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Travelling Models VI: Isomorphie der Organisationen (Teil II)

Nun endlich zu den einschlägigen Texten Rottenburgs.1 Er beruft er sich, wie gesagt, auf die drei Formen des institutionellen Isomorphismus nach DiMaggio und Powell. Für den Blick auf den Sudan interessiert ihn aber nicht, wie rechtliche Anforderungen und die normierende Kraft der Professionen formale Organisationen hervorbringen und einander immer ähnlicher werden lassen. Vielmehr konzentriert er sich auf das Phänomen der Nachahmung anscheinend erfolgreicher Gestaltungen:

»What predominantly interests me is mimetic isomorphism, an orientation towards images from the First World, which are presented by all parties as contextually independent, infallible models.« (1996 S. 194)
»Under the paradigm of mimetic isomorphism, formal organization is presented as a model which, like other models and images, is constructed and spreads through imitation.« (1996 S. 196)

Aber so einfach ist die Sache dann doch nicht. Für gewöhnlich wird Nachahmung damit erklärt, dass die Übernahme anscheinend erfolgreicher Handlungsweisen von der Unsicherheit der Entscheidung über komplexe Kausalverläufe entbinde. Rottenberg weist diese Erklärung zurück.

»Mimesis is sometimes fundamentally different from a well-thought-out orientation towards an example or model.« (1996 S. 196)

Das wird man ohne weiteres akzeptieren. Erklärungsbedürftig ist aber die Fortsetzung:

»The modelling of the Lake Transport Company which I shall use as a case in point does not lead to a reduction of uncertainty, but to an increase, and business success fails to materialize too. The actors continue mimetic isomorphism as though totally unmoved by this.« (S. 196)

Nachahmung hängt natürlich nicht von dem definitiven, sondern nur von dem ex ante erwarteten Erfolg ab. Die Nachahmung steckt hier anscheinend nicht in der ursprünglichen Gründung der Lake Transport Company, von der es heißt:

»In 1970, the River Authority responsible for the hydroelectric power station and the development of the lake area formed the Lake Transport Company in collaboration with a private European firm.« (1996 S. 198)

Nachahmung findet Rottenburg vielmehr in der über Jahrzehnte fortdauernden Implementation des Modells (»the actors continue mimetic isomorphism«). Da ist es in der Tat bemerkenswert, dass man an dem Modell festhält, obwohl es nicht den erwarteten Erfolg bringt.

Als Quintessenz der neoinstitutionalistischen Organisationstheorie lässt sich festhalten, das formale Organisationen auf eine informale Basis angewiesen sind. Wenn sie von dem generalisierten Rationalitätsglauben ihrer Mitglieder und ihrer Umgebung getragen werden, entwickelt sich intern vor allem eufunktionale Informalität. Das zeigt im Umkehrbild Rottenburg für den Sudan im Jahre 1996. Er zeigt, dass einer formalen Organisation, jedenfalls damals im Sudan, die institutionelle Umgebung fehlte, an der sie sich hätte aufhängen können. Im Beispiel von Lake Transport habe sich unvermeidlich Klientelismus entwickelt, da in den Augen der Beteiligten die mit der importierten formalen Organisation verbundenen Vorstellungen von gleichen Rechten und der Zuteilung von Status und Belohnung nach Leistung bei den Beteiligten, die sich an traditional zugeschriebenem Status orientierten, die Legitimität fehle (1996 S 229f).

»Bürokratie und Markt sind die beiden mächtigsten Gleichmacher, und die bürgerliche (wie auch die sozialistische) Moderne ist diejenige Gesellschaftsform, wo das Recht auf Differenz am radikalsten diskreditiert ist. In nicht-modernen Gesellschaften hingegen reklamieren Individuen und Gruppen ein unwiderrufliches Recht für sich, verschieden zu sein, andere Bedürfnisse zu haben und unterschiedlich behandelt zu werden. Hier kommen Geschlecht, Seniorität, Abstammung, Status und idiosynkratische Neigungen als Attribute zum Tragen, die den Austauschbeziehungen quasi vorgelagert sind und nicht jedesmal wieder zur Disposition stehen.« (1995a S. 21; ähnlich 1996 S. 203)

Rottenburg benennt hier also die Akzeptanz von Statusdifferenzierungen als informelle Institution, die der auf Gleichheit und Leistungsprinzip gründenden formellen Institution in die Quere kommt, und die generalisierte Reziprozität verbunden mit einem Ethos der Brüderlichkeit als persistente Moralökonomie.

Nun erwartet man vielleicht eine Fortsetzung derart, dass es für die Entwicklungszusammenarbeit darauf ankomme, eine eher langfristige Perspektive einzunehmen in der Hoffnung, in den fraglichen Ländern werde der Rationalitätsglaube wachsen, bis er als informale Basis formaler Organisationen dienen könne. Aber Rottenburg will nicht bei der Annahme stehen bleiben, dass einige Kulturen eine informale Basis entwickeln, die rationale und formale Strukturen tragen, während andere eine sozusagen subversive Informalität aufweisen (1996 S. 208).

»The question is, therefore, why, in the case of Japan, do we hear so much about the supposedly outstanding effectiveness of informal relations compared to the bureaucratic model? And why, on the other hand, are informal relations predominantly seen as strategies of subversion when they occur in South America, Asia and Africa?« (1996 S. 207)

Für die Antwort dürfe man nicht wie üblich fragen, wie die Implementierung formaler Organisationen durch traditionell geprägte informelle Netzwerke behindert werde, sondern müsse umgekehrt überlegen, wieso sich im Kontext solcher Netzwerke formale Organisationen ansiedeln. Die Umkehrung der Frage ist freilich gar nicht so einfach, denn die Übernahme formaler Organisationen wurde in einer ersten Stufe in der Zeit des Kolonialismus erzwungen und wird seit der Dekolonialisierung durch die Entwicklungshilfe erkauft. Sie ist also alles andere als »freiwillig«. Die Frage kann daher nur lauten:

»Welche Bedeutung haben formale Organisationssysteme im Kontext informeller Netzwerke? Das Thema so aufzuwerfen, heißt gleichzeitig zu fragen: Welche Rolle spielen dabei jene neuen Ideen und Artefakte, die in einem globalen Diskurs umherwandern, um von einzelnen Akteuren aufgegriffen und in ihren lokalen zeiträumlichen Kontext übersetzt zu werden? Und was bedeutet es, wenn das Modell ›formale Organisation‹ selbst zu diesen Ideen/Artefakten gehört? Auf jeden Fall aber wird durch die Umkehrung der Frage vermieden, durch den sozialwissenschaftlichen Diskurs einen Bereich des Rationalen von einem Bereich des Irrationalen zu trennen, für den man sich dann allein zuständig fühlt.« (1995a S. 20; ähnlich 1996 S. 203)

Hier ist er wieder, der ethnologische Rationalitätsbegriff, der keiner ist, weil er sich nicht auf eine bestimmte Bedeutung von Rationalität festlegt, sondern kulturrelativistisch mit den Konnotationen der Benennung spielt. »Das Religiöse ist genauso rational erklärbar wie jeder andere modus of existence in der Welt.«, so liest man in dem Blog der Hallenser Ethnologie. In diesem Sinne »rational« erklärbar ist jedes Verhalten, das objektiv irgendeine soziale Funktion hat und subjektiv nicht unter die psychiatrische Diagnose der Verwirrung fällt. Aber nicht alles, was sich rational erklären lässt, ist deshalb schon selbst »rational«. Das gilt auch dann, wenn Rationalität die Folge von Institutionalisierung ist. » … institutionalization makes clear what is rational in an objective sense. Other acts are meaningless, even unthinkable«.2 »In an objective sense« heißt aber nur, dass der soziale Ursprung und mit ihm die Kontingenz nicht ins Bewusstsein gelangt. Solche Objektivität und lässt sich dekonstruieren, und dann kommt oft Irrationales zu Tage. Am Rationalitätsbegriff kann man die Dinge nicht festmachen. Aber es ist sicher richtig, dass sich auch Sozialwissenschaft nicht immer von Bewertungen freihält und deshalb über die wertrationale Hochschätzung von Gleichheit, universellen Rechten und ökonomischer Effizienz andere Wertrationalitäten vernächlässigt. Und deshalb ist es angebracht, dass Rottenburg uns eine Lektion über das institutionalisierte System der generalisierten Reziprozität mit seinem Ethos der Brüderlichkeit erteilt (1995a, S. 21ff; 1995b S. 101). Er betont dabei den Unterschied zwischen Äquivalententausch – bei Rottenburg (1995a S. 24) »balancierte« Reziprozität – und der in der Ethnologie als Gabentausch geläufigen generalisierten Reziprozität. Bei letzterer geht der Status der Beteiligten als Beitrag in den Austauschvorgang ein.3

»reklamieren Individuen und Gruppen ein unwiderrufliches Recht für sich, verschieden zu sein, andere Bedürfnisse zu haben und unterschiedlich behandelt zu werden. Hier kommen Geschlecht, Seniorität, Abstammung, Status und idiosynkratische Neigungen als Attribute zum Tragen, die den Austauschbeziehungen quasi vorgelagert sind und nicht jedesmal wieder zur Disposition stehen. …
Nicht weil sie wirklich gleich sind oder Gleiches tauschen, sondern weil sie ihre Ungleichheit annehmen und nicht ständig in Frage stellen, deuten sie ihre internen Tauschbeziehungen als Gabentausch, als System generalisierter Reziprozität. Hier wird nicht aufgerechnet, sondern davon ausgegangen, daß sich Schulden auf lange Sicht kompensieren; der gute Ton verbietet es, überhaupt von Schulden und Erwiderung zu sprechen.« (1995a S. 21)

Und deshalb darf auch nicht »quid pro quo« oder gar mit Geld vergolten werden. Das würde den symbolischen oder Vertrauensgehalt des Gabentauschs zerstören (und wäre in der Tat Korruption).

Auch im Sudan von 1996 hat die Idee formaler Organisation jedenfalls soweit Fuß gefasst, dass sie sich nicht mehr aus der Welt schaffen lässt.

»The world of formal organization is the home of the idea of rationalization, which can annul old privileges and break up well-practised solution methods. The bare existence of a formal organization is evidence that some actors have been able in this way to launch legitimating discourses which then developed into intentional formal structures.« (1996 S. 239)

Daraus folgt, dass bei der Implementierung des Modells »formale Organisation« in traditioneller Umgebung ständig Legitimitätsfragen ausgehandelt werden.

»The main and prior goal here is increasing acceptance and legitimacy. Raising efficiency is something derived, even if it is considered to be the ultimate goal. This way of looking at organizational isomorphism means, however, that the surface or the façade is being rehabilitated following its modernistic denunciation. Saving face, an attitude which modernists like to ascribe to ›irrational‹ individuals and ›pre-modern‹ societies, re-appears as something important and, in a sense, reasonable. Honour and shame are now discovered – of all places – where cool economic rationality was expected.« (1996 S. 195)

Scham und Ehre sind Attribute, die man für gewöhnlich nur Personen zuspricht. Hier dient der Gleichklang von face und façade als Brücke zu dem Aufsatz von Meyer und Rowan, dessen Kernaussage anscheinend lautet, dass man formale Organisationen nicht funktionalistisch als zweckrational organisierte und arbeitende Einheiten ansehen dürfe, da ihre formale Seite nur eine eine legitimierende Fassade (S. 233f) sei. Die zentrale Aussage von Meyer und Rowan ist aber eine andere. Sie behaupten nicht das Versagen von Organisationen, sondern erklären im Gegenteil, dass formale Organisationen erfolgreich sind, obwohl die Formalität nicht wirklich durchgehalten wird. Die rituelle Pflege des formalen Außenbildes ist – wie gesagt – keine Täuschung, sondern sondern hilft den Beteiligten, ihr Gesicht zu wahren, wenn sie abgekoppelt von der Form ihr Arbeit verrichten. Sie verbreitet eine Aura des Vertrauens innerhalb und außerhalb der Organisation.

Auch das gibt es, Organisationsfassaden, die auf Täuschung oder jedenfalls Verschleierung angelegt sind. Rottenburg spricht von der Spiegelfassaden oder Potemkinschen Dörfern (1996 S. 240). Aber das ist nicht die zeremonielle Fassade, von der bei Meyer und Rowan die Rede ist.4 Dort wird diese Fassade von innen und außen durch einen festen Rationalitätsglauben gestützt. Gerade daran fehlt es aber in Afrika. Deshalb ist es schwer verständlich, wie die formale Seite der Organisation zwischen verschiedenen Legitimationsdikursen vermitteln kann.

»Unter anderem hat sich … die Aufmerksamkeit dafür geschärft, daß es beim Herstellen eines Handlungskonsenses weniger darum geht, sich möglichst vollständig zu verständigen, als darum, sich zeremoniell auf eine äußere Form oder Fassade zu einigen, die verschiedene Inhalte zulässt.« (1995b S. 94)

Die formale Seite der Organisation lässt eigentlich keine verschiedenen Inhalte zu, es sei denn, sie diene von vornherein nur der Irreführung. Deshalb ist die Fassadenmetapher in Rottenburgs Texten eher verwirrend.

Wenn angesichts der Persistenz generalisierter Reziprozität im Sudan und anderswo in Afrika das moderne Angebot formaler Organisationen akzeptiert wird, dann doch letztlich, um es in das informale Netzwerk einzupassen.

» … the formal structures are built up intentionally by people. And certainly, the actors involved do not only intend to open a discourse of equal rights and opportunities, and to establish an effective service to the public interest. They are probably just as interested in improving their own individual lives via the positions and action opportunities of the formal system. In concrete terms, this often means strengthening their role in the informal network via a role in the formal system. For this they need and want the formal system.« (1996 S. 209)

Formale Organisationen sind vielfach mit der Verteilung knapper Ressourcen befasst. Sie sind Empfänger von Entwicklungshilfe. Sie bieten Arbeitsstellen, Wasser- und Telefonanschlüsse, medizinische Behandlung usw., die nach »rationalen« Gesichtspunkten wie Leistung, Gleichheit und Priorität zugeteilt werden sollen. Wer dort aufsteigt, gewinnt Tauschmöglichkeiten, die über das traditionelle Maß hinausgehen. Daraus entsteht Patronage.

»Wenn Mitglieder eines informellen Netzwerkes im formellen System aufsteigen, wird es ihren Tauschpartnern schwerfallen, ihre Beiträge in der gleichen Währung und m derselben Höhe zu erwidern. Zudem werden die Aufsteiger nun mehr an Loyalität interessiert sein, die sie am ehesten dadurch aufbauen und bewahren daß sie ihre Tauschpartner im ›Schatten der Verschuldung‹ (Gouldner) lassen. Auf diese Weise spielt sich eine Patron-Klient-Beziehung ein. Die eine Seite, der Patron (zumindest in der Literatur immer ein Mann), bringt vor allem den Zugang zu begehrten Positionen und Aufträgen, politischen Schutz sowie Hilfeleistungen in Not ein. Die andere Seite, die Klientel, antwortet mit persönlicher Loyalität gerade auch m politischen und ideologischen Dingen, mit kleineren Diensten und mit Informationen aus Bereichen, die dem Patron wegen seiner gehobenen Position nicht mehr zugänglich sind, auf die er aber besonders angewiesen ist.« (1995a S. 27; ähnlich 1996 S. 206).

Und solche Patronage wiederum macht die (neuen) Statusunterschiede erträglich:

»Hierarchies are padded out with patron-client relations not because something or other is not working properly, but because asymmetries in the social exchange only appear to be acceptable under the guise of protection and loyalty between people.« (1996 S. 208)

Wenn dann tatsächlich die formale Organisation für Eingaben in das informale Netzwerk genutzt wird, entstehen natürlich Rollenkonflikte:

»The donor of a gift, however, is involved in a conflict of loyalties, since the setting aside of resources for a friend means breaking the rules of the formal system, as in the case of the director of a telephone company who has a phone installed for a friend who would otherwise have been on the waiting list for two years. The practice of allocating telephone lines, like any other practice, requires a representational mode, a theoretical construct defining how things should be in a specific field. … On the one hand, it is supposed to make the practice of allocating telephones look like the implementation of a plan that is rationally oriented towards the principle of efficiency. On the other hand, it is supposed to make practice look fair and legitimate in the eyes of as many people as possible.« (1996 S. 204)

Hier tritt das Ethos des informalen Netzwerks mit der Rationalität der formalen Organisation in Streit. Doch diese beiden Positionen sollen wir nicht als diametrale Gegensätze verstehen, denn auf beiden Seiten seien sowohl Ethos wie Rationalität vertreten (1996 S. 205).

»… if the reciprocity ethos among people who perceive themselves as belonging to the same ›community of brothers‹ still holds sway in situations where, from a western perspective, transactions ought to be carried out according to quite different rules, then this primarily points to certain social obligations being regarded as holy … . They cannot be neglected without considerable negative consequences.« (1996 S. 208)
»It is not so much a matter of two separate worlds as of two types of discourse which are continually intersecting and traversing each other: one cannot exist without the other and vice versa.« (1996 S. 209)

Die Prägung der sozialen Beziehungen durch sozialen Tausch im Sinne generalisierter Reziprozität, getragen von einer »ideology of kinship and friendship« ist primär und füllt alle Spielräume, die formale Organisation übrig lässt wie »Gras zwischen den Pflastersteinen« (1995a S, 30; 1996 S. 204). Aber wir sollen das Gras nicht als Unkraut ansehen, sondern als mindestens ebenso normal wie die Steine.

Daher könne auch nicht von Subversion die Rede sein, wenn diese Rollenkonflikte im Einzelfall zugunsten des informalen Netzwerks aufgelöst werden. Viel eher müsse man das informale Netzwerk als eine Art demokratischer Kontrolle der formalen Organisation begreifen:

»It can be argued, however, that such arrangements do not necessarily undermine or change formal organizations and their hierarchies into something else but rather tame and reduced them to a humane measure. Networks make it impossible for individuals or alliances to exploit the hierarchy at will for their own advantage. The effect of this kind of appropriation can be seen as a special form of ›democratic‹ control of the bureaucratic machinery. Seen from the opposite point of view, it is the bureaucratic machinery that creates the conditions in which patronage can flourish.« (1996 S. 206, ähnlich 1995a S. 28)

Rottenburg kann sich anscheinend vorstellen, dass formale Organisation auf der Grundlage einer andersgearteten Informalität als sie in Europa anzutreffen ist, erfolgreich operieren kann. Wenn formale Organisationen nicht ohne Informalität zu haben sind, dann komme es darauf an, dass die Informalität ein relativ stabiles Gerüst bilde, das groben Missbrauch verhindere. Als Beispiel dient Scheich Hakim in einem Dorf Südkordofans, der in staatlichem Auftrag eine richterähnliche Funktion wahrnimmt.

»Wie überall im ländlichen Afrika herrschen auch in Südkordofan mehrere Rechtssysteme nebeneinander. Die dörflichen Gerichtsverhandlun gen finden im Schatten eines großen Baumes statt; meist setzen sich unter der Wortführung Hakims einige einflußreiche ältere Männer und Frauen, die indirekt von dem Fall betroffen sind, mit den beiden Parteien zusammen. Nachdem die eine Partei ihre Anklage und die andere ihre Verteidigung formuliert haben, versucht man unter Bezug auf die nicht kodifizierten Rechtsvorstellungen eine Einigung zu erzielen. … Entweder man einigt sich leicht über eine Lappalie und zahlt an Hakim eine im Dorf übliche Summe, die unter der entsprechenden Gerichtsgebühr des Staates liegt. Oder es geht um mehr … Die Möglichkeit Hakims, den rechtlichen Rahmen zu wechseln, erweist sich als ungewöhnlich wirkungsvoller Machthebel … Wer mit dem Lösungsvorschlag Hakims nicht einverstanden ist, kann nicht ohne weiteres zu einem anderen Scheich gehen, allenfalls zum staatlichen Gericht, doch gerade das wollen die meisten ja vermeiden.« (1995b S. 96ff).

Auf den ersten Blick ist das Korruption, denn Hakim ist auf Grund seiner formalen Richterstellung in der Lage, Druck auf die Beteiligten auszuüben, den diese wiederum durch Bestechung abwenden können (1995 S. 98). Aber er nutzt seine Rolle nicht rücksichtslos, vielmehr

»geht er [damit] so um, wie die anderen es für angemessen und vernünftig erachten. Er zweigt etwas für sich ab, doch bleibt er dabei ausgewogen, hat ein Ohr für Notfälle und übt ein ausreichendes Maß an redistributiver Großzügigkeit aus. Für die erhobenen Gebühren bietet er einen nützlichen Vermittlerservice, und oft bewahrt er die Leute vor Schlimmerem.« (1995b S. 96 ff).

Der Neoinstitutionalismus hat uns belehrt, dass formale Institution ohne informale Basis nicht zu haben ist.

»Auch in Europa hat sich rationale Bürokratie nicht nur gegen, sondern ebenso mit der Hilfe anderer Prinzipien der Loyalität und Solidarität durchgesetzt. Jede Bürokratie ist von Marktbeziehungen und Netzwerken durchdrungen. Es handelt sich hier nicht um getrennte Wirklichkeitsbereiche, sondern um verschiedenartige Modelle der Legitimation, die sich in der Praxis auf unterschiedliche Weisen miteinander verknüpfen.« (Rottenburg 1995b S. 98f)

Bieten also generalisierte Reziprozität verbunden mit einer Ethik der Brüderlichkeit eine alternative informale Basis auch für formale Organisation? Das ist wohl doch zu schön um wahr zu sein.

Das Ethos der Reziprozität lässt stets Raum, um den eigenen Vorteil zu bedenken, und dazu kann man sich bemühen, eine vorteilhafte Definition der Situation durchzusetzen (1996 S. 208). In der Praxis ist die Situation meistens offen, so dass man auch die Regeln der formalen Organisation zum Bezugspunkt nehmen kann. So führt das Aufeinandertreffen von formaler Organisation und gegenläufiger Informalität in Konflikt- und Verhandlungssituationen – und eigentlich sind alle Situationen Verhandlungssituationen – immer wieder dazu, dass die Akteure die Sitution argumentativ für sich nutzen können.

»In bestimmten sozialen Kontexten, die als Innenwelt erlebt werden, ordnet man ökonomische und andere zweckrationale Interessen der Brüderlichkeitsethik unter. Doch in den Zwischenräumen dieser Innenwelten bilden sich keine öffentlichen Güter und zivilen Tugenden heraus, sondern es entsteht ein moralisches Niemandsland. Hier greift eine sich verallgemeinernde Käuflichkeit um sich, und Herrschaft verkommt zum nackten Instrument der Geldakkumulation. Genau genommen müßte es nicht Niemands-, sondern Feindesland heißen, wo man ungestraft Regeln verletzen und Hilfe unterlassen kann, bisweilen sogar morden, rauben und brandschatzen darf. Der afrikanische Staat liegt in diesem Feindesland.« (Rottenburg 1995 S. 101f)

Was bleibt von der Lektüre dieser (älteren) Aufsätze Rottenburgs? Es bleibt vor allem der Versuch, afrikanische Verhältnisse von dem von eurozentrischen Rationalitätsvorstellungen geprägten Korruptionsdiskurs auszunehmen. Aber der Versuch scheitert an der Tatsache, dass »moderne« Organisationsformen und Denkweisen in Afrika überall soweit eingedrungen sind, dass die traditionellen informalen Institutionen, die durch Reziprozität und eine »Ethik der Brüderlichkeit« charakterisiert werden, auf begrenzte »Innenwelten« reduziert sind, um die herum ein institutionelles »Niemandsland« gewachsen ist.

Der zentrale Abschnitt des Aufsatzes von 1996 (S. 209-220) liest sich wie eine Abhandlung über das Thema der Diffusion abgesehen davon, dass der Begriff, nur einmal verwendet wird, um die alte Diffusionstheorie von Ratzel zurückzuweisen (S. 214). Darauf komme ich im nächsten Eintrag zurück.


  1. Hier noch einmal die Texte Rottenburgs, die nur mit Jahr und Seite zitiert werden: 1994: <a href="http://wcms.uzi.uni-halle.de/download.php?down=1273&elem=1018360">»We have to do business as business is done!«.</a> Zur Aneignung formaler Organisation in einem westafrikanischen Unternehmen, Historische Anthropologie 2, 1994, 265-286;<br /> 1995a: <a href="http://wcms.uzi.uni-halle.de/download.php?down=1902&elem=1051182">Formale und informelle Beziehungen in Organisationen</a>, in: Achim von Oppen/Richard Rottenburg (Hg.), Organisationswandel in Afrika, 19-34.<br /> 1995b »OPP. Geschichten zwischen Europa und Afrika«, Kursbuch 120 »Korruption«, 90-106.<br /> 1996: <a href="http://wcms.uzi.uni-halle.de/download.php?down=1903&elem=1051184">When Organization Travels: On Intercultural Translation</a>, in: Barbara Czarniawska/Guje Sevón (Hg.), <a href="http://wcms.uzi.uni-halle.de/download.php?down=2020&elem=1053746">Translating Organizational Change</a>, 1996, 191-240<br /> 2001: Kultur der Entwicklungszusammenarbeit, FS Dieter Weiss, 349-377. 

  2. Zucker, ASR 42, 1977, 726ff, 728. 

  3. Zu diesem Gesichtspunkt Röhl/Röhl, Allgemeine Rechtslehre, 3. Aufl., 2008, 347. 

  4. Die »Schauseite«, von der bei Stefan Kühl spricht, ist dagegen nur »geglättet« oder »aufgehübscht« (<a href="http://www.uni-bielefeld.de/soz/forschung/orgsoz/Stefan_Kuehl/pdf/Schauseite-Working-Paper-1_19052010.pdf">Die Fassade der Organisation. Überlegungen zur Trennung von Schauseite und formaler Seite von Organisationen</a>, Working Paper 1/2010). Das verträgt sich noch mit der »zeremoniellen Fassade« von Meyer und Rowan. 

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Travelling Models V: Isomorphie der Organisationen (Teil I)

Dieser Eintrag gilt immer noch der Vorbereitung auf eine Besprechung des Bandes »Travelling Models in African Conflict Management, Translating Technologies of Social Ordering« herausgegeben von Andrea Behrends, Sung-Joon Park und Richard Rottenburg (Leiden 2014).

Seit Beginn der 1990er Jahre entwickelt Richard Rottenburg, Direktor des Seminars für Ethnologie an der Universität Halle-Wittenberg, seine Gedanken über travelling models, über die Diffusion von Ideen und Artefakten in den Entwicklungsländern, insbesondere im subsaharischen Afrika. Seine Arbeiten lassen sich auch als Beitrag zur Rechtssoziologie lesen, denn mehr oder weniger alle der travelling models sind in irgendeiner Weise rechtlich grundiert. Rottenbergs prominenteste Arbeit ist die Monographie: »Weit hergeholte Fakten, Eine Parabel der Entwicklungshilfe«, 2002.1 Sie schildert, verkleidet in fiktive Darstellungen der Hauptakteure, die Schwierigkeiten der Entwicklungszusammenarbeit am Beispiel eines Projekts zur Verbesserung der Organisation der Wasserwerke in drei Städten Tansanias.

Diesem Buch sind in den 1990er Jahren Aufsätze vorangegangen, aus denen sich die Gedankenwelt der Hallenser Ethnologie leichter erschließen lässt.2 Sie befassen sich mit dem Schicksal formaler Organisationen in einem Entwicklungsland:

»I shall concentrate on a field usually ignored by anthropology: the translation of modern organization as the citadel of western cultures.« (1996 S. 192)

Als handfestes Beispiel dient eine Reederei, deren Schiffe im Sudan3 auf einem großen Stausee operieren (West African Lake Transport Company) und die trotz vieler planerischer und finanzieller Entwicklungshilfe an patrimonialen Strukturen mehr oder weniger erstickt. Von der Organisation bleibt anscheinend bloß Fassade. An diesem Beispiel präsentiert Rottenburg seine Theoriewerkzeuge, nämlich neoinstitutionalistische Organisationstheorie und vor allem die Theorie der sozialen Übersetzung nach Callon und Latour.

Das gängige Bild der afrikanischen Entwicklungsländer ist dunkel.

»Nichts scheint ohne Bestechung zu laufen, und kein privater Frieden ist vor staatlichen Übergriffen sicher. Dieser Sachverhalt ist für alle afrikanischen Staaten beschrieben und aus unterschiedlichen Perspektiven interpretiert worden.« (Rottenburg 1995 S. 100)

So ist man gespannt, ob sich ein anderes Bild ergibt, wenn Rottenburg mit der Lake Transport ein (staatlich dirigiertes) Wirtschaftsunternehmen in den Blick nimmt. Tatsächlich ändert sich nicht eigentlich das Bild. Aber wie nicht selten, wenn ein kompetenter Führer ein Bild erläutert, sieht der Betrachter am Ende Farbschichten, die ihm sonst entgangen wären. Zuerst führt Rottenburg ihn allerdings, wie ich meine, auf eine falsche Fährte, indem auf neoinstitutionalistische Literatur zurückgreift, wie sie von John Meyer, DiMaggio und Powell repräsentiert wird. Ich kann mich aber auch nicht wirklich mit der Theorie der sozialen Übersetzung von Callon und Latour anfreunden, auf die Rottenburg dann umschwenkt. Trotzdem oder gerade deshalb will ich mich auf die beiden Theoriewerkzeuge einlassen, mit denen Rottenburg seine Beobachtungen bearbeitet, denn was bei Rottenburg am Ende an Sachaussagen herauskommt, ist erhellend. Dieser und der folgende Eintrag konzentrieren sich auf die neoinstitutionalistische Organisationstheorie. Die Theorie der sozialen Übersetzung nach Callon und Latour in der Rezeption durch Rottenburg wird Thema eines weiteren Eintrags.

Zunächst also einige Anmerkungen zu der von Rottenburg angeführten neoinstitutionalistischen Organisationstheorie. Zu Beginn des Aufsatzes »When Organization Travels« von 1996 bezieht sich Rottenburg auf die drei Formen des institutionellen Isomorphismus nach DiMaggio und Powell von 1983.4 Später beruft er sich auf einen weiteren Klassiker des Neoinstitutionalismus, nämlich auf Meyer und Rowans »Institutionalized Organizations: Formal Structure as Myth and Ceremony« von 1977.5 Mein erster Eindruck – der sich nicht bestätigt hat – war, dass Rottenburg in einer einseitigen Interpretation dieser Literatur Organisationen schlecht redet, damit das beispielhaft vorgeführte Scheitern einer Organisation im sudanesischen Kontext eher erträglich erscheint. Deshalb, und weil es sich dabei um ein ganzes Kapitel Rechtsoziologie handelt, werde ich etwas weiter ausholen. Wer mit dem Neoinstitutionalismus vertraut ist, sollte sich den Rest von Teil I ersparen und sogleich zu Teil II übergehen.

Sozialwissenschaftler sprechen oft schon im Hinblick auf einzelne verfestigte Normen von Institutionen.

»The only idea common to all usages of the term ›institution‹ is that of some sort of establishment of relative permanence of a distinctly social sort.«

Dieses geläufige Zitat von Everett C. Hughes6 bezeichnet die Schnittmenge aller Definitionen des Institutionsbegriffs: Eine Institution ist eine relativ stabile soziale Praxis. Aus juristischer und ebenso aus rechtssoziologischer Sicht ist es jedoch üblich und zweckmäßig, unter einem Institut oder einer Institution die Summe der vorhandenen Regeln zu einem abgrenzbaren Themenkomplex zu begreifen. Als Institutionen gelten deshalb etwa Vertrag, Ehe, Eigentum, Schule, Börse, Staat usw.

Gut etabliert ist die Unterscheidung zwischen formellen und informellen Institutionen. Früher galt es als Entdeckung der Rechtssoziologie, dass die förmlich in Gesetzen festgelegten und bürokratisch von Behörden und Gerichten verwalteten Rechtsnormen nur funktionieren, wenn sie von einer durch die Sozialisation internalisierten gesellschaftlichen Moral getragen werden. Heute stellt man auch insoweit nicht mehr auf einzelne Normen, sondern auf größere Zusammenhänge = Institutionen ab. Zugleich wird dieser normative Ansatz durch einen »kognitiven« und einen behavioristischen ergänzt.7 Der »kognitive« Ansatz (der besser kulturalistisch heißen würde) sucht nach den tief verankerten kulturellen Selbstverständlichkeiten, die jeder bewusst normativen oder rational kalkulierten Entscheidung zugrunde liegen. Die behavioristische Version schließlich erklärt die Befolgung von Recht als rational choice, freilich mit all den Modifizierungen, die das Modell der Rationalwahl durch Herbert A. Simons Konzept der beschränkten Rationalität erfährt.

Die wissenschaftliche Diskussion wird unter der Überschrift Neoinstitutionalismus geführt.8 Anknüpfungspunkt ist oft eine Formulierung von Douglass C. North, politische Institutionen könnten »any form of constraint that human beings devise to shape human interaction« annehmen und sowohl durch »formal constraints – such as rules that human beings devise – and informal constraints – such as conventions and codes of behavior« wirken.9

Schultze-Fielitz10 schreibt über

»informale Verfassungsregeln, d. h. Regeln, die in unmittelbarem Zusammenhang mit verfassungsrechtlichen Normen stehen, die sie stützen, ergänzen, praktikabel machen, mit Leben erfüllen usw. Eine der diesem Beitrag zugrundeliegenden Hypothesen stellt darauf ab, daß Verfassungsrecht um seiner Funktionsfähigkeit willen notwendigerweise auf derartige informale Regeln angewiesen ist.«

Als Beispiele nennt er Koalitionsvereinbarungen, Regeln über die Einhaltung des Fraktions- und Parteienproporz in der Parlamentsarbeit oder Regeln über Inkompatibilitäten. Es geht aber nicht nur um Verhaltensregeln, sondern auch um den Kreis der Akteure. Regierungs- und Parlamentsarbeit wird zum Teil auf außerministerielle oder außerparlamentarische Foren verlagert. Während es sich hierbei in erster Linie um stützende oder komplementäre11 Informalität handelt, ohne die Parlaments- und Regierungsarbeit nicht funktionieren könnte, sind an anderer Stelle informale Gegenordnungen zu beobachten. Ein Extremfall ist das transnationale Terrornetzwerk Al Quaida. Zwischen den stützenden und den konfligierenden informalen Institutionen stehen solche, die einer ineffektiven formalen Organisation Konkurrenz machen oder sie gar ersetzen12

Institutionalisierung ist kein Entweder-Oder-Phänomen, sondern eine Frage des Mehr oder weniger.13 Zwischen formalen und informalen Institutionen gibt es keine scharfen Grenzen, sondern eher fließende Übergänge. »The difference between informal and formal constraints is one of degree.«14 Dennoch gelingt es im Allgemeinen recht gut, eine Institution auf der einen oder der anderen Seite einzuordnen. Formalität setzt eine explizite und schriftlich fixierte Ausformulierung der Regeln voraus. Damit ist auch ein Normgeber als Zurechnungssubjekt definiert. Ebenso ist typisch auch ein Anfangszeitpunkt gesetzt. Die Regeln mögen durch Vertragsschluss entstanden sein, ihre Fortgeltung setzt aber keinen fortbestehenden Konsens voraus. Sie ordnen nicht bloß Verhalten, sondern regelmäßig auch die Beziehungen zwischen verschiedenen Beteiligten, häufig in der Form von Hierarchie und Bürokratie. Informale Institutionen dagegen haben keinen bestimmten Anfang. Die Regeln entstehen aus Übung. Die Beziehungen zwischen den Beteiligten werden typisch als Netzwerk geschildert.

Organisationen sind die kleine Münze der Institution. Institution ist nicht die einzelne konkrete Organisation, sondern die Tatsache, dass es immer wieder formale Organisationen der einen oder der anderen Art gibt. Um die Metapher auf die Spitze zu treiben: Wenn Institutionen die Währung sind, sind Organisationen das Geld. Seit den Untersuchungen von Roethlisberger und Dickson in den Hawthorne-Werken der Western Electric Company in Chicago15, die in den 1930er Jahren zur Entdeckung der informalen Organisation führten, gehört es zum Allgemeingut der Organisationswissenschaft, dass das Handeln in Organisationen nur zum Teil in den Bahnen vorgegebener Regeln abläuft. Neben formalen Handlungen gibt es einen weiten Bereich des Verhaltens, der in offiziellen Stellenbeschreibungen, Aufgabenzuweisungen und Verfahrensregeln nicht enthalten ist. Erst diese informale Organisation bildet zusammen mit den formalen Abläufen das Handlungssystem der Organisation. Informale Verhaltensmuster sind eine unvermeidbare Folge formaler Strukturen, so dass neue Formalisierungen stets auch neue Formen informalen Handelns mit sich bringen.16

Die Organisationswissenschaft konzentriert sich auf die organisationsinterne Informalität, wie sie in dreierlei Gestalt erscheint. Die erste, harmlose kommt aus der Human-Relations-Perspektive in den Blick und wird mit den persönlichen Bedürfnissen der Organisationsmitglieder und ihrem Wunsch nach Verbesserung zwischenmenschlicher Beziehungen am Arbeitsplatz erklärt. Die zweite wird als Selbstorganisation angesprochen. Vorgeschriebene Kommunikationswege werden auf dem kleinen Dienstweg umgangen. Hierarchische Entscheidungsstrukturen werden zugunsten informeller Selbstabstimmung vernachlässigt. Formal geordnete Abläufe werden durch andere ergänzt oder ersetzt, sei es, weil man glaubt, so schneller, besser oder bequemer ans Ziel zu gelangen. Solche Informalität ereignet sich in unterschiedlicher Distanz zur formalen Organisation. Für vieles lässt die formale Organisation Raum. Oft werden aber auch die Regeln der Organisation verletzt. Und es kommt sogar vor, dass im Interesse der Organisation gegen allgemeine Rechtsgesetze verstoßen wird. Luhmanns berühmtes Diktum von der brauchbaren Illegalität bezieht sich auf beide Stufen der Regelverletzung.17 All das ist, so könnte man sagen, eufunktionale Informalität. Sie ist sowohl im Innenbereich als auch bei den Außenkontakten zu beobachten. Organisationsinterne Informalität kann aber auch dysfunktional werden, etwa wenn zur ASteigerung der Effektivität Sicherungsvorschriften umgeangen werden.

Drittens zeigt Informalität sich in Rollenkonflikten. Die Organisation weist ihren Mitgliedern formale Rollen zu, z. B. als Vorgesetzte oder Untergebene, als Abteilungsleiter, Sachbearbeiter oder Sekretärin, die mit entsprechenden Erwartungen an das Verhalten verbunden sind. Jedes Mitglied bringt aber auch andere – aus der Sicht der Organisation informale – Rollen mit, z. B. seine Alters- und Geschlechtsrolle, seine Zugehörigkeit zu Religion und Partei, seinen Familienstand, Vereinsmitgliedschaften u. a. m. Mit jeder dieser Rollen verbinden sich Bündel von Verhaltenserwartungen. So betrachtet lässt sich informales Verhalten von Organisationsmitgliedern als Folge bestimmter Rollenanforderungen erklären. In krassen Fällen geht das zu Lasten der Organisation, z. B. als Nepotismus. Umgekehrt können Organisationsmitglieder gelegentlich im Interesse der Organisation auf ihren externen Rollensatz zurückgreifen. Der rollentheoretische Ansatz ist heute in den Hintergrund geraten, weil er – angeblich – die Interpretationsleistung der Akteure beim Rollenspiel und vor allem bei der Auflösung von Rollenkonflikten vernachlässigt.

Die Einschätzung und Bewertung von informalen Institutionen divergiert nach theoretischem Erklärungsansatz und praktischem Standpunkt. Von einem praktischen Standpunkt aus sind informale Institutionen und entsprechend die informale Organisation eher problematisch, weil sie sich kaum planen, sondern allenfalls berücksichtigen lassen. Das gilt für Politik und Verwaltung ebenso wie für Betriebswirtschaft und Management und nicht zuletzt auch für die Entwicklungszusammenarbeit. Daher stellt man die formale Organisation in den Vordergrund und behandelt die informale eher als Störungsfaktor. Die soziologische Betrachtung ist dagegen an dem interessiert, was nicht offen zu Tage liegt. Damit verschiebt sich das Gewicht – und zwar nicht bloß der Beschreibung, sondern auch der Bewertung – in Richtung auf die Informalität. Das gilt wohl auch für die Ethnologie.

In der Rechtswissenschaft akzeptiert man inzwischen, wie das Beispiel Schupperts zeigt, die Bedeutung informaler Institutionen und verhilft solchen, die man als funktional ansieht, zu rechtlicher Anerkennung, während man dysfunktionale Informalitäten formell zu bekämpfen versucht.

Die Unterscheidung zwischen formellen und informellen Institutionen ist, wie gesagt, geläufig. Aber der Begriff der informellen (oder informalen) Institution, so wie ihn etwa Schuppert gebraucht, deckt doch nur die Oberfläche des Phänomens, denn diese informalen Institutionen liegen zu Tage, sie sind, beinahe wie Gewohnheitsrecht, geläufig und lassen sich entsprechend ausformulieren. Es liegt aber noch eine Schicht der informalen Institutionalisierung unter dieser Oberfläche. Das ist das, was Ethnologen als kulturellen Code ansprechen, nämlich die wie selbstverständlich zugrunde gelegten und im Prinzip unbewussten Vorstellungen. Als solche wurde und wird etwa von den Critical Legal Studies die Unterscheidung zwischen öffentlich und privat behauptet oder von feministischer Seite die Bipolarität des Geschlechterverhältnisses. Einschlägig ist hier der dritte Klassiker des Neoinstitutionalismus, nämlich der Aufsatz von Lynne G. Zucker, The Role of Institutionalization in Cultural Persistence.18 Es fällt auf, dass dieser Aufsatz von der Hallenser Ethnologie nicht zitiert wird, obwohl er höchst einschlägig ist, geht es doch um die Beständigkeit von Handlungsweisen, die über Generationen erhalten bleiben.

Man kann den Neo-Institutionalismus als Diffusionstheorie lesen. In seiner Rational-Choice-Variante erklärt er sozialen Wandel aus Effizienzentscheidungen der Individuen. Die soziologische Variante, um die es hier geht, findet den Antrieb für das Festhalten an alten oder die Übernahme neuer Institutionen dagegen im Bemühen um eine Erhöhung gesellschaftlicher Legitimation.

Bereits die rollentheoretische Betrachtung stellt eine Verbindung zwischen dem Inneren der Organisation und ihrer Umwelt her. Auf den Umweltbeziehungen der Organisation liegt der Schwerpunkt des soziologischen Neoinstitutionalismus. Er will erklären, wie Strukturen und Abläufe in formalen Organisationen von formalen und vor allem informalen Beziehungen zu ihrer Umwelt, darunter auch andere Organisationen, geprägt werden.

Zu der Thematik, die allgemein als Diffusion und von den Hallenser Ethnologen als travelling models angesprochen werden, hat der Neoinstitutionalismus den Topos der Isomorphie der Institutionen beigetragen.19 Dieser Topos ist durch die Weltkulturtheorie der Stanford-Schule von John W. Meyer u. a. geläufig geworden.20 Sie besagt, dass sich in aller Welt ähnliche (formale) Institutionen ausbreiten: Schulen und Universitäten, Krankenhäuser und Feuerwehren, Kapitalgesellschaften, und nicht zuletzt der Territorialstaat mit Regierung und Parlament, Verfassung, Gesetzen, Gerichten und Militär. Einen anderen Akzent setzen DiMaggio und Powell. Sie behaupten, dass sich Organisationen, wo sie vorhanden sind, in ihren jeweiligen Betätigungsfeldern immer ähnlicher werden. Auch die Erklärung ist unterschiedlich. DiMaggio und Powell führen die Gleichförmigkeit moderner Organisationen darauf zurück, dass nicht Marktdurchsetzung und Effizienz, sondern Staat und Professionen und darüber hinaus Nachahmung die Gestalt von Organisationen bestimmen. Organisationen seien nicht in erster Linie so gestaltet, dass sie ihre Organisationsziele effektiv realisieren, sondern sie schielten nach Legitimität und Akzeptanz in ihrer sozialen Umgebung. Heute haben Organisationen diesen Legitimitätsdruck auch explizit aufgenommen. Sie begegnen ihm mit Bemühungen um eine corporate responsability, die ihnen eine eine license to operate21 sichern soll. Dagegen erklärt Meyer die weltweite Gleichförmigkeit der Institutionen aus einer vorgängigen globalen Weltkultur (world polity), welche die institutionelle Umgebung aller Akteure, seien sie Individuen, Organisationen oder Staaten, prägt.

Meyer und Rowan wenden sich gegen das bis dahin herrschende technologische Verständnis der Organisation als »Präzisionsinstrument, welches sehr verschiedenen, sowohl rein politischen wie rein ökonomischen wie irgendwelchen anderen Herrschaftsinteressen sich zur Verfügung stellen kann« (Max Weber). Sie betonen, dass Organisationen in einer Umgebung leben, in der formale und instrumentelle Rationalität im Sinne Webers kreuz und quer »institutionalisiert« ist (Meyer/Rowan S. 344).

»The more modernized the society, the more extended the rationalized institutional structure in given domains and the greater the number of domains containing rationalized institutions.« (Meyer/Rowan S. 345)

Die Institutionalisierung manifestiert sich in einer Vielzahl von Rechtsnormen, Sicherheitsvorschriften, Standardisierungen, Anforderungen an Management und Rechnungslegung sowie in einem generalisierten Rationalitätsglauben. Die Henne-Ei-Frage, die Frage also, was zuerst kommt, Rationalisierung der Organisation oder der Rationalitätsglaube ihrer Umgebung, wird implizit dahin beantwortet, dass es die Organisationen sind, die sich ihrer Umgebung anpassen.

»As rationalized institutional rules arise in given domains of work activity, formal organizations form and expand by incorporating these rules as structural elements.« (Meyer/Rowan S. 345)

Die Anpassung geht aber weiter als für die effektive Erbringung der erwarteten Sach- oder Dienstleistung notwendig wäre. Denn eine formal durchrationalisierte Struktur ist nur begrenzt funktional. Viele Regeln erweisen sich als unzweckmäßig. Andere verursachen hohe Kosten oder unbeabsichtigte Nebenfolgen. Unvorhergesehene und schnell wechselnde Situationen fordern Improvisationen. Organisationen aller Art zeigen sich daher nach außen formal und rational, arbeiten intern aber nicht, wie es das Gebot der (formalen) Rationalität eigentlich fordert, streng bürokratisch mit Weisung und Kontrolle, sondern koppeln sich von der Formalität ab.

»Thus, decoupling enables organizations to maintain standardized, legitimating, formal structures while their activities vary in response to practical considerations.« (Meyer/Rowan S. 357)

Isomorphie der Institutionen heißt deshalb nicht, dass die Organisationen überall gleich sind, sondern dass sie äußerlich einem übergeordneten Rationalitätsimperativ entsprechen. Dieses Formalitätsgebot sei der Mythos, der den Organisationen helfe, in ihrer Umgebung zu überleben, indem er ihnen Legitimität verschaffe und zu Ressourcen verhelfe. Die abwertend wirkende Bezeichnung des Rationalitätsglaubens als Mythos erklärt sich daraus, dass er nicht als reflektierte Einstellung, sondern als tief verankerte kulturelle Überzeugung verstanden wird. Er ist so selbstverständlich, dass er gar nicht mehr auf seine Wertbezüge und praktischen Folgen befragt wird.

»In modern societies, the myths generating formal organizational structure have two key properties. First, they are rationalized and impersonal prescriptions that identify various social purposes as technical ones and specify in a rulelike way the appropriate means to pursue these technical purposes rationally. Second, they are institutionalized and thus in some measure beyond the discretion of any individual participant or organization. They must, therefore, be taken for granted as legitimate, apart from evaluations of their impact on work outcomes.« (Meyer/Rowan S. 343 f.)

Ebenso wie im Umfeld von Organisationen das formale Recht von informalen Erwartungen begleitet oder sogar getragen wird, finden sich im Inneren von Organisation neben der formalen Verfassung informale Strukturen. Sie bestimmen sogar weitgehend das operative Geschäft. Vertrauen und guter Glaube sorgen dafür, dass die Effizienz der Organisation erhalten bleibt.

» … decoupled organizations are not anarchies. Day-to-day activities proceed in an orderly fashion. What legitimates institutionalized organizations, enabling them to appear useful in spite of the lack of technical validation, is the confidence and good faith of their internal participants and their external constituents.« (Meyer/Rowan S. 357f.)

Die institutionelle Umgebung von Organisationen fordert ihr Funktionieren, und sei es auch auf Grund übertriebener Vorstellungen von der praktischen Leistungsfähigkeit der von ihr verinnerlichten Rationalitäten. Ob der institutionalisierte Rationalitätsglaube wirklich rational ist, ist nicht entscheidend. Meyer und Rowan apostrophieren ihn wie gesagt als »myth and ceremony«. Doch müssen Organisationen dem Rationalitätsglauben ihrer Umgebung Rechnung tragen, um zu überleben:

»Isomorphism with environmental institutions has some crucial consequences for organizations: (a) they incorporate elements which are legitimated externally, rather than in terms of efficiency; (b) they employ external or ceremonial assessment criteria to define the value of structural elements; and (c) dependence on externally fixed institutions reduces turbulence and maintains stability. As a result, it is argued here, institutional isomorphism promotes the success and survival of organizations.« (Meyer/Rowan S. 348)

In der Neoinstitutionalistischen Organisationstheorie wird die radikale Sicht von Meyer und Rowan, nach der die formale Struktur von Organisationen eine zeremonielle Fassade ist, die nur das Überleben der Organisation in ihrer rationalitätsgläubigen Umwelt sichert, nicht geteilt.22 Man ist durchaus der Meinung, dass auch das operative Geschäft von Organisationen mindestens ebenso oder stärker von ihrer formalen Struktur abhängt als von informaler Selbstorganisation. Man könnte auch sagen, dass der Rollensatz der Organisationsmitglieder in der modernen westlich industrialisierten Welt durch den Rationalitätsglauben geprägt wird mit der Folge, dass sich die – aus der Sicht der Organisation – informalen Rollen meistens nicht soweit durchsetzen, dass sie das Funktionieren der Organisation torpedieren. Der Witz an der Sache ist jedenfalls, dass formale Organisationen im Großen und Ganzen praktisch funktionieren, dass also die Organisationsziele mehr oder weniger erreicht werden. Aber das stellen auch Meyer und Rowan nicht in Abrede. Die geradezu rituelle Pflege des formalen Außenbildes ist als Fassade keine Täuschung, sondern sondern hilft den Beteiligten, ihr Gesicht zu wahren, wenn sie abgekoppelt von der Form ihr Arbeit verrichten. Sie verbreitet eine Aura des Vertrauens innerhalb und außerhalb der Organisation.

»Participants not only commit themselves to supporting an organization’s ceremonial façade but also commit themselves to making things work out backstage. The committed participants engage in informal coordination that, although often formally inappropriate, keeps technical activities running smoothly and avoids public embarrassments. In this sense the confidence and good faith generated by ceremonial action is in no way fraudulent. It may even be the most reasonable way to get participants to make their best efforts in situations that are made problematic by institutionalized myths that are at odds with immediate technical demands.« (Meyer/Rowan S. 358f)

40 Jahre sind vergangen sind, seit Meyer und Rowan ihr Manuskript verfasst haben (und die Text von Rottenburg, um die es hier geht, sind bald zwanzig Jahre alt). In dieser Zeit hat sich, jedenfalls in Mitteleuropa und in den USA, der institutionalisierte Rationalitätsglaube formell und informell noch verfestigt mit der Folge, dass die informelle Innenseite der Organisationen eher geschrumpft ist. Vor 40 Jahren gab es etwa noch die Vorstellung, dass Korruption und Vetternwirtschaft bis zu einem gewissen Grade funktional sein könnten. Inzwischen ist Compliance nicht bloß angesagt, sondern wird auch praktiziert, und zwar nicht nur aus einem reinen Sanktionskalkül, sondern weil regelkorrektes Verhalten von Organisationen bis zu einem gewissen Grade zur kulturellen Norm geworden ist.

Im Einzelnen gibt es große Unterschiede, wieweit Organisationen sozusagen opportunistisch auf ihre Umgebung schielen müssen, und daher ist auch das decoupling unterschiedlich stark ausgeprägt.23 Meyer und Rowan haben in erster Linie Organisationen mit Gemeinwohlorientierung im Blick, ganze Staaten, Hospitäler, Schulen und Universitäten. Wirtschaftsunternehmen werden angesprochen, wenn und weil sie wegen ihrer Größe oder ihres Themas besonders unter öffentlicher Beobachtung stehen.24 Diese Organisationen haben in ihrer Formalstruktur eine offene Flanke in Gestalt interpretationsfähiger Zielbestimmungen. Das ist bei »normalen« Wirtschaftsunternehmen anders, weil sie auf ein messbares Effizienzziel festgelegt sind. Dieses erreichen sie aber nur, wenn das Ziel und die zu seiner Erreichung angemessenen Mittel auch informell institutionalisiert sind.

Zur informellen Institutionalisierung der Wirtschaft gehört – entgegen der Diagnose Karl Polanyis von der Entsozialisierung wirtschaftlichen Handelns in der Moderne – nicht nur der Rationalitätsglaube, von dem bei Meyer und Rowan die Rede ist. Dazu gehört auch eine spezifische Moralökonomie.25 Die Substanz der normativen Orientierung wirtschaftlichen Handelns in der westlichen Welt ist zwar undeutlich, ihre Existenz wird aber nur von dogmatisierenden Ökonomen bestritten.

Außerhalb dieser Welt gibt es große Unterschiede bei der informellen Basis formaler Organisationen. In Südamerika und weiten Teilen Asiens, in Russland und in den meistens Ländern Afrikas ist zwar die Institutionalisierung formellen Rechts und formaler Organisationen weit gediehen, aber die informale Basis hat damit nicht Schritt gehalten. Als eine nicht mehr ganz neue, aber immer noch triftige Beschreibung gilt Larissa Lomnitz, Informal Exchange Networks in Formal Systems, American Anthropologist 90, 1988, 42-55. Sie nimmt ihre Beispiele aus Chile und Mexiko, der Sowjetunion und Georgien. Auf Lomnitz rekurriert auch Rottenburg (1995a; 1996) ausführlich.


  1. Englisch als: Far-fetched facts, A Parable of Development Aid, Cambridge, Mass. 2009. Eine kurze, eher faktenorientierte Darstellung gibt Rottenburg in dem Aufsatz <a href="http://wcms.uzi.uni-halle.de/download.php?down=1227&elem=1018292">»Accountability for Development Aid«</a>, Jahrbuch Ökonomie und Gesellschaft 16, 2000, 143-173. Differenzierte, nicht unkritische Rezensionen zum Buch von Thomas Bierschenk, Paideuma, 49, 2003, 281-286, und Hanna Kienzler, Anthropological Theory 5, 2005, 304-307. Anke Draude (Der blinde Fleck der Entwicklungstheorie. Von der Unüberwindbarkeit der Modernisierungstheorie im Korruptionsdiskurs, 2007) kommt in einer ausführlichen Auseinandersetzung mit diesem Buch zu dem Ergebnis, dass auch die kontingenzbewusste kulturwissenschaftlich orientierte Analyse Rottenburgs sich nicht grundsätzlich von dem modernisierungstheoretischen Befund verabschieden, sondern nur situativ auf die jeweils spezifische Situation eingehen kann. 

  2. Folgende Texte Rottenburgs, deren Lektüre diesen und weitere Einträge veranlasst haben, werden hier nur mit Jahr und Seite zitiert:<br /> 1994: <a href="http://wcms.uzi.uni-halle.de/download.php?down=1273&elem=1018360">»We have to do business as business is done!«. Zur Aneignung formaler Organisation in einem westafrikanischen Unternehmen</a>, Historische Anthropologie 2, 1994, 265-286;<br /> 1995a: <a href="http://wcms.uzi.uni-halle.de/download.php?down=1902&elem=1051182">Formale und informelle Beziehungen in Organisationen</a>, in: Achim von Oppen/Richard Rottenburg (Hg.), Organisationswandel in Afrika, 19-34.<br /> 1995b <a href="http://wcms.uzi.uni-halle.de/download.php?down=1903&elem=1051184">OPP. Geschichten zwischen Europa und Afrika</a>, Kursbuch 120 »Korruption«, 90-106.<br /> 1996: <a href="http://wcms.uzi.uni-halle.de/download.php?down=2020&elem=1053746">When Organization Travels: On Intercultural Translation</a>, in: Barbara Czarniawska/Guje Sevón (Hg.), Translating Organizational Change, 1996, 191-240<br /> 2001, FS Dieter Weiss, 349-377. 

  3. Die nach 1983 im Sudan entstandene Bürgerkriegssituation beschreibt und analysiert Rottenburg in dem Aufsatz <a href="http://wcms.uzi.uni-halle.de/download.php?down=1225&elem=1018290">»Das Inferno am Gazellenfluss. Ein afrikanisches Problem oder ein ›schwarzes Loch‹ der Weltgesellschaft?«</a>, Leviathan 30, 2002, 3-33 []. 

  4. Paul J. DiMaggio/Walter W. Powell, The Iron Cage Revisited: Institutional Isomorphism and Collective Rationality in Organizational Fields, American Sociological Review 48, 1983, 147-160; deutsch als: Das »stahlharte Gehäuse« neu betrachtet: Institutionelle Isomorphie und kollektive Rationalität in organisationalen Feldern, in: Sascha Koch/Michael Schemmann (Hg.), Neo-Institutionalismus in der Erziehungswissenschaft, 2009, 57-84. 

  5. John W. Meyer/Brian Rowan, Institutionalized Organizations: Formal Structure as Myth and Ceremony, American Journal of Sociology 83, 1977, 340-363. Dieser Aufsatz ebenso wie der bereits angeführte von DiMaggio und Powell sind wieder abgedruckt worden in dem von Powell und DiMaggio herausgegebenen Sammelband »The New Institutionalism in Organizational Analysis« (1991). Eine ausführliche Rezension, die besonders das Verhältnis von Rechtssoziologie und Neoinstitutionalismus behandelt, bieten Mark C. Suchman/Lauren B. Edelman, Legal Rational Myths: The New Institutionalism and the Law and Society Tradition, Law and Social Inquiry 21, 1996, 903-941. 

  6. Everett C. Hughes, The Ecological Aspect of Institutions, American Sociological Review 1, 1936, 180-189, S. 180. 

  7. Gute Übersicht bei Suchman/Edelman a. a. O. 

  8. Dazu verweise ich auf die immer noch lesenswerte Darstellung von Dorothea Jansen, Der neue Institutionalismus, in ihrer Speyerer Antrittsvorlesung von 2000, und das nicht nur, weil Frau Jansen lange Jahre Mitarbeiterin an meinem Bochumer Lehrstuhl war; ferner auf die Darstellung von Holger Schulze, Neo-Institutionalismus. Ein analytisches Instrument zur Erklärung<br /> gesellschaftlicher Transformationsprozesse, Osteuropa-Institut der Freien Universität Berlin, Arbeitspapiere des Bereichs Politik und Gesellschaft, Heft 4/1997. 

  9. Douglass C. North, Institutions, Institutional Change and Economic Performance, 1990, S. 4. 

  10. Helmuth Schultze-Fielitz, Der informale Verfassungsstaat, 1984, 17 f. 

  11. Ausdruck von Hans-Joachim Lauth, <a href="http://dx.doi.org/10.1080/13510340008403683">Informal Institutions and Democracy</a>, Democratization, 7, 2000, 21-, 50, S. 25. 

  12. Vgl. die Typologie informaler Institutionen von Gretchen Helmke und Steven Levitsky, <a href="http://www.jstor.org/stable/3688540">Informal Institutions and Comparative Politics: A Research Agenda</a>, Perspectives on Politics, 2, 2004, 725-740, S. 728. 

  13. Das betont besonders Lynne G. Zucker, The Role of Institutionalization in Cultural Persistence, American Sociological Review 42, 1977, 726-743. 

  14. North S. 46. 

  15. Fritz J. Roethlisberger/William J. Dickson, Management and the Worker, Cambridge, Mass. 1939. 

  16. Zur Ubiquität der Informalität in formalen Organisationen Stefan Kühl, <a href="http://www.uni-bielefeld.de/soz/forschung/orgsoz/Informalitat-und-Organisationskultur-Workingpaper-01062010.pdf">Informalität und Organisationskultur</a>, Working Paper 2010. 

  17. Niklas Luhmann, Funktionen und Folgen formaler Organisation, 1964, 304-314. 

  18. American Sociological Review 42, 1977, 726-743. 

  19. In Deutschland hat sich die Governance-Forschung des Isomorphie-Themas angenommen und auf die Suche nach einem »global script« der Ausbreitung westlicher Governance-Formen wie Rechtsstaat und Demokratie begeben (Tanja A. Börzel/Vera van Hüllen/Mathis Lohaus, <a href="http://www.sfb-governance.de/publikationen/working_papers/wp42/SFB-Governance-Working-Paper-42.pdf">Governance Transfer by Regional Organizations</a>, SFB-Governance Working Paper Nr. 42, Januar 2013). Der Neoinstitutionalismus wird dort beiseitegeschoben mit dem Vermerk, er betone regionale Besonderheiten. Dass die Governanten damit wenig anfangen können, erklärt sich wohl daraus, dass sie nur die formellen Institutionen im Blick haben. 

  20. Dazu der Eintrag vom 30. 9. 2012: <a href="https://www.rsozblog.de/isomorphie-der-institutionen-und-die-entkoppelung-von-recht-und-realitat/">Isomorphie der Institutionen und die Entkoppelung von Recht und Realität</a>. 

  21. Nachtrag vom 1. 12. 14: Zufällig bin ich eben auf das <a href="http://www.tandfonline.com/toc/tsep20/28/3-4#.VHyBQMnJBas">Sonderheft 3/4 der Zeitschrift Social Epistemology</a> mit zehn Abhandlungen zur social licence to operate gestoßen. 

  22. Peter Walgenbach/Renate E. Meyer, Neoinstitutionalistische Organisationstheorie, 2008, S. 22ff, 81ff. 

  23. Meyer/Rowan S. 354. 

  24. S. 352. 

  25. Der Begriff stammt wohl von Edward P. Thompson (The Moral Economy of the English Crowd in the 18th Century, Past and Present 50, 1971, 76-136). Er wurde geläufig, als ihn Martin Kohli in seiner Analyse des Generationenvertrages in die Wohlfahrtsstaatsforschung einführte und wie folgt definierte: »Moralökonomie bezeichnet einen Bereich des Austauschs von Gütern, in dem die Preisbildung nach dem Marktmodell – d.h. nach dem Verhältnis zwischen Angebot und Nachfrage von Akteuren, die an der eigenen Nutzenmaximierang orientiert sind – außerökonomischen Einschränkungen unterworfen ist. Sie entzieht bestimmte Güter in bestimmten Situationen der nutzengeleiteten Disposition der Marktteilnehmer und unterstellt sie allgemeinen Kriterien von Gerechtigkeit (oder ›Fairness‹). Sie konstituiert also moralische Standards für die Entscheidung von wirtschaftlichen Konflikten.« (<a href="http://nbn-resolving.de/urn:nbn:de:0168-ssoar-148674">Moralökonomie und »Generationenvertrag«</a>, in: Max Haller/Hans Joachim Hoffmann-Nowotny/Wolfgang Zapf (Hg.), Kultur und Gesellschaft: Verhandlungen des 24. Deutschen Soziologentags usw., 1989, 532-555. In unserem Zusammenhang wurde der Begriff schon 1987 von Georg Elwert verwendet: Ausdehnung der Käuflichkeit und Einbettung der Wirtschaft. Markt und Moralökonomie, KZfSS Sonderheft 28, 1987, 300-321. 

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