (Der von Lembke als Beleg zitierte) Heinz-Jürgen Voß nimmt für sich in Anspruch, in seiner bei Rüdiger Lautmann entstandenen Dissertation den soziologischen Nachweis geführt zu haben, dass die Geschlechterdifferenz kulturell produziert und daher auch änderbar ist, weil die Geschlechterbiologie insofern immer von Vorannahmen ausgegangen sei, dass Geschlecht tatsächlich aber immer erst im Laufe der Zellentwicklung festgelegt werde (Heinz-Jürgen Voß, Making Sex Revisited. Dekonstruktion des Geschlechts aus biologisch-medizinischer Perspektive, 2010). Das letztere ist vermutlich richtig, ändert aber nichts daran, dass am Ende der Zellentwicklung im Normalfall eine Differenzierung in zwei Geschlechter steht; vgl. die prägnante Darstellung des Humangenetikers Eberhard Passarge, Wie viele Geschlechter gibt es?, FAZ vom 17. 4. 2019. Der verkappte Biologismus von Voß (und Lembke) wird deutlich, wenn man das Argument vergröbert: Die Geschlechterdifferenz ist irrelevant bzw. sozial konstruiert, denn es gibt Lebewesen, die sich ungeschlechtlich vermehren.


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Nun hat auch die Ruhr-Universität ihr Zentrum für Gender Studies

Nach einer Pressemitteilung vom Monatsanfang gründet die Ruhr-Universität das Marie-Jahoda-Center for International Gender Studies. Es soll von der Professorin Katja Sabisch aus der Fakultät für Sozialwissenschaft geleitet werden.

In der Pressemitteilung heißt es, die Geschlechterforschung an der RUB blicke auf eine mehr als drei Jahrzehnte währende Geschichte. Da darf ich wohl an den Anfang erinnern. Immerhin nehme ich für mich in Anspruch, der erste Frauenforscher an der Ruhr-Universität gewesen zu sein, indem ich 1985/86 den »Frauenbericht für die Stadt Bochum« organisiert habe. Das war in einer Zeit, als Gleichberechtigung durch Gesetz auf dem Programm stand und Bund, Länder und Kommunen Frauenberichte anfertigen ließen und Frauenbeauftragte einsetzten. Unser Bericht sollte die Entscheidung über die Einrichtung einer Frauengleichstellungsstelle nach § 68 Abs. 4 der Gemeindeordnung NW vorbereiten.

Ich selbst habe damals nur Einleitung und Zusammenfassung geschrieben. Den Rest haben 24 Mitarbeiter geleistet, darunter 21 Frauen. Ich will hier jedenfalls den ersten Absatz der Einleitung zitieren, denn er ist heute ein Zeitdokument:

»Kennzeichnend für die Situation der Frauen in Bochum ist der Umstand, daß mit der Anfertigung dieses Berichts ein Mann beauftragt wurde. Das liegt nicht daran, daß es in Bochum keine Frau gab, die diese Aufgabe hatte übernehmen können. Tatsachlich ist die Mehrzahl der Beiträge zu diesem Bericht von Frauen geleistet worden. Es fehlte aber anscheinend eine Frau in einer hinreichend hervorgehobenen Position, die zugleich mit den notwendig technischen und organisatorischen Mitteln ausgerüstet war. Sicher kamen dafür nicht nur Universitätsprofessoren in Betracht. Die Zahlen sprechen jedoch hier eine besonders klare Sprache. Unter 2S0 ordentlichen Professoren der Ruhr – Universität waren nur drei Frauen, darunter eine einzige außerhalb der medizinischen Fakultät.«

Der vorgenannte Bericht war keine Eintagsfliege der Frauen­forschung. 1994/95 folgte unser so genanntes Coplacement-Projekt. Es sollte die rechtlichen und sozialen Barrieren erkunden, die der gemeinsame Beschäftigung von Paaren bei einem Arbeitgeber im Wege standen und Strategien entwickeln, um Karrierepaare mit ihren Arbeitsplätzen räumlich zusammenzuführen. Darüber habe ich bereits auf Rsozblog kurz berichtet.

Warum heute diese Erinnerung an objektiv gesehen eher kümmer­lichen Ausflüge in die Frauen­forschung? Der emanzipatorische Feminismus, den auch die meisten Juristen unterstützten, ist durch einen kulturalistisch konstruktivistischen Feminismus abgelöst worden, der zunehmend auf Unverständnis stößt, auch bei mir. Ich habe damit gekämpft, indem ich mich an einer ausführlichen Kritik an Bourdieus »Männlicher Herrschaft« versucht habe. Dabei habe ich zwar dessen theoretische Erfindungen wie den Habitus und das symbolische Kapital schätzen gelernt. Seine Analyse der männlichen Herrschaft baut jedoch, wie mir scheint, auf einen normativen Rückschaufehler.[1]

Inzwischen habe ich auf Rechtssoziologie-online den § 59 »Recht und Geschlecht« eingestellt. Die Annahmen, die diesem Abschnitt zugrunde liegen, werden nicht überall auf Zustimmung stoßen. Ich will sie hier in zehn Thesen kurz zusammenfassen, wiewohl nackte Thesen härter klingen, als sie gemeint sind.

  1. Feminismus ist nicht nur und nicht einmal in erster Linie eine um Objektivität bemühte wissenschaftliche Disziplin, sondern eine soziale Bewegung.
  2. Feminismus als soziale Bewegung leidet unter der Allianz mit der Antirassismusbewegung in den USA und der LGBT-Bewegung.
  3. Es gibt Grenzen der Interpretierbarkeit. Auch wenn biologische und psychische Qualitäten und Gesetzmäßigkeiten nicht so eindeutig festgelegt sind wie chemische und physikalische, sind sie doch nicht schlechthin sozial und kulturell verfügbar.
  4. Kontingent und damit interpretierbar ist aber die gesell­schaftliche Relevanz der biologischen Unterschiede zwischen Mann und Frau. Insoweit hat sich die Interpretation im Laufe der Geschichte verändert.
  5. Die »Nullhypothese« und Butlers noch radikalere Dekon­struktion des biologischen Geschlechts sind anerken­nens­werte, aber letztlich zum Scheitern verurteilte Versuche, qua Wissenschaft den LGBTs ihren Minderheitsstatus und die damit vielfach verbundenen Diskriminierungen zu nehmen.
  6. Frauen sind keine Minderheit, und deshalb gerät der Feminismus in eine Schieflage, wenn er sich nicht vom Diversitätsdiskurs separiert.
  7. Das Geschlechterarrangement war über die Jahrtausende durch die Gebärfähigkeit der Frau und die größere Körperkraft des Mannes bestimmt. In der Moderne und vollends im 20. Jahrhundert haben die biologischen Unterschiede für die Anforderungen, die im gesellschaftlichen Leben zu erfüllen sind, ihre Bedeutung verloren. Heute ist allein maßgeblich, dass Männer und Frauen über die gleichen intellektuellen und praktischen Fähigkeiten verfügen und dass Frauen die gleichen innovativen oder künstlerischen Leistungen erbringen wie Männer.
  8. De jure ist die Gleichstellung der Geschlechter erreicht. De facto wirken noch immer Reste des historischen Geschlechter­arrangements. Einem modernen Geschlechter­arrangement fehlt es aber an Konturen. Das Dilemma des Differenzfeminismus besteht fort. Er zeichnet sich kein positives Leitbild, an dem Frauen ihre Wahlen orientieren könnten. Die Wunschidentität der Frauen scheint männlich zu sein.
  9. Das Gendermainstreaming, insbesondere das sprachliche Gendering wirkt inzwischen kontraproduktiv.[2]
  10. Der feministische Diskurs ist auf nicht-männliche Identitäten zentriert und hat keine positiven Vorstellungen über Hetero­sexualität und über weibliche und männliche Identitäten entwickelt.

Voraussichtlich werde ich einige dieser Thesen noch ausführlicher darstellen.

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[1] Rsozblog vom 21. 2. 2018: Bourdieus Diagnose männlicher Herrschaft bei den Kabylen als normativer Rückschaufehler.

[2] Rsozblog vom 3. März 2019: Drei Mal generisches Femininum.

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Hat die Rechtssoziologie die »Rechtslücke« aus dem Blick verloren?

Den Startschuss gab 1969 ein Aufsatz im Law and Society Review: Legal Needs of the Poor in the City of Denver[1]. Danach waren in den 1970er Jahren die Rechtsbedürfnisse der Bevölkerung und der Zugang zum Recht das große Thema der Rechtssoziologie. Seit Jahren oder gar Jahrzehnten ist es darum still geworden. Ist hierzulande alles in Ordnung? Ist der Verbraucherschutz so gut institutionalisiert, funktioniert die Sozialbürokratie so gut, dass sie keine Rechtsbedürfnisse mehr offen lassen? Hat die Justiz ihre Engangsschwellen gesenkt? Erfüllen Prozesskostenhilfe und Rechtsschutzversicherung ihren Zweck? Fangen Legal Techs und Alternativen zum Recht die letzten Rechtsbedürfnisse auf? Man mag es kaum glauben.

In den USA ist man nach wie vor um den Zugang zum Recht besorgt. Das zeigt das aktuelle Heft der Zeitschrift Daedalus (die bisher nicht mit rechtssoziologischen Themen hervorgetreten ist) mit dem Generaltitel »Access to Justice«. 24 kurze Artikel beleuchten das Thema von vielen Seiten und lasssen keinen Zweifel daran, dass es hier nach wie vor ein Problem gibt.

Unter dem Link https://www.amacad.org/daedalus/access-to-justice findet man eine Übersicht mit allen Zusammenfassungen. Das ganze Heft ist im Inernet frei zugänglich.

Bleibt noch anzumerken, dass in den Texten zwei Begriffe auftauchen, die bisher, jedenfalls in diesem Zusammenhang, nicht vertraut waren: justice gap und legal capability. Wie übersetzt man justice gap? Rechtslücke ist zweideutig. Zuerst denkt man an fehlendes Recht, nicht aber an die Versorgung mit Rechtsdienstleistungen. Legal capability wird von den Autoren als capacity to understand and act on justice problems definiert. An anderer Stelle[2] erinnern sie an klassische Texte von Galanter und Felstiner und verweisen auch auf die Ähnlichkeit zu Amartya Sens capability approach. Wikipedia übersetzt Sens Begriff mit »Befähigungsansatz oder Verwirklichungschancenansatz (auch Fähigkeitenansatz)«. Passt für legal capability Rechtskompetenz oder rechtliche Handlungsompetenz?

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[1] Gresham M. Sykes, Legal Needs of the Poor in the City of Denver, Law and Society Review 4, 1969, 255-277.

[2] Pascoe Pleasence/Nigel J. Balmer, Development of a General Legal Confidence Scale: A First Implementation of the Rasch Measurement Model in Empirical Legal Studies, Journal of Empirical Legal Studies 16, 2019, 143-174.

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Noch einmal: Eine Konvergenztheorie des Wissens, zugespitzt auf die Rechts- und Nachbarwissen­schaften

2014 habe ich an dieser Stelle in sechs Einträgen drei Thesen über die Konvergenz des Wissens zu begründen versucht. 2015 habe ich auf der Berliner Rechtssoziologie-Tagung eine überarbeitete Version vorgetragen. Dazu hatte ich den Titel etwas zugespitzt: »Konvergenz in Rechts- und Nachbarwissenschaften und das Internet als Konvergenzmaschine«. Das Echo war minimal. Dabei will ich es nicht beruhen lassen. Daher stelle ich heute das Manuskript nach dem Stand von September 2015 ins Netz. An dieser Stelle rücke ich noch einmal die einleitenden Thesen ein:

Thesen zur Konvergenz des Wissens, insbesondere in den Rechts- und Nachbarwissenschaften

1. In vielen Büchern und Beiträgen zur Rechtsphilosophie, Rechtstheorie, Methodenlehre und Rechtssoziologie ist mehr oder weniger dasselbe zu lesen. Aber auch in Texten aus den so genannten Nachbarwissenschaften, zeigen sich bei näherer Hinsicht erstaunliche Parallelen. Das ist mir zuletzt bei ethnologischen Texten aufgefallen, die der Sache nach der Diffusion von bestimmten gesellschaftlichen Organisationsformen nach­gehen, die sich aber weigern, sich als Diffusionsforschung einzuordnen, und ihre Beobachtung statt dessen in Konzepte von travelling models oder kultureller Übersetzung verpacken.[1]So haben mich nicht zuletzt Parallelitäten zwischen Rechts­vergleichung, Rechtssoziologie und Ethnologie[2] zu den folgenden Notizen motiviert.

2. Parallelen und Übereinstimungen innerhalb der Nachbarwissenschaften oder allgemeiner noch, innerhalb der so genannten Humanities sind an sich nicht weiter aufregend, denn es gibt erhebliche Schnittmengen in der Ausbildung der Wissen­schaftler, im Theoriebestand und bei den Forschungsobjekten. Wenn sich Soziologen, Ethnologen, Historiker u. a. mehr dem Recht als Forschungsgegenstand zuwenden, so ist von vornherein auch viel Konvergenz zu erwarten. Redundanzen und Wiederholungen sind unvermeidlich. Bemerkenswert ist aber, dass gar kein Interesse an der Ermittlung von Konvergenz zu bestehen scheint, sondern alle Anstrengungen auf die Suche nach Diversität gerichtet sind.

3. Konvergenz entsteht teils durch Wiederholung und Affirmation von Propositionen, teils dadurch, dass unabhängig voneinander an verschiedenen Orten Propositionen gleichen Inhalts erdacht und formuliert werden. Die immer neue Überprüfung wissenschaftlicher Aussagen, oft mit der Konsequenz der Bestätigung, gehört zum Normalgeschäft der Wissenschaft. Problematisch ist nur, dass viele konsonante Aussagen nicht als solche gekennzeichnet werden. Konvergenz der zweiten Art findet sich besonders dort, wo Propositionen aus anderen Sprachkreisen nicht sogleich zur Kenntnis genommen werden. Ein Beispiel bilden die Abstimmungsprobleme in einem Kollegium, insbesondere bei Gericht. Amerikanische Autoren haben diese Konstellation erstmals 1989 beschrieben und sie 1993 als doctrinal paradox benannt.[3] Da wussten Sie noch nicht, dass Binding das Problem schon 1876 entdeckt, dass Beling Bindings Lösung 1916 kontrovers diskutiert und dass Breetzke es 1962 in der Deutschen Richterzeitung noch einmal dargestellt hatte.[4] Manchmal liegen die Theman aber auch sozusagen in der Luft. So war es, als wir in Bochum 1999 mit dem Projekt »Visuelle Rechtskommunikation« begannen.[5]

4. Wenn ich ein Beispiel für Theorie-Konvergenz in den Geistes- und Sozialwissenschaften ausarbeiten sollte, so würde ich wohl Rezeptionstheorien wählen. Beginnen würde ich mit den literatur­wissenschaftlichen Rezeptionstheorien, die seit Ende er 1960er Jahre etwa gleichzeitig in Deutschland, Frankreich und in den USA entwickelt wurden und die ihrerseits erstaunlich konvergieren.[6] Fortfahren würde ich mit den Theorien zunächst der sprachlichen und dann der kulturellen und/oder sozialen Übersetzung. Von da ist es nicht weit zu den Transfertheorien der Rechtsvergleichung und schließlich zur soziologischen Diffusions­theorie.[7]

5. Die Konvergenz verbirgt sich in der inzwischen wirklich unübersehbaren Menge wissenschaftlicher Veröffentlichungen. Ein praktisches Hindernis sind Sprachgrenzen. Eine praktische Methode zum Umgang mit der Veröffentlichungsflut bildet ein Klassensystem, das es gestattet, Publikationen minderen Rangs zu vernach­lässigen.[8] Aber in der Wissenschaft ist auch strategische Ignoranz verbreitet. Oft wird Konvergenz nicht wahrgenommen, weil die Autoren unterschiedlichen wissenschaftlichen Schulen, Zitierkartellen usw. angehören, so dass sie gar nicht merken oder merken wollen, wieweit sie in der Sache übereinstimmen. Noch häufiger wird die Konvergenz hinter immer neuen Formulierungen versteckt, sei es, um das Selbstbild des originalen Wissenschaftlers zu wahren, sei es um den Eindruck eines Plagiats zu vermeiden. Das neue Ideal der Geistes- und Sozialwissenschaften scheint in der Suche nach Vielfalt zu bestehen, während die Suche nach Konsonanzen oder Übereinstimmungen als langweilig oder gar als diskriminierend gilt.

Diese Grundhaltung kann man mit einem Begriff, der gelegentlich in der Biologie verwendet wird, als Poikilophilie[9] kennzeichnen. Aber dieser Benennung fehlt der Biss. Warum nicht auf den Gegenbegriff zugreifen und den Humanities Homophobie vorhalten? Natürlich, der Begriff ist belegt. Aber gerade daraus gewinnt er seinen Reiz. Homophobie, also die Furcht vor – oder auch nur die unein­gestandene Abneigung gegenüber – Gleichem oder Gleichartigem, ist, was ich den Geistes- und Sozialwissenschaften unterstelle, nämlich eine ausgeprägte irrationale Scheu, sowohl auf der Objektebene als auch auf der Metaebene der Wissenschaft nach Übereinstimmungen, Konsonanzen oder Konvergenzen zu suchen. Stattdessen huldigen sie der Poikilophilie. Vielfalt wird nicht bloß konstatiert, sondern konstruiert. Wer Freude an Wortspielen hat: Aus der Universität ist eine Diversität geworden.

Der »Willkommensgruß des postmodernen Philosophen in Richtung der Vielfalt, des Fragmentierten, Polymorphen und Instabilen«[10] war höchst erfolgreich. Die Produktion von Vielfalt ist durch den kulturwissenschaftlichen Blick zum perpetuum mobile geworden.[11] Mit Hilfe Foucaults negativ formuliert: Die offiziellen Wissens­systeme haben Konvergenz als legitimen Gegenstand ausge­schlossen. Die »Disziplinen« bilden in ihrer ganzen Struktur und Funktion gewissermaßen ein ähnliches System wie das Gefängnis oder die Psychiatrie. Was sie ausschließen ist allerdings nicht »wildes Denken«, sondern den »Willen zur Wahrheit« verstanden als Willen zu aperspektivischer Objektivität.

Diese Beobachtungen sind Anlass, drei zunächst grobe Thesen zu formulieren:

Das Wissen der Welt konvergiert. Das zeigt sich auch im Bereich des Rechts und seiner Nachbarwissenschaften.

Es lohnt sich, der einst von Peirce formulierten Konvergenztheorie der Wahrheit nachzugehen.

Das Internet erweist sich als Konvergenzmaschine für das Wissen der Welt.

Es ist sicher kein Zufall, dass gerade ein Jurist das Konvergenzthema aufgreift. In der dogmatischen Jurisprudenz gibt es seit den Institutionen des Gaius[12] eine Lehrbuchkultur, die darauf ausgerichtet ist, die übereinstimmende Basis festzuhalten und auszubauen. Auch von juristischen Aufsätzen wird nicht grundsätzlich verlangt, dass sie einen innovativen Gedanken oder eine neue Einsicht bieten. Viele Publikationen konzentrieren sich darauf, Konvergenzen und Divergenzen zu resümieren, ist es doch gerade die Funktion der Dogmatik, aus der Menge der Meinungen verlässliche Grundsätze zu destillieren.

Die Thematisierung von Konvergenz hat natürlich – ebenso wie die Poikilophilie – einen normativen Überschuss. Er folgt aus der Vermutung, dass die einseitige Thematisierung von Vielfalt diese in einer Weise aufwertet, dass sie positiver Pluralität im Wege steht. Die Vielfalt, wie sie als Melange aus der Globalisierung und ihren Rückkopplungsprozessen entsteht, ist für moderne Gesellschaften zwar eine laufende Quelle von Querelen, etwa um die Grenzen der Zuwanderung oder den Raum, den man einer importierten Religionspraxis geben soll. Aber davon wird eine moderne Gesellschaft nicht zerrissen, sondern eher bereichert. Das gilt auch für die durch das Abstreifen von Traditionen möglich gewordene Vielfalt der Familienformen einschließlich solcher, in denen traditionell unterdrückte sexuelle Orientierungen zu ihrem Recht kommen. Moderne Gesellschaften sind in der Lage, einen positiven Pluralismus zu leben. Besonders in den Entwicklungs- und Transformationsländern zeigt sich der faktische aber als negativer Pluralismus. Im Schatten der unvollständigen Modernisierung gibt es viele destruktive Konflikte.

Von negativem Pluralismus ist die Rede, wo die Sicherung der Vielfalt gegen Selbstzerstörung nicht gewährleistet ist. Unter den Bedingungen der Globalisierung ist dieser Zustand vor allem bei den Modernisierungsverlierern anzutreffen. Sie machen über die Hälfte der Weltbevölkerung aus. Modernisierungsverlierer gibt es auch in modernisierten Gesellschaften. Die große Masse Modernisierungsverlierer konzentriert sich jedoch in den Entwicklungs- und Transformationsländern, wo sie auf sich selbst angewiesen sind.

Modernisierungs­verlierer sind nicht einfach nur arm, sondern sie sind in gewisser Weise funktionslos geworden, weil sie im Zuge der Modernisierung ihre überkommene Existenzgrundlage verloren, im modernen Wirtschaftsprozess aber keinen neuen Platz gefunden haben. Sie zahlen als Preis der Modernisierung mit einer Relativierung ihrer Kultur und dem Verlust gewachsener Identitäten. An vielen Plätzen hat die Veränderung der natürlichen Umwelt durch die Ausbreitung von Infrastruktur und Technik und oft auch durch Umweltzerstörung ihnen ihre natürlichen Lebensgrund­lagen genommen. Unter den so Marginalisierten provoziert die Globalisierung lokale und partikulare Gegenbewegungen, die gerade in ihrer Gegnerschaft zu den globalisierenden Tendenzen neue soziale Identitäten hervorbringen. Sie suchen ihr Heil in religiösen oder ethnischen, rassischen oder ideologischen Zugehörigkeiten. Konsequenz sind gesellschaftliche Spaltungen und Konfrontationen, die den negativen Pluralismus ausmachen.

»Negative pluralism refers to any totalizing affiliation which results in the transformation of interests into principle and results in cleavage politics and increasingly differentiated societies. An example of such totalizing affiliations is race. Another is religion.« (David E. Apter, The Political Kingdom in Uganda, A Study of Bureaucratic Nationalism, 3. Aufl., London [u.a.] 1997, Fn. 85 auf S. LXXV)

Diese Definition lässt sich leicht in die bekannte Unterscheidung zwischen Wertkonflikt und Interessenkonflikt[13] übersetzen. In einer modernen Gesellschaft ist die gesellschaftlich organisierte Interessenwahrnehmung selbstverständlich. Die Modernisierungs­verlierer suchen ihre Zuflucht aber nicht in Interessenverbänden, sondern in traditionellen oder neotraditionellen Formationen, die Werte über Interessen stellen, indem sie deren religiöse, ethnische oder rassische Basis zu einem kompromissfeindlichen Prinzip steigern. Dieser Entwicklung – so behaupte ich – wird durch die Poikilophilie der Wissenschaft und den mit ihr häufig verbundenen Kulturrelativismus gefördert.[14]

Es folgen 100 Absätze zur Begründung. Die Begründung ist ebenso grob wie die Thesen. Jeder Absatz könnte und müsste breit ausgearbeitet werden, und sicher gibt es zu den darin angesprochenen Fragen schon viele Überlegungen, die – unter anderem mit der Konvergenzmaschine Internet – zu einer Antwort zusammengefügt werden können. Ebenso sicher gibt es viele Gegengründe, die ich aber ausblende, um mich zunächst meiner Thesen zu versichern. Das gilt auch für den Einwand, ich verwechselte Konvergenz mit Redundanz. Redundanz an sich ist nicht das Problem. Problematisch ist es aber, wenn zur Beschreibung und Erklärung derselben sozialen Phänomene neue Begrifflichkeiten entwickelt werden, die Theoriestatus und Novität für sich in Anspruch nehmen, ohne sich des Bestandes zu vergewissern und sorgfältig von diesem abzusetzen. Redundanz ist unvermeidbar, nicht zuletzt weil die Redundanz wissenschaftlicher Texte starke latente Funktionen erfüllt. Die wichtigste ist wohl eine Diskursfunktion, nämlich die Etablierung von Wissensordnungen und eines normativen Überschusses als »Wahrheit«. Diesen Funktionen wird der folgende Text nicht nachgehen.

Ein Indiz für die Konvergenz des Wissens wäre die zunehmende Verwendung von Zitaten. Für eine solche Tendenz habe ich aber keine empirischen Anhaltspunkte. In die gleiche Richtung deutet die wohl tatsächlich zunehmende Verwendung von Sekundärliteratur. Wäre ich nicht zu spät auf die Idee gekommen, hätte ich vielleicht versucht, den nachfolgenden Gedankengang weitgehend mit Hilfe zusammenkopierter Zitate wiederzugeben und als Belege nur Sekundärliteratur anzuführen. Immerhin verwende ich mehr Sekundärliteratur und Zitate als »normal«, arbeite also gezielt »fremdreferenziell« (vgl. dazu unten V. Nr. 66).

Soweit die Einleitung zum Manuskript von 2015. Ich hoffe, dass ich es noch einmal überarbeiten kann. Jedes Echo wäre hilfreich.

_________________________________________________

[1] Gemeint ist der Band von Andrea Behrends/Sung-Joon Park/Richard Rottenburg (Hg.), Travelling Models in African Conflict Management, Translating Technologies of Social Ordering, Leiden 2014.

[2] Das Einführungskapitel zu dem Band »Law against the State« von Julia Eckert u. a. könnte nach kleinen technischen Anpassungen auch in einem Lehrbuch der Rechtssoziologie stehen. (Julia Eckert/Zerrin Özlem Biner/Brian Donahoe/Christian Strümpell, Introduction: Law’s Travels and Transformations, in: Julia M. Eckert u. a. (Hg.), Law Against the State, Ethnographic Forays into Law’s Transformations, 1-22.)

[3] Lewis A. Kornhauser/Lawrence G. Sager, Unpacking the Court, Yale Law Journal 96, 1986, 82-117; dies.; The One and the Many: Adjudication in Collegial Courts, California Law Review 81, 1993, 1-59.

[4] Ernst Beling, Bindings Lehre von der Abstimmung im Strafgericht, ZStW 37, 1916, 365-385; Karl Binding, Die drei Grundfragen der Organisation des Strafgerichts, 2008 [1876]; Ernst Breetzke, Abstimmung, Spruch, Gründe, DRiZ 1962, 5-8. Zum Sachproblem Klaus F. Röhl/Hans Christian Röhl, Allgemeine Rechtslehre, 3. Aufl. 2008, 278f.

[5] Vgl. dazu die Materialien und Veröffentlichungen auf http://www.ruhr-uni-bochum.de/rsozlog/04a-recht_medienwandel.html. Als Beispiele für unabhängig davon entstandene Veröffentlichungen seien hier genannt: Colette R. Brunschwig, Visualisierung von Rechtsnormen, Legal Design, Zürich 2001; Andreas Bauer, Libri Pandectarum, Das römische Recht im Bild des 17. Jahrhunderts, 2005.

[6] Robert C. Holub, Zur amerikanischen Rezeption der Rezeptionsästhetik, in: Frank Trommler (Hg.), Germanistik in den USA, Neue Entwicklungen und Methoden, Opladen 1989, S. 196-220.

[7] Ein Aufsatz von Eoin Carolan, der analysiert, wie sich die Montesquieusche Idee der Gewaltenteilung um die Welt verbreitet hat und doch überall anders verstanden wird, ließe sich 1:1 in die Sprache der ethnologischen Übersetzungstheorie übersetzen (Diffusing Bad Ideas: What the Migration of the Separation of Powers Means for Comparative Law, in: Susan Farran u. a. (Hg.), The Diffusion of Law, The Movement of Laws and Norms Around the World, Farnham 2015, S. 213-233).

[8] Dazu gehören vor allem Internetpublikationen, aber auch die unzähligen Dissertationen. Was z. B. Ralf Poscher in seinem Beitrag zur Schlink-Festgabe 2014 (Rechtsdogmatik als hermeneutische Disziplin, S. 203-219) unter Berufung insbesondere auf die Konversationstheorie von H. Paul Grice als kommunikative Interpretation darstellt, findet sich in der Sache recht vollständig schon in der Dissertation von Rainer Hegenbarth (Juristische Hermeneutik und linguistische Pragmatik, 1982), der seinerseits Grice noch nicht rezipiert hatte.

[9] Von griechisch ποικίλος = bunt und φιλíα = freundschaftliche Liebe.

[10] Umberto Eco, Gesten der Zurückweisung, in: Markus Gabriel (Hg.), Der neue Realismus, 2014, 33-51, S. 36.

[11] So lese ich Armin Nassehi, Kultur im System, in: Monika Wohlrab-Sahr (Hg.), Kultursoziologie, 2010, 373-395.

[12] Vgl. die Würdigung, auch unter dem Gesichtspunkt der Stofffülle, Jens Peter Meincke, Die Institutionen Iustinians aus heutiger Sicht, JuristenZeitung 52, 1997, 689-693.

[13] Vilhelm Aubert, Competition and Dissensus: Two Types of Conflict and of Conflict Resolution, Journal of Conflict Resolution 7, 1963, 26-42.

[14] Es wäre ja noch erträglich, wenn »extremer Pluralismus und Partikularismus« bloß in »Indifferenz umschlagen könn[t]en« (Peter V. Zima, Moderne, Postmoderne, 2. Aufl. 2001, 83f.)

 

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Interdisziplinarität. Vor einem neuen Buch

Bevor ich mich von dem neuen Buch von Christian Boulanger, Julika Rosenstock und Tobias Singelnstein über »Interdisziplinäre Rechtsforschung«[1] einnehmen lasse, will ich meine eigene Position festhalten.

»Alle reden von Interdisziplinarität aber keiner tut es« (Veronika Fuest). Aber jedenfalls passen sich alle an, denn sie stehen unter dem Diktat der für die Wissenschaftsorganisation und Finanzierung zuständigen Instanzen, die bei praktisch allen Mittelanträgen, Akkreditierungen oder Evaluationen im Wissenschaftssystem Interdisziplinarität als Kriterium verwenden, vermutlich auch, weil dieses Kriterium einfacher zu handhaben ist als Qualität in der Sache.

Natürlich gibt es gute Gründe für die Forderung nach Interdisziplinarität. Wissenschaft hat sich in einer langen Geschichte in Disziplinen organisiert. Den Anfang machte die mittelalterliche Universität mit ihren vier Fakultäten, den Artes Liberales, Recht, Theologie und Medizin. Seit dem 18. Jahrhundert ist die Zahl der Disziplinen gewachsen. Im 20. Jahrhundert häuften sich die Spezialisierungen. Einen Eindruck von der Fülle der Fächer vermittelt die »Fachsystematik der Deutschen Forschungs-gemeinschaft«. Die historisch verfestigten Disziplingrenzen, so die Befürchtung, hindern die Wissenschaft daran, die Probleme der modernen Welt zu verstehen, denn die Probleme halten sich nicht an Fächergrenzen. Vielmehr hängt in der Welt (fast) alles mit allem zusammen.

In Deutschland startete die Diskussion um Interdisziplinarität in den Dekaden der Universitätsneugründungen nach 1960. In Bochum wurden alle 17 Fakultäten auf einem Campus angesiedelt in der Hoffnung, die räumliche Nähe werde zu sachlicher Kooperation führen. Ähnlich wurden die Universitäten in Bielefeld – hier unter der Ägide von Helmut Schelsky – und in Konstanz – dort mit Ralf Dahrendorf als Vordenker – daraufhin geplant, die Disziplinen zur Zusammenarbeit anzuhalten. Ein Erbe aus dieser Zeit ist das Zentrum für Interdisziplinäre Forschung in Bielefeld.

Von Anfang an war und ist Interdisziplinarität in erster Linie ein Problem der Geistes- und Gesellschaftswissenschaften. Die MINT-Fächer haben damit weniger Schwierigkeiten, weil sie mit einem relativ einheitlichen Wissenschaftsverständnis zur Sache gehen. Die inzwischen auch bei uns so genannten Humanities dagegen kämpfen und konkurrieren vorab um ihr Wissenschaftsverständnis. Die außerhalb der Rechtswissenschaft gewachsene postmoderne Epistemologie hat disziplinübergeordnete Vorstellungen von Rationalität oder gar Objektivität und Wahrheit durch Perspektivismus ersetzt. Die Konsequenz ist weniger ein toleranter und kooperativer Multiperspektivismus, sondern eher ein Konkurrenzkampf um die Durchsetzung der eigenen, für überlegen angesehenen Perspektive. So wurde die Rechtswissenschaft einst aufgefordert, sich zur Sozialwissenschaft zu transformieren. Jetzt reklamiert die Kulturwissenschaft alle Themen und Bereiche für sich. Künftig wird vielleicht eine auf der Basis künstlicher Intelligenz erneuerte Kybernetik übernehmen wollen.

Wie keine andere Disziplin sieht sich die Rechtswissenschaft der Forderung nach Interdisziplinarität ausgesetzt. Die Empfehlungen des Wissenschaftsrats zu den Herausforderungen der rechtswissenschaftlichen Forschung von 2012 gehen von der Vorstellung einer abgekapselten Jurisprudenz aus, wenn sie »die Öffnung der Rechtswissenschaft in das Wissenschaftssystem« für notwendig halten. Andere Disziplinen bleiben von einem so massiven Öffnungsimperativ verschont. Das hat viel damit zu tun, dass die Rechtswissenschaft in der Außenansicht weitgehend auf Rechtsdogmatik reduziert wird. Der Angriffspunkt für die Interdisziplinaritätsforderung ist damit letztlich das Werturteilsproblem, dass sich für die Rechtsdogmatik nicht ausräumen, sondern nur einhegen lässt. Deshalb erstreckt sich diese Forderung an die Jurisprudenz praktisch nur auf die so genannten Nachbarwissenschaften, die alle gemeinsam haben, dass sie sich in irgendeiner Weise mit Werten oder Wertungen befassen. Nachbarwissenschaften in diesem Sinne sind mehr oder weniger alle Geistes- und Gesellschaftswissenschaften. Sie alle könnten für die Einhegung des Werturteilsproblems hilfreich sein, solange sie das Problem als solches akzeptieren und nicht das Recht abschaffen wollen.

»Abschaffung des Rechts?« war das Thema des vierten Kongressses der deutschsprachigen Rechtssoziologie-Vereinigungen vom 13-18. September 2018 in Basel. Karl Marx sah am Ende aller Klassenkämpfe den Staat und mit ihm das Recht überflüssig werden. In Basel überlegte man, ob das Recht soziologisch aufzuheben oder in funktionale Kybernetik zu überführen sei. Nichts wird so heiß gegessen, wie es auf der Speisekarte steht. Die Rechtswissenschaft ist für die Nachbarwissenschaften schwer genießbar, denn sie hat sich eine dicke Schale von Grundlagen- und Bindestrichfächern zugelegt. Sie reichen von der Rechts-Philosophie über die Rechts-Geschichte, die Rechts-Soziologie und die Rechts-Anthropologie bis hin zu Rechts-Ökonomik und zur Gerichts-Medizin. So scheint die Jurisprudenz vor Fressfeinden geschützt zu sein, weil sie sich die Nachbarwissenschaften ins Haus geholt hat. Die Kooperation ist allerdings immer (nur) bilateral, und die Fremddisziplin kommt stets erst nach dem Bindestrich. So bewahrt die Jurisprudenz ihre Identität. Man muss deshalb darüber streiten, ob die Institutionalisierung der Bindestrichfächer den Anspruch von Interdisziplinarität erfüllt.

Als Streithelfer drängt sich Luhmann mit der Unterscheidung von Reflexionstheorien und Beobachtertheorien auf. Reflexionstheorien bieten eine Selbstbeschreibung des Systems, Beobachtertheorien eine Fremdbeschreibung. Von Reflexionstheorien heißt es, sie seien unvermeidlich affirmativ, sie wiederholten auf einem elaborierten Niveau, was sie beschrieben, und machten sich damit die positive Selbsteinschätzung des Systems zu eigen.[2] Rechtsinterne (Selbst-)Beobachtung kann sich danach eine Welt ohne Recht nicht vorstellen. Als Grund wird angegeben, dass die Selbstbeschreibung der Funktionssysteme stets an deren Code ausgerichtet sei, die Selbstbeschreibung des Rechts also an dem Code von Recht und Unrecht, während die Fremdbeschreibung den Wissenschaftscode von wahr und unwahr verwende. In der Tat, Kriminologen, Rechtshistoriker und Rechtsoziologen usw. usw. wollen das Recht nicht abschaffen, sondern verbessern. Muss man ihnen deshalb das Prädikat der Interdisziplinarität verweigern? Ich schwanke hin und her, neige aber dazu, die Bindestrichfächer nicht per se für interdisziplinär zu halten. Jedenfalls die Rechtssoziologie ist für mich ein Zweig der Soziologie, die sich auf das Recht spezialisiert hat. Sie beobachtet das Recht von einem externen Standpunkt aus. Sie hat zwar den gleichen Gegenstand wie die Jurisprudenz, sie stellt andere Fragen und arbeitet mit anderen Methoden.[3] Aber ich kann dem üblichen Sprachgebrauch, der die Bindestrich-Fächer vorbehaltlos als interdisziplinär einordnet[4], nicht entgehen. Es wäre zu rigoros, ganz auf Luhmanns Unterscheidung abzustellen. Der Übergang von der Fremdbeobachtung zur Selbstbeobachtung ist wohl doch fließend. Interdisziplinarität wird auf verschiedenen Ebenen geübt, die sich nach dem Abstand zu der letztlich jedem Recht innewohnenden Wertung ordnen lassen.

Interdisziplinarität in diesem abstuften Sinne ist in weitem Umfang juristische Praxis. Am größten ist der Abstand auf der forensischen Ebene, also bei der Beweisaufnahme. Hier ist Interdisziplinarität selbstverständlich. Kriminalistik, Gerichtsmedizin und Rechtspsychologie haben sich darauf spezialisiert. Mediziner, Ingenieure, Rechnungsprüfer, Sozialarbeiter und Pädagogen sind als Sachverständige gefragt. Freilich würden die meisten Beobachter diese Ebene gar nicht als interdisziplinär akzeptieren, weil die Fremddisziplinen nur niedere Dienste leisten. Ähnliches gilt für die Inanspruchnahme der Informationstechnologie, mit der juristisches Wissen bereitgestellt wird.

Wo immer Recht anzuwenden oder neu zu entwerfen ist, ist Wissen über den Objektbereich dieses Rechts erforderlich, und zwar auf zwei Stufen. Auf der ersten Stufe verweisen schon viele Rechtsbegriffe auf ein bestimmtes Weltwissen. Ist z. B. über die Transparenz einer Vertragsklausel zu urteilen, so möchte man wohl wissen, wie denn das Publikum die Klausel versteht. Hier lässt sich eine ganze Batterie von empirischen Methoden einbringen.[5] Auf der zweiten Stufe geht es um Folgenberücksichtigung. Aus den Nachbardisziplinen stehen dafür etwa Kriminologie und Verwaltungswissenschaft, Rechtswirkungsforschung und Evaluation, also Rechtstatsachenforschung in einem sehr weiten Sinne, bereit. Hier kommen, etwa wenn es um den Klimawandel geht, auch die MINT-Fächer ins Spiel. (Nicht nur) hier beginnt die Besserwisserei der Fremddisziplinen zu stören. An vielen Stellen wäre ein ignoramus et ignorabimus ehrlicher.[6]

Technologisch wird es, wenn bei Gericht und vor allem für die Gesetzgebung Prognoseentscheidungen zu treffen sind. Die Qualität von Werturteilen hängt zu einem erheblichen Teil von der Optimierung ihrer Wissensbasis ab.

Noch relativ vordergründig und technisch sind auch die Anstrengungen der Sozialpsychologie, die der Jurisprudenz bei der Aufklärung von Rationalitätslücken zur Seite springt. Dabei steht der ganze Katalog von Heuristiken und kognitiven Täuschungen[7] und von so genannten Alltagstheorien zu Debatte. Auch das, was sich über Entscheidungstheorie sagen lässt, wird hier eingebracht, etwa die Einflüsse, die von Gruppendynamik, Organisationsformen und Organisationskultur ausgehen.

Näher am Werturteilsproblem ist die Interdisziplinarität auf der Methodenebene. Zu Kooperation bieten sich alle Disziplinen an, die sich mit der Kommunikation und Interpretation von Symbolen und Texten befassen. Linguistik, Medientheorie, Hermeneutik, Literaturwissenschaft[8] und Ästhetik[9] sind gefragt. Auch insoweit geht es zunächst nur um die Einhegung von Werturteilen. Hier wäre am ehesten eine fächerübergreifende Integration von Methoden zu erwarten.

Die Wertungen des Rechts gehen in den Zustand der Gesellschaft ein und sind ihrerseits eine Reaktion auf diese Gesellschaft. Zu dem Zustand der Gesellschaft gehören auch interne und externe Vorstellungen über eine gerechte Verteilung von Rechten und Pflichten. Solche Vorstellungen sind nie einheitlich. Sie ändern sich laufend, und sie werden geändert, primär etwa durch Innovationen aller Art, durch Krisen und Katastrophen, sekundär durch Wissenschaft, die die realen Zustände beschreibt, und durch soziale Bewegungen, die bestimmte Zustände als Ungerechtigkeit anprangern, und die darin wiederum von Wissenschaftlern bestärkt werden. Hier liegt irgendwo der schwer bestimmbare Übergang vom operativen zum Reflexionswissen.

An dieser Stelle kann Interdisziplinarität zum Problem werden, wenn und weil es an einem einheitlichen Wissenschaftsverständnis fehlt. Es treten epistemologische Dissonanzen auf ähnlich denen, die Fuest zwischen Natur- und Gesellschaftswissenschaften beobachtet hat. Zwar haben die Juristen Verständnis für den interpretativen Ansatz der Soziologie und für qualitative Methoden. Ihnen fehlt jedoch weitgehend Verständnis für den radikalen Konstruktivismus und den damit verbundenen Perspektivismus. Trifft dann der Perspektivismus der Nachbarwissenschaften auf die Perspektive des Rechts, wächst aus Interdisziplinarität die Forderung an die Rechtswissenschaft, via Reflexion ihr Selbstverständnis zu revidieren. Dann geht es um Kompetenz oder gar um Macht. In dieser Situation beruft sich die Rechtswissenschaft auf die im Recht in seiner Gesamtheit gespeicherten Werte, auf den Eigenwert des Rechts, verhält sich also grundsätzlich affirmativ, und ist nur für partielle Änderungen offen, während andere Disziplinen die Werturteile des Rechts mit dem Anspruch ihrer Wissenschaftlichkeit ersetzen wollen.

Die Sozialwissenschaften haben vor bald 100 Jahren einmal die Vorstellung eines cultural lag eingebracht, der kulturellen Verspätung des Rechts. Dass dieses Nachhinken des Rechts sozusagen zu dessen Wesen gehört, wollen sie aber nicht akzeptieren. Umgekehrt kommen aus den Nachbarwissenschaften Vorstellungen, die als normative Rückschaufehler erscheinen können, weil sie als quasi apriorische Erkenntnis anbieten, was sich erst entwickelt hat. Das gilt etwa für den Feminismus, wenn er nicht in Rechnung stellt, dass es eigentlich die Modernisierung ist, die das traditionelle Geschlechterarrangement obsolet macht (und erst sekundär Vorstellungen von Geschlechtergerechtigkeit).

Rechtstheoretisch haben van Klinck und Taekema die Möglichkeiten und Grenzen von Interdisziplinarität im Recht aufgearbeitet.[10] Praktisch funktioniert die Kooperation der Rechtswissenschaft mit ihren Nachbarwissenschaften ganz gut, auch wenn immer mehr davon gefordert wird. Der Ertrag auf der höheren ganzheitlichen Ebene bleibt allerdings in der Schwebe. Das Standardvokabular beschreibt den Gewinn als besseres Verständnis, als Stärkung des Reflexionsvermögens und der Kritikfähigkeit. Schlüsselbegriffe sollen verschiedene Disziplinen verbinden, indem sie auf gemeinsame Aufmerksamkeits- und Arbeitsfelder verweisen. Deshalb spricht man auch gleichbedeutend von »interdisziplinären Verbundbegriffen«, »Kontaktbegriffen«, »Brückenbegriffen«, »Verweisungs-« oder »Vermittlungsbegriffen«. Wer es elaborierter mag, findet dafür verheißungsvolle Formeln.

»Die Sachstrukturen in der Umwelt des Rechtssystems müssen als Fremdreferenz in das autonome System wiedereingeführt werden, ohne das Postulat der Selbstregulierung der Abhängigkeiten und Unabhängigkeiten des Systems aufzugeben: Interne und externe Informationen wären über die Verknüpfung von Selbstreferenz und Fremdreferenz im System in ein ›überlappendes Netzwerk‹ von Rechtsargumenten zu übersetzen.« (Vesting, Rechtstheorie 2007 S. 121 Rn 232.)

Das alles bietet nicht mehr als Umschreibungen der »Irritationen«, von denen wir durch Luhmann wissen, dass sie durch »strukturelle Kopplungen« ausgelöst werden. Wichtiger scheint mir eine Einsicht aus der Verwendungsforschung[11] zu sein: Was die fremddisziplinäre Beobachtung des Rechts hervorbringt, wirkt nicht direkt, sondern diffundiert in Dekaden auch in die Rechtsdogmatik.

_________________________________________________________

[1] Springer Verlag. Angekündigt für Januar 2019.

[2] Dazu André Kieserling, Selbstbeschreibung und Fremdbeschreibung, 2004, 58ff; Stefan Kühl, Das Theorie- Praxis- Problem in der Soziologie, Soziologie 32, 2003, 7-19, S. 10.

[3] Vgl. Rechtssoziologie-online, § 1 Gegenstand und Methode der Rechtssoziologie.

[4] So nutzt Susanne Baer »Rechtssoziologie« als plakativen Titel ihres Lehrbuchs (2. Aufl. 2015). Nach dem Untertitel soll es sich um eine »Einführung in die interdisziplinäre Rechtsforschung« handeln.

[5] Immer wieder aktuell wird z. B. die Frage, wie das Publikum bestimmte Symbole oder Texte versteht (Alexander Stöhr, Die Bestimmung der Transparenz im Sinne von § 307 Abs. 1 S. 2 BGB. Ein Plädoyer für eine empirische Herangehensweise, Archiv fuer die civilistische Praxis 216, 2016, 558-583; Omri Ben-Shahar/Lior Strahilevitz, Interpreting Contracts via Surveys and Experiments, SSRN 2017, 2905873; Hanjo Hamann/Leonard Hoeft, Die empirische Herangehensweise im Zivilrecht. Lebensnähe und Methodenehrlichkeit für die juristische Analytik?, Archiv fuer die civilistische Praxis 217, 2017, 311-336.)

[6] Vgl. Marco Wehr, Die Weltmeister im Wohlfühlen, FAZ vom 29. 12. S. 30.

[7] Bahnbrechend Mark Schweizer, Kognitive Täuschungen vor Gericht, 2005.

[8] Dazu auf Rsozblog Ein Carl Schmitt der Literaturwissenschaft und die Rechtstheorie: Hans Robert Jauß und die Folgeeinträge.

[9] Klaus F. Röhl/Hans Christian Röhl, Zur Ästhetik des Rechts, SSRN 2018, https://ssrn.com/abstract=3191176.

[10] Bart van Klink/Sanne Taekema, A Dynamic Model of Interdisciplinarity, Limits and Possibilities of Interdisciplinary Research into Law, SSRN 2008, Abstract 1142847.

[11] Das ist die These vom These vom Verschwinden der Soziologie in der Praxis, die ich von Ulrich Beck und Wolfgang Bonß gelernt habe (Vgl. Röhl, Zur Bedeutung der Rechtssoziologie für das Zivilrecht, in: Horst Dreier (Hg.), Rechtssoziologie am Ende des 20. Jahrhunderts, 2000, 39-85).

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Häusliche Gewalt und evidenzbasierte Jurisprudenz

Im November 2018 erschien wieder die jährliche kriminalstatische Auswertung des Bundeskriminalamts zur Partnerschaftsgewalt. Obwohl die einschlägigen Opferzahlen leicht abgenommen haben, fand der Bericht in der Presse – zu Recht – große Aufmerksamkeit. Natürlich habe ich mich gefragt, was die Rechtssoziologie zum Thema zu sagen hat. Im Hinterkopf hatte ich Recherchen, die ich 2017 aus Anlass der Berliner Tagung zur Rechtswirksamkeitsforschung angestellt hatte, sowie den Aufruf von Hanjo Hamann zu einer evidenzbasierten Jurisprudenz[1]. Das Stichwort, unter dem diese drei Fäden zusammenlaufen, ist das Minneapolis-Experiment.

Evidenzbasierte Rechtssetzung sollte eigentlich eine Selbstverständlichkeit sein. Doch es gibt hohe Hürden. Zunächst bedarf es erheblicher Anstrengung, um empirische Forschung adäquat zu rezipieren. Das hat Hamann in seinem Buch »Evidenzbasierte Jurisprudenz« 2014 mustergültig (und abschreckend) beschrieben. Die zweite Hürde ist ein Graben, weil längst nicht immer einschlägige Empirie vorhanden ist. Wird Forschung erst ad hoc veranlasst, so bleibt sie punktuell. Mit Auftragsforschung schafft man keine kumulative Evidenz.

»Putting too much emphasis on the need to underpin legislative drafts with empirical data and scientific evidence could even produce counter-productive effects and turn evidence based policy-making into policy-based evidence-making.«[2]

Die dritte und höchste Hürde stellt sich aber erst mit der Frage, was Evidenz überhaupt leisten kann.

Mit dem Amtsantritt der Labour-Regierung 1997 wurde die Forderung nach einer Modernisierung Großbritanniens mit Hilfe einer evidence-based policy laut. Darunter verstand man »that policy and practice should be informed by the best available evidence.«[3] Eine Steigerung gegenüber einer evidence-based policy fordert das evidence-based movement, wie es insbesondere in der Medizin zu beobachten ist. Der Ehrgeiz geht darin, auf der Grundlage von RCTs, randomisierten kontrollierten Studien, sozusagen einen Goldstandard für Interventionen zu entwickeln. Die Rechtswirkungsforschung verfügt in der Regel nur über Empirie minderer Qualität, mehr oder weniger systematische Einzelstudien, qualitative Untersuchungen oder Erfahrungsberichte. Gesetzesevaluationen sind in aller Regel nicht wiederholbare Primärstudien. Selten werden unabhängige Parallelstudien in Auftrag gegeben.

Ein Ausnahmefall, in dem man ein zufallsgesteuertes kontrolliertes Experiment wirklich durchgeführt und sogar mehrfach wiederholt hat, ist das Minneapolis-Experiment[4], das mit dem Schlagwort arrest works best bekannt geworden ist.[5]

Im April 1984 veröffentlichten Sherman und Berk im American Sociological Review die Ergebnisse eines Praxisexperiments über den Erfolg von unterschiedlichen Maßnahmen der Polizei gegen Männer, die gegenüber ihrer Familie gewalttätig geworden waren[6]. Die Polizei reagierte entweder durch vorläufige Festnahme, durch eine Beratung der Beteiligten, teilweise verbunden mit einem Vermittlungsversuch, oder durch ein Gebot an den Täter, sich von der Familie vorläufig fernzuhalten. Welche Maßnahme sie wählten, entschieden die Beamten nicht, wie sonst üblich, nach Ermessen, sondern nach einem Losprinzip. Sie hatten jeweils an Ort und Stelle einen Umschlag zu öffnen, der ihnen vorgab, wie zu verfahren sei. Dabei zeigte sich, dass die Festgenommenen entschieden weniger rückfällig wurden als die anderen beiden Gruppen. Die Autoren schlossen daraus auf die abschreckende oder Denkzettel-Wirkung der Festnahme.

Dieser Artikel fand in den USA eine ungewöhnlich breite Aufmerksamkeit. Tageszeitungen und Fernsehstationen berichteten darüber, und alsbald begann in vielen Städten die Zahl der Festnahmen in vergleichbaren Fällen dramatisch anzusteigen.

Das National Institute of Justice (NIJ), das das Minneapolis-Experiment gesponsert hatte, war über das ungewöhnliche Echo dieser Untersuchung besorgt und veranlasste daher fünf Replikationen in anderen Städten. Eine erste Folgestudie, brachte noch eine weitgehende Bestätigung der Ergebnisse.[7] Allerdings wiesen die Autoren schon darauf hin, dass es sehr schwierig sei, kriminalpolitische Empfehlungen zu geben; so könne der Abschreckungseffekt verloren gehen, wenn der Arrest zur Regel werde, weil er dann, insbesondere auch von der Polizei, nicht mehr ernst genommen werden, was sie auch die Verhafteten merken lasse. Bei der Replikation in Milwaukee fielen die Ergebnisse anders aus.[8] Viele Männer wurden eher noch aggressiver, wenn sie aus dem Arrest zurückkehrten. Im Nachhinein suchte man dafür nach Erklärungen. Teilweise lag das an einer anderen Zusammensetzung der Bevölkerung, teilweise an der sehr unterschiedlichen Art, wie die Polizei in den verschiedenen Städten mit den Verhafteten umging.

Im Zusammenhang mit dem Minneapolis-Experiment hat der langjährige Herausgeber des Law & Society Review, Richard Lempert, gewarnt: »Do not rest policy change or analysis on a single study, no matter how good it is.« Erst Metastudien oder Forschungssynthesen könnten eine einigermaßen brauchbare Grundlage bieten.[9] Doch selbst das stellt die englische Wissenschaftstheoretikerin Nancy Cartwright in Frage.

Cartwright hält es für schwierig oder gar ausgeschlossen, einigermaßen zuverlässige Vorhersagen über die Wirkung von Interventionen zu machen, und zwar selbst dann, wenn man ein empirisch einwandfrei bestätigtes Vorbild hat. Empirie könne nur zeigen, dass eine Intervention an einem bestimmten Ort Wirkung gehabt habe, nicht aber dass sie an einem anderen Ort wirken werde. Das beste verfügbare Wissen reiche nicht aus, um die Wirksamkeit von Interventionen vorherzusagen.[10] Es reiche insbesondere nicht aus, eine causa sine qua non zu identifizieren und dann einzelne Drittvariablen zu kontrollieren. Dazu gebe es zu viele begleitende und überlagernde Bedingungen. Man muss also davon ausgehen, dass die Reaktion auf Recht grundsätzlich bereichsspezifisch und kontextempfindlich ist.

Danach fällt es schwer, die Forderung nach evidenzbasiserter Jurisprudenz durchzuhalten, zumal wenn man die Klage über die » (Nicht-)Verwendung von Evaluationsergebnissen in Politik und Verwaltung«[11] im Ohr hat. Aber bleibt eine andere Wahl?

__________________________________________________

[1] Hanjo Hamann, Evidenzbasierte Jurisprudenz. Methoden empirischer Forschung und ihr Erkenntniswert für das Recht am Beispiel des Gesellschaftsrechts, 2014.

[2] Rob van Gestel/Jurgen de Poorter, Putting Evidence-Based Law Making to the Test, Judicial Review of Legislative Rationality, The Theory and Practice of Legislation 4, 2016, 155-185, S. 156.

[3] Sandra Nutley/Huw Davies/Isabel Walter, Evidence Based Policy and Practice: Cross Sector Lessons from the UK, ESRC UK Centre for Evidence Based Policy and Practice, Working paper 9, 2002, S. 1.

[4] Ein anderes Beispiel für eine Intervention, die anscheinend wirksam war, die sich aber nicht ohne weiteres von einem Ort zu jedem anderen übetragen lässt, war die Broken Windows-Strategie des New York Police Department. Dazu Henner Hess, Broken Windows. Zur Diskussion um die Strategie des New York Police Department, Kritische Justiz , 1999, 32-57 .

[5] Die Literatur ist umfangreich. Ein Kurzdarstellung bei Nick Tilley, Realistic Evaluation: An Overview, Paper Presented at the Founding Conference of the Danish Evaluation Society, September 2000.

[6]Lawrence W. Sherman/Richard A. Berk, The Specific Deterrent Effects of Arrest for Domestic Assault, ASR 49, 1984, 261-272. Über die Folgeuntersuchungen Richard Lempert, Empirical Research for Public Policy, With Examples from Family Law, Journal of Empirical Legal Studies 5, 2008, 907-926.

[7] Richard A. Berk/Phyllis J. Newton, Does Arrest Really Deter Wife Battery? An Effort to Replicate the Findings of the Minneapolis Spouse Abuse Experiment, ASR 50, 1985, 253-262.

[8] Lawrence W. Sherman/Janell D. Schmidt/Dennis P. Rogan/Douglas A. Smith, The Variable Effects of Arrest on Criminal Careers: The Milwaukee Domestic Violence Experiment, The Journal of Criminal Law & Criminology 83 , 1992, 137-169.

[9] Richard Lempert, Empirical Research for Public Policy, Journal of Empirical Legal Studies 5, 2008, 907-926. In diesem Sinn mit weiteren Nachweisen Hanjo Hamann, Evidenzbasierte Jurisprudenz, 2014, S. 122ff.

[10] Nancy Cartwright, Knowing What We Are Talking About, Why Evidence Doesn’t Always Travel, Evidence & Policy 9, 2013, 97-112; dies./Jeremy Hardie, Evidence-Based Policy, A Practical Guide to Doing it Better, York 2012.

[11] Hellmut Wollmann, Die Untersuchung der (Nicht-) Verwendung von Evaluationsergebnissen in Politik und Verwaltung, in: Sabine Kropp/Sabine Kuhlmann (Hg.), Wissen und Expertise in Politik und Verwaltung, Opladen 2014, S. 87-102.

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Bourdieus Sexdefizit

Sieht man einmal von der Ethnologie der Beischlafpositionen ab, so findet sich bei Bourdieu[1] keine ausgearbeitete Theorie der Sexualität und keine Stellungnahme zu der feministischen Debatte aus den 1970er und 80er Jahren, die als Sex War[2] bekannt ist. Aus MH[3] lässt sich interpolieren, dass Bourdieu eher den Standpunkt des radikalen Feminismus teilte, für den die Sphäre der Sexualität letztlich nur eine andere Erscheinungsform männlicher Herrschaft bedeutet. Sexualität als ein expressives Verhalten, das Bindungen zwischen Menschen schafft und dem Ausdruck von Emotionen dient, hat als positives Element der Sozialität bei Bourdieu keinen Platz.

Bourdieu gilt als ein Ahnherr der Körpersoziologie. Inzwischen hat sich eine Körpersoziologie soweit etabliert[4], dass man vom body turn spricht. Doch wer sich für das Verhältnis der Geschlechter interessiert, vermisst in Bourdieus Katalog der Kapitalia das Körperkapital. Sein Schüler Loïc Wacquant hat einen Stein in diese Lücke gesetzt.[5] Heute scheint das Konzept eines Körperkapitals akzeptiert zu sein.[6] Noch nicht durchgehend akzeptiert ist dagegen der Gedanke, dass das Körperkapital auch als sexuelles und/oder erotisches wirksam ist und als solches ein relativ autonomes soziales Feld besetzt, um von dort auf andere Felder auszustrahlen. Im Laufe von fünf Jahren habe ich in fünf Einträgen aus Rsozblog[7] versucht, dieses Thema in den Griff zu bekommen. Nun versuche ich es mit einem neuen Anlauf, für den ich mit Bourdieu-Lektüre trainiert habe. Die geneigten Leser bitte ich, einige Wiederholungen aus den vorgenannten Blogeinträgen in Kauf zu nehmen.

Die Verkörperung nicht angeborener Verhaltensweisen ist eines der Hauptthemen Bourdieus. Er behandelt in den »Feinen Unterschieden« ausführlich die Stilisierung des Körpers und spricht etwa vom »Marktwert« der Schönheit[8] und jedenfalls einmal auch von »körperlichem Kapital«[9]. An anderer Stelle ist auch von »physischem Kapital« als »Kapitalsorte« die Rede.[10] Den Sport behandelt Bourdieu als ein »relativ autonomes Produktionsfeld«; den Erfolg des Body-Building stellt er sogar im Bild vor.[11] Im Zusammenhang mit dem Staat spricht er vom »Kapital der physischen Gewalt«.[12] Dennoch besteht der Eindruck, dass Bourdieu im Körper letztlich nur einen Ablageort für kulturelles Kapital findet.

Diese Zurückhaltung kann schwerlich damit zu tun haben, dass er von der »Tatsache« ausgeht, »daß die meistbegehrten körperlichen Merkmale (Schlankheit, Schönheit, etc.) nicht klassenspezifisch verteilt«[13] seien, denn diese Formulierung im deutschen Text beruht auf einem Übersetzungsfehler.[14] Der Originaltext besagt fast das Gegenteil, nämlich dass es keine Zufallsverteilung dieser Merkmale zwischen den sozialen Klassen gebe. So befasst sich Bourdieu denn auch auf den folgenden Seiten ausführlich mit der klassenspezifischen Verteilung sportlicher Tätigkeiten, wie er es schon in einem etwas älteren Text über »Sport and Social Class« getan hatte. Dort hieß es:

» … the sports market is to the boys’ physical capital what the system of beauty prizes and the occupations to which they lead – hostess, etc. – is to the girls’ …«[15]

Bourdieu lässt keinen Zweifel, dass der Körper in allen Phasen des Lebens ein individuell und sozial modelliertes Phänomen bildet.

Hakim betont die enge Verflechtung mit Bourdieus kulturellem Kapital[16], findet in dem erotischen Kapital jedoch eine vierte Grundsorte, die selbständig neben den drei von Bourdieu genannten stehen soll. Das erotische Kapital habe Bourdieu nicht ins Konzept gepasst, weil es nicht in die ökonomischen und sozialen Strukturen eingeordnet (und damit unabhängig von männlicher Herrschaft) sei. »Ein Schlüsselmerkmal von erotischem Kapital ist die Tatsache, dass es von der sozialen Herkunft völlig unabhängig und das Vehikel für einen erstaunlichen sozialen Aufstieg sein kann.«[17] Hakim verbindet ihre soziologische Analyse deshalb mit dem Aufruf an die Weiblichkeit, in ihr erotisches Kapital zu investieren. Natürlich verfügen beide Geschlechter über erotisches Kapital. Ihre Brisanz erhält Hakims Darstellung daher erst durch die These vom männlichen Sexdefizit, die These nämlich, »dass der Bedarf des Mannes an sexuellen Handlungen und Unterhaltungen aller Art das weibliche Interesse am Sex bei weitem übertrifft«[18], mit der Folge natürlich, dass das erotische Kapital der Frau wertvoller ist als das des Mannes. »Erotic capital is women’s trump card in mating and marriage markets.«[19] Und nicht nur dort.

Die Kritik konzediert immerhin, dass »Bourdieus Theorie tatsächlich keine systematische Diskussion der Wirkmacht körperbasierter Anziehungskraft« biete[20], lässt sonst aber kein gutes Haar an Hakims Darstellung. Hakim meint, Bourdieu habe das erotische Kapital nicht in den Blick genommen, weil es von der sozialen Herrschaftsstruktur unabhängig sei (S. 33). Ihre Kritiker[21] behaupten umgekehrt, die von Hakim angeführten Komponenten des erotischen Kapitals[22], ließen sich ihrerseits auf andere Momente des Sozialen reduzieren, und könnten damit nicht unabhängig von Geschlecht, Rasse, Klasse und Alter gedacht werden. Damit passten sie nicht zur Kapitaldefinition Bourdieus. Für Bourdieus repräsentiere ein Kapital »die manifesten Ausprägungen von Merkmalen, die notwendig (empirisch) miteinander assoziiert sein« müssten. »Ökonomisches Kapital etwa meint ein latentes Strukturprinzip, das sich in Form von korrelierten Indikatoren wie Vermögen, Aktien, Grundbesitz etc. empirisch manifestiert. Wenn erotisches Kapital aus sechs oder sieben distinkten Elementen bestehen soll, kann es somit bereits definitorisch kein Kapital (im Bourdieuʼschen Sinn) sein.«[23] Erotik bilde nur eine individuelle Ressource; ihr fehle die unabhängige Strukturdimension des Sozialen. Dieser Einwand ist schwer nachvollziehbar, sagen die Kritiker doch selbst, Erotik unterliege »zumindest in zweifacher Weise der Sozialstruktur: über den Umstand der sozialisierten Körper und über den Umstand der sozialisierten Wahrnehmungskategorien.« Wenn die Ressourcen, die das sexuelle und/oder erotische Kapital ausmachen, ihre Substanz aus dem binären Geschlechterverhältnis beziehen, so können sie nicht unabhängig von den sozialen Klassenverhältnissen gedacht werden, ist doch das Geschlechterverhältnis für Bourdieu per se ein Herrschaftsverhältnis. Man mag darüber streiten, ob die Komponenten, auf die Hakim abstellt, richtig gewählt und zugeschnitten sind. Aber letztlich geht es darum, dass sie empirisch zusammengehören, weil hier die »Wirkmacht körperbasierter Anziehung« = erotisches Kapital am Werk ist, und zwar nicht reduziert auf das bewusste Kalkül, sondern im Sinne »eines ontologischen Einverständnisses zwischen Habitus und Feld« (PV 144). Die Erotik ist »keine gedankliche Setzung, kein planvoll ins Auge gefaßtes Mögliches, sondern etwas, das angelegt ist in der Gegenwart des Spiels« (PV 144) der Geschlechter.

Schmitz/Riebling argumentieren weiter,

»dass das Konzept des ›erotischen Kapitals‹ die soziologische PartnerInnenmarktperspektive auf eine Anleitung zur geschlechtlichen Selbstdisziplinierung reduziert und damit den traditionalistischen Imperativ einer Bedienung männlicher Attraktivitäts- und Verhaltenserwartungen in einer wissenschaftlichen Terminologie reformuliert«.[24]

Dieser Einwand ist insofern zutreffend, als Hakim sich nicht auf eine soziologische Analyse beschränkt, sondern den Leserinnen Ratschläge zur Vermehrung und zum Einsatz ihres erotischen Kapitals erteilt. Aber darin erschöpft sich Hakims Darstellung nicht. Schmitz/Riebling meinen schließlich, an Hand von Umfragedaten zur Paarbildung zeigen zu können, dass die Verteilung der als »Körperkapital« interpretierbaren Merkmalsausprägungen »auf der Ebene des Sozialraums als deutlich geschlechtsspezifische Funktion von ökonomischem und kulturellem Kapital beschreibbar« sei.[25] Die Attraktivität von Frauen sei nicht in biologischen Präferenzen begründet, sondern eine Erscheinungsform männlicher Herrschaft. Dazu rekurrieren sie auf die von Bourdieu konstatierte »fundamentale Asymmetrie von Subjekt und Objekt, von Akteur und Instrument, die zwischen dem Mann und der Frau auf dem Gebiet des symbolischen Tauschs, der Produktions- und Reproduktionsverhältnisse des symbolischen Kapitals, entsteht« (MH 79). Genau diese These des Meisters ist aber das Problem.[26]

Green hält Hakims Konzept für analytisch unsauber, weil sie die verschiedenen Komponenten als Einheit behandle, während tatsächlich nur Jugend, Schönheit und Sex Appeal als objektive Elemente bei Männern Wirkung zeigten. Im Kern sei ihr erotisches Kapital auf den Körper und ästhetische Merkmale fixiert. Hakim verfehle den Anspruch einer soziologischen Theorie von Gender, Sexualität und Macht. Ihr erotisches Kapital sei eine asoziologisch essentialistische gedachte Eigenschaft der Person. Auf Bourdieu könne sie sich nicht berufen, denn dessen Kapitalbegriff müsse im Zusammenhang mit seiner Feldtheorie gesehen werden. Dann erweise sich das sexuelle Kapital als eine Relation zwischen seinem Träger und den Kräften des Feldes. So fehle Hakims erotischem Kapital das soziologische Fundament, das Bourdieu dem Kapitalbegriff mitgegeben habe.

Abstrakt ist das wohl zutreffend. Kapital, Feld und Habitus sind untrennbar. Bourdieus Kapital entfaltet seinen spezifischen Wert innerhalb des jeweiligen Feldes. Von einem zugehörigen sozialen Feld ist bei Hakim nicht die Rede. Aber man kann durchaus über das Kapital reden, ohne zuvor das Feld bestimmt zu haben, denn:

»Um das Feld zu konstruieren, muss man die Formen des spezifischen Kapitals bestimmen, die in ihm wirksam sind, und um diese Formen des spezifischen Kapitals zu konstruieren, muss man die spezifische Logik des Feldes kennen.«[27]

So redet auch Bourdieu selbst über männliche Herrschaft, ohne ein Feld abzugrenzen oder vielmehr, er schreibt, als ob männliche Herrschaft selbst oder die Geschlechterbeziehungen schlechthin das Feld seien. Vielleicht ist es noch allgemeiner das Feld der Macht, von dem er sagt, dass es seine Herrschaft über alle Felder ausbreite[28]. Ein spezifisches Feld der Sexualität hat Bourdieu nicht markiert. Dennoch die Frage: Wo liegt das Feld, auf dem das erotische Kapital zur Geltung kommt?

Bourdieus Felder sind Kraftfelder für soziale Machtspiele. Sie werden getrieben von einem speziellen Interesse.

»Anders gesagt, die sozialen Spiele sind Spiele, bei denen man vergißt, daß sie Spiele sind, und die illusio ist jenes verzauberte Verhältnis zu einem Spiel, das das Produkt eines Verhältnisses der ontologischen Übereinstimmung zwischen den mentalen Strukturen und den objektiven Strukturen des sozialen Raums ist.« (PV 141)

Ein Feld, das diesen Namen verdient, muss über eine gewisse Autonomie verfügen. Aber die Felder sind doch miteinander verbunden, und zwar nicht zuletzt dadurch, dass die Kapitalia von Feld zu Feld übertragen werden können, und sei es auch sozusagen mit einem Abgeld. Trotz solcher Metaphern sind Bourdieus Felder kein Markt, denn die Spieler oder Kämpfer handeln nicht als rationale Individuen, sondern sie folgen ihrem Habitus. In ihrem Habitus, der soziale Prägung, persönliche Erfahrung und in bißchen Individualität vereinigt, haben die Spieler die Strukturen des Feldes internalisiert. Innerhalb der soziologischen Theorie hat das Konzept sozialer Felder die Aufgabe, Mikro- und Makrostrukturen zu verknüpfen[29], situatives Verhalten, soziale Praktiken und Strukturen zusammenzubringen.

Das Problem mit Bourdieus Feldern ist deren Abgrenzung gegeneinander. Damit sie nicht beliebig ausfällt, könnte man den Spuren des Meisters folgen und sich auf die Felder beschränken, die er selbst als solche genannt hat. Aber die Reihe ist lang[30] und lässt kein Prinzip erkennen.[31] Bourdieu nennt neben der relativen Autonomie[32] noch eine zweite Eigenschaft der Felder. Auf ihnen ist jeweils ein besonderer Antrieb wirksam, Interesse, illusio oder auch libido genannt[33]. Libido ist bei Bourdieu nicht für den Sexualtrieb reserviert. Aber der Begriff ruft geradezu nach der Figur des erotischen Kapitals.

»Eine der Aufgaben der Soziologie besteht darin zu bestimmen, wie die soziale Welt aus der biologischen libido, dem undifferenzierten Trieb, die soziale, spezifische libido macht. Es gib nämlich ebenso viele libidines[34], wie es Felder gibt: Ist doch die Arbeit der Sozialisation der libido genau das, wodurch Triebe in spezifische Interessen verwandelt werden, in sozial begründete Interessen, die nur im Zusammenhang mit einem sozialen Raum existieren, in dem bestimmte Dinge wichtig und andere gleichgültig sind … .« (PV 143)

Das Dumme ist nur, dass wenige Seiten später zu lesen ist:

»es gibt genauso viele Formen von libido, genauso viele Arten von Interesse, wie es Felder gibt«. (PV 150)

Da ist man im Kreis gelaufen.

Martin/George und Green gehen davon aus, dass Sexualität und/oder Erotik als Antrieb sozialen Handelns theoretisch noch nicht ausreichend reflektiert werden. Sie sehen hier zwei konkurrierende Erklärungsansätze, Marktmodelle und eben die Feldtheorie Bourdieus und optieren für die letztere.[35] Während Martin/George es bei der Theorie belassen, schreitet Green zur Empirie voran, um mit Hilfe sexueller Felder die soziale Organisation sexueller Stratifikation zu untersuchen. Die Felder, die er dazu markiert, sind eng und speziell, Bar, Nachtclubs, Bäder und einschlägige Chatrooms, nämlich kommerzialisierte Treffpunkte schwarzer Homosexueller in New Yorks Stadtteilen Chelsea und West Village. Das sind (in der Terminologie Bourdieus) nur Sub-Felder auf dem größeren Feld sexueller und erotischer Praktiken. Wenn man Bourdieus Feldtheorie überhaupt für brauchbar hält, ist sie so, wie Green sexuelle Felder eingrenzt, nicht hilfreich. Es bleibt die Frage: Wo liegt das Feld, auf dem das erotische Kapital zur Geltung kommt? Wenn man das erotische als eine Erscheinungsform des symbolischen Kapitals bedenkt – das soll im nächsten Eintrag geschehen – dann ist das zugehörige Feld nicht durch explizite Sexualität gekennzeichnet. Dann kann die Antwort nur lauten: Das Feld des erotischen Kapitals deckt sich mit dem Feld der männlichen Herrschaft.

Erotisches Kapital und Körperkapital sind nicht identisch. Sexuelle Attraktivität lässt sich zum Teil, aber nicht vollständig auf ein soziales Ranking in anderen Sphären zurückführen. Sexueller und sozialer Rang sind nur partiell synchron. Der Systematik Bourdieus – wenn es denn eine solche gibt – wird es besser gerecht, wenn man das Körperkapital als vierte Grundsorte nimmt und das erotische als eine von dessen Erscheinungsformen. Es ist sicher zutreffend, dass »die auf Körperlichkeit basierende erotische Wahrnehmung zumindest in zweifacher Weise der Sozialstruktur unterliegt: über den Umstand der sozialisierten Körper und über den Umstand der sozialisierten Wahrnehmungskategorien«.[36] Aber es geht hier nicht um ein Entweder-Oder, sondern um ein Mehr oder weniger.

Erotisches Kapital gibt es nicht ohne Körperkapital, und das ist mehr als inkorporiertes kulturelles Kapital. Alle Naturalisierungskritik ändert nichts daran, dass das Körperkapital, ähnlich wie das ökonomische, auf einer materiellen Basis ruht. Das kulturelle und das soziale Kapital sind sozusagen per definitionem sozial konstruiert und zudem sehr vielfältig und diffus. Das ökonomische und das Körperkapital haben dagegen auf den ersten Blick und auch auf den zweiten Blick eine naturalistische Substanz, auch wenn von vornherein klar sein sollte, dass das Körperkapital, ebenso wie das ökonomische, im Sozialraum nicht unmittelbar und direkt, sondern nur individuell und sozial überformt zum Einsatz kommt. Selbst im Sport bringt nicht der natürliche, sondern der trainierte und modellierte Körper die erwünschte Leistung. Doch es bleibt der Umstand, dass die Geschlechter von Natur aus mit unterschiedlichem Körperkapital ausgestattet sind. Körperkraft als Element männlichen Körperkapitals hat durch die zivilisatorische Entwicklung an Wert verloren. Umgekehrt haben sexuelle Attraktivität und Gebärfähigkeit als Elemente weiblichen Körperkapitals gewonnen, das umso mehr, als das weibliche Handicap von Schwangerschaft und Kinderpflege durch Verhütungsmöglichkeiten und alternative Kinderbetreuung geschwunden ist. (Schrecklich, mit solch »kapitalistischen« Vokabeln über das Geschlechterverhältnis zu reden. Aber Bourdieu hat sie uns mit seinem Kapitalkonzept aufgezwungen.) Deshalb steht, wie gesagt, die These steht im Raum, dass nach der »Logik der Ökonomie des symbolischen Tausches« die Aufwertung des weiblichen Körperkapitals, insbesondere in seiner Ausprägung als erotisches Kapital, das Kräfteverhältnis der Geschlechter zugunsten der Frauen verändert.

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[1] Dies ist die elfte Fortsetzung einer Auseinandersetzung mit Pierre Bourdieus Analyse der männlichen Herrschaft. Es sollte eigentlich die letzte sein. Doch als Blog-Posting wäre sie zu lang geworden (und der Schluss war auch noch nicht ganz fertig). Daher habe ich sie noch zwei Mal unterteilt.

[2] Ann Ferguson, Sex War: The Debate between Radical and Libertarian Feminists, Journal of Women in Culture and Society 10, 1984, 106-112; Lisa Duggan/Nan D. Hunter (Hg.), Sex Wars. Sexual Dissent and Political Culture, 2006.

[3] Folgende Texte Bourdieus werden mit Abkürzungen zitiert:

ETP = Entwurf einer Theorie der Praxis auf der ethnologischen Grundlage der kabylischen Gesellschaft, 1992;

MH = Die männliche Herrschaft, 2005;

MHR =  Männliche Herrschaft revisited, Feministische Studien 15, 1997, 88–99;

MH 1997 = Die männliche Herrschaft, in: Irene Dölling/Beate Krais (Hg.), Ein alltägliches Spiel. Geschlechterkonstruktion in der sozialen Praxis, 1997, 153-217;

PV = Praktische Vernunft. Theorie des Handelns,1985;

RA = Pierre Bourdieu/Loïc J. D. Wacquant, Reflexive Anthropologie, 3. Aufl., 2013;

SS = Sozialer Sinn, 1993.

[4] Greifbar etwa in einem zweibändigen Handbuch: Robert Gugutzer/Gabriele Klein/Michael Meuser (Hg.), Handbuch Körpersoziologie, Band 1: Grundbegriffe und theoretische Perspektiven, Bd. 2: Forschungsfelder und Methodische Zugänge, 2017; ferner Robert Gugutzer, Soziologie des Körpers, 2004.

[5] Loïc J. D. Wacquant, Pugs at Work: Bodily Capital and Bodily Labour Among Professional Boxers, Body and Society 1 , 1995, 65-93.

[6] Klaus R. Schroeter, Korporales Kapital und korporale Performanzen in der Lebensphase Alter, in: Herbert Willems (Hg.), Theatralisierung der Gesellschaft, 2009, 163-181, S. 164; Günter Burkart, Familie und Paarbeziehung, in: Handbuch Körpersoziologie Bd. 2, 59-71, S. 65 f.; Katharina Inhetveen, Gewalt, in: Handbuch Körpersoziologie Bd. 2, 101-115, S. 110.

[7] Prostitution und Frauenpower vom 29. 12. 2013; »Erotisches Kapital« und »Sexdefizit«: Auf dem Weg zur ökonomischen Analyse des Geschlechterverhältnisses vom 24. 2. 2014; »Erotisches Kapital«: Nachträge statt Fortsetzung vom 9. 4. 2014; Der Master of Sexeconomics besucht Deutschland vom 30. 6. 2015; #Metoo – die sexuelle Revolution frisst ihre Kinder vom 10. 11. 2017.

[8] Die feinen Unterschiede, 1982, 298-311, 309, 332ff.

[9] Ebd. S. 329.

[10] Pierre Bourdieu, Praktische Vernunft, 1985, 108.

[11] Die feinen Unterschiede, 1982, 336.

[12] Pierre Bourdieu, Praktische Vernunft, 1985, 102

[13] Die feinen Unterschiede, 1982, 330.

[14] Darauf haben Schmitz/Riebling hingewiesen: Andreas Schmitz/Jan Riebling, Gibt es erotisches Kapital? Anmerkungen zu körperbasierter Anziehungskraft und Paarformation bei Hakim und Bourdieu, Gender – Zeitschrift für Geschlecht, Kultur und Gesellschaft, 2013, 57-79. Ich zitiere aus einem Manuskript = MS, dass die Autoren mir übersandt haben; dort S. 17 Fn. 7.

[15] Pierre Bourdieu, Sport and Social Class, Social Science Information 17, 1978, 819-840, S. 832.

[16] Catherine Hakim, Erotisches Kapital, 2011, 27.

[17] Hakim, Erotisches Kapital, 2011, 33.

[18] Hakim, Erotisches Kapital, 2011, 62.

[19] Hakim Erotic Capital, European Sociological Review 26, 2010, S. 510.

[20] Andreas Schmitz/Jan Riebling, wie Fn. [14], S. 2.

[21] Neben den vorgenannten vor allem Adam Isaiah Green, Erotic Capital and the Power of Desirability: Why ›Honey Money‹ Is a Bad Collective Strategy for Remedying Gender Inequality, Sexualities 16, 2013, 137-158. Ferner: Andreas Schmitz/Hans-Peter Blossfeld, Rezension von: Catherine Hakim, Erotic Capital: the Power of Attraction in the Boardroom and the Bedroom, European Sociological Review 29, 2013, 136-137. Unter aller Kritik ist die Kritik von Thomas Karlauf »Locken, hinhalten und gewähren« in der FAZ vom 8. 10. 2011, die mit der Frage endet, »Das Bordell als Blaupause für die Karriere junger Frauen heute?«.

Greens Kritik ist mit Vorsicht zu genießen, denn der Autor interessiert sich, nach seinem wissenschaftlichen Werk zu urteilen, eigentlich nur für das Phänomen der Homosexualität und hält Hakim entsprechend heteronormative Befangenheit entgegen. Auch gekränkte Eitelkeit spielt wohl eine Rolle, denn Green nimmt für seinen Aufsatz »The Social Organization of Desire: The Sexual Fields Approach« (Sociological Theory 26, 2008, 25-50) die Priorität für die Verwendung des Begriffs »erotisches Kapitals« im Anschluss an Bourdieu für sich in Anspruch (dort S. 27 bei Fn. 4, 29ff). Green definierte: »Erotic capital can be conceived of as the quality and quantity of attributes that an individual possesses, which elicit an erotic response in another.« (S. 29) Hakim verweist in Anmerkung 20 zu Kapitel 1 (S. 331) auf »einen Artikel aus dem Jahre 2010, in dem [sie ihren] Begriff vom erotischen Kapital erläutere [und] dessen intellektuelle Vorgänger vorgestellt [habe]: Wissenschaftler, die das eine oder andere seiner Elemente definieren, ihre Ideen aber nie zu einer umfassenden Theorie weitergeführt haben.« Gemeint ist der Artikel »Erotic Capital«, European Sociological Review 26, 2010, 499-518. Dort werden Martin/George und Green in einem Absatz auf S. 503 abgekanzelt.

[22] Hakim (S. 21ff) nennt Schönheit, sexuelle Attraktivität, Charme, Vitalität, soziales Auftreten, sexuelle Kompetenz und Fruchtbarkeit.  

[23] A. a. O. S. 6.

[24] A. a. O. S. 2.

[25] Schmitz/Riebling, wie [14], S. 16. Dieses Ergebnis könnte oberflächlich darauf beruhen, dass körperbasierte Attraktivität auf Online-Plattformen nur symbolisch vermittelt werden kann, auf der symbolischen Ebene eine klare Trennung der Kapitalia noch schwerer fällt als bei der Präsenzkommunikation.

[26] Dazu im Eintrag über Bourdieus blinden Fleck: Die Patriarchalisierung als Gewaltstreich.

[27] Bourdieu/Wacquant, Reflexive Anthropologie, S. 139.

[28] In Other Words. Essays Towards a Reflexive Sociology, Stanford, 1994, S. 144. Dort heißt es: »The field of power, in so far as it exercises its domination within the totality of fields, exercises an influence over the literary field.«

[29] Frank Hillebrandt, Die Habitus-Feld-Theorie als Beitrag zur Mikro-Makro-Problematik in der Soziologie – aus der Sicht des Feldbegriffs, Working Paper, 1999.

[30] Die folgenden Nennungen habe ich durch eine Schlagwortsuche in dem Bourdieu-Band In Other Words. Essays Towards a Reflexive Sociology, Stanford, 1994, gefunden: Das ökonomische, das politische, das juridische Feld, das philosophische, das literarische, das künstlerische, das wissenschaftliche und/oder intellektuelle Feld, das akademische Feld, das Feld der Wirtschaftsunternehmen, das Feld der Macht, der Religion, des Sports, das Feld der Erziehung, das soziologischen und/oder das soziale Feld, das Feld der Verwandtschaft, der Botanik und der Zoologie, das Feld der Haute Couture und das Feld der Bauunternehmer für Eigenheime. Dazu gibt es noch Subfelder, etwa die der Spezialisten und/oder Professionals.

[31] Auch aus der Sekundärliteratur, die ich zu Rate gezogen habe, bin ich nicht schlauer geworden. So habe ich von Stefan Bernhard/Christian Schmidt-Wellenburg, Feldanalyse als Forschungsprogramm, in: dies., Hg., Feldanalyse als Forschungsprogramm 1, 2012, 27-56) nicht viel mehr erfahren als »dass dass es im Forschungsprogramm der Feldanalyse keinen Konsens über die Definition des Feldbegriffs gibt« (S. 34).

[32] A. a. O. S. 73 (»those relatively autonomous ›worlds‹ that I call fields«.

[33] A. a. O. S. 54, 87 und passim. Dazu ausführlich PV S. 139ff.

[34] In der Übersetzung steht hier der Singular libido.

[35] John Levi Martin/Matt George, Theories of Sexual Stratification: Toward an Analytics of the Sexual Field and a Theory ofSexual Capital, Sociological Theory 24, 2006, 107-132, S. 124.

[36] Schmitz/Riebling,wie Fn.  [14],  S. 7.

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Bourdieus tauschtheoretische Analyse des Geschlechterverhältnisses ist keine

Männliche Herrschaft[1], »die paradigmatische Form symbolischer Herrschaft«[2], »gründet sich in letzter Konsequenz auf der Logik der Ökonomie des symbolischen Tausches«[3]. Aber Bourdieus tauschtheoretische Analyse des Geschlechterverhältnisses ist keine, weil sie nur ein Ergebnis behauptet, ohne die Entwicklung der Tauschbeziehungen zwischen den Geschlechtern zu untersuchen.

Manche möchte vielleicht in Frage stellen, dass man das Verhältnis der Geschlechter überhaupt als Austauschbeziehung behandeln kann. Ich nehme Bourdieu beim Wort:

»Jede soziale Beziehung ist in bestimmter Hinsicht der Ort eines Austausches, an dem ein jeder seine wahrnehmbare Erscheinung der Bewertung aussetzt.« (MH 172)

Eine tauschtheoretische Analyse des Geschlechterverhältnisses müsste bei der Arbeitsteilung zwischen Frau und Mann ansetzen. Tatsächlich ist in SS an vielen Stellen von der geschlechts-spezifischen Arbeitsteilung die Rede. Sie hat ganz grob betrachtet zwei Aspekte. Eine betrifft die materielle Versorgung, der andere die biologische Reproduktion. Für die erstere wäre die Teilung der Arbeit kontingent. Nach dem Geschlechterarrangement, das Bourdieu im Blick hatte, sind die Frauen im Wesentlichen auf die Arbeit im Haus festgelegt, während die Männer die Felder bearbeiten und den Verkehr mit Dritten übernehmen. Für die letztere ist die Arbeitsteilung natürlich festgelegt. Der Mann ist für die Befruchtung zuständig. Die Frau trägt die Last von Schwangerschaft und Geburt.

Arbeitsteilung ist Tausch. Tausch lebt von Reziprozität. Jedes Individuum, das an einem Austausch beteiligt ist oder ihn auch nur beobachtet, zieht mehr oder weniger bewusst eine Art Bilanz, indem es diesen Austausch als gerecht oder ungerecht bewertet. Dabei kommt es für das Vorhandensein eines Tauschs, dessen Gerechtigkeit zu beurteilen ist, nicht auf die Art der getauschten Güter an. Diese Güter mögen materieller oder immaterieller Art sein, also z. B. Geld ebenso wie Ansehen. Sie können positiver wie negativer Art sein, also Belohnung ebenso wie die Zufügung von Nachteilen. Für die Ausgeglichenheit gibt es kein objektives Maß. »Ultimately equity is in the eye of the beholder.«[4] Aber was der Betrachter sieht, ist auch nicht subjektiv oder autonom. Hier kommt wieder der ganze Bourdieu ins Spiel. Grob und verkürzt gesagt: Der Habitus vermittelt, ob ein Tausch – und wie von Bourdieu gesagt, jede Beziehung lässt sich als Tausch betrachten – ausgeglichen oder »gerecht« ist. Der Habitus ist aber nur die inkorporierte Struktur des sozialen Feldes. So sind es dessen Normen und Kraftlinien, die die Bewertung der Tauschgüter bestimmen.

Die Beteiligten sind bemüht, einen als gerecht bewerteten Austausch fortzusetzen, einen für ungerecht gehaltenen Austausch dagegen abzubrechen und/oder Aktivitäten zur Wiederherstellung der Gerechtigkeit zu entfalten. Wo sie nicht einfach auseinandergehen können, kommt es zu Konflikten. Die Equity-Theorie, auf die ich mich hier beziehe, geht zwar grundsätzlich davon aus, dass Lernerfahrungen der Individuen im Spiel sind. Für ursprüngliche Verhältnisse ist es aber angemessener, auf eine Gruppe zu rekurrieren, denn über individuelle Lernerfahrungen lässt sich da nicht einmal spekulieren. Auch für die Gruppe hält die Equity-Theorie ein Grundprinzip bereit.[5]

»Gruppen können die gemeinsame Belohnung maximieren, indem sie akzeptierte Systeme entwickeln, um Belohnungen und Kosten ausgewogen zu verteilen. Daher werden Gruppen solche Equity-Systeme entwickeln und versuchen, ihre Mitglieder dazu anzuregen, diese Systeme anzuerkennen und einzuhalten.«

Ein solches System ist die Arbeitsteilung zwischen den Geschlechtern. Für jede Gesellschaft gibt es zu einem bestimmten Zeitpunkt ein historisch gewachsenes Geschlechterarrangement. Es umfasst die geschlechtsspezifische Arbeitsteilung in Familie und Wirtschaft, Kultur und Politik, die Ausprägung der Verkehrsformen der Geschlechter und die zugehörige Symbolwelt. Ist das Geschlechterarrangement praktisch unangefochten, so ist in der Frauenforschung von einem Geschlechtervertrag[6] die Rede. Natürlich gibt es keinen echten Vertrag, weder explizit noch konkludent. Es besteht nicht mehr als ein unreflektierter praktisch gelebter Konsens = Equity System. Solcher Konsens sollte ausreichen, um ein Herrschaftsverhältnis auszuschließen. Das war nicht die Ansicht Bourdieus. Er wollte aufzeigen, dass der Konsens hinter dem Geschlechterarrangement auf einer »Verneinung« oder »Verkennung« der Machtverhältnisse beruht (SS 205).

Ob ein Herrschaftsverhältnis vorliegt, hängt davon ab, wie die Tauschbeiträge bewertet werden. Bourdieu hat das Geschlechterarrangement für die Bergbauern in den Kabylen ethnographisch aufgezeichnet und festgestellt: Für beide Aspekte der Arbeitsteilung gilt das »fundamentale Divisionsprinzip«, das heißt die Teilung der Welt in eine männliche und eine weibliche derart, dass nur der männliche Beitrag Wert besitzt. Die Schwangerschaftsperioden der Frau sind wie die winterliche Erde nutzlose Wartezeit (SS 207). Nur männliche Aktivität zählt: das Pflügen und die Spermapumpe. So jedenfalls interpretiert Bourdieu seine Beobachtungen in der Kabylei, um sie auch auf »unsere Gesellschaften« (SS 208) zu extrapolieren. Noch einmal wird in SS 378ff von der geschlechtsspezifischen Arbeitsteilung und ihrer Ausgestaltung gesprochen. Auch hier wird aber nur das Ergebnis mitgeteilt, die Tatsache nämlich, dass die Tauschbeiträge der Frauen grundsätzlich abgewertet werden. Allein, was die Kabylen betrifft, hat Bourdieu über Konflikte zwischen den Geschlechtern nichts berichtet. Das Geschlechterarrangement war anscheinend stabil. In die Kabylei waren Zweifel an der Fairness und Ausgeglichenheit des Geschlechtervertrages nicht vorgedrungen, als Bourdieu dort beobachtete. Da kommt doch die Frage auf, ob vielleicht der Beobachter seine eigene Bewertung der Tauschbeiträge in die Szene projiziert hat. Man wüsste gerne: Lebten die Frauen der Kabylen dumpf bedrückt oder fröhlich heiter? Aber das soll keine Rolle spielen. Es kommt nicht darauf an, was die Kabylenfrauen dachten und fühlten, ob sie zufrieden und vielleicht sogar glücklich waren. Der Soziologie ist klüger. Liegt da in der Diagnose der männlichen Herrschaft für die Kabylen ein normativer Rückschaufehler?

Was die Anthropologen über die Anfänge geschlechtlicher Arbeitsteilung zusammengetragen haben, bewegt sich im Bereich der Spekulation.[7] Man kann immerhin festhalten, dass Anthropologen die Patriarchalisierung in verschiedenen Gesellschaften als einen Prozess analysieren.[8] Bourdieu gilt als Ahnherr der Körpersoziologie. Deshalb muss es bei allem Konstruktivismus erlaubt sein, in diesem Zusammenhang auch vom Körperkapital zu reden. Frühhistorisch könnten immerhin männliche Körpergröße und Muskelstärke für die geschlechtliche Arbeitsteilung relevant gewesen sein, allerdings ohne dass sich daraus die Naturnotwendigkeit des Patriarchats ableiten lässt.[9] Umgekehrt wäre das spezifische weibliche Körperkapital in Gestalt von Paarungsbereitschaft und Gebärfähigkeit als Tauschgut in Rechnung zu stellen, ohne dass daraus auf ein Matriarchat geschlossen werden könnte. Das unterschiedliche Körperkapital der Geschlechter gibt jedenfalls keinen Anlass, mit Bourdieu von männlicher Herrschaft als einem unvordenklichen Zustand auszugehen.

Die Unausgeglichenheit = Ungerechtigkeit des Tauschs kann externe und interne Ursachen haben. Externe Ursachen ergeben sich aus der Veränderung der Produktionsweise. Als interne Ursachen kommen psychisch und/oder kognitiv ausgelöste Umbewertungen der Beiträge in Betracht. Ob es ganz unabhängige intern ausgelöste Neubewertungen gibt, mag zweifelhaft sein. Aber mindestens arbeitet der interne = geistige Überbau der Produktionsbedingungen als Verstärker der Umbewertungen. Manchmal entdeckt erst der Historiker als Beobachter ex post ein Ungleichgewicht, wenn er seine Maßstäbe für die Bewertung der Tauschbeiträge anlegt.

Geht man einmal – anders als Bourdieu – probeweise davon aus, dass das Geschlechterarrangement bei den Kabylen und anderswo ursprünglich im Sinne eines Equity-Systems ausgeglichen war, so ist es dabei sicher nicht geblieben. Auch in der Kabylei haben sich die Verhältnisse seither geändert. Dort hat sich zeitlich gerafft aber nur wiederholt, was sich in Mitteleuropa über die Jahrhunderte als Prozess gesellschaftlicher Modernisierung abgespielt hat.

Ändert sich die Produktionsweise und verschieben sich damit die Tauschbedingungen, so ändert sich damit nicht ohne weiteres das Geschlechterarrangement.

»Es ist die relative Autonomie der Ökonomie des symbolischen Kapitals, die erklärt, daß männliche Herrschaft sich trotz Veränderungen in der Produktionsweise perpetuieren kann.« (MHR 97 r. SP)

An anderer Stelle (MH 155) spricht Bourdieu von der »Trägheit des Habitus und des Rechts«. Der Widerstand des symbolischen Kapitals gegenüber Veränderungen ist im Prinzip einfach nur die allbekannte Pfadabhängigkeit. Bei der geschlechtsspezifischen Arbeitsteilung ist die Trägheit besonders stark. Man wird gerne zustimmen, dass Bourdieu uns mit der These von der Autonomie der Ökonomie des symbolischen Kapitals gegen die Anfechtungen einer rein materiell-ökonomischen Sichtweise stark macht. Man muss dann aber darüber diskutieren, ob allein schon Veränderungen in der Produktionsweise oder erst die daran anschließende neue Bewertung des Tauschverhältnisses dieses zum Herrschaftsverhältnis werden lässt.

Männliche Herrschaft beginnt definitiv dort, wo der Geschlechtervertrag als ungerecht empfunden und deshalb angegriffen wird. Man könnte an dieser Stelle der Frage nachgehen, wieweit sich das, was in der deutschen Literatur Geschlechtervertrag genannt wird, mit dem Sexual Contract von Carole Pateman[10] deckt, der das Patriarchat einsetzt, in dem er noch vor jedem Gesellschaftsvertrag die Frauen aus der öffentlichen Sphäre ausnimmt und damit Tatsache und Legitimität männlicher Herrschaft begründet. Der Witz von Patemans Darstellung liegt darin, dass dem allgemeinen Gesellschaftsvertrag, wie ihn Hobbes und Locke im Sinn hatten, ein diskriminierender Sexualkontrakt zwischen den Geschlechtern vorausliegen soll.[11] Ich ziehe Patemans rechtsphilosophische Konstruktion auf das trivialere Niveau des Geschlechtervertrags herab. Erst als historischer wird der Geschlechtervertrag tauschtheoretisch interessant, weil sich beobachten lässt, wie sich im Laufe der Zeit die Bedingungen der Arbeitsteilung verändern und damit der gelebte Konsens über die Angemessenheit des sozialen Tauschs verloren geht.[12] Pateman nennt als erste Dissidentin Mary Astell mit ihrem Buch »Some Reflections upon Marriage« von 1700. Die Zweifel an der Angemessenheit des Geschlechtervertrages begannen also schon zehn Jahre nach John Lockes »Two Treatises of Government«. Eine Schwalbe macht noch keinen Sommer. In der Frauenforschung wird vielfach beschrieben, wie im Laufe der Zeit der Geschlechtervertrag seine Geschäftsgrundlage verliert.[13] Bourdieus Darstellung ist deshalb so wenig überzeugend, weil er den gelebten Konsens mit der Doxa von der männlichen Überlegenheit untergräbt. Die so genannte Writing-Culture-Debatte ist an Bourdieu spurlos vorüber gegangen.

Wer den radikalen Konstruktivismus Bourdieus nicht teilt, wird jedenfalls die Frage nach körperlichen Unterschieden zwischen Mann und Frau und ihrer Bedeutung für das Geschlechterverhältnis aufwerfen. Einige Unterschiede lassen sich nicht wirklich abstreiten. Männer und Frauen unterscheiden sich in den sekundären Geschlechtsmerkmalen. Frauen sind körperlich etwas kleiner, haben weniger Muskelmasse und, nicht zuletzt, sie können Kinder zu Welt bringen und stillen. Verbreitet ist die Ansicht, dass die Evolution Männer und Frauen mit einem unterschiedlichen Appetenzverhalten ausgestattet habe. Grob und laienhaft formuliert, ist bei Männern die Suche nach der Frau, mit der sie sich fortpflanzen können, ein genetischer Imperativ, der sie zu einer Art Balzverhalten veranlasst, dass sich im Wettbewerb um vorzeigbaren Erfolg aller Art äußert. Ein höherer Testosteronspiegel macht Männer deshalb aggressiver und risikobereiter. Diese Testosteronthese ist allerdings umstritten. Juristen und Soziologien können hier nicht Schiedsrichter spielen. Sie müssen davon ausgehen, dass die biologischen Unterschiede für die Anforderungen, die heute im gesellschaftlichen Leben zu erfüllen sind, letztlich keine Bedeutung haben. Männer besitzen keine anderen intellektuellen und praktischen Fähigkeiten als Frauen. Frauen erbringen die gleichen innovativen oder künstlerischen Leistungen wie Männer.

Der Prozess, in dem sich das Geschlechterarrangement entwickelt, dauert an. Heute wird der Prozess dadurch geprägt, dass das Körperkapital der Geschlechter seinen Tauschwert verändert hat. Die naturalistische Komponente des Körperkapitals spielt nur im Sport und bei der Gewaltkriminalität noch eine Rolle. Nackte Gewalt zur Interessendurchsetzung ist dagegen durch das staatliche Gewaltmonopol delegitimiert. Das männliche Körperkapital hat seinen überlegenen Wert bei der Arbeitsteilung zur Sicherung der materiellen Reproduktion weitgehend verloren. Umgekehrt haben medizinischer Fortschritt und sozialer Wandel der Frau die Last der biologischen Reproduktion erleichtert und damit ihr Körperkapital teilweise freigesetzt. Der Schluss liegt nahe, dass sich damit das (Un-)Gleichgewicht der Geschlechter zugunsten der Frauen verändert. Vor diesem Hintergrund hat Catherine Hakim[14], auf das theoretische Instrumentarium Bourdieus zurückgreifend, die Figur des erotischen Kapitals entwickelt. Mit Rücksicht vor allem auf mein eigenes Bourdieu-Defizit habe ich lange nicht gewagt, zu Hakims Thesen Stellung zu nehmen. In nunmehr elf Postings zu Bourdieus »Männlicher Herrschaft« habe ich mich bemüht, dieses Defizit aufzuarbeiten. In einer letzten Fortsetzung, die allerdings vermutlich etwas länger ausfallen wird, werde ich versuchen, Hakims Figur des erotischen Kapitals in die Analyse des Geschlechterarrangements einzubauen.

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[1] Dies ist die zehnte Fortsetzung einer Auseinandersetzung mit Pierre Bourdieus Analyse der männlichen Herrschaft. Folgende Texte werden mit Abkürzungen zitiert:

ETP = Entwurf einer Theorie der Praxis auf der ethnologischen Grundlage der kabylischen Gesellschaft, 1992;

MH = Die männliche Herrschaft, 2005;

MHR =  Männliche Herrschaft revisited, Feministische Studien 15, 1997, 88–99;

MH 1997 = Die männliche Herrschaft, in: Irene Dölling/Beate Krais (Hg.), Ein alltägliches Spiel. Geschlechterkonstruktion in der sozialen Praxis, 1997, 153-217;

PV = Praktische Vernunft. Theorie des Handelns,1985;

RA = Pierre Bourdieu/Loïc J. D. Wacquant, Reflexive Anthropologie, 3. Aufl., 2013;

SS = Sozialer Sinn, 1993.

[2] RA S. 208.

[3] MHR 97 re. Sp. Ähnlich RA S. 211.

[4] Elaine Walster/Ellen Berscheid/G. William Walster, New Directions in Equity Research, Journal of Personality and Social Psychology 25 , 1973, 151-176, S. 152

[5] Walster/Berscheid/Walster S. 151.

[6] Vgl. Irene Dölling, Zwei Wege gesellschaftlicher Modernisierung. Geschlechtervertrag und Geschlechterarrangements in Ostdeutschland in gesellschafts-/modernisierungstheoretischer Perspektive, in: Gudrun-Axeli Knapp (Hg.), Achsen der Differenz, 2003, S. 73-100. Als älteste Quelle für den »Geschlechtervertrag« wird in der deutschen Literatur eine Arbeit von Yvonne Hirdman genannt, z. B. von Heidi Gottfried/Jacqueline O’Reilly, Der Geschlechtervertrag in Deutschland und Japan: die Schwäche eines starken Versorgermodells, WZB 2000. Genannt wird von Hirdman: Genussystemet – reflexioner kring kvinnors sociala underordning, Tidskrift för genusvetenskap, 1988, 49-63. Ich kann Hirdmans Arbeit selbst nicht lesen, finde darin immerhin die Erwähnung von »genuskontrakten«, dagegen keine Bezugnahme auf Pateman, deren Buch gleichfalls aus 1988 stammt.

[7] Ein ausführliches Referat gibt Dieter Steiner, Einführung in die Humanökologie (1998/99).

[8] Steiner a. a. O. unter 5.

[9] Diese Ableitung ist bei männlichen Autoren beliebt, jetzt wieder bei Jordan B. Peterson, 12 Rules for Life, An Antidote to Chaos, 2018.

[10] Carole Pateman, The Sexual Contract, 1988; dies., Sexual Contract, in: Nancy A. Naples (Hg.), The Wiley Blackwell Encyclopedia of Gender and Sexuality Studies, 2016, im Druck).

[11] »The original pact is a sexual as well as a social contract: it is sexual in the sense of patriarchal – that is, the contract establishes men’s political right over women – and also sexual in the sense of establishing orderly access by men to women’s bodies.« (Pateman 1988, S. 2) Der epistemische Status des Sexual Contract ist (mir) unklar. Pateman fand ihn zwar überall im Zustand des modernen Rechts wieder. Aber letztlich sah sie darin wohl doch kein historisches Ereignis, sondern nur die Denkvoraussetzung für die Gesellschaftsverträge des Liberalismus. Der Naturzustand der Rechtsphilosophen ist keine harmlose Fiktion. Wenn man bedenkt, dass die Vertragslehren der Rechtsphilosophie ihrerseits historische Ereignisse waren und historische Wirkungen gehabt haben, dann verliert auch der vorausgesetzte Naturzustand seinen fiktiven Charakter. Pateman hätte einfach nur sagen können: Was Hobbes und Locke sich als Naturzustand vorstellten, war falsch, weil dort nur Männer gleich und frei waren. Sie hat aber nicht anthropologisch argumentiert, sondern rechtstheoretisch mit der These, dass der Gesellschaftsvertrag der liberalen Rechtsphilosophen nur vollständig beschrieben werde, wenn man annehme, dass er einen vorausgehenden sexual contract inkorporiere, indem die Zurücksetzung der Frauen bereits verrechtlicht gewesen sei.

[12] Z. B. Irene Dölling, 10 Jahre danach: Geschlechterverhältnisse in Veränderung, Berliner Journal für Soziologie 2002, 19-30.

[13] Dazu habe ich bereits am Ende der zweiten Fortsetzung auf Beiträge von Karin Hausen verwiesen: Die Polarisierung der »Geschlechtscharaktere«. Eine Spiegelung der Dissoziation von Erwerbs- und Familienleben, in: Werner Conze (Hg.), Sozialgeschichte der Familie in der Neuzeit Europas, 1976, 363-393; dies., Wirtschaften mit der Geschlechterordnung. Ein Essay, in: Karin Hausen (Hg.), Geschlechterhierarchie und Arbeitsteilung. Zur Geschichte ungleicher Erwerbschancen von Männern und Frauen, 1993, 40-67.

[14] Catherine Hakim, Erotic Capital, European Sociological Review 26, 2010, 499-518; dies., Catherine Hakim, Erotisches Kapital. Das Geheimnis erfolgreicher Menschen, 2011.

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