Geschlechterforschung als Interessentenwissenschaft Teil III

Die Allianz von Feminismus und Queer-Theorie

Dies ist die zweite Fortsetzung des Eintrags vom 4. 8. 2020.

IV. Die Erneuerung des Feminismus durch die Queer-Theorie

1) Intellektuelle Erneuerung

Aus der Beobachterperspektive erscheint die Allianz von Feminismus und Queer- Theorie im Blick auf die unterschiedliche Interessenlage von Frauen und Queers zunächst fernliegend. Rückschauend betrachtet erweist sie sich jedoch als intellektuelle Erneuerung des Feminismus.

Der emanzipatorische Reformfeminismus litt an Erschöpfung, nachdem er jedenfalls in den westlichen Industrieländern große Erfolge mindestens hinsichtlich der formalen Gleichstellung erzielt hatte. Durch die rechtliche Gleichstellung änderte sich aber wenig an der Zurücksetzung der Frauen im Alltag. Die greifbare rechtliche Diskriminierung von Schwulen und Lesben dauerte fort. Während der Aidskrise brachten die moralischen Appelle, die Enthaltsamkeit oder jedenfalls die Vermeidung von Promiskuität als Mittel gegen den grassierenden Virus empfahlen, auch die Frauen auf die Barrikaden.[1]

Die Frauenbewegung und mit ihr der wissenschaftliche Feminismus waren zu einem pluralen Gebilde geworden.[2] Die Patriarchatsthese hatte ihre Erklärungskraft verloren. Danach fehlte ein theoretisches Konzept, das die unterschiedlichen Feminismen hätte zusammenhalten können. Es ging dem Feminismus ähnlich wie vor ihm dem Marxismus. Die monothematische oder gar monokausale Kritik der Gesellschaft wurde zwar als durchaus erhellend, aber letztlich als unterkomplex abgelegt. In dieser Phase bot sich die Queer-Theorie für eine intellektuelle Erneuerung an. Sie brachte den Feminismus auf die Höhe des poststrukturalistischen Zeitgeistes und versprach einen komplexeren Forschungsansatz.

Die Queer-Theorie war, wie der Feminismus, praktisch Frauensache.[3] Die Rezeption der Queer-Theorie wurde durch eine große Schnittmenge von Feministinnen und Queers erleichtert. Für die Annäherung war es weiter hilfreich, dass der Queerismus keine konsolidierte Theorie vorlegte, sondern vieles in der Schwebe ließ. Queer-Theorie legt sich nicht fest, sondern will auch als Theorie queer bleiben.[4]

Zum gemeinsamen Nenner von Feminismus und Queer-Theorie wurde der Konstruktivismus. Der Konstruktivismus war die neue Methode, um die Kontingenz aller Phänomene zu behaupten, die noch in der Moderne als natürlich oder jedenfalls unveränderlich gelten. Der Konstruktivismus überbrückt ein weites Feld zwischen Wissenschaftstheorie und interaktionistischer Handlungstheorie, auf dem verschiedene Positionen ihren Platz finden.

Platz fand hier vor allem die Unterscheidung von biologischem und kulturellem Geschlecht, die dem Feminismus schon durch Simone de Beauvoir vertraut war. Die Unterscheidung von Gender und Sex wurde sozusagen zum Masterframe der Geschlechterforschung, der inhaltliche Differenzen überdeckt. Man kann von Gender reden, ohne das biologische Geschlecht zu verabschieden.

Auf dem weiten Feld des Konstruktivismus führte ein Weg über die Ethnomethodologie von Garfinkel[5] und Goffman[6] über West und Zimmermans »Doing Gender«[7] zur Praxistheorie Bourdieus. Ein zweiter von Judith Butler vorgezeichneter Weg betont, dass Geschlecht und seine Machteffekte in »performativen« Diskursen hergestellt werden, also in einem Prozess der Darstellung und Wiederholung.[8] Wegweiser war hier Foucault.[9]

Über diese Wege bezog der Queerfeminismus eine wissenschafts­theoretische Position, die sich nahtlos in postmoderne Wissenschafts­kritik einfügte. Postmoderne Wissen­schafts­kritik wurde zum Ausgangspunkt eines epistemischen oder Standpunkt-Feminismus.[10] Er fand im Cartesianismus die Quelle der schrecklichen Dualismen[11] von Objekt und Subjekt, Natur und Kultur, Körper und Geist, Sein und Sollen, öffentlich und privat, Mann und Frau. Die Dualismen wurden als »phallozentrische Logik« zu Ontologien mit eingebauter Hierarchie stilisiert. Auf dieser Basis konnte die Geschlechterforschung an die großen Debatten anknüpfen, die der Poststrukturalismus französischen Ursprungs vor allem in den USA ausgelöst hatte. Das verhalf ihr wissenschaftsintern zu einem enormen Prestigegewinn.

Mit Hilfe des Paradigmas von der heterosexuellen Matrix gelang es der Queer- Theorie, den Charakter einer sozialen Bewegung abzustreifen und sich als kritische Wissenschaft zu präsentieren. Mit der Heteronormativitätsperspektive schuf sie sich ein Universalwerkzeug der Gesellschaftskritik, das in die Lücke sprang, die der Marxismus und die daran anschließende kritische Theorie Frankfurter Provenienz hinterlassen hatten. Machtkritik, Staatskritik[12], Kapitalismuskritik[13], Religionskritik, Faschismuskritik – auf diesen und anderen Feldern ersetzt die heteronormativitäts­kritische Perspektive die marxistische Gesellschaftskritik.[14]

Durch die Ausweitung und Verknüpfung von Ungleichheitsdimensionen mit dem Konzept der Intersektionalität wurde der Feminismus für die Mainstream-Soziologie attraktiv und anschlussfähig. Dieses Konzept kam von der schwarzen Rechtsprofessorin Kimberlé Crenshaw[15], die nicht direkt der Queer-Theorie zugerechnet werden kann, deren Gedanken aber im Queerfeminismus schnell übernommen wurden. Dort führten sie zu einer »internen Differenzierungen des Begriffs der Weiblichkeit«, den nun auch die sexuelle Orientierung einbezog.[16]

Donna Haraway schließlich hat den Feminismus mit ihrem »Manifesto for Cyborgs«[17] auf die Möglichkeiten des Bio-Engineering und die Schaffung von Metaorganismen vorbereitet.

2) Strategische Allianz

Die Allianz des Feminismus mit den Queers brachte beiden Seiten strategische Vorteile. Die Queer-Theorie verhalf dem Feminismus zu einer Erneuerung der wissenschaftlichen Ansätze. Die Queers konnten sich durch die Anlehnung an die große Gruppe der Frauen aus ihrem Minderheitsstatus befreien. Indem sie sich gemeinsam wissenschaftlich artikulierten, gelang es ihnen, sich auf breiter Front als Gender Studies zu organisieren. 30 Jahre später sind die Gender Studies zum Rückzugsort für Queers geworden, während das Interesse der heterosexuellen Frauen am Feminismus als sozialer Bewegung und Wissenschaft nachgelassen hat, nachdem aus der sozialen Bewegung der Frauen institutionalisierte Gleichstellungspolitik geworden ist.

3) »Uncomfortable Conversations«

Die Begegnung von Feminismus und Queer-Theorie war anfangs nicht ohne Spannungen. Ein Sammelband aus den USA, der die unterschiedlichen Theorie­positionen gegenüberstellt, spricht von »Uncomfortable Conversations«.[18]

Queer-Theorie entstand als Kritik an den bis dahin relativ festen Identitäten des Feminismus. Sogar den Lesben- und Gay-Studies wurde vorgehalten, dass sie letztlich von einer zweigeschlechtlichen Welt ausgingen, in der nur das sexuelle Begehren einer Minderheit umgepolt sei. Dagegen setzte und setzt die Queer-Theorie auf eine Dekonstruktion sexueller Identitäten.

Das Patriarchat war das zentrale Paradigma des Feminismus. Das entsprechende Paradigma des Queerismus ist die hegemoniale heterosexuelle Matrix. Nur auf den ersten Blick sind beide miteinander vereinbar, zielen sie doch auf eine Kritik männlicher Herrschaft. Auf den zweiten Blick ist Heterosexualität jedoch die als selbstverständlich vorausgesetzte Basis des Patriarchats. Dagegen ist Heterosexualität für den Queerismus nur das Sekundärphänomen einer als solcher nicht weiter erklärten hegemonialen Struktur. Was zum zentralen Streitpunkt hätte werden können, nämlich die Heterosexualität an sich, wurde jedoch überdeckt durch einen mehr oder weniger radikalen Konstruktivismus.

Als offene Streitfrage wurde von der Queer-Theorie zunächst herausgestellt, dass der Feminismus das sexuelle Begehren der Frau nicht angemessen in Betracht ziehe, während umgekehrt von feministischer Seite betont wurde, Sexualität in Verbindung mit Gewalt bilde die Quelle männlicher Dominanz. Diese als Sex War[19] geläufige Auseinandersetzung wurde zwischen zwei Fraktionen der lesbisch-feministischen Community ausgetragen. Den radikalen standen libertäre oder sex-positive Feministinnen gegenüber.

Der Streit ist insofern noch interessant, als er von dem Dominanzfeminismus der Juristin Catharine A. MacKinnon geprägt wurde, der männliche Sexualität schlechthin[20]  als Quelle allen Übels brandmarkte. Kehrseite des radikalen Feminismus, für den MacKinnon steht, war einmal ein Differenzfeminismus. Ausgehend von der weiblichen Körperlichkeit und der mit ihr verbundenen Gebärfähigkeit wurden die positiven Qualitäten »weiblichen« Sozialverhaltens wie Empathie, Intuition und ganzheitliche Wahrnehmung betont.[21] Davon ist heute in den Gender Studies keine Rede mehr. Susan Pinkers »The Sexual Paradox«[22]V ist vom Feminismus totgeschwiegen worden. Die Geschlechterdifferenz wird fast[23] nur noch von der Psychologie thematisiert.[24]

In Deutschland entzündete sich an Judith Butlers Buch »Das Unbehagen der Geschlechter« (1990 [1991]) zunächst »ein Sturm der Entrüstung«.[25] Barbara Duden schrieb über »Die Frau ohne Unterleib«[26], Hilge Landweer »verteidigte« die Kategorie Geschlecht[27], Gesa Lindemann beklagte »die Verdrängung des Leibes«[28] und Barbara Holland-Cunz kritisierte den Konstruktivismus Butlers als »blass und diffus«[29].

Heute wird der ursprüngliche Antagonismus zwischen Feminismus und Queer Theorie nur noch wenig reflektiert.[30] Als schonungslose Darstellung dieses Antagonismus hätte man 2003 Stefan Hirschauers Aufsatz »Wozu ›Gender Studies‹?«[31] lesen können. Darin hält Hirschauer den Gender Studies vor, sie verstünden sich als erweiterte Frauenforschung; sie seien noch in politischer Rahmung gefangen und folgten damit der Logik sozialer Bewegungen; sie hielten am Geschlecht als Analysekategorie fest, anstatt die Geschlechterunterscheidung selbst zum Thema zu machen. Hirschauers scharfsinnige Darstellung wird zwar zitiert, aber ihre Brisanz nicht wahrgenommen.[32]

2005 und 2015 machten Schwerpunkthefte der Zeitschrift »Femina Politica« die »queerfeministische Politiken« zum Thema, mündeten aber nicht in eine breitere Auseinander­setzung. Wissenschaftsinterne Kritik an der queer- feministischen heteronegativen Perspektive gibt es praktisch nicht.[33] Die unterschied­liche Ausgangslage wurde durch den Erfolg in Gestalt einer »toleranzpluralistischen Integration«[34] verdeckt.

Erst im Anschluss an die Silvester-Übergriffe 2015 kam es zunächst in den Publikumsmedien[35] und dann auch in der wissenschaftlichen Literatur zu einer Debatte zwischen Alice Schwarzer[36] auf der einen Seite und Sabine Hark und Paula Irene Villa[37] auf der anderen. Während Schwarzer und ihre Mitautoren die Übergriffe als Auswüchse fremder Kulturen verurteilten, folgten Hark und Villa der postkolonialen Wende Judith Butlers und beklagten den impliziten Rassismus des weißen Feminismus. Bei diesem »Rosenkrieg« – den Ausdruck habe ich von Frau Rehder gelernt – ging es also gar nicht um die eigentlich zu erwartende Aus­einandersetzung um die Heterosexualität, sondern um Kritik am so genannten Neo­-Orientalismus, dem vorgehalten wird, dass er den Kampf gegen Sexismus sowie Toleranz gegen Homosexualität mit Abgrenzungen gegenüber Flüchtlingen und dem Islam verbinde.[38] Immerhin hieß es in einem Vortrag von Ilse Lenz, der Feminismus in Deutschland sei heute tief gespalten; die Bruchlinien verliefen entlang der Themen Antirassismus/Feminismus, Prostitu­ti­on/Abolitionismus und Queerer/Radikalfemi­nismus.[39] Aber innerfemini­stische Kritik am Queerfeminismus ist schwer zu finden.[40] Das mag auch mit einem Generationenkonflikt zusammenhängen, der schon 1998 von Ute Gerhard angesprochen wurde, sich aber erst heute voll entfaltet hat. Die alte Garde der heterosexuellen Feministinnen hat sich zur Ruhe gesetzt. Junge Frauen interessieren sich kaum noch für feministische Aktivitäten oder für die Geschlechterforschung nachdem die Gleichstellung der Frau offizielle Politik geworden ist. Die Gender Studies sind zur Domäne der Queers geworden.


[1]       Dazu etwa das Kapitel »Queer Theory« in Lutz Hieber, Zur Aktualität von Douglas Crimp. Postmoderne und Queer Theory, 2013, S. 85-110.

[2]       Einen Eindruck von der Vielfalt des Feminismus der 1980er Jahre vermittelt Judith Lorbers Kapitel über die »Variety of Feminisms«. Ferner Annegret Künzel, Feministische Theorien und Debatten, in: Lena Foljanty/Ulrike Lembke (Hg.), Feministische Rechts­wissenschaft, 2. Aufl., 2012, 52-73. Lorber sagt von sich selbst, sie sei auf dem Weg über einen liberalen und später sozialistischen Reformfeminismus zum konstruktivistischen Feminismus gelangt, den sie mit Postmodernismus und Queer Theorie verbunden habe. Dieser Weg scheint typisch gewesen zu sein.

[3]       Rüdiger Lautmann, Queerness, Forum Wissenschaft, 2018/3.

[4]       Queer wird »von einer Lust an Widersprüchlichkeiten, Uneinheitlichkeiten [und] Uneindeutigkeiten« getragen (Barbara Paul/Johanna Schaffer, Einleitung: Queer als visuelle politische Praxis, in: Barbara Paul/Johanna Schaffer, Hg., Mehr(wert) queer, Visuelle Kultur, Kunst und Gender-Politiken = Queer added (value), Bd. 11, 2009, S. 7-19, S. 19).

[5]       Harold Garfinkel, Passing and the Managed Achievement of Sex Status in an »Intersexed« Person, in: ders: Studies in Ethnomethodology, 1967, S. 116-185.

[6]       Erving Goffman, Interaktion und Geschlecht, 1994. Der Band enthält zwei Arbeiten, die Goffman 1977 und 1982 verfasst hat.

[7]       Candace West/Don H. Zimmerman, Doing Gender, Gender & Society 1, 1987, 125-151.

[8]       Auch bei Butler geht es um eine Praxistheorie, die aber anders, als diejenige von Bourdieu, auf Subversion statt auf Reproduktion abstellt (Andreas Reckwitz, Die Reproduktion und die Subversion sozialer Praktiken. Zugleich ein Kommentar zu Pierre Bourdieu und Judith Butler, in: Karl H Hörning/Julia Reuter (Hg.), Doing Culture, 2004, 40-53).

[9]       Als Schlüsseltexte der Queer-Theorie gilt ferner Eve Kosofsky Sedgwick, Between Men, English Literature and Male Homosocial Desire (1985). Teresa de Lauretis gab der Queer Theory 1991 mit ihrer Einleitung zu einem Band mit Vorträgen, die auf einer Konferenz im Februar 1990 gehalten worden waren, den Namen (Queer Theory. Lesbian and Gay Sexualities: An Introduction, Differences: A Journal of Feminist Cultural Studies 3, 1991, III- XVII).

[10]      Zwei Schlüsseltexte: Sandra Harding, The Science Question in Feminism, 1986; Donna Haraway, Situated Knowledges: The Science Question in Feminism and the Privilege of Partial Perspective, Feminist Studies 14, 1988, 575-599.

[11]      Vgl. Annegret Künzel, Feministische Theorien und Debatten, in: Lena Foljanty/Ulrike Lembke (Hg.), Feministische Rechtswissenschaft, 2. Aufl., 2012, 52-73, S. 63 Rn. 35; Sigrid Schmitz, Entweder — Oder? Zum Umgang mit binären Kategorien, in: Kirsten Smilla Ebeling (Hg.), Geschlechterforschung und Naturwissenschaften, 2006, S. 331-346.

[12]      Helga Haberler/Katharina Hajek/Gundula Ludwig/Sara Paloni (Hg.), Que[e]r zum Staat. Heteronormativitätskritische Perspektiven auf Staat, Macht und Gesellschaft, 2012.

[13]      Vgl. den Call for Papers der Sektion »Politik und Geschlecht« der DVPW »Queer. Widerstand. (Anti-) Kapitalismus und globale Ökonomien. Genealogien, Potentiale und Politiken queer-feministischer Kapitalismus- und Ungleichheitskritik« für eine Sektionstagung, die am 7./8. Mai 2020 in Marburg stattfinden soll.

[14]      Vgl. dazu ferner u. a. Bettina Kleiner, Heteronormativität, 2016, https://gender- glossar.de/glossar/item/55-heteronormativitaet; Jutta Hartmann/Christian Klesse/Peter Wagenknecht/Bettina Fritzsche/Kristina Hackmann (Hg.), Heteronormativität. Empirische Studien zu Geschlecht, Sexualität und Macht, 2007; Jutta Hartmann/Astrid Messer­schmidt/Christine Thon (Hg.), Queertheoretische Perspektiven auf Bildung, Pädagogische Kritik der Heteronormativität, 2017; Christine M. Klapeer, Vielfalt ist nicht genug! Heteronormativität als herrschafts- und machtkritisches Konzept zur Intervention in gesellschaftliche Ungleichheiten, in: Friederike Schmidt u. a. (Hg.), Selbstbestimmung und Anerkennung sexueller und geschlechtlicher Vielfalt, 2015, S. 25-44; Volker Woltersdorff, Heteronormativitätskritik: ein Konzept zur kritischen Erforschung der Normalisierung von Geschlecht und Normativität, in: Ruth Becker/Beate Kortendiek (Hg.), Handbuch Frauen- und Geschlechterforschung, 2. Aufl., 2008, 8 S.

[15]      Grundlegend war ihr Aufsatz »Race, Reform, and Retrenchment: Transformation and Legitimation in Antidiscrimination Law«, Harvard Law Review 101, 1988, 1331-1387; namensgebend ein Jahr später »Demarginalizing the Intersection of Race and Sex: A Black Feminist Critique of Antidiscrimination Doctrine« (University of Chicago Legal Forum, S. 139-167).

[16]      Stefan Hirschauer, Wozu »Gender Studies«?, Soziale Welt 54, 2003, 461-482, S. 462.

[17]      Socialist Review 80, 1985, 65-108; deutsch in: Donna Haraway, Die Neuerfindung der Natur. Primaten, Cyborgs und Frauen, 1995, 33- 72. In einem neuen Buch (Unruhig bleiben, 2018) sieht Haraway die Zukunft der Welt in einer Mischwesen-Phantasie.

[18]      Martha Fineman/Jack E. Jackson/Adam P. Romero, Feminist and Queer Legal Theory, Intimate Encounters, Uncomfortable Conversations, London 2009.

[19]      Ann Ferguson, Sex War: The Debate between Radical and Libertarian Feminists, Journal of Women in Culture and Society 10, 1984, 106-112; Aya Gruber, Sex Wars as Proxy Wars, Critical Analysis of Law, 6, 2019 = SSRN abstract 3395544.

[20]      Vgl. etwa die Texte in Henry Abelove (Hg.), The Lesbian and Gay Studies Reader, New York, NY 1993; Diana Fuss (Hg.), Inside/out, Lesbian Theories, Gay Theories, New York, London 1991.

[21]      Judith Lorber, The Variety of Feminisms and their Contributions to Gender Equality, [Electronic ed.], 1997, S. 16.

[22]      Susan Pinkers »The Sexual Paradox« (2008) ist vom Feminismus totgeschwiegen worden.

[23]      Eine Ausnahme ist die Bochumer Soziologin Heike Kahlert, die das Thema seit ihrer Dissertation von 1996 (Weibliche Subjektivität) verfolgt und sich besonders um die Rezeption des italienischen Differenzfeminismus verdient gemacht, jedoch kein eigenes Differenzkonzept entwickelt hat. Das Thema wird wieder aufgenommen von der Dissertation von Catrin Dingler, Der Schnitt. Zur Geschichte der Bildung weiblicher Subjektivität, 2019.

[24]      Doris Bischof-Köhler, Von Natur aus anders. Die Psychologie der Geschlechtsunterschiede, 4., Aufl., 2011; Richard A. Lippa, Gender Differences in Personality and Interests: When, Where, and Why?, Social and Personality Psychology Compass 4, 2010, 1098-1110.

[25]      Annamarie Jagose, Queer Theory, 2001, S. 185.

[26]      Barbara Duden, Die Frau ohne Unterleib: Zu Judith Butlers Entkörperung, Feministische Studien 11, 1993, 24-33.

[27]      Hilge Landweer, Kritik und Verteidigung der Kategorie Geschlecht, Feministische Studien 11 , 1993, 34-43.

[28]      Gesa Lindemann, Wider die Verdrängung des Leibes aus der Geschlechtskonstruktion, Feministische Studien 11, 1993, 44-54. Differenziert kritisch auch Stefan Hirschauer, Dekonstuktion und Rekonstruktion. Plädoyer für die Erforschung des Bekannten, Feministische Studien 11, 1993, 55-67. Auf der Linie Butler dagegen Carol Hagemann-White, Die Konstrukteure des Geschlechs auf frischer Tat ertappen?, Methodische Konsequenzen einer theoretischen Einsicht, Feministische Studien 11, 1993, 68-78.

[29]      Barbara Holland-Cunz, Naturverhältnisse in der Diskussion. Die Kontroverse um »sex and gender« in der politischen Theorie, in: Christine Bauhardt/Angelika Wahl (Hg.), Gender and Politics, 1999, 15-28.

[30]      Etwa in dem Abschnitt »Women or Gender?« bei Susan B. Boyd/Debra Parkes, Looking Back, Looking Forward, Social & Legal Studies 26, 2017, 735-756, S. 740f. Eine retrospektive Aufarbeitung aus queerfeministischer Sicht bietet Sabine Hark im 5. Kapitel ihrer Habilitationsschrift von 2005 (Dissidente Partizipation).

[31]      Stefan Hirschauer, Wozu »Gender Studies«? Geschlechtsdifferenzierungsforschung zwischen politischem Populismus und naturwissenschaftlicher Konkurrenz, Soziale Welt 54, 2003, 461-482.

[32]      Z. B. von Sigrid Metz-Göckel, Institutionalisierung der Frauen-/Geschlechterforschung, in: Ruth Becker/Beate Kortendiek (Hg.), Handbuch Frauen- und Geschlechterforschung, 2. Aufl. 2008, S. 887-895, S. 892.

[33]      Vgl. dazu Eva Cyba, Sammelbesprechung »Genderforschung kontrovers«, Soziologische Revue 40, 2017, 494-509. Der von Anne Fleig herausgegebene Sammelband »Die Zukunft von Gender« (2014) wendet sich eher gegen eine Trivialisierung des Konzepts als dass grundsätzliche Kritik versucht würde. Die Kritik an den institutionalisierten Gender Studies kommt nur von außen, hauptsächlich aus dem allgemeinen Publikum.

[34]      Antke Engel, Wider die Eindeutigkeit, Sexualität und Geschlecht im Fokus queerer Politik der Repräsentation, 2002, S. 165.

[35]      Paula-Irene Villa, The Sargnagel talks back: Eine Replik auf die »EMMA«. Gender Studies als Sargnägel des Feminismus? Villa antwortet auf einen Artikel der aktuellen EMMA, Missy Magazine vom 12. 7. 2017, https://missy-magazine.de/blog/2017/07/12/the-sargnagel- talks-back-eine-replik-auf-die-emma/.

[36]      Alice Schwarzer (Hg.), Der Schock – die Silvesternacht von Köln, 2016.

[37]      Paula-Irene Villa/Sabine Hark, Unterscheiden und herrschen: Ein Essay zu den ambivalenten Verflechtungen von Rassismus, Sexismus und Feminismus in der Gegenwart, 2017.

[38]      Antje Schrupp, Die verschenkte Feminismusdebatte, Blätter für deutsche und internationale Politik, 2017, 87-88.

[39]      Ilse Lenz, Die Sargnägel der feministischen Öffentlichkeit? Zu den aktuellen Spaltungen im Feminismus, Vortrag auf der Tagung Feminismus und Öffentlichkeit: Kritik, Widerstand und Interventionen im medialen Wandel vom 4. -6. 10. 2017. Ich kenne nur die Zusammenfassung des Vortrags und den Tagungsbericht von Imke Schminke, Feministische Studien 36, 2018, 200-203.

[40]      Etwa bei Ute Gerhard, Für eine andere Gerechtigkeit. Dimensionen feministischer Rechtskritik, 2018, S. 55, 6

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Toilettengerechtigkeit 2.0 – Rechtssoziologie ins Klo gefallen

Im jüngsten Heft der Zeitschrift für Rechtssoziologie vertritt und begründet Ulrike Lembke die These, Unisex-Toiletten seien von Verfassungswegen geboten.[1] Zwei Stichworte hatte ich schon zuvor in die Debatte geworfen: Toilettengerechtigkeit und Biofeminismus, beide mit einer starken Prise Ironie. Nun wird es ernst, denn es gilt, gegen den inversen Biologismus der Geschlechterforschung Stellung zu beziehen.

Die Biologie unmittelbar tut wenig zur Sache. Auf die Diskussion, ob auch Frauen im Stehen pinkeln können[2], will ich mich nicht einlassen. Selbst wenn das nicht der Fall wäre, könnte man sich doch ohne weiteres für entsprechend ausgestattete Unisex-Toiletten entscheiden, und mit einiger Sicherheit hätte man sich nach allenfalls 30 Jahren daran gewöhnt. Mich stört an dem Artikel etwa anderes, nämlich die Darstellung der »binären Geschlechternorm als Gesamtkunstwerk«, das sich aus folgenden Annahmen zusammensetzt:

»Danach ist die Einteilung der Menschheit in zwei (und nur zwei) Gruppen möglich, die auf Grund angeborener und grundsätzlich unveränderlicher Geschlechtsmerkmale klar biologisch-leiblich zu unterscheiden sind. Ferner soll dem binären anatomischen Geschlecht eine binäre soziale Geschlechtsidentität mit geschlechtsspezifischen Eigen­schaften und Verhaltensweisen entsprechen und beide Geschlechterdimensionen (biologisch und sozial) in einer Person stets kongruent sein, während sich zugleich die anatomischen wie sozialen Geschlechtsausprägungen von zwei verschiedengeschlechtlichen Personen wunderbar ergänzen, weshalb auch heterosexuelles Begehren und verschiedengeschlechtliche Paare den Normalfall darstellen. Auf Grund dieser engen Verknüpfung von Geschlecht und sexuellem Begehren wird auch von Heteronormativität gesprochen.«

Dieser Ausgangspunkt ist ein Popanz, auf den man dann genüsslich dreinschlagen kann. Erstaunlich, dass Lembke als ausgewiesene Feministin an dieser Stelle auf die Unterscheidung zwischen Sex und Gender, zwischen biologischem und sozial-kulturellem Geschlecht verzichtet. So kommt es, dass sie auch nicht zwischen (biologischer) Normalität, Normativität und Normalismus unterscheidet. Normal bedeutet, dass Abweichungen vorkommen. Zwischen Normalität und Normativität steht die normative Kraft des Faktischen.[3] Normalismus ist eine soziale Norm, die das psychische Phänomen der normativen Kraft des Faktischen zur sozialen Norm macht.[4] Werden die Begriffe nicht auseinandergehalten, so unterlaufen enthymematische Fehl­schlüsse.

Wenn es dann heißt, keine der vorgenannten Annahmen sei wissenschaftlich haltbar, so ist das ein Selbstläufer, nachdem zuvor »binär« als reiner Dualismus eingeführt worden war. Anschließend (S. 213) kommt das biologische Geschlecht doch noch zu seinem (Un-)Recht. Die unbestrittene Tatsache, dass die Binarität der Geschlechter kein mathematisches Gesetz ist, das ausnahmslos gilt, sondern nur der biologische Normalfall, der allerhand Abweichungen kennt, muss dafür herhalten, dass es keinen Normalfall gibt. Da haben wir den Fehlschluss in Gestalt einer Inversion des biologischen Arguments, dem Lembke sonst –mit gutem Grund – skeptisch begegnet.

Dieses Argument stammt aus der Allianz des Feminismus mit der Queer-Bewegung, einer Allianz, die auf den ersten Blick höchst unwahrscheinlich wirkt. Die Queers [5] als Minderheit haben mit dem gesellschaftlichen Normativismus wirklich ein Problem. Die große Mehrzahl der Frauen dagegen lebt gut und gerne mit der Heterosexualität. Dass die Queers große Anstrengung darauf verwenden, ihre Diskriminierung durch die Aufhebung der Geschlechterdifferenz auszuräumen, und sei es auch durch kühne Neuinterpretationen der Biologie[6], ist deshalb verständlich. Ob dieser Ansatz erfolgversprechend ist, darf bezweifelt werden. Die Queers sind und bleiben eine Minderheit, und gerade deshalb ist ein permanenter Kampf gegen ihre Diskriminierung angesagt. Zu Recht stellt Lembke deshalb die Reihe der Entscheidungen des Bundesverfassungsgerichts heraus, mit denen jedenfalls die rechtlichen Diskriminierungen nach und nach abgebaut worden sind. Ob den Queers aber Unisex-Toiletten weiter helfen würden, ist nicht eigentlich Lembkes Problem. Sie fordert Unisex-Toiletten für alle, und zwar nicht im Interesse der Queers, sondern im Interesse der Frauen.

Die »bipolare Heteronorm« diskriminiert nämlich nicht nur die Minderheit der Queers, sondern auch die Heterofrauen. Das folgt daraus, dass in der Heterosexualität die hegemoniale Männlichkeit verfestigt ist. Dieses Dogma des Feminismus wird heute nicht mehr weiter begründet. Es genügt, sich dazu auf eine Autorität zu berufen, sei sie nun Butler oder Bourdieu. Man kann immer wieder nur über die Kritiklosigkeit staunen, mit der die Beobachtungen Bourdieus in der vormodernen Gesellschaft der Kabylen in die nachmoderne Gesellschaft des heutigen Mitteleuropa transferiert werden. Aber ich mache mir keine Illusionen, dass meine Bourdieu-Kritik eine Feministin überzeugen könnte, wenn sie diese denn überhaupt zur Kenntnis nähme. Daher sei hier konzediert, dass der Feminismus weiterhin gegen eine hegemoniale Männlichkeit antreten muss. Eben das soll durch die Einführung von Unisex-Toiletten geschehen, denn Hetero-Toiletten befestigen die binäre Geschlechternorm, und eben die gilt es zu zerstören.

Richtig ist daran sicher, dass Hetero-Toiletten die normalistische Heteronorm bestätigen. Diese triviale Annahme wird von Lembke ausführlich begründet. Fehlt eigentlich nur noch der Begriff der Hexis. Damit gewinnt der Text den Anstrich wissenschaftlicher Elaboration, der den unkritischen Leser verleitet, auch Prämissen und Konsequenzen zu akzeptieren. Auch wenn der Begründungs­aufwand insoweit überflüssig erscheint, sei doch ein Baustein markiert, nämlich der Begriff der »vorreflexiven Praktiken, die sich in die Körper einschreiben« (S. 229). Die Idee, dass der Körper solche Praktiken auch mitbringen könnte, fällt nicht unter die Denkmöglichkeit der Geschlechterforschung.

Der diskriminierende Charakter von Hetero-Toiletten ist also letztlich sekundär. Primär diskriminierend ist die patriarchalisch hegemoniale binäre Geschlechternorm. Die gilt es zu schwächen und auszuräumen. Das ist die Lösung der Queer-Theorie. Vom Feminismus sollte man einen Versuch erwarten, die binäre Geschlechternorm so zu gestalten, dass sie für beide Geschlechter vorteilhaft wird. Das ist das Dilemma der Geschlechterforschung: Ihre Allianz mit der Queer-Theorie hindert sie, ein positives Frauenbild zu formulieren. Es ist viel von Geschlechtsidentität die Rede. Aber die Geschlechterforschung verweigert den Frauen eine eigene Identität. Nicht einmal auf dem Klo dürfen sie Frau sein.

Gewinner ist die Rechtssoziologie (S. 238):

»Für die rechtssoziologische Forschung sind ›Toilettenfragen‹ äußerst interessant und relevant.«

Nachtrag vom 13. 8. 2019: Zitat Katrin Bauerfeins (lt. WAZ von heute):

Ich bin für Unisex-Toiletten in ICEs und für Sex an der
Uni.

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[1] Ulrike Lembke, Alltägliche Praktiken zur Herstellung von Geschlechts-Körpern oder: Warum Unisex-Toiletten von Verfassungs wegen geboten sind, ZfRSoz 38, 2019, 208-243.

[2] Lembke bei Fn. 17.

[3] Der Begriff stammt bekanntlich von Georg Jellinek. Dazu – aus heutiger Sicht zu grob – Röhl/Röhl, Allgemeine Rechtslehre, 3. Aufl. 2008, 130f. Das ist zu grob, erstens weil dort noch die Unterscheidung zwischen dem psychischen Phänomen der Nachahmung und dem sozialen Phänomen des Normalismus fehlt. Zweitens: Mit dem Faktischen meinte Jellinek das soziale Faktum der Übung oder Gewohnheit. Im Zusammenhang mit dem Naturalisierungsargument muss man aber auch die normative Kraft funktionaler Adäquanz bedenken.

[4] Jügen Link, Normal/Normalität/Normalismus, in: Karlheinz Barck/u. a. (Hg.), Ästhetische Grundbegriffe. Historisches Wörterbuch in sieben Bänden, 2010, Bd. 7, S. 538-562.

[5] Auf dem Feld der Geschlechterforschung hat mehr oder weniger alles, was man sagt, Konnotationen, an Hand derer man von Insidern qualifiziert oder disqualifiziert wird. Das Problem beginnt schon mit der zusammenfassenden Benennung der Menschen, die von der heterosexuellen Norm abweichen. Zeitweise konnte man diese Gruppe als LGBT ansprechen. Heute soll es wohl LGBTQIA+ heißen. Lembke spricht von den »von solchen binär-geschlechtlichen Erwartungen abweichenden Personen und Lebensformen, also von Transgender-Personen, Inter*-Personen, bisexuell oder homosexuell begehrenden Menschen und gleichgeschlechtlichen Paaren«. Ich bevorzuge die Benennung als Queer. Dieser Ausdruck war ursprünglich abwertend gemeint. Aber er hat sich zu einem Titel entwickelt, den die Gemeinten stolz für sich in Anspruch nehmen (können).

[6] (Der von Lembke als Beleg zitierte) Heinz-Jürgen Voß nimmt für sich in Anspruch, in seiner bei Rüdiger Lautmann entstandenen Dissertation den soziologischen Nachweis geführt zu haben, dass die Geschlechterdifferenz kulturell produziert und daher auch änderbar ist, weil die Geschlechterbiologie insofern immer von Vorannahmen ausgegangen sei, dass Geschlecht tatsächlich aber immer erst im Laufe der Zellentwicklung festgelegt werde (Heinz-Jürgen Voß, Making Sex Revisited. Dekonstruktion des Geschlechts aus biologisch-medizinischer Perspektive, 2010). Das letztere ist vermutlich richtig, ändert aber nichts daran, dass am Ende der Zellentwicklung im Normalfall eine Differenzierung in zwei Geschlechter steht; vgl. die prägnante Darstellung des Humangenetikers Eberhard Passarge, Wie viele Geschlechter gibt es?, FAZ vom 17. 4. 2019. Der verkappte Biologismus von Voß (und Lembke) wird deutlich, wenn man das Argument vergröbert: Die Geschlechterdifferenz ist irrelevant bzw. sozial konstruiert, denn es gibt Lebewesen, die sich ungeschlechtlich vermehren.


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Toilettengerechtigkeit

Als wir vor vielen Jahren mit unseren Kindern den Justizpalast in Brüssel besichtigten, suchten wir nach einer Toilette. Nach vielen Fragereien und langen Irrwegen fanden wir sie schließlich im Untergeschoss; einen Raum mit Dimensionen, die dem Palast in jeder Hinsicht entsprachen. Und an der Wand ein Graffito: Hoffentlich ist die Gerechtigkeit in diesem Hause nicht so versteckt wie die Toiletten.

Vor der Bundestagswahl ist Festivalzeit. Da springt an vielen Veranstaltungsorten immer wieder Toilettenungerechtigkeit ins Auge. Notorisch dafür ist das Festspielhaus in Recklinghausen. Während die Männer in den Pausen flüssig ihre Geschäfte erledigen, drängen vor den Damentoiletten druckvoll die Warteschlangen.[1] Man darf die Toilettengerechtigkeit nicht auf Geschlechtergerechtigkeit reduzieren. Die Schultoilette ist zum Wahlkampfschlager geworden.[2] In vielen Ländern der Welt bedeuten unzureichende Toiletten ein Hygieneproblem, und aus Indien hört, man, dass dort immer noch viele Menschen gezwungen sind, ihre Notdurft am Rande des Tages am Rande der Straßen zu verrichten. Doppelte Ungerechtigkeit ruft der Anthropozentriker, steht doch hierzulande nur den Hunden, nicht aber den Menschen der Straßenrand offen.

Den Anstoß, über Toilettengerechtigkeit nachzudenken, gab die Ankündigung einer Sendung über Einkaufsgerechtigkeit im WDR. Geschlechtergerechtigkeit und Generationengerechtigkeit sind geläufig. Jetzt braucht es nur noch wenig Phantasie, um einen ganzen Strauß von Gerechtigkeitsblüten zusammenzustellen. Er könnte Dieselgerechtigkeit und Parkplatzgerechtigkeit[3] enthalten, Fußballgerechtigkeit oder – last, not least – Golfgerechtigkeit. Für Dieselgerechtigkeit setzt sich Ministerpräsident Laschet ein. Die Fußballgerechtigkeit hat durch die Einführung des Video-Assistenten erheblich gewonnen. Für die Golfgerechtigkeit gibt es noch einiges zu tun, nachdem der Kanzlerkandidat einer großen Partei uns hat wissen lassen, ihn interessierten Golffahrer mehr als Golfspieler. Da schließt sich der Kreis. Manche Golfplätze sind anscheinend nur für Männer bestimmt, obwohl dort Damenabschläge eingerichtet sind. Für Männer gibt es überall Bäume und Büsche, für Damen Trinkdisziplin.

Man kann die Sache ins Lächerliche ziehen. Aber sie hat einen ernsten Hintergrund. Die eine ungeteilte Wahrheit war einst das Ziel der Wissenschaft. Die eine Gerechtigkeit war der Leitstern des Rechts. Postmoderner Perspektivismus hat die Wahrheit fragmentiert. Mit dem Ruf nach sozialer Gerechtigkeit begann die Fragmentierung der Gerechtigkeit. Mit der Geschlechter-gerechtigkeit nahm sie ihren Fortgang. Nun gibt es wohl kein Halten mehr. Gerechtigkeitsperspektiven haben die Fragen nach sozialer Ungleichheit, nach Diskriminierung, Macht und Herrschaft verdrängt. Gerechtigkeit hat ein wenig von ihrem Glanz als Sehnsuchtsort verloren.

Nachtrag vom 9. 9. 2017: War ich doch sicher, die Toilettengerechtigkeit erfunden zu haben. Aber sie war schon von anderer Seite entdeckt worden.

 

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[1] Das Problem ist natürlich nicht neu. Vgl. etwa Rainer Erdinger, Der kleine Unterschied, Süddeutsche Zeitung Magazin 33/2016.

[2] Corinna Budras, Wer traut sich auf das Schulklo?, FamS Nr. 34 vom 27. 8. 2017 S. 19.

[3] In Bochum soll demnächst das neue Justizzentrum eröffnet werden. Aus diesem Anlass schreibt ein Leser an die WAZ: »Da wir alle vor Gericht gleich sind, ob Richter, Schreibkraft oder Angeklagter, sollen wir doch auch alle gleiches Anrecht auf einen Parkplatz haben. Oder ist dieeses Recht vor Gericht nicht anzuwenden?«

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