Zeitungsleserwissen über den Lauf der Modernisierung

Der Versuch, die Modernisierungstheorie für die Rechtssoziologie zu rezipieren, stößt immer wieder auf das Problem des Unwissens. Man möchte wissen, was im Zuge der Modernisierung in den Entwicklungsländern wirklich geschieht. Auf der einen Seite steht das Zeitungsleserwissen. In der vergangenen Woche sind mir in der FAZ zwei einschlägige Artikel aufgefallen, nämlich im Wirtschaftsteil vom 20. Oktober »Bankgeschäfte in Lagos werden diskret betrieben« von Christan von Hiller und »Im Reich des Garanten« über das Regime von Idriss Déby im Tschad. Beide Artikel waren mit attraktiven Bildern illustriert. Zu dem Artikel über Bankgeschäfte in Lagos wurde der smarte Banker Bismarck Rewane gezeigt, ferner eine Luxusyacht und der Stadtteil von Lagos, wo die Privatbanken zu Hause sind. Der Artikel über den Tschad war geschmückt mit einem Foto1 des Diktators in seinem glanzvollen Salon, wie ihm der strahlende französische Außenminister Fabius gegenübersitzt.

Es trifft sich, dass ich gerade den von Andrea Behrends, Stephen P. Reyna und Günther Schlee herausgegebenen Band »Crude Domination. An Anthropology of Oil« auf dem Tisch habe.2 Ein Bild gibt es dort nur auf dem Buchdeckel.3

Es handelt sich dabei um ein preisgekröntes Foto von Ed Kash, das – nach der Legende – Jugendliche im Dorf Kbean (Ogoniland, Nigeria ) zeigt, die darauf warten, dass der Ölkonzern Shell seine Leute schickt, um ein Feuer zu löschen, das an einer seit Wochen leckenden Ölleitung ausgebrochen ist. Auf den ersten Blick scheint es, als könnte die Anmutung der Bilder unterschiedlicher nicht sein. Auf den zweiten Blick schwindet der Unterschied. Beide Bilder sind sozusagen Hochglanzfotografien. Die Szene aus Nigeria ist viel dramatischer. Aber wenn man das Bild in einer Reihe von 25 anderen, die für den Prix Pictet in die engere Auswahl gezogen wurden, ansieht, so kann der Eindruck entstehen, dass es wegen seiner ästhetischen Qualitäten ausgewählt wurde. Erst wenn man weiß, dass der hochdotierte Preis von der gleichnamigen Schweizer Privatbank mit dem Ziel gestiftet wurde, herausragende Bilder zu prämieren, die uns mit den dringendsten sozialen und Umweltproblem konfrontieren oder wenn man es gar unter dem Buchtitel »Crude Domination« sieht, gewinnt es eine eindeutige Aussage. Welchen Bildern soll man trauen? Trauen kann man überhaupt keinen Bildern, sondern allenfalls Texten. Nach dem Text über Bankgeschäfte in Lagos zu urteilen, ist dort alles in Ordnung. Man erfährt gerade noch, Nigeria ringe noch um seine nationale Ordnung. Aber es geht in dem Artikel ja auch nur darum, dem Leser nahezubringen, dass es in Nigeria einen veritablen Finanzmarkt gibt. Anders der Artikel über den Tschad. Das Bild täuscht (oder auch nicht). Hinreichend deutlich wird im Text klargestellt, dass Déby ein Diktator war und ist, der keine Untat gescheut hat. Aber jetzt will Frankreich ihn gegen die Rebellen in Mali mobilisieren. Das ist ein Dilemma, nach dem Bild zu urteilen allerdings nicht für den französischen Außenminister. Soweit das Zeitungsleserwissen. Das nächste Posting soll sich mit dem genannten Buch befassen.

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  1. Als Bildurheber wird AFP angegeben. 

  2. Berghahn Books, New York, ISBN 9780857452559. 

  3. In besserer Qualität findet man das Bild man in einer Earth Picture Gallery der Zeitung »The Telegraph«

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Eine Stellungnahme zu “Zeitungsleserwissen über den Lauf der Modernisierung”:


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