Eine Konvergenztheorie des Wissens (5. und letzte Fortsetzung)

Gründe 81-92
Wissensnetzwerke

81. Die Konvergenz des Wissens zeigt sich unterschiedlich stark je nach dem Modus seiner Anordnung. Scholastische Wissensübersichten waren hierarchisch aufgebaut. Die klassischen Enzyklopädien ordneten das Wissen seriell alphabetisch. Heute gilt es als ausgemacht, dass Wissen als vernetzt vorgefunden wird und/oder als Netz angeordnet werden kann. Zwar kann man auch eine hierarchische und eine serielle Anordnung von Elementen als Netzwerk behandeln. Gemeint sind aber Netzwerke, deren Kanten allein durch die Semantik der Knoten bestimmt werden.

82. Wissensnetze sind semantische Netze. Jedes Wissenselement muss anschlussfähig sein, um vernetzt werden zu können. Deshalb liegt die Vermutung nahe, dass nicht anschlussfähiges Wissen verloren geht. Tatsächlich ist aber wohl jedes Wissenselement anschlussfähig, denn keines ist voraussetzungslos entstanden. Wir stehen nicht nur auf den Schultern von Riesen, sondern auch auf denen von Zwergen. Und wenn es nicht so wäre: Was nicht passt, wird passend gemacht.

83. Man greift auf ein Wissenselement in der Regel nicht direkt zu, sondern nähert sich ihm von benachbarten Anschlüssen her.

84. Das Wissen der Welt ist als sekundäres mehr oder weniger vollständig im Internet versammelt.

85. Das technische Netz des Internet ist nicht selbst ein Wissensnetz. Aber es produziert Wissensnetze und vermittelt den Zugang zu ihnen.

86. Das Internet fügt viele separierte Wissensnetze zusammen.

87. Was nicht im Netz (des Internet) ist, zählt und wirkt nicht als Wissen.

88. Einem Vortrag von Thomas Vesting habe die These entnommen, dass das Buch sich durch einen »Sinn für Abgeschlossenheit« auszeichnet, während der Computer zu fortgesetztem Überschreiben auffordert. Mit der Computerkultur sei die »Zeit der Systeme« abgeschlossen. Es gebe immer nur vorübergehende Interpretationen von Wahrheit und Gerechtigkeit1 Auch Fortschreibungen und Überschreibungen können sich als Konvergenzen erweisen. Konvergenz muss nicht statisch sein.

89. Die Wissenschaftssoziologie von Ludwik Fleck über Thomas S. Kuhn bis hin zu Bruno Latour, Steve Woolgar und Karin Knorr-Cetina hat mit der These, dass es sich bei den Produkten der Wissenschaft um kontextspezifische Konstruktionen handle, die durch »Situationsspezifität und Interessenstrukturen, aus denen sie erzeugt wuden, gezeichnet sind«.2 Sieht man einmal davon ab, dass die damit behauptete Relativität wissenschaftlicher Propositionen sich mehr auf die Wahl der Forschungsthemen und Methoden bezieht als auf die Validität der Ergebnisse, so ist das Internet eine relativ kontextfreie Zone, in der sich die Konvergenz kontextrelativer Propositionen erweisen kann.3

90. Die Wissenschaftstheorie weist inkompatible Varianten auf mit der Folge, dass institutionalisierte Wissenschaft in vielen Fällen als Zertifizierungsinstitution des Wissens versagt4. So übernehmen die Datenverarbeitung und insbesondere auch das Internet durch die Ermittlung von Konvergenzen und Divergenzen mindestens ergänzend die Aufgabe der Zertifizierung wissenschaftlichen Wissens.

91. Das Internet erzeugt im Unterschied zu dem spontan, methodisch oder im Diskurs erreichten Konsens Konvergenz durch Akkumulierung.

92. Quantitativ ermittelte Konvergenz ist keine Garantie für Qualität, wird aber mangels Alternative zum Qualitätsersatz.

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  1. Vgl. den Eintrag vom 15. 4. 2011. 

  2. K. Knorr-Cetina, Die Fabrikation von Erkenntnis, 2. Aufl., 2002, 25. 

  3. »Stärker als die vielleicht ja lösbaren technischen Herausforderungen stellt sich die kulturelle Grundfrage des verteilt und vernetzt gespeicherten Wissens. Globalisierung heißt kulturelle Dekontextualisierung. Wissen entsteht bisher in einer Zeit, an einem Ort, in einer Kultur, das Netz ist aber gleichzeitig und überall. Seine kulturelle Vorgaben sind ihm in Kalifornien und Massachusetts mitgegeben worden. Das Netz reißt Wissen in globalem Maße aus seinen zeitlichen und räumlichen kulturellen Kontexten heraus und stellt Wissen unterschiedlichster Güte und Art beziehungslos nebeneinander. Content und Kontext sind freilich nicht unabhängig voneinander und der Verlust des kulturellen Kontextes devaluiert den Inhalt.« (Wolfgang Coy, a. a. O.). 

  4. Ulrich Wengenroth, Zur Einführung: Die reflexive Modernisierung des Wissens, in: ders. (Hg.), Grenzen des Wissens, 2012, 7-22, S. 8, 19. 

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