Zur Konvergenz von Rezeptionsästhetik und Reader-Response-Theorie

Dieser Eintrag ist als zweite Fortsetzung des Eintrags vom 25. 5. 2015 gedacht, der durch das Echo auf das Historikergutachten zur Person des Konstanzer Romanisten Hans Robert Jauß ausgelöst wurde. Thema soll die Rezeption der Rezeptionsästhetik durch die Rechtstheorie sein. Zuvor ist jedoch auf die Konvergenz der Konstanzer Rezeptionsästhetik mit der amerikanischen Reader-Response-Theorie zu verweisen. (Und weil auch dieser Teil schon wieder viel zu lang ausgefallen ist, folgt dieser Rest, um den es mir eigentlich geht, in einem weiteren Posting.)

Wie immer gibt es Vorläufer. Aber die gängigen Rezeptionstheorien sind innerhalb von zehn Jahren nach der Konstanzer Antrittsvorlesung von Karl Robert Jauß (1966) formuliert worden, und zwar zunächst ganz unabhängig von einander in Deutschland, Frankreich und den USA. Sie rücken alle gemeinsam den Leser an Stelle des Autors und des Textes in den Mittelpunkt des Interesses. Heute ist der Kaffee kalt. Jauß beginnt seine Abschiedvorlesung 1987 mit dem Satz:

»Die Rezeptionsästhetik gehört zu den Theorien, die sich mit einer neuen Fragestellung so erfolgreich durchgesetzt haben, daß im Nachhinein unverständlich wird, warum ihre Probleme jemals Probleme waren.«

Wohl wahr! Aber nicht nur das Recht, auch die Juristen sind bekannt für ihren cultural lag. Daher ist es erlaubt, die Probleme noch einmal aufzuwärmen.

In den USA sortiert man die Rezeptionstheorien in fünf Gruppen:1

1. Transaktionstheorien behandeln die Interpretation als einen Austauschvorgang zwischen Text und Leser. Fragen, für die ein Text herangezogen wird, können zu Antworten führen. Unbestimmtheiten im Text lassen den Leser zu eigenen Interpretationen vorstoßen. Als Autoren werden Louise M. Rosenblatt und Wolfgang Iser genannt. Hierher gehört aber auch Karl Robert Jauß, der den Amerikanern weniger geläufig ist, so dass er von ihnen nicht genannt wird. Während Iser einen Schwerpunkt auf den Text und seine Wirkung legt (Wirkungsästhetik), steht bei Jauß die historische Abfolge von Rezeptionen, also die Rezeptionsgeschichte, im Mittelpunkt.
2. Affektive Stilistik ist die Spezialität de frühen Stanley Fish. Der Ausdruck geht zurück auf Ablehnung einer »affective fallacy« durch den New Criticism von Monroe Beardsley und W K. Wimsatt, nämlich der Konfusion zwischen dem Text als Objekt und dem, was er im Leser anrichtet. Genau das, also die Veränderung des Lesers durch den Text, hat Fish 1970 in dem Aufsatz Literature in the Reader: Affective Stylistics, New Literary History 2, 1970, 123-162, an einigen Beispielen minutiös nachgezeichnet. Das ist, wenn man so will, Rezeptionsästhetik im engeren Sinne.
3. Subjektive Rezeptionstheorien finden die Wirklichkeit des Textes allein in seiner individuellen Rezeption, die besonders von Gefühlen gesteuert wird. Als Autor wird eigentlich nur2genannt.
4. Psychologische Rezeptionstheorien interessieren sich dafür, was ein Text über Person und Psyche des Lesers enthüllt. Als Autor wird Norman Holland3 genannt.
5. Soziale Rezeptionstheorien stellen nicht auf individuelle Leser, sondern auf deren Einbettung in ein soziales Umfeld ab. Eine solche Theorie hat seit 1976 Stanley Fish entwickelt, indem er auf den »strategischen« Umgang von interpretative communities mit den Texten verwies.

Für die Rechtstheorie ist besonders ein Gesichtspunkt interessant, der in dieser Einteilung nicht direkt erscheint, nämlich die Frage, ob die Rezeption von Texten schlechthin subjektiv, willkürlich oder dezisionistisch ist, oder ob sie in irgendeiner Weise diszipliniert oder gar objektiviert wird. Unter diesem Gesichtsunkt soll diese Aufzählung literaturwissenschaftlicher Rezeptionstheorien im Folgenden durch einige Zitate illustriert werden.4

Die Konstanzer Schule der Rezeptionsästhetik geht zurück auf die Antrittsvorlesung des Romanisten Hans Robert Jauß »Literaturgeschichte als Provokation der Literaturwissenschaft« aus dem Jahre 1966.5 1970 veröffentlichte auch der Anglist Wolfgang Iser (1926-2007) einen Text, mit dem er zum zweiten Pfeiler der Konstanzer Schule wurde: »Die Appellstruktur der Texte. Unbestimmtheit als Wirkungsbedingung literarischer Prosa«, den er 1976 mongraphisch ausarbeitete6

Jauß will der Geschichtlichkeit der Literatur dadurch Rechnung tragen, dass er ihre Rezeption und Wirkung jenseits einer möglicherweise darstellenden oder expressiven Funktion als geschichtsbildenden Prozess betrachtet. Im Vorwort der Bearbeitung von 1970 (S. 9) hat Jauß sie wie folgt zusammengefasst:

»Sie geht davon aus, daß die Geschichtlichkeit der Literatur weder auf einem post festum erstellten Zusammenhang literarischer ›Fakten‹ noch auf einem anonymen Uberlieferungsgeschehen der ›Meisterwerke‹, sondern auf der vorgängigen, Vergangenheit und Gegenwart der Literatur vermittelnden Erfahrung ihrer Leser beruht. Sie zeigt, wie Interpretation, die diese ständige Interaktion von Werk, Publikum und Autor im Blick behält, das einzelne Werk in seinen ›Konkretisationen‹, aber auch die Reihe der Werke in den Interrelationen von Rezeption und Produktion beschreiben kann, wenn jeweils das Bezugssystem der Erwartungen ermittelt ist, die das Verständnis der einstigen wie der jetzigen Leser im aktiven Prozeß des Verstehens orientieren. Sie postuliert, daß eine derart im Prozeß der Rezeption fundierte Literaturgeschichte die gesellschaftlichen und kommunikativen Funktionen der Literatur einbegreifen muß und darum auch erfassen kann, weil der Erwartungshorizont des Publikums als diejenige Instanz zu verstehen ist, vor der sich die Artikulation von Fragen der Lebenspraxis an die Kunst wie auch der Umschlag ästhetischer Erfahrung in ein präformierendes Weltverständnis vollzieht.«

Zur Verdeutlichung noch einige Sätze aus dem Haupttext:

»Qualität und Rang eines literarischen Werks ergeben sich weder aus seinen biographischen oder historischen Entstehungsbedingungen noch allein aus seiner Stelle im Folgeverhältnis der Gattungsentwicklung, sondern aus den schwerer faßbaren Kriterien von Wirkung, Rezeption und Nachruhm.« (S. 147)

»Im Dreieck von Autor, Werk und Publikum ist das letztere nicht nur der passive Teil, keine Kette bloßer Reaktionen, sondern selbst wieder eine geschichtsbildende Energie.« (S. 169)

Die rezeptionsgeschichtliche Methode

»stellt damit die scheinbare Selbstverständlichkeit, daß im literarischen Text Dichtung zeitlos gegenwärtig und ihr objektiver, ein für allemal geprägter Sinn dem Interpreten jederzeit unmittelbar zugänglich sei, als ein platonisierendes Dogma der philologischen Metaphysik in Frage.« (S. 183)

Das bedeutet freilich nicht, dass die Rezeption völlig dem Leserindividuum überlassen bleibt, denn der Leser geht mit einem historisch geprägten Erwartungshorizont an die Lektüre. »In der Explikation des literarischen ›Erwartungshorizonts‹ « sieht Jauß das »methodologische Kernstück« seiner Theorie.

»Der Ereigniszusammenhang der Literatur wird primär im Erwartungshorizont der literarischen Erfahrung zeitgenössischer und späterer Leser, Kritiker und Autoren vermittelt. Von der Objektivierbarkeit dieses Erwartungshorizontes hängt es darum ab, ob es möglich sein wird, Geschichte der Literatur in der ihr eigenen Geschichtlichkeit zubegreifen und darzustellen.«

Der Erwartungshorizont deckt sich zum Teil mit dem, was Juristen als Vorverständnis geläufig ist. Aber er wird auch durch Strukturen und Signale aus dem Text selbst beeinflusst.

»Der psychische Vorgang bei der Aufnahme eines Textes ist im primären Horizont der ästhetischen Erfahrung keineswegs nur eine willkürliche Folge nur subjektiver Eindrücke, sondern der Vollzug bestimmter Anweisungen in einem Prozeß gelenkter Wahrnehmung, der nach seinen konstituierenden Motivationen und auslösenden Signalen erfaßt und auch textlinguistisch beschrieben werden kann. … Der neue Text evoziert für den Leser (Hörer) den aus früheren Texten vertrauten Horizont von Erwartungen und Spielregeln, die alsdann variiert, korrigiert, abgeändert oder auch nur reproduziert werden.« (S. 175)

So verläuft der Rezeptionsvorgang am Ende erstaunlich konventionell.

»Die Möglichkeit, den Erwartungshorizont zu objektivieren, ist aber auch bei historisch weniger profilierten Werken gegeben. Denn die spezifische Disposition für ein bestimmtes Werk, mit der ein Autor bei seinem Publikum rechnet, kann beim Fehlen expliziter Signale auch aus drei allgemein voraussetzbaren Faktoren gewonnen werden: erstens aus bekannten Normen oder der immanenten Poetik der Gattung, zweitens aus den impliziten Beziehungen zu bekannten Werken der literarhistorischen Umgebung und drittens aus dem Gegensatz von Fiktion und Wirklichkeit, poetischer und praktischer Funktion der Sprache, der für den reflektierenden Leser während der Lektüre als Möglichkeit des Vergleichs immer gegeben ist.« (S. 177)

Wolfgang Iser fragt zu Beginn seines 1970 veröffentlichten Textes »Die Appellstruktur der Texte. Unbestimmtheit als Wirkungsbedingung literarischer Prosa«:

»Sollte am Ende Interpretation nichts weiter als ein kultiviertes Leseerlebnis und dami nur eine der möglichen Aktualisierungen des Textes sein? Verhält es sich so, dann heißt dies: Texte werden überhaupt erst im Lesevorgang generiert; sie sind das Produkt einer Interaktion von Text und Leser und keine im Text versteckten Größen, die aufzuspüren allein der Interpretation vorbehalten bleibt. Generiert der Leser die Bedeutung eines Textes, so ist es nur zwangsläufig, wenn diese in einer je individuellen Gestalt erscheint.« (S. 7)

Eine eine radikal subjektive Rezeptionstheorie müsste auf diese Fragen mit einem klaren Ja antworten. Iser ist freilich nicht besonders radikal. Die unbegrenzte Interpretierbarkeit behauptet er nur für literarische Texte. Dagegen kennt er andere, die »einen Gegenstand vorstellen oder mitteilbar machen, der eine vom Text unabhängige Existenz besitzt« (S. 10), sei es, dass dieser Gegenstand in der realen Lebenswelt vorzufinden ist, sei es, dass der Text ihn erst als solchen konstituiert. Zu der zweiten Gruppe rechnet Iser

»beispielsweise alle Texte, die Forderungen stellen, Ziele angeben oder Zwecke formulieren, ebenfalls neue Gegenstände, die jedoch erst durch das vom Text entwickelte Maß an Bestimmtheit ihren Gegenstandscharakter gewinnen. Gesetzestexte bilden den paradigmatischen Fall solcher Formen der Sprachlichkeit. Das von ihnen Gemeinte gibt es dann als verbindliche Verhaltensnorm im menschlichen Umgang.« (S. 10)

Nur literarische Texte sind für Iser schlechthin »fiktional«. Nur für sie gilt:

»In literarischen Werken indes geschieht eine Interaktion, in deren Verlauf der Leser den Sinn des Textes dadurch ›empfängt‹, daß er ihn konstituiert! Daraus folgt, daß man die alte Frage, was dieses Gedicht, dieses Drama, dieser Roman bedeutet, durch die Frage ersetzen muß, was dem Leser geschieht, wenn er fiktionale Texte durch die Lektüre zum Leben erweckt.« (Der Akt des Lesens S 39, 41)

Die Literatureigenschaft eines Textes findet Iser in dem Text selbst, denn literarische Texte sollen sich durch eine Unbestimmtheitsdimension auszeichnen. Dazu benennt Iser »formale Bedingungen, die im Text selbst Unbestimmtheit hervorbringen« (S. 11) und ergänzt, »daß die Unbestimmtheit in literarischen Texten seit dem 18. Jahrhundert ständig im Wachsen begriffen ist« (S. 24). Nach diesem Maßstab wären die meisten Rechtsnormen Literatur.

Auch Juristen unterscheiden gerne zwischen bestimmten und mehr oder weniger unbestimmten Rechtsbegriffen und Normen und beklagen, dass die Zahl der unbestimmten Rechtsbegriffe und Generalklauseln ständig zugenommen habe. Aber die offene Umbestimmtheit von Texten ist nicht eigentlich das Problem. Porblematisch ist vielmehr der Anschein des eindeutigen Wortlauts. Früher galt einmal die sogenannte Sens-Clair-Regel. Danach ist bei eindeutigem Wortlaut eine Auslegung nicht zulässig: Cum in verbis nulla ambiguitas est, non debet admitti voluntatis quaestio (Paulus, Digesten 32, 25, 1) – wenn der Wortlaut eindeutig ist, darf man nicht mehr nach dem Sinn des Gesetzes fragen. Zwar gibt es durchaus eindeutige Rechtsnormen. Diese Eindeutigkeit steht aber auf schwankendem Boden. Wenn auch nur einer, den wir ernst nehmen, das bislang Eindeutige in Zweifel zieht, wird es unsicher. Die Bestimmtheit eines Textes ist keine Eigenschaft des Textes selbst, sondern folgt erst aus dem Zusammenspiel von Text und einer textexternen Konstellation. Deshalb muss die Eindeutigkeit oder Unbestimmtheit eines Textes mindestens festgestellt werden, und darin liegt schon eine Interpretation. Die Qualifizierung von Texten als »literarisch« mit Hilfe einer »Unbestimmtheitsdimension« im Hinblick auf die Rezeptionsmöglichkeiten der Leser ist deshalb zirkulär.

Louise Rosenblatt, von der gleich noch die Rede sein wird, hat dieses Problem konsequent dadurch gelöst, dass sie auf die Interessen und Absichten abstellt, die der Leser an einen Text heranträgt. Sie unterscheidet insbesondere ein ästhetisches und ein praktisches Leseinteresse (reading in aesthetic mode – reading in efferent mode). So kann der Soziologe Romane lesen, um sich über die (reale) Lebenswelt der Protagonisten zu informieren. Umgekehrt lassen sich auch Sachtexte unter ästhetischen Aspekten lesen.

Im Übrigen ist das Leseergebnis auch bei literarischen Texten für Iser nicht subjektiv beliebig. Der Text hat zwar keine »Bedeutung«, aber doch »Sinnpotentiale«, und auch wenn diese »niemals vollkommen, sondern immer nur partiell eingelöst werden« können, so können doch die »Voraussetzungen, die die Sinkonstitution bedingen« analysiert werden.

»So individuell daher auch die Färbungen des konstituierten Sinnes im Einzelfall sind, so besitzt der Konstitutionsakt selbst angebbare Charakteristika, die den je individuellen Realisierungen des Textes zugrundeliegen und folglich intersubjektiver Natur sind.« (Der Akt des Lesens S. 42)

Soweit der Text durch seine Strukturen die Reaktionen des Lesers steuert, besteht freilich eine Spannung zwischen dem impliziten Leser, der von den Strukturen des Textes angesprochen wird, und dem realen Leser, der seine eigenen Erfahrungen und Vorlieben an den Text heranbringt.

Was in der Literaturtheorie über solche »Lesermodelle« theoretisiert wird7, ist so abgehoben, das ich nicht nachkomme. Der Jurist als Laie versteht immerhin, dass verschiedene Lesermodelle diskutiert werden, so der ideale Leser (bei Fish), der textimmanent vorausgesetze implizite Leser bei Iser, und der vom Autor erwartete Leser und der reale Leser. Wie der Autor vom Leser macht sich auch der Gesetzgeber ein Modell vom Adressaten seiner Normtexte. Der ideale oder auch nur der informierte Leser wäre ein homo juridicus.

Andere als literarische Texte haben für Iser anscheinend »wirklich« Bedeutung. So erfahren wir,

»daß der Unbestimmtheitsbetrag in literarischer Prosa – vielleicht in Literatur überhaupt – das wichtigste Umschaltelement zwischen Text und Leser darstellt«, die Unbestimmtheit also »zur Basis einer Textstruktur [wird], in der der Leser immer schon mitgedacht ist. Darin unterscheiden sich literarische Texte von solchen, die eine Bedeutung oder gar eine Wahrheit formulieren. Texte dieser Art sind ihrer Struktur nach von möglichen Lesern unabhängig, denn die Bedeutung oder die Wahrheit, die sie formulieren, gibt es auch außerhalb ihres Formuliertseins.« (S. 33)

Der Unterschied zwischen literarischen und anderen Texten besteht also, dass nur die ersteren die Realisierung von Wahrheit und Bedeutung dem Leser überantworten. Nicht ohne Grund urteilt Stanley Fish über Iser:

»Iser is, in short, a phenomenon: he is influential without being controversial, and at a moment when everyone is choosing up sides, he seems to be on no side at all or (it amounts to the same thing) on every side at once.«8

Gleichzeitig mit und unabhängig von von den Konstanzern verkündete der französische Philosoph Roland Barthes den »Tod des Autors«, und zwar zunächst in einer englischen Übersetzung9 Barthes erklärte den Text zu einem »Gewebe von Zitaten«. Der Autor schafft nur ein neues Puzzle. Die kreative Eigenleistung des Autors tritt ganz in den Hintergrund. Daher hält Barthes es für naiv, für die Interpretation eines Textes nach dem Autor zu fragen. Vielmehr könne dürfe und müsse der Leser selbst aktiv werden. Barthes schließt:

»Die Geburt des Lesers ist zu bezahlen mit dem Tod des Autors.«

Als eine indirekte Rezeptionstheorie könnte man auch Derridasd Dekonstruktivismus anführen. Darauf wird hier mit dem Hinweis, dass Derrida zunächst die amerikanischen Rezeptionstheorien beeinflusst hat.

Das gilt noch nicht für Louise M. Rosenblatt (1904–2005). Sie hat die Grundlage für ihre Version der Rezeptionstheorie, die sie Transaktionstheorie nennt, bereits 1938 in der als Lehrerhandbuch gedachten Monographie »Literature as Exploration« gelegt. Gewöhnlich wird aber nur die Monographie von 1978 angeführt: The Reader, the Text, the Poem: The Transactional Theory of the Literary Work.10 Rosenblatt selbst hat ihre Transaktionstheorie wie folgt zusammengefasst:

»Every reading act is an event, a transaction involving a particular reader and a particular configuration of marks on a page, and occurring at a particular time in a particular context. Certain organismic states, certain ranges of feeling, certain verbal or symbolic linkages, are stirred up in the linguistic reservoir. From these activated areas, to phrase it most simply, selective attention – conditioned by multiple personal and social factors entering into the situation – picks out elements that synthesize or blend into what constitutes ›meaning‹. The ›meaning‹ does not reside ready-made in the text or in the reader, but happens during the transaction between reader and text.«11

Ohne Rückgriff auf Rosenblatt entstand in den USA – wiederum etwa gleichzeitig mit und unabhängig von den Konstanzern – eine radikalere Rezeptionstheorie, die als Reader Response Theorie bekannt ist. Ihr Repräsentant, der bald auch von Juristen zur Kenntnis genommen wurde, ist Stanley E. Fish. Fish hatte bereits 1967 in einer Monographie über John Miltons berühmten Versroman »Paradise Lost« (1647), mit der er seinen Ruf als Literaturwissenschaftler begründete12, die Frage, ob denn nun Milton Gott oder dem Teufel die Ehre gibt, dem Leser überantwortet. 1970 publizierte Fish den Schlüsseltext zu seiner Version des Reader-Response-Criticism.13

Fish führt uns fort von der Frage: Was bedeutet dieser Text? zu der anderen: Was macht der Text mit uns? So verliert der Text seinen Objektcharakter und wird zu einem Ereignis (event):

»It is no longer an object, a thing-in-itself, but an event, something that happens to, and with the participation of, the reader. And it is this event, this happening – all of it and not anything that could be said about it or any information one might take away from it – that is, I would argue, the meaning of the sentence.« (1970 S. 125)

Freilich ist auch Fish nicht frei von dem Unbestimmtheitsproblem (das er an Iser kritisiert), denn er demonstriert seine These an Sätzen, die von vornherein sinnlos, weil in sich widersprüchlich, oder mehrdeutig sind. Wer wollte bezweifeln, dass auch sinnlose Sätze im Leser Sinnerlebnisse auslösen. Das ist nicht eigentlich das Problem der Rechtstheorie.

»The concept is simply the rigorous and disinterested asking of the question, what does this word, phrase, sentence, paragraph, chapter, novel, play poem, do?; and the execution involves an analysis of the developing responses of the reader in relation to the words as they succeed one another in time.« (S. 226f.)

Aber auch bei Fish ist die Leserantwort auf einen Text nicht schlechthin subjektiv:

»What I am suggesting is that there is no direct relationship between the meaning of a sentence (paragraph, novel, poem) and what its words mean. Or, to put the matter less provocatively, the information an utterance gives, its message, is a constituent of, but certainly not to be identified with, its meaning.« (S. 131)

Im Grunde kann Fish als Linguist die zu erwartende Leserantwort vorwegnehmen, nämlich die Antwort von kompetenten und informierten Ideallesern, die er als kognitive Reaktion auf bestimmte Textelemente rekonstruiert. (S. 145).

Später hat Fish das Vertrauen in seinen idealen Individualleser verloren. Wohl unter dem Eindruck der Kritik nahm er nunmehr einen bereits von Peirce geprägten Begriff auf, mit dem er auch zum Rechtstheoretiker avancierte, die interpretative Gemeinschaft14 Die Interpretation wird nun also doch dadurch diszipliniert, dass der Interpret einer Gemeinschaft angehört, die mit dem gleichen Deutungsschema an den Text herangeht. Mitglied einer interpretativen Gemeinschaft wird man, indem man die in ihr verbreiteten Konventionen und Deutungsansätze übernimmt. Das geschieht etwa bei Juristen, indem sie eine »berufliche Initiation oder einen Trainingskurs durchlaufen« (Doing What Comes Naturally. Change Rhetoric and the Practice of Theory in Literary and Legal Studies, 1989; 140). Dann geht Fish noch einen Schritt weiter: Schon bei der Produktion von Texten ist die interpretative Gemeinschaft am Werk.

»Indeed, it is interpretive communities, rather than either the text or the reader, that produce meanings and are responsible for the emergence of formal features. Interprtive communities are made up of those who share interpretive strategies not for reading but for writing texts, for constituting their properties. In other words these strategies exist prior to the act of reading and therefore determine the shape of what is read rather than, as usually assumed, the other way round.
… I will make the point that since the thoughts an individual can think and the mental operations he can perform have their source in some or other interpretive community, he is as much a product of that community (acting as an extension of it) as the meanings it enables him to produce. At a stroke the dilemma that gave rise to the debate between the champions of the text and the champions of the reader (of whom I had certainly been one) is dissolved because the competing entities are no longer per¬ceived as independent. To put it another way, the claims of objectivity and subjectivity can no longer be debated, because the authorizing agency, is at once both and neither. An interpretive community is not objective because as a bundle of interests, of particu¬lar purposes and goals its perspective is interested rather than neutral; but by the very same reasoning the meanings and texts produced by an interpretive community are not subjective because they do not proceed from an isolated individual but from a public and conventional point of view.«15

Bei Fish gibt also eine interpretative Gemeinschaft sowohl bei Produktion als auch bei der Reproduktion des Textes Strategien vor. Damit sind wir zurück beim Vorverständnis, denn was die Interpretationsgemeinschaft konstituiert, ist eben ein geteiltes Vorverständnis.

In »Vorverständnis und Methodenwahl«16 vertrat Josef Esser die These, dass das Vorverständnis die Vorstellung von einer gerechten Entscheidung und damit sekundär die Methodenwahl bestimme. Die gängigen Auslegungsmethoden, so Esser, helfen letztlich nicht, weil die verschiedenen Methoden zu abweichenden Ergebnissen führen können und weil es keine Metamethode gibt, um die maßgebliche Methode festzulegen. Ein ähnliches Argument hat Stanley Fish gegen Owen M. Fiss vorgebracht. Nach Fiss ist die Rezeption eines Textes durch einen kompetenten Richter weder ganz willkürlich noch völlig mechanisch. Sie verläuft vielmehr auf einem Mittelweg, auf dem die subjektiven wie die objektiven Dimension menschlicher Erkenntnis zum tragen kommen. Fiss führt dazu disciplining rules an, die der richterlichen Diskretion Grenzen ziehen und für eine bounded objectivity sorgen. Fish argumentiert dagegen, dass auch solche Regeln Texte darstellen, die interpretiert werden müssen, und daher nicht selbst die Interpretation lenken können.17. Von diesem Iterationsargument ist nicht viel zu halten. Rekursivität oder – wie Luhmann sagt – Reflexivität ist in der Literatur und ebenso in der Welt der Normen ein gängiges Phänomen. Postmodernen Theoretikern ist die Möglichkeit eines infiniten Regereses ein Schrecken. In der Praxis erweist sich Reflexivität jedoch häufig als eine leistungssteigernde Vorkehrung18, so etwa bei der Normenhierarchie von einfachem und Verfassungsrecht. Wieso nicht bei Interpetationsregeln?

Man kann nach alledem mit den Rezeptionstheoretikern verschiedener Couleur der Ansicht sein, dass es zwischen Texten und einer bestimmten Bedeutung keine feste Beziehung im Sinne einer Referenz gibt, sondern dass alle »Bedeutung« vom Leser konstruiert sei. Doch das Konstrukt der Leser ist so massiv, dass auch der Text nicht bedeutungslos ist. Nicht nur sprachliche Strukturen und Sprachkonventionen legen den Lesern gewisse Schranken auf. Vor allem das gemeinsame Vorverständnis der Interpretationsgemeinschaft, die die Autoren und die Rezipienten umschließt, bewirkt eine Stabilisierung von Bedeutung. Die Bedeutung steckt nicht (allein) im Text, sondern es sind textexterne Umstände, die zu einem bestimmten eindeutigen Textverständnis führen.

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  1. Diese Einteilung geht wohl zurück auf das Kapitel »Reader‑Response Criticism« von Lois Tyson, Critical Theory Today, A User-Friendly Guide, 3. Aufl., New York 2015 S. 169-207. Sie findet sich inzwischen auf verschiedenen Internetseiten, die Hilfe für Studenten anbieten, z. B. auf der Seite http://research.uvu.edu/mortensen/2600/assignments/readerresponse.html. 

  2. David Bleich, Readings and Feelings: An Introduction to Subjective Criticism, National Council of Teachers of English, Urbana,Ill, 1975 [http://files.eric.ed.gov/fulltext/ED103832.pdf]. 

  3. Norman N. Holland, Unity Identity Text Self, Publications of the Modern Language Association of America, 1975, S. 813-822. Ich habe den Text nicht gelesen. 

  4. Für einen Überblick Lois Tyson, Critical Theory Today, Kap. 6: Reader-response-criticism (S. 168-A User-Friendly Guide, 2. Aufl., New York 2006, S. 169-207). Zur Entwicklung in den 1970er und 80er Jahren Steven Mailloux, The Turns of Reader-Response Criticism, in: Charles Moran/Elizabeth Penfield (Hg.), Conversations, Contemporary Critical Theory and the Teaching of Literature, Urbana, Ill. 1990, 38-54. Zu einem ersten Überblick verhelfen auch Darstellungen aus dem Bereich der Theologie, die bei der Bibelauslegung vor ähnlichen Problemen steht wie die Jurisprudenz bei der Gesetzesauslegung und die deshalb einen vergleichbaren Interdisziplinaritätsbedarf hat wie diese. Schon im Eintrag vom 25. 5. 2015 hatte ich auf den Überblick von Detlef Dieckmann, Rezeptionsästhetik, 2007, auf der Webseite Bibelwissenschaft.de. verwiesen. Stanley Fish wird ausführlicher gewürdigt von Chris Lang in einem Essay »A Brief History of Literary Theory« auf der Internetseite der »Xenos Christian Fellowship«. 

  5. Veröffentlicht 1967. Ich zitiere nach der erweiterten Fassung in dem Suhrkamp-Band Hans Robert Jauß, Literaturgeschichte als Provokation, 1970, dort S. 144-207. 

  6. Der Akt des Lesens. Theorie ästhetischer Wirkung, 1976, 4. Aufl. 1994, auf Englisch als »The Act of Reading. A Theory of Aesthetic Response« 1978 bei Routledge und Kegan Paul, London; ferner in diesem Zusammenhang wichtig: Wolfgang Iser, Der implizite Leser. Kommunikationsformen des Romans von Bunyan bis Beckett, 3. Aufl. 1994, 1972. 

  7. Von Marcus Willand, Lesermodelle und Lesertheorien, Rekonstruktion, Klassifikation, Applikation, 2014. 

  8. Why No One’s Afraid of Wolfgang Iser, Rezension von Wolfgang Iser, The Act of Reading: A Theory of Aesthetic Response ,Baltimore: TheJohnsHopkinsUniv.Press, 1978, Diacritics 11 , 1981, 2-13, S. 2. 

  9. The Death of the Author, Aspen Magazine 1967, Doppelausgabe 5/6. Der französische Text erschien 1968 unter dem Titel »La mort de l‘auteur« in der Zeitschrift »Manteia« S. 12-17E eine deutsche Übersetzung findet man in: Fotis Jannidis u. a. (Hg.), Texte zur Theorie der Autorschaft, [Nachdr.], Stuttgart 2009, 185-193. 

  10. Carbondale, III.: Southern Illinois University Press. Vorausgegangen war 1969 ein Aufsatz »Towards a Transactional Theory of Reading« im Journal of Reading Behavior 1 S. 31-51. Ich habe nur Kurzfassungen gelesen (Louise Rosenblattt, The Literary Transaction: Evocation and Response, Theory into Practice, 21, 1982, 268-277, sowie dies. Writing and Reading: The Transactional Theory. Technical Report No. 416, 1988). 

  11. Rosenblatt 1988 S. 4. 

  12. Surprised by Sin: The Reader in Paradise Lost. 

  13. Literature in the Reader: Affective Stylistics, New Literary History 2, 1970, 123-162. Seine theoretischen Aufsätze der siebziger Jahre sind gesammelt in dem Band »Is There a Text in This Class? The Authority of Interpretive Communities, Cambridge, Harvard University Press, 1980, den Band eröffnet der Aufsatz von 1970. 

  14. In der Einleitung zu dem Sammelband »Is There a Text in This Class?, 1980. 

  15. Is There a Text in this Class, 1980, Introduction S. 14. 

  16. 3. Aufl. 1975. 

  17. Owen M. Fiss, Objectivity and Interpretation, Stanford Law Review 34, 1981/82, 739-763; Stanley Fish, Fish v. Fiss, Stanford Law Review 36, 1984, 1325-1347 

  18. Niklas Luhmann, Reflexive Mechanismen, Soziale Welt 1966, 17, 1–23. 

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