Zur Rezeption literaturwissenschaftlicher Rezeptionstheorien durch die Rechtstheorie

Die Rechtstheorie, soweit sie mit den Methoden der Literaturkritik Struktur und Rhetorik juristischer Texte entschlüsseln will (Recht als Literatur – law as literature = Interpretationsansatz), baut fast1 nur auf Autoren aus Frankreich und den USA, nämlich auf Derrida, Barthes und Stanley Fish, und auch insoweit wird eine unzureichende Rezeption beklagt2. Das hat seinen Grund darin, dass amerikanische Autoren vorangegangen sind, um literaturwissenschaftliche Methoden in die Rechtskritik zu importieren. Und dieser Vorgang war wiederum darin begründet, dass amerikanische Rechtsfakultäten von ihrer Struktur und Personalpolitik her für Interdisziplinarität offener sind als die deutschen. Stanley Fish ist dafür der personalisierte Beleg. Nachdem er seinen Ruf als Wissenschaftler in der Mediävistik begründet hatte, bekleidete er nacheinander Lehrstühle in vier verschiedenen Rechtsfakultäten. Davon zeugt schon im Titel ein Sammelband von 19893 Die Amerikaner wiederum hatten schon seit Ende der 1960er Jahre intensiv französische Autoren rezipiert. Derrida ist zwar hierzulande durch Luhmann bekannt geworden. Aber als Literaturwissenschaftler haben auch ihn jedenfalls Juristen in erster Linie auf dem Umweg über die USA rezipiert. Das ist bemerkenswert, denn es hätte nahe gelegen, für den Kern der einschlägigen Literaturkritik, die Verlagerung von der Suche nach Bedeutung im Text auf die Herstellung von Bedeutung im Rezeptionsprozess auf die Konstanzer Schule zurückzugreifen, die nicht nur zeitlich voranging, sondern auch den Heimvorteil der deutschen Sprache hatte.

Es reicht nicht, zur Erklärung auf Matthäus 13, 57 zu verweisen: Der Prophet gilt nichts in seinem Vaterland. Die Konstanzer Schule wurde auch nicht wegen eines braunen Hautgouts gemieden. Der wurde damals noch gar nicht wahrgenommen. Die deutsche Rechtstheorie war schlicht nicht in der Lage, aus eigenem Antrieb den interdisziplinären Blick zu entwickeln. Dazu musste sie vielmehr durch die amerikanische Rechtstheorie angetrieben werden mit der Folge, dass sie auch nur die dort rezipierte Literaturtheorie wahrnahm. Erklärungsbedürftig ist deshalb, warum die Konstanzer Schule für die amerikanische Literaturtheorie praktisch nicht existierte.

Diese Erklärung hat Robert C. Holub bereits 1989 geliefert.4 Aufmerksamkeit ist knapp. Die amerikanische Theorieszene sei durch die »kometenhafte Karriere« des französischen Poststrukturalismus »insbesondere in der importierten, von Jacques Derrida geprägten Version namens Dekonstruktivismus« und durch die Reader-Response-Theorie von Stanley Fish, so beansprucht worden, dass sie keine Aufmerksamkeit mehr für die hierzulande höchst erfolgreichen Arbeiten von Jauß und Iser aufgebracht habe. Soweit man diese Arbeiten überhaupt zur Kenntnis genommen habe, seien sie den kritikfixierten Amerikanern zu wenig radikal erschienen. Bedeutsam ist vermutlich auch, dass der zeitliche Vorsprung der Konstanzer nur minimal war, so dass er durch die Sprachbarriere verloren ging. Schließlich hatten die Konstanzer ihrerseits nicht in die USA geblickt, wo immerhin Louise Rosenblatt bereits 1938 die Grundlage für ihre Transactional Theory of Literary Work gelegt und wo Stanley Fish 1967 in der Milton-Sudie »Surprised by Sin« seine »affective stylistics« praktiziert hatte.

Die Eroberung der amerikanischen Critics durch die Franzosen fand auf einem bald sagenhaften Symposium »The Languages of Criticism and the Sciences of Man« statt, auf dem unter anderen Roland Barthes, Jan Lacan und Jacques Derrida auftraten.5 Dort ging es allerdings nicht um eine Rezeptionstheorie, sondern um die Frage: Welcher und wieviel Strukturalismus? Vom Tod des Autors war etwa bei Barthes an dieser Stelle nicht die Rede. Er begründete vielmehr »one final proposition which justifies all semio-critical research. We see culture more and more as a general system of symbols, governed by the same operations. There is unity in this symbolic field: culture, in all its aspects, is a language.«6 Mit diesem Symposium begann aber das »hegemoniale Gehabe«7 von Derridas Dekonstruktivismus, den man als indirekte Rezeptionstheorie einordnen kann.

Holub (S. 199) konstatiert eine weitgehende Konvergenz zwischen der Konstanzer Schule und dem Reader-Response-Criticism von Stanley Fish. »Betont wird hier und da sowohl die Abwendung von der Produktionsweise des Textes als auch die Hinwendung zum Leser und zur Wirkung.« (S. 199f.)

»Die Rezeptionstheorie zielt auf den Prozeß und nicht auf das Leserresultat hin. Bedeutung könne dem Text nicht entnommen, könne auch nicht aus verschiedenen Anhaltspunkten zusammengerätselt werden, sondern entwickele sich in einem zwischen Leser und Text stattfindenden interaktiven Prozeß. Ebensowenig ginge es bei der Interpretation um die Entdeckung einer bestimmten Bedeutung des Textes, sondern um die Erfahrung des Werkes im Leseprozeß selbst.«8

Letztlich führt Holub die ausgebliebene Rezeption der Konstanzer Rezeptionstheorie aber darauf zurück, dass sie nicht als hinreichend radikal wahrgenommen wurde.

»Um es ganz deutlich auszudrücken: Die Rezeptionsästhetik erschien nicht so recht als etwas Radikales, als richtiger Bruch mit der Tradition; sie erschien altmodischer, konservativer, ja alltäglicher und langweiliger als die modischeren Formen der ›Reader-Response‹-Kritik, des Poststrukturalismus und des Dekonstruktivismus.« (Holub S. 201)
Zwar habe Jauß sich selbst als Revolutionär im literaturkritischen Geschäft dargestellt, indem er einen »Paradigmawechsel in der Literaturwissenschaft« verkündet habe. Doch die nordamerikanische Literaturwissenschaft habe dem Poststrukturalismus und der »affective stylistics« subversivere Kraft zugeschrieben als dem offenen Angriff. Im Übrigen sei die Konstanzer Schule wohl tatsächlich nicht so radikal, was Holub zunächst daran festmacht, dass sie an einer Gegenüberstellung von Subjekten und Objekten festhalte, während Fish in seinem Frühwerk den Text im Leseprozess soweit verschwinden lasse, dass er mit dem Objekt auch den Leser als Subjekt eliminiere9 und Barthes eine unendliche Anzahl von Codes und Texten an die Stelle des Lesers setze10. Aber auch insofern seien die Amerikaner avantgardistischer (gewesen), als sie Interpretation völlig in Performanz aufgelöst hätten und das Geschichtsverständnis als linguistisch determiniert und damit letztlich fiktional behaupteten. Während Jauß »vergangene Interpretation mit in den Prozeß der gegenwärtigen Geschichtsschreibung« einbezogen und so die Geschichte ins Zentrum der Literatur gestellt habe, hätten Amerikaner die Literaturwissenschaft ins Zentrum der Historiographie gerückt und »dadurch, so meinen sie, sei Geschichte an sich infragegestellt«11.

Immerhin gab es 1981 eine Rezension der 1978 erschienenen englischen Ausgabe von Wolfgang Isers »Akt des Lesens« durch Stanley Fish12 auf die Iser antwortete13. Im Mittelpunkt der Auseinandersetzung stand Isers Unterscheidung von Bestimmthiet und Unbestimmtheit, die aber von Fish von seinem konstruktivistischen Standpunkt aus verworfen wurde. Denn Bestimmtheit oder Unbestimmtheit könne keine Eigenschaft des Textes sein, weil dessen Wahrnehmung »immer schon von einer vorhergehenden Perspektive oder einem Rahmen bestimmt [ist], der das Sehen und Verstehen erst ermöglicht«14.

Holub berichtet auch von einem »zivilisierten Minischarmützel« Paul deMans mit der Jauß’schen Theorie (S. 210ff.) Für Juristen lohnt es sich nicht, diese Kontroverse nachzuzeichnen. Bemerkenswert allenfalls, dass auch der in die USA emigrierte Belgier Paul de Man (1919-1983) posthum seinerseits als Nazikollaborateur in Verruf geriet15.

Interessanter ist, dass Holub der Dekonstruktion und Fishs »affektiver Stilistik«16 am Ende »Pseudoradikalität« bescheinigt (S. 213), da er die konstruktivistische Reader-Response-These nicht wirklich durchhalte. Er sage einerseits, »nur dann, wenn wir uns die Reaktion des Lesers ansehen, wissen wir … was ein Text bedeutet«, was einem deutschen literaturwissenschaftlichen Publikum, das die Entfaltung der Rezeptionsästhetik ja miterlebt habe, recht bekannt vorkomme; und in der Tat scheine Fish in so manchen Passagen Jauß und Iser regelrecht zu imitieren. Doch Fishs Methode, sein ihm eigener Umgang mit dem Text, sei überraschenderweise traditionell.«17

»Stanley Fishs ›affektive Stilistik‹, die … einflußreichste Variante der ›Reader-Response‹-Kritik in den Vereinigten Staaten« halte »sich treu an die Doktrin des ›genauen Lesens‹. … In einer Reihe von Darstellungen interpretiert er … mittels eines analytischen Verfahrens, das ein Wort nach dem anderen untersucht, eine Anzahl von Texten. Der Leseprozeß wird, so scheint es, im Zeitlupentempo erarbeitet Und nun ist es gerade hier, daß Fish allem Eifer zum Trotz den Vertretern des New Criticism in nichts nachsteht oder voraus ist. Wenn er jedes Detail des Textes untersucht, ohne sich um den sozialen und historischen Kontext zu kümmern, wenn er versichert, daß der informierte Leser komplexer Texte semantische und literarische Kompetenz besitze, dann ist er natürlich seinen amerikanischen Vorfahren ein stets loyaler Sproß. … Fishs kritische Praxis seine ›experiential analysis‹, bejaht letzten Endes, obwohl er das Gegenteil behauptet, ein elitäres, immanentes, genaues Lesen der großen Texte, die zu den Kulturgütern gezählt werden. Der einzige Unterschied besteht vielleicht darin, daß die Repräsentanten der affektiven Stilistik, ähnlich denen des amerikanischen Dekonstruktivismus etwa, argumentieren, daß die Vertreter des New Criticism nicht genau genug gelesen hätten.«18

Was folgt aus alledem für die Jurisprudenz? Die Rezeptionstheorien führen nicht wirklich über die durch Josef Essers etablierte Vorstellung von der Bedeutung des Vorverständnisses bei der Interpretation von Normtexten hinaus. Sieht man genauer hin, dann ist auch für den Reader-Response-Criticism die Subjektivität der Interpretation nicht grenzenlos. Sie wird, um hier noch einmal einen weiteren Begriff aufzunehmen, durch Lesermodelle eingefangen. Der immerhin verbleibende hohe Subjektivitätsgrad gilt im Übrigen eigentlich nur für die schöne Literatur, die subjektive Leserreaktionen von vornherein intendiert. Es ist die Ironie des literaturwissenschaftlichen Kritizismus, dass er die juristische Textinterpretation letztlich doch von dem Vorwurf der unbegrenzten Subjektivität, die im Rechtsbereich Willkür wäre, befreit.

Für die Kritik der Erwartung, dass Rechtstexte das Verständnis ihrer Rezipienten steuern können, ist eher die allgemeine Sprachphilosophie als die Literaturtheorie von Interesse. In Deutschland wird die sprachtheoretisch gestützte Methodenkritik wird vor allem von der Müller-Schule getragen. Die Rezeption Wittgensteins, vermittelt durch den Linguisten Dietrich Busse hat sie dazu veranlasst, jede Wortauslegung, die eine vorgegebene Bedeutung ermitteln soll, zu verabschieden. Texte haben danach als solche keine Bedeutung, sondern bilden bloße Sprachdaten, mit denen erst im Zuge der »Textarbeit« konstruktiv Sinn verbunden wird:

»Der Normtext gewinnt Bedeutung in voller Hinsicht erst dadurch, dass er als Textformular in Arbeit genommen wird. Der Normtext als Ausdruck, als Zeichen „hat” seine Bedeutung nur so, wie sie ihm vom Rechtsarbeiter durch die Erklärungen gegeben wird, die den Text im Prozess der Rechtserzeugung auf eine Lesart festlegen.«19

Müller und Christensen wollen keineswegs die Bindung an das Gesetz lockern; ganz im Gegenteil streben sie eine optimale Rückbindung der Entscheidung an verbindliche Rechtstexte an. Aber die Bindung soll nicht durch den Text selbst bewirkt werden, sondern erst aus der »Textarbeit« des Entscheiders erwachsen. Die Auffassung, die den Inhalt eines Textes nur als Ergebnis einer den Text zum Ausgang nehmenden Kommunikation ansieht, ist für den Mikroprozess der Erörterung von schwierigen Fällen vor Gericht halbwegs plausibel. Sie kann aber nicht erklären, wie sich die vielen kommunikativen Mikroprozesse zu einem erstaunlichen Gleichklang zusammenfügen. Auch wenn die Worte und Sätze der Rechtstexte als bloße Zeichen per se keine objektive Bedeutung haben, so gibt es doch eine allgemeine soziale Praxis, die Beliebigkeit ausschließt, und es gibt darüber hinaus für Rechtstexte die besondere soziale Praxis der Interpretationsgemeinschaft Gemeinschaft der Juristen, die schon bei der Produktion der Texte am Werk war und die bei der Interpretation mit relativ einheitlichen Konventionen und Deutungsansätzen arbeitet. Darauf hat ausgerechnet der Literaturtheoretiker Stanley Fish hingewiesen, nachdem er zunächst mit der Übertragung der Reader-Response-Theorie auf Rechtstexte Verwirrung gestiftet hatte.

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  1. Allein Bernd Rüthers, Rechtstheorie, bezieht sich seit der 1. Aufl. von 1999 in einem Abschnitt über »die allgemeine Rezeptionstheorie (Hermeneutik)« (Rn. 156 ff) auch auf Jauß. 

  2. Michael Dellwing, Derrida, Fish, und das Gesetz, ZfRSoz 29, 2008, 261-278. 

  3. Doing What Comes Naturally: Change, Rhetoric and the Practice of Theory in Literary and Legal Studies, Oxford: Clarendon. Darin hat er sich auch mit »Law und Literature« auseinandergesetzt, etwa in dem zuerst 1988 im Yale Law Journal (S. 777-793) gedruckten Aufsatz »Don’t Know Much about the Middle Ages: Posner on Law and Literature«. 

  4. Zur amerikanischen Rezeption der Rezeptionsästhetik, in: Frank Trommler (Hg.), Germanistik in den USA, S. 196-220. 

  5. Richard Macksey/Eugenio Donato (Hg), The Structuralist Controversy. The Languages of Criticism and the Sciences of Man, Johns Hopkins University Press, Baltimore 1967; Jubiläums-Nachdruck 2007. 

  6. Roland Barthes, To Write: An Intransitive Verb?, 134-145, S. 136. 

  7. Holub S. 198. 

  8. Holub S. 204. 

  9. Holub S. 218 Fn. 17. 

  10. »Totaltextualisierung der Leser«; Holub S. 203. 

  11. Holub S. 208. 

  12. Why No One’s Afraid of Wolfgang Iser, Diacritics 11, 1981, Nr. 1 S. 2-13, wieder abgedruckt in: Doing What Comes Naturally: Change, Rhetoric and the Practice of Theory in Literary and Legal Studies. Oxford: Clarendon, 1989, 68-86. 

  13. Talk Like Wales, ebd. S. 82-87. 

  14. Holub S. 209. 

  15. Evelyn Barish, The Double Life of Paul de Man, New York, NY 2014. 

  16. Der befremdliche Ausdruck geht zurück auf einen Aufsatz von Wimsatt und Beardley mit dem Titel »The Affective Fallacy«. 

  17. Holub S. 216. Zu Verbesserung der Lesbarkeit habe ich das folgende Zitat auf indirekte Rede umgestellt. Holub verweist hier nicht auf bestimmte Textstellen bei Fish, meint aber wohl in erster Linie den Aufsatz »Literature in the Reader« von 1970. 

  18. Holub S. 216. 

  19. Ralph Christensen, Recht und Sprache.de

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