Erotisches Kapital als symbolisches Kapital

Martin/George[1] und Green[2] sehen, wie im letzten Beitrag gesagt, Marktmodelle und die Feldtheorie Bourdieus als konkurrierende Erklärungsansätze für die Funktionsweise sexuellen bzw. erotischen Kapitals und optieren für die letztere. [3] Erinnert man sich an Bourdieus Statement, männliche Herrschaft, gründe »sich in letzter Konsequenz auf der Logik der Ökonomie des symbolischen Tausches«[4] und folgt man seiner Aussage, nach der »jede soziale Beziehung … in bestimmter Hinsicht der Ort eines Austausches [ist], an dem ein jeder seine wahrnehmbare Erscheinung der Bewertung aussetzt« (MH 172), so scheint der tauschtheoretische Ansatz überlegen, zumal er Märkte und Felder inkorporieren kann.

Sozialer Tausch ist mehr und anderes als Markt. Deshalb hat Bourdieu den Tausch in soziale Felder eingebettet. Trotzdem bleibt es sinnvoll, mit dem Marktvokabular zu beginnen, denn das Marktvokabular hilft dabei, Tauschgüter, Marktplätze und Bedarfe zu differenzieren und gib eine Folie für den Kontrast zwischen Äquivalententausch und Gabentausch ab.

Zu Benennung der Tauschgüter (Ressourcen) hat Hakim den Begriff des erotischen Kapitals angeboten.[5] Der Begriff gewinnt an Konturen, wenn man mit Bourdieus Hilfe zwischen sexuellem und erotischem Kapital unterscheidet. Das erotische Kapital ist als solches das verkannte und verschleierte und damit zum symbolischen avancierte sexuelle Kapital. Die Geschlechter haben sich wechselseitig in Gestalt sexueller Zuwendung etwas anzubieten. Für sexuelles Kapital gilt dasselbe, was Bourdieu in der »archaischen« Wirtschaft der Kabylei für das ökonomische beobachtet hat: Ein Verhalten darf die sexuellen Zwecke, auf die hin es objektiv ausgerichtet sein mag, nicht explizit machen. Sexuelles Kapital muss deshalb – in der Sprache Bourdieus – verneint oder verkannt werden. Aber es bricht sich in vielen Verkleidungen als erotisches Kapital Bahn, das heißt, es nimmt symbolische Gestalt an.

In dem Text SS 205ff, in dem Bourdieu die Bildung symbolischen Kapitals aus ökonomischem erläutert, lässt sich fast durchgehend für das ökonomische Kapital Hakims erotisches Kapital einsetzen. Hier als Beispiel der Satz, mit dem Bourdieu seinen Gedanken thesenhaft zusammenfasst:

»In einer Wirtschaftsform, die dadurch definiert ist, daß sie sich weigert, die ›objektive‹ Wahrheit der ›sexuellen Praktiken‹ anzuerkennen, d. h. das Gesetz des ›nackten Interesses und der ›egoistischen Berechnung‹, kann das ›sexuelle‹ Kapital selbst nur wirken, wenn es auch um den Preis einer Rückverwandlung, die sein wahres Wirkungsprinzip unkenntlich zu machen geeignet ist, Anerkennung findet: das symbolische Kapital ist jenes verneinte, als legitim anerkannte, also als solches verkannte Kapital … wo das sexuelle Kapital nicht anerkannt wird.« (SS 215)»

Bourdieus Ausgangspunkt war die Unterscheidung von Äquivalententausch und Gabentausch. Der Äquivalententausch ist der unverhüllte Tausch wie er etwa bei der Prostitution stattfindet. Er folgt einer »Logik des nackten Interesses« (SS 206). Beim Gabentausch wird das kalkulierende Interesse der Beteiligten verdeckt. Der zentrale Mechanismus dafür ist die zeitliche Zerdehnung. Der Ausgleich für sexuelle Zuwendung erfolgt nicht Zug um Zug wie bei der Prostitution, sondern weit im Voraus oder im Nachhinein. So entstehen »dauerhafte Verhältnisse auf Gegenseitigkeit« (SS 206).[6] Am Beispiel der Familie kann man

»die ganze symbolische und praktische Arbeit in Betracht ziehen, die zur Umwandlung von Liebespflicht in Liebesdisposition und zur Ausstattung jedes Mitglieds der Familie mit jenem ›Familiensinn‹ angewendet wird, der Hingabe, Großmut, Zusammenhalt erzeugt (also sowohl die unzähligen, kontinuierlichen normalen Tauschakte des Alltagslebens, der Austausch von Gaben, Dienst- und Hilfeleistungen, Besuchen, Aufmerksamkeiten, Freundlichkeiten usw., als auch die außergewöhnlichen und feierlichen Tauschakte der Familienfeste … .« (Praktische Vernunft S. 130f)

Den vielleicht wichtigsten Tausch zwischen den Gatten der Kernfamilie nennt Bourdieu freilich nicht, vielleicht weil hier sein Theorem von der »Naturalisierung des sozial Willkürlichen« (PV S. 131) an seine Grenzen stößt. Aber alles andere passt. Aus dem sexuellen Austausch wächst mit Hilfe symbolischer Arbeit,

»um den Preis einer creatio continua … ein affektives Prinzip der Kohäsion, das heißt die lebenswichtige Bejahung der Existenz einer Familiengruppe und ihrer Interessen«. (PV S. 131)

Zu den allgemein akzeptierten Formen, in denen erotisches Kapital vorgestellt werden darf, gehören partielle und ausnahmsweise totale Nacktheit, die ästhetische Aufbereitung das Körpers und seine modischen Verhüllung[7]. Das setzt sich fort bei den Interaktionsformen, die den erotischen Tausch umspielen wie Flirt und Galanterie, bei den Regeln, die ihn eingrenzen und mündet in Institutionen, die ihn auf Dauer stellen wie Ehe und Familie. Das aus sexuellem gewonnene symbolische Kapital hat dann die Gestalt etwa von Schönheit, Eleganz, Grazie, Frauenehre, Sittsamkeit, Ritterlichkeit, Treue oder Familienhintergrund.

Darüber hinaus hängt Art der Verkleidung des sexuellen Kapitals zum erotischen von dem sozialen Feld ab, auf dem gespielt wird. Die Abgrenzung bourdieuscher Felder ist, wie gesagt, recht beliebig. In eng begrenzten sexual fields, wie sie Green unter Bezugnahme auf Bourdieu beschrieben hat[8] wird sexuelle Zuwendung als Tauschmittel kaum verhüllt.

Wie die Verkleidungen, die aus dem sexuellen Kapital ein symbolisches werden lassen, bei den Kabylen ausgesehen haben mögen, darüber darf hier nicht einmal spekuliert werden. Wie sie unter modernen Frauen aussehen, kann sich jeder selbst überlegen. Bourdieu macht dazu in MH 172 einige Andeutungen. Erstaunlich ist nur, dass die Bourdieus Frauen darüber nicht selbst verfügen können, sondern dass auch dieses Kapital gleich wieder den Männern zuwächst. Bourdieu hat die Möglichkeit eines spezifisch weiblichen symbolischen Kapitals gar nicht in Betracht gezogen hat. Da hat Hakim Recht.

So wie bei den Kabylen die Mannesehre eine hervorragende Erscheinungsform symbolischen Kapitals war, ist es in der modernen Gesellschaft die erotische Anziehungskraft der Frauen. Damit hat sich das Kräfteverhältnis der Geschlechter zugunsten der Frauen verändert.

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[1] John Levi Martin/Matt George, Theories of Sexual Stratification: Toward an Analytics of the Sexual Field and a Theory ofSexual Capital, Sociological Theory 24, 2006, 107-132, S. 124.

[2] Adam Isaiah Green, Erotic Capital and the Power of Desirability: Why ›Honey Money‹ Is a Bad Collective Strategy for Remedying Gender Inequality, Sexualities 16, 2013, 137-158.

[3] Dies ist die zwölfte Fortsetzung einer Auseinandersetzung mit Pierre Bourdieus Analyse der männlichen Herrschaft. Folgende Texte Bourdieus werden mit Abkürzungen zitiert:

ETP = Entwurf einer Theorie der Praxis auf der ethnologischen Grundlage der kabylischen Gesellschaft, 1992;

MH = Die männliche Herrschaft, 2005;

MHR =  Männliche Herrschaft revisited, Feministische Studien 15, 1997, 88–99;

MH 1997 = Die männliche Herrschaft, in: Irene Dölling/Beate Krais (Hg.), Ein alltägliches Spiel. Geschlechterkonstruktion in der sozialen Praxis, 1997, 153-217;

PV = Praktische Vernunft. Theorie des Handelns,1985;

RA = Pierre Bourdieu/Loïc J. D. Wacquant, Reflexive Anthropologie, 3. Aufl., 2013;

SS = Sozialer Sinn, 1993.

[4] MHR 97 re. Sp. Ähnlich Reflexive Anthropologie S. 211.

[5] Catherine Hakim, Erotisches Kapital, 2011.

[6] Ausführlicher dazu das Kapitel über Die Ökonomie der symbolischen Güter« in: Praktische Vernunft, 1985, 159-197.

[7] Vgl. dazu Bourdieu, MH 172ff.

[8] Adam Isaiah Green, The Social Organization of Desire: The Sexual Fields Approach, Sociological Theory 26, 2008, 25-50. Green behandelt Homosexuellentreffpunkt in New York.

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