FakeSocial oder warum wir Aprilscherze brauchen

In diesem Jahr habe ich in den Zeitungen vergeblich nach Aprilscherzen gesucht. Am Ende habe ich mir selbst einen Aprilscherz abgequält. Denn Aprilscherze sind wichtig. Sie schulen die Kompetenz zum Umgang mit Fake News.

Das Zeitalter der Fake News begann mit der Amtseinführung eines des US-Präsidenten im Januar 2017. Anschließend verkündete der Sprecher  des Weißen Hauses, auf der Washington Mall sei das größte Publikum versammelt gewesen, das je einer Amtseinführung beigewohnt habe. Allerdings veröffentlichten die Medien Luftaufnahmen, die erhebliche Lücken im Zuschauerbereich zeigten. Das seien, so hieß es, Fake News. Später stellte sich heraus, dass offizielle Bilder der Zeremonie  nachbearbeitet worden waren, um die Lücken im Publikum zu vertuschen. Die  High-Potential-Fakes haben einen Damm gebrochen. Nunmehr gehören Jedermann-Fakes zum Alltag, mindestens in den Social Media.

Zu den vielen Kompetenzen, die heute gefragt sind, gehört seither die Kompetenz zum Erkennen von Fakes aller Art. Und eben zur Ausbildung dieser Kompetenz braucht man Aprilscherze.

Vielleicht nicht nur. Man kann seine Fake-Kompetenz (oder muss es Anti-Fake-Kompetenz heißen?) auch mit Hilfe von Psychologie schulen. Ein erster Blick gilt da den bekannten Heuristiken, die uns verleiten, manchen Erfahrungen zu glauben und anderen zu misstrauen. Stichworte sind hier Persuasionswissen[1] und Truth-Effekt[2]. Der zweite Blick fördert eine Untersuchung Bochumer Psychologen zu Tage, die einen Mechanismus unserer Leichtgläubigkeit entlarvt.[3] Bochumer Forscher haben jetzt gezeigt, dass der Truth-Effekt sich noch verstärkt, wenn wir die entsprechende Information selbst ausgewählt haben: Es genügt schon, eine Headline zu klicken, um ihrem Inhalt später mehr Glauben zu schenken. Dieser Effekt hat großen Einfluss auf die Glaubwürdigkeit von Informationen – und Fake Informationen – in digitalen Medien.


[1] Jennifer Schmidt, Der Einfluss von Quellenglaubwürdigkeit, Influencer-Identifikation und Persuasionswissen auf die Interaktion zwischen der Werbeerkennung in Instagram Stories und der Kaufbereitschaft, 2025.

[2] Thomas Koch/Thomas Zerback, Das Wiederholungsparadoxon, Publizistik 2013, 5–21.

[3] Moritz Ingendahl u. a.: Choosing to Believe: How Active Sampling Enhances the Truth Effect, in: Journal of Experimental Psychology: DOI: 10.1037/xge0001888.

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Satire, Fake News und Hate Speech

Heute ein Zwischenruf aus meinem Notizbuch. Vor zwei Jahren schon hatte ich einen Eintrag zur Ästhetik der Satire angekündigt. Was ich mir dazu notiert hatte, betraf eher deren Geschmacklosigkeit.

Wo endet die Freiheit des ästhetischen Urteils? Wo beginnt ästhetische Diskriminierung oder gar ästhetischer Rassismus? Diese Frage richtet sich auch an die so beliebte Satire, zumal wenn sie Bilder einsetzt. Bilder haben per se eine stärkere ästhetische Anmutung als Sprache. Die HeuteShow im ZDF nutzt die Möglichkeit der digitalen Bildbearbeitung für Effekte, die, würden sie sprachlich ausformuliert, unter der Gürtellinie träfen. Hier ein noch relativ harmloses Beispiel aus der Heute-Show vom 20. 11. 2020:

Personen werden mit ihren Gesichtszügen, Bewegungen oder anderen Äußerlichkeiten in einer Weise vorgeführt, für die despektierlich noch ein mildes Attribut darstellt. Beliebte Gags sind ungewöhnliche Perspektiven, Zeitlupe oder Wiederholungen kurzer Ausschnitte, welche die Betroffenen als Trottel erscheinen lassen. Rechtlich ist das, jedenfalls wenn Prominente betroffen sind, alles nicht greifbar. Ein Schüler, der auf Facebook oder Instagram das leicht entstellte Bild einer Mitschülerin auf einer Schnecke reiten ließe, wie die HeuteShow die Bundeskanzlerin, bekäme Ärger wegen Cybermobbing.

Ich habe das Kabarett einst sehr geschätzt. Es gibt immer wieder Comedians, denen es gelingt, die Probleme der Welt elegant und geistreich aufzuspießen. Der originale Wortwitz etwa eines Olaf Schubert schafft echtes Vergnügen. Die Karikaturen von Greser & Lenz haben ihren eigenen Stil und stechen oft in faule Diskursknoten. Aber es gibt gute und schlechte Satire.

Die Satire muss sich auch ihrerseits ein Geschmacksurteil gefallen lassen. Das Kabarett war einmal Kleinkunst (mit Betonung auf der zweiten Silbe). Man erinnert sich mit Vergnügen an die Münchener Lach- und Schießgesellschaft, an die Berliner Stachelschweine oder an das Düsseldorfer Kommödchen. Und natürlich an Georg Kreisler mit seinem Schlager »Geh’ ma Hundevergiften im Park«[1]. Satire ist jedoch weithin zu einem Massenprodukt geworden. Witz und Eleganz werden durch Lautstärke und Grobheiten ersetzt. Spezialität der Heute Show sind billige Bildmanipulationen. Ihre Satire zeichnet sich durch eine Pseudoästhetik der Häme aus. Damit setzt sie Maßstäbe für die Social Media und für die Alltagswelt. Der kurze Weg von Karikatur und Comedy zu Fake News und Hate Speech führt über verzerrte Gesichter sowie verkürzte und verfremdete Wort- und Bildzitate.

Nachtrag: Von den Medien, die für sich Seriosität in Anspruch nehmen, zeichnet sich neben der Heute Show besonders das relativ neue elektronische Medium The Pioneer von Gabor Steingart aus. Dort wird fast jede Ausgabe mit einem Deepfake prominenter Personen eingeleitet.


[1] So hatte die Satire-Zeitschrift Kot & Köter das bekannte Taubenlied umgedichtet, was ihr ein Ermittlungsverfahren eintrug.

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