Bei Bertelsmann wie üblich nur die halbe Wahrheit

Am 8. Januar 2015 veröffentlichte die Bertelsmannstiftung eine neue Ausgabe ihres Religionsmonitors mit der Überschrift »Muslime in Deutschland mit Staat und Gesellschaft eng verbunden«.1 Die Ergebnisse werden wie folgt zusammengefasst.

»Die hier lebenden Muslime orientieren sich in ihren Einstellungen und Lebensweisen stark an den Werten in der Bundesrepublik. Das allerdings nimmt die Mehrheitsbevölkerung kaum wahr. Sie steht dem Islam zunehmend ablehnend gegenüber. Für die hier lebenden Muslime bedeutet das Ausgrenzung und Belastung.«

Die Bertelsmann-Veröffentlichung fand in der Presse große Aufmerksamkeit und wurde durchgehend affirmativ wiedergegeben.2

In den WZB Mitteilungen Nr. 132 vom Dezember 2013 berichtete Ruud Koopmans unter dem Titel »Fundamentalismus und Fremdenfeindlichkeit im europäischen Vergleich« über die SCIICS-Studie (Six Country Immigrant Integration Comparative Survey) des WZB zu Einwanderern und Einheimischen in sechs europäischen Ländern – Deutschland, Frankreich, den Niederlanden, Belgien, Österreich und Schweden, für die 2008 9.000 Personen mit türkischem oder marokkanischem Migrationshintergrund und eine einheimische Vergleichsgruppe befragt wurden. In der Zusammenfassung heißt es:

»Fast die Hälfte der in Europa lebenden Muslime findet, dass es nur eine gültige Auslegung des Koran gibt, dass Muslime zu den Wurzeln des Islam zurückkehren sollen und dass religiöse Gesetze wichtiger sind als weltliche. Anhand dieser Indikatoren zeigt eine WZB-Studie in sechs Ländern, dass der religiöse Fundamentalismus unter Muslimen deutlich weiter verbreitet ist als unter Christen. Der Befund ist insofern besorgniserregend, als mit religiösem Fundamentalismus ein erhöhtes Maß an Fremdgruppenfeindlichkeit einhergeht.«

Irgendwie passt das nicht zusammen.

Die WZB-Studie hat damals keine vergleichbare Presseöffentlichkeit gefunden. Immerhin hat der Fernsehsender 3sat sich jetzt daran erinnert und am 9. Januar 2015 über die Veröffentlichung von Koopmans berichtet und dazu die von der Bertelsmann-Stiftung als Ansprechpartner genannte Soziologin Yasemin El-Menouar interviewt. Ihre Stellungnahme läuft darauf hinaus, man dürfe für die aktuellen Probleme nicht die Religion als solche, also nicht den Islam, verantwortlich machen. Da hatte sie noch nicht den Artikel von Samuel Schirmbeck »Die Linke im Muff von tausend Jahren« lesen können, der erst am 19. Januar in der FAZ erschien. [http://www.faz.net/aktuell/politik/die-gegenwart/linke-verweigern-diskussion-ueber-islam-und-gewalt-13377388.html]. Schirmbeck zitiert Soheib Bencheikh, damals Großmufti von Marseille, mit dem Satz:

»Die Angst vor dem Islam ist vollkommen berechtigt. Im Namen dieser Religion werden die schrecklichsten Verbrechen begangen. Im Namen dieser Religion geschieht derzeit eine ungeheure Barbarei. Wenn die Menschen Angst vor dem Islam haben, so ist das völlig normal. Auch wenn ich kein Muslim wäre, würde ich mich fragen, was das für eine Religion ist, auf die sich Verbrecher berufen.«

Schirmbeck spricht von einer »Schutzmauer zwischen Islam und Islamismus, die in jeder deutschen Talkshow zum Thema Islam immer wieder aufs Neue errichtet« werde. Auch die Bertelsmann-Stiftung gehört zu den Mauerbauern.

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  1. Dazu gibt es im Internet eine »Sonderwertung 2015 (Zusammenfassung)« sowie zusätzliche Buchpublikationen (die ich nicht zur Hand und also nicht gelesen habe). 

  2. Z. B. http://www.zeit.de/gesellschaft/zeitgeschehen/2015-01/islam-pegida-islamfeindlichkeit-religionsmonitor
    http://www.shz.de/nachrichten/deutschland-welt/panorama/studie-muslime-fuehlen-sich-deutschland-eng-verbunden-id8627181.html
    http://www.heute.de/religionsmonitor-der-bertelsmannstiftung-ueber-die-haelfte-der-deutschen-sehen-den-islam-als-gefahr-fuers-land-36624572.html
    http://www.deutschlandradiokultur.de/religionsmonitor-der-bertelsmann-stiftung-muslime-sind.1008.de.html?dram:article_id=308155
    http://www.sueddeutsche.de/politik/studie-der-bertelsmann-stiftung-deutsche-werden-immer-islamfeindlicher-1.2294949 

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6 Stellungnahmen zu “Bei Bertelsmann wie üblich nur die halbe Wahrheit”:


  1. MW sagt:

    Hier muss ich widersrechen: Über die Studie von Ruud Koopmans et al. wurde sehr wohl von einer ganzen Reihe von Medien berichtet, die hausintern auch ausgewertet wurden. Es ist aber völlig falsch, “den Islam” für Fundamentalismus verwantwortlich zu machen (was in der bezeicheten Studie auch nicht getan wird). “Den” Islam gibt es ohnehin nicht. Gerade das Schüren von kulturellen und religiösen Ängsten – wie bei PEGIDA – ist der Nährboden für Ausgrenzung und Fundamentalismus.


  2. MP sagt:

    Die Studie von Koopmans ist inzwischen publiziert in:
    Koopmans, Ruud 2015: Religious Fundamentalism and Hostility against Out-groups: A Comparison of Muslims and Christians in Western Europe, in: Journal of Ethnic and Migration Studies, Vol. 41, Iss. 1.

    Die Rezeption von Koopmans-Studie lässt sich an den wenigen Links zu Pressemeldungen von eher unwichtigen Medien auf der WZB-Seite unter http://www.wzb.eu/de/presse/wzb-in-den-medien/2013#wzbmed12 schnell nachvollziehen.

    Zum Interview von El-Menouar ist wohl nur zu sagen, dass sie definitiv nichts zu der Studie von Koopmans zu sagen hat. Es ist fraglich, ob sie diese überhaupt zur Kenntnis genommen hat. Hier scheint der häßliche Vorwurf des Bias von Necla Kelek gegenüber der deutschen Migrationsforschung wohl passend.


  3. MW sagt:

    Bevor Sie in dieser Form Dinge auf einem sehr allgemeinen Level zusammenführen (ähnlich schon bei der Inklusionsfrage), wäre es mE gut, wenn Sie die einschlägigen Studien auch genau lesen. In seiner Studie schreibt Koopmans: “It would be foolish to interpret these findings as evidence of a fundamental and immutable difference between (liberal) Christianity and (fundamentalist) Islam. First of all, even in this study, some Christians display consistent fundamentalist worldviews. Second, many Muslim immigrants—most Alevites as well as a substantial number of Sunnites—do not subscribe to such views. Third, these results do not necessarily generalise to other parts of the world, both because Europe’s Muslim populations were disproportionately recruited from conservative rural regions in the countries of origin, and because European Christians tend to be less religious and socially conservative than those in other parts of the world.”


  4. Klaus F. Röhl sagt:

    Lieber Herr Wrase, wer hat hier nicht genau gelesen? Von einer »fundamental and immutable difference between (liberal) Christianity and (fundamentalist) Islam« ist jedenfalls bei mir keine Rede. Eigentlich wollte ich nur auf den strategischen Umgang der Bertelsmann-Stiftung mit empirischer Forschung hinweisen. Aber die Sache dahinter ist natürlich nicht zu übersehen. Es geht um die Frage, ob in der aktuellen historischen Situation eine scharfe Grenze zwischen dem Islam an sich und islamischem Fundamentalismus gezogen werden kann. Ich meine, so wie sich »das Christentum« nicht von den Greueltaten bei Gelegenheit der Keuzzüge, von Inquisition und Hexenverbrennung und wohl auch von der Legitimierung von Kolonialisierung und Sklaverei lossagen kann, lässt sich »der Islam« von dem, was aktuell in seinem Namen geschieht, nicht schlechthin separieren. Der Islam hat die Modernisierung, die das Christentum einigermaßen mühsam hinter sich gebracht hat, noch vor sich. Eine »moderne« Muslima, wie unsere Landtagsabgeordnete Serap Güler, ist noch immer die Ausnahme. Für das Verhältnis von islamischem Fundamentalismus und Moderne verweise ich vorläufig auf Friedemann Büttner, Islamischer Fundamentalismus: Politisierter Traditionalismus oder revolutionärer Messianismus?, in: Heiner Bielefeldt/Wilhelm Heitmeyer (Hg.), Politisierte Religion, 1998, 188-210, S. 194ff. Was ich unter der Modernität des Christentums verstehe, habe ich in dem Eintrag Das Christentum ist eine moderne Religion vom 22. August 2012 angedeutet.


  5. MW sagt:

    Lieber Herr Röhl,
    gegen den Einstieg Ihres Beitrags habe ich nichts einzuwenden. Es ist schon zu hinterfragen, wenn der durchaus nicht geringe Anteil von fundamentalistischen Haltungen unter europäischen Muslimen in der Bertelsmann-Studie gar nicht erwähnt wird (wobei ich die Studie selbst nicht gelesen habe; oft sind Pressezusammenfassungen ja verkürzend, weil bestimmte Aspekte in besonderer Weise hervorgehoben werden sollen – das kann durchaus berechtigt sein). Ihre weiteren Schlüsse zum Zusammenhang zwischen Fundamentalismus und islamischer Religion als solcher, trägt die Koopmans-Studie aber gerade nicht; vielmehr betont er: “Islam is not the problem”. Zusammenfassung unter http://www.sciencecodex.com/islamic_fundamentalism_is_not_a_marginal_phenomenon_in_europe-149016
    Insgesamt wäre ich mit solchen Schlüssen sehr vorsichtig. Zum einen gibt es “den Islam” als einheitliche Religion nicht, das wissen Sie. Interessant ist doch zB die Feststellung von Koopmans, dass unter den alevitischen Muslimen oder Muslimen in den USA der Anteil fundamentalistischer Haltungen deutlich geringerer ist.
    Auch westlichen Überlegenheitsattitüden im Sinne einer “christlich-abendländischen Wertewelt”, fußend auf einem aufgeklärten, modernen Christentum, stehe ich persönlich skeptisch gegenüber. Man sollte doch nicht vergessen, dass die wohl schrecklichsten Verbrechen gegen die Menschlichkeit im 20. Jahrhundert von Deutschland ausgegangen sind, einem Land, das durch und durch christlich geprägt ist (in den 1930er Jahren sogar noch viel mehr als heute, nahezu die gesamte Bevölkerung des Deutschen Reichs gehörte einer der beiden großen christlichen Konfessionen an; auch der Kirchbesuch war damals ja noch weit verbreitet…). Natürlich ist es problematisch, eine Verbindung zwischen vorherrschender Religion oder Religiosität und gesellschaftlich-politischer Entwicklung zu ziehen. Deshalb denke ich, dass man Kurzschlüsse in dieser Hinsicht auf jeden Fall vermeiden sollte.


  6. Dr Marc Mewes sagt:

    Stiftungen und ihr “Sympathievorschuss”
    Für Notar Peter Rawert: Stiftungen nicht immer Garant für Gemeinnutz- Peter Rawert im Gespräch mit Katrin Heise
    Bertelsmann-Zentrale in Gütersloh (AP)
    Der Notar Peter Rawert findet, dass die Bertelsmann Stiftung sicher kein Vorbild für die weitere Entwicklung des Stiftungsrechts in Deutschland sein kann. Denn in ihrer Konstruktion werden Stiftungsinteressen den Interessen den Konzerns untergeordnet.

    mE auch in die Zeit

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