Bourdieus Diagnose männlicher Herrschaft bei den Kabylen als normativer Rückschaufehler

Dies ist die erste Fortsetzung meiner Kritik an Pierre Bourdieus Konzept der männlichen Herrschaft.

Bourdieus Goffman-Preisrede von 1996 Männliche Herrschaft revisited (ähnlich die anderen Texte zur männlichen Herrschaft[1]) beginnt nach einigen Präliminarien mit einer methodischen Vorbemerkung:

»Wenn wir versuchen, männliche Herrschaft zu denken, sind wir in Gefahr, auf Denkweisen zurückzugreifen oder uns ihnen unterzuordnen, die selbst Produkte von Jahrtausenden männlicher Herrschaft sind. Ob wir wollen oder nicht, der Mann oder die Frau, welche die Analyse durchführen, sind selbst Teil des Objekts, das sie zu begreifen versuchen. Denn er oder sie hat in Gestalt unbewußter Schemata der Wahrnehmung und der Anerkennung die historisch sozialen Strukturen männlicher Herrschaft internalisiert.« (MHR 89)

Abstrakt geht es hier um das viel bedachte Problem der Involvierung des Beobachters in das Forschungsfeld.[2] Praktisch gibt man sich meistens damit zufrieden, dass man zusätzlich zur Beobachtung des Objektbereichs sich selbst als Beobachter beobachtet. Bourdieus Rezept ist in diesem Falle der Umweg über die Ethnologie, die helfen soll, Distanz von dem nur allzu vertrauten Forschungsfeld zu gewinnen.

»Um aus dem Teufelskreis herauszukommen, in dem wir, ohne es zu wissen, die unbewußten (männlichen) Kategorien zu Instrumenten der Analyse männlicher Herrschaft machen, die eben von dieser Herrschaft hervorgebracht wurden, beschloß ich, von der anthropologischen Analyse eines besonderen historischen Falles auszugehen, … . In diesem Fall handelt es sich um die Welt der Kabylen in Algerien, bei denen ich in den fünfziger und sechziger Jahren Feldforschungen durchgeführt habe.« (MHR 90 r. Sp.)

Kritikerinnen haben Bourdieu zum Vorwurf gemacht, es sei ihm nicht gelungen, sich aus dem »Teufelskreis« männlicher Herrschaft zu befreien.[3] Ich meine, dass er sich noch tiefer in epistemischen Teufelskreisen verfangen hat, denn er bleibt bei der Selbstbeobachtung als Beobachter auf halber Strecke stehen. Bourdieu  weiß schon, woher eine mögliche Befangenheit kommen könnte, nämlich aus der Teilhabe an »Jahrtausenden männlicher Herrschaft«. Damit erübrigt sich im Grunde von vornherein die Frage nach der Substanz männlicher Herrschaft. Es wird nur noch ihr »modus operandi« beobachtet. So gerät der Beobachter in einen engeren »Teufelskreis«, den ich den androzentristischen nenne. Androzentrisch ist die Objektwelt, in der sich alles um Männer dreht. Androzentristisch nenne ich den Beobachter, der mit der Hypothese ans Werk geht, dass die Objektwelt androzentrisch sei, mit der Folge, dass er alle Beobachtungen im Sinne dieser Hypothese interpretiert.

Der ethnologische Blick ist in diesem Falle sogar kontraproduktiv, denn Bourdieu hat nicht erkennbar bedacht, dass er selbst in der Moderne lebte, die den Gedanken einer männlichen Herrschaft überhaupt erst möglich gemacht hat. Die Kabylen, die ihm den Ausweg aus dem »Teufelskreis« zeigen sollen, hatten wohl kaum einen Begriff für männliche Herrschaft. Zwar weist Bourdieu mehrfach darauf hin, dass männliche Herrschaft (erst) in der Moderne zum Gegenstand der Kritik geworden sei. Aber er reflektiert nicht, dass er ein modernes Schema über eine vormoderne Gesellschaft stülpt. Er bedenkt nicht, dass in den kabylischen Praktiken »der spezifische kontingente Code idealer Reproduktion« schon eingebaut ist[4], so dass sie nicht als »paradigmatisch« (MH 15) gelten können.

Soziologen die sich auf vormoderne Gesellschaften beziehen, haben mit Historikern und Ethnologen ein Problem gemeinsam. Sie stehen vor der Frage, mit welchen Methoden sie beobachten und mit welchen Wertungen sie ihre Beobachtungen interpretieren sollen. Wenn sie ihre aktuellen Methoden und Wertungen verwenden, so laufen sie Gefahr, einen Rückschaufehler zu machen. Als Rückschaufehler ist die Verzerrung geläufig, die bei der retrospektiven Beurteilung komplexer Kausalverläufe einritt.[5] Analoge Verzerrungen entstehen, wenn jüngere Sichtweisen auf ältere Gesellschaftszustände treffen. Dann können methodische und normative Rückschaufehler unterlaufen.

Methoden scheinen auf den ersten Blick zeitlos zu sein. (Nicht erst) der Konstruktivismus hat uns eines anderen belehrt. Eine methodisch saubere Beobachtung verlangt nach konsistent verwendeten Begriffen. Die findet man nicht in einem Begriffshimmel, sondern sie werden von Wissenschaftlern »konstruiert«. Im Zusammenhang mit den hier diskutierten Bourdieu-Texten geht es insbesondere um die Begriffe Männlichkeit und Herrschaft. Der Männlichkeitsbegriff, den Bourdieu verwendet[6], ist ein Konstrukt erst des modernen Feminismus. Die Konstruktionsarbeit lässt sich gut an einem Aufsatz von Maria Osietzki[7] beobachten. Sie etikettiert zunächst das objektivistische Wissenschaftsideal als androzentrische Sichtweise und hat danach keine Schwierigkeiten mehr, den Umgang der Physik mit dem zweiten Hauptsatz der Thermodynamik aus der »Hegemonie bürgerlicher Männlichkeit« zu erklären. Bourdieu konstruiert Männlichkeit mit Spolien aus der Psychoanalyse (z. B. MHR 91 li. Sp.).

An einem sozialwissenschaftlichen Konstruktivismus im Sinne von Berger und Luckmann führt kein Weg vorbei. Radikalere Formen des Konstruktivismus vernachlässigen oft die Selbstreferentialität der Methode. Sie suchen soziale Konstruktionen im Objektbereich und vernachlässigen die Kontingenz ihrer Beobachtungsinstrumente. Dann werden auf der Objektebene Phänomene gefunden, die es dort noch gar nicht gab, weil man dafür keine Begrifflichkeiten hatte. So entstehen bei der Analyse historischer Sachverhalte oder vormoderner Gesellschaften Rückschaufehler.

Was den Herrschaftsbegriff betrifft, so schlägt sich der Rückschaufehler in der Wahl eines undefinierten, sehr weiten und damit rhetorischen Herrschaftsbegriffs nieder. Er dient dazu, Vorstellungen über männliche Herrschaft, die in der Moderne partiell zutreffen, in die Vormoderne der Kabylei zu transportieren, um sie sich dort bestätigen zu lassen und sie alsdann zurückzuholen und zu generalisieren. Bourdieus Herrschaftsbegriff geht jedes subjektive Element ab, so dass Herrschaft auf Struktur hinausläuft. Herrschaft ist unabhängig von Bewusstsein, Willen und Ziel der Herrschenden und entsprechend unabhängig von dem Bewusstsein der Unterdrückung.[8] In der Kabylei mag die männliche Herrschaft unpersönlich gewesen sein. Dann wären die dortigen Verhältnisse aber nicht »paradigmatisch« für die Moderne. In der #Me-too-Debatte geht es gerade um subjektiv erlittene Herrschaft individueller Akteure. Zwar gehören Opfer und Täter der Entertainment-Industrie und damit einem »sozialen Feld« mit spezifischen Strukturen an. Zu den handlungsleitenden Strukturen gehört neben der Geschlechterdifferenz auch eine Festlegung auf die Produktion von virtueller Erotik und Sexualität als Erfolgsbedingung. Aber die ganze Debatte dreht sich um individuelle Verantwortung.

Geradezu undenkbar scheint für Bourdieu, jedenfalls im Zusammenhang mit dem Geschlechterverhältnis, die weitere Frage gelegen zu haben, ob Herrschaft auch ohne Ausbeutung möglich ist, ob nicht bestimmte historische Formen der Ungleichheit im Geschlechterverhältnis positive Funktionen gehabt haben können. Bourdieu bewegt sich »doxisch« in der Tradition der Machtkritik, der Herrschaft als von vornherein als repressiv und illegitim erscheint. Die Möglichkeit konstitutiver und produktiver Herrschaft kommt ihm – anders als Foucault – nicht in den Blick. Vormoderne Strukturen erscheinen als kritikwürdige Herrschaft, obwohl sie zu ihrer Zeit nicht als solche empfunden wurden. Das läuft auf einen retrograden Maternalismus hinaus.

Auf den methodischen folgt der normative Rückschaufehler. Historiker, Ethnographen und Soziologen können nicht schlicht objektiv beobachten. Ihre Interpretationsarbeit beginnt schon bei der Auswahl der für relevant gehaltenen Quellen und Zeugnisse, und sie schreitet fort bis zur offenen Bewertung. Historiker begegnen diesem Problemkreis mit einem Kranz von Geschichtstheorien.[9] Was hier Rückschaufehler genannt wird, vermeidet wohl am ehesten der so genannte Historismus, wenn man darunter eine Betrachtungsweise versteht, die die jeweilige historische Situation um ihrer selbst willen betrachtet. Diese Vorstellung hat Leopold von Ranke klassisch formuliert:

»Jede Epoche ist unmittelbar zu Gott und ihr Wert beruht gar nicht auf dem, was aus ihr hervorgeht, sondern in ihrer Existenz selbst … .«[10]

Solcher Historismus verzichtet auf einen übergreifenden Wertmaßstab für gestern und heute und erweist sich damit als ein relativer Relativismus, relativ insofern, als nur die Nähe zur Gegenwart ein übergreifendes historisches Urteil erlaubt oder gar fordert. So ist es keine Frage, dass das Geschehen der Nazizeit historisches Unrecht war, weil die dafür maßgeblichen Wertungen nicht erst ex post entstanden sind.

Eine Entsprechung zum Historismus findet sich in dem methodischen Grundsatz der Ethnologie, der besagt, dass der Ethnologe seine Beobachtungen innerhalb des kulturellen Codes der beobachteten Gesellschaft zu interpretieren habe, ein Grundsatz, der eigentlich schon seit Malinowski geläufig war, aber erst zeitlich nach Bourdieus Algerienaufenthalt größere Aufmerksamkeit gewann, nachdem Clifford Geertz die Rolle des Ethnographen als Interpreten stark gemacht hatte[11]. Diesen Grundsatz verletzt Bourdieu, der sich als Ethnologe versteht, indem er die Verhältnisse bei den Bergbauern in der Kabylei als »paradigmatische Form« männlicher Herrschaft vorstellt (MH 15). Das läuft auf einen normativen Rückschaufehler hinaus, wo eine retrograde Bewertung angezeigt gewesen wäre. Dieser Fehler durchzieht die gesamte Interpretation seiner Beobachtungen, und er wirkt sich auch auf tauschtheoretische Ansätze aus, denn für die Beurteilung eines Tauschs als angemessen, fair oder gerecht verwendet er nicht die Maßstäbe der Beteiligten, sondern seine mit dem zeitgenössischen Feminismus geteilten Werte.

Bourdieus präsumtive Antwort auf den Vorhalt eines normativen Rückschaufehlers findet man in einer Fußnote in »Sozialer Sinn« (SS) S. 231: Dort schreibt er:

»Die Frage nach dem relativen Wert der Herrschaftsweisen – die von den Rousseauschen Anspielungen auf Urparadiese oder den amerikanozentrischen Abhandlungen über »Modernisierung« zumindest implizit gestellt wird – ist völlig ohne jeden Sinn und kann nur zu definitionsgemäß endlosen Debatten über die Vorzüge und Nachteile des Vorher und des Nachher führen, die höchstens insofern von Interesse sind, als sie die Gesellschaftsphantasien des Autors enthüllen, d. h. sein nicht analysiertes Verhältnis zu seiner eigenen Gesellschaft. Wie in allen Fällen, wo es darum geht, ein System mit einem anderen zu vergleichen, kann man ohne Ende Teilvorstellungen der beiden Systeme einander gegenüberstellen (z. B. Verzauberung vs. Entzauberung), deren affektive Färbung und ethische Konnotationen unterschiedlich sind, je nachdem, ob sie vom Standpunkt des einen oder des anderen Systems entwickelt werden. Einzig legitimer Vergleichsgrund sind die Systeme als solche, was jede andere Wertung als die in der Logik der Entwicklung faktisch mitenthaltene untersagt.«

Ob Bourdieu die herablassende Bemerkung über die »Gesellschaftsphantasien« anderer Autoren auch für seine eigene Suche nach »praktischen Utopien«[12] hätte gelten lassen? Ich bestreite, dass es Bourdieu gelungen ist, sich auf die jeweils systeminterne Entwicklungslogik zu beschränken, und behaupte, dass er mit einer herrschaftskritischen Grundeinstellung Wertvorstellungen einer aufgeklärten Moderne auf vormoderne Gesellschaften übertragen hat. Das wäre nur halb so schlimm, wenn dieser Rückschaufehler nicht dazu gedient hätte, die androzentristische Sicht auf die Moderne zu bestätigen.

Fortsetzung folgt.

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[1] Folgende Texte werden mit Abkürzungen zitiert:
Die männliche Herrschaft, in: Irene Dölling/Beate Krais (Hg.), Ein alltägliches Spiel. Geschlechterkonstruktion in der sozialen Praxis, 1997, 153-217 = MH 1997;
Männliche Herrschaft revisited, Feministische Studien 15, 1997, 88–99 = MHR;
Die männliche Herrschaft, 2005 = MH;
Entwurf einer Theorie der Praxis auf der ethnologischen Grundlage der kabylischen Gesellschaft, 1992 = ETP;
Sozialer Sinn, 1993 = SS.

[2] Zum Umgang Bourdieus mit dem Objektivismusproblem Boike Rehbein, Die Soziologie Pierre Bourdieus, 3. Aufl. 2016, 51ff; Steffani Engler/Karin Zimmermann, Das soziologische Denken Bourdieus – Reflexivität in kritischer Absicht, in: Uwe H. Bittlingmayer u. a. (Hg.), Theorie als Kampf?, 2002, 35-47.

[3] Beate Krais in: Kontroversen über das Buch »Die männliche Herrschaft« von Pierre Bourdieu, Feministische Studien 20, 2002, 290-296, S. 292.

[4] Andreas Reckwitz, Die Reproduktion und die Subversion sozialer Praktiken. Zugleich ein Kommentar zu Pierre Bourdieu und Judith Butler, in: Karl H Hörning/Julia Reuter (Hg.), Doing Culture, Neue Positionen zum Verhältnis von Kultur und sozialer Praxis, Bielefeld 2004, S. 40-53, S. 50.

[5] Grundlegend Baruch Fischoff, Hindsight Is Not Equal to Foresight: The Effect of Outcome Knowledge on Judgment Under Uncertainty, Journal of Experimental Psychology 1, 1975, 288-299.

[6] Relativ ausführlich zur Herausbildung der geschlechtlichen Identitäten SS 122-146.

[7] Maria Osietzki, »Dämon« gegen »Wärmetod«: Energie und Information in der männlichen Naturaneignung des 19. und 20. Jahrhunderts, Freiburger FrauenStudien 2001, 89-112.

[8] Diesen Gesichtspunkt greift Frithjof Nungesser auf: Ein pleonastisches Oxymoron. Konstruktionsprobleme von Pierre Bourdieus Schlüsselkonzept der symbolischen Gewalt, Berlin J Soziol 27, 2017, 7-33.

[9] Meine laienhafte Rezeption der Geschichtstheorien habe ich in einem Aufsatz »Wozu Rechtsgeschichte?« notiert (JURA 1994, 173-178).

[10] Uber die Epochen der neueren Geschichte, Nachdruck Darmstadt 1954, S. 7.

[11] Clifford Geertz, The Interpretation of Cultures, 1973.

[12] Pierre Bourdieu, Praktische Vernunft, 1985, 99.

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