Travelling Models V: Isomorphie der Organisationen (Teil I)

Dieser Eintrag gilt immer noch der Vorbereitung auf eine Besprechung des Bandes »Travelling Models in African Conflict Management, Translating Technologies of Social Ordering« herausgegeben von Andrea Behrends, Sung-Joon Park und Richard Rottenburg (Leiden 2014).

Seit Beginn der 1990er Jahre entwickelt Richard Rottenburg, Direktor des Seminars für Ethnologie an der Universität Halle-Wittenberg, seine Gedanken über travelling models, über die Diffusion von Ideen und Artefakten in den Entwicklungsländern, insbesondere im subsaharischen Afrika. Seine Arbeiten lassen sich auch als Beitrag zur Rechtssoziologie lesen, denn mehr oder weniger alle der travelling models sind in irgendeiner Weise rechtlich grundiert. Rottenbergs prominenteste Arbeit ist die Monographie: »Weit hergeholte Fakten, Eine Parabel der Entwicklungshilfe«, 2002.1 Sie schildert, verkleidet in fiktive Darstellungen der Hauptakteure, die Schwierigkeiten der Entwicklungszusammenarbeit am Beispiel eines Projekts zur Verbesserung der Organisation der Wasserwerke in drei Städten Tansanias.

Diesem Buch sind in den 1990er Jahren Aufsätze vorangegangen, aus denen sich die Gedankenwelt der Hallenser Ethnologie leichter erschließen lässt.2 Sie befassen sich mit dem Schicksal formaler Organisationen in einem Entwicklungsland:

»I shall concentrate on a field usually ignored by anthropology: the translation of modern organization as the citadel of western cultures.« (1996 S. 192)

Als handfestes Beispiel dient eine Reederei, deren Schiffe im Sudan3 auf einem großen Stausee operieren (West African Lake Transport Company) und die trotz vieler planerischer und finanzieller Entwicklungshilfe an patrimonialen Strukturen mehr oder weniger erstickt. Von der Organisation bleibt anscheinend bloß Fassade. An diesem Beispiel präsentiert Rottenburg seine Theoriewerkzeuge, nämlich neoinstitutionalistische Organisationstheorie und vor allem die Theorie der sozialen Übersetzung nach Callon und Latour.

Das gängige Bild der afrikanischen Entwicklungsländer ist dunkel.

»Nichts scheint ohne Bestechung zu laufen, und kein privater Frieden ist vor staatlichen Übergriffen sicher. Dieser Sachverhalt ist für alle afrikanischen Staaten beschrieben und aus unterschiedlichen Perspektiven interpretiert worden.« (Rottenburg 1995 S. 100)

So ist man gespannt, ob sich ein anderes Bild ergibt, wenn Rottenburg mit der Lake Transport ein (staatlich dirigiertes) Wirtschaftsunternehmen in den Blick nimmt. Tatsächlich ändert sich nicht eigentlich das Bild. Aber wie nicht selten, wenn ein kompetenter Führer ein Bild erläutert, sieht der Betrachter am Ende Farbschichten, die ihm sonst entgangen wären. Zuerst führt Rottenburg ihn allerdings, wie ich meine, auf eine falsche Fährte, indem auf neoinstitutionalistische Literatur zurückgreift, wie sie von John Meyer, DiMaggio und Powell repräsentiert wird. Ich kann mich aber auch nicht wirklich mit der Theorie der sozialen Übersetzung von Callon und Latour anfreunden, auf die Rottenburg dann umschwenkt. Trotzdem oder gerade deshalb will ich mich auf die beiden Theoriewerkzeuge einlassen, mit denen Rottenburg seine Beobachtungen bearbeitet, denn was bei Rottenburg am Ende an Sachaussagen herauskommt, ist erhellend. Dieser und der folgende Eintrag konzentrieren sich auf die neoinstitutionalistische Organisationstheorie. Die Theorie der sozialen Übersetzung nach Callon und Latour in der Rezeption durch Rottenburg wird Thema eines weiteren Eintrags.

Zunächst also einige Anmerkungen zu der von Rottenburg angeführten neoinstitutionalistischen Organisationstheorie. Zu Beginn des Aufsatzes »When Organization Travels« von 1996 bezieht sich Rottenburg auf die drei Formen des institutionellen Isomorphismus nach DiMaggio und Powell von 1983.4 Später beruft er sich auf einen weiteren Klassiker des Neoinstitutionalismus, nämlich auf Meyer und Rowans »Institutionalized Organizations: Formal Structure as Myth and Ceremony« von 1977.5 Mein erster Eindruck – der sich nicht bestätigt hat – war, dass Rottenburg in einer einseitigen Interpretation dieser Literatur Organisationen schlecht redet, damit das beispielhaft vorgeführte Scheitern einer Organisation im sudanesischen Kontext eher erträglich erscheint. Deshalb, und weil es sich dabei um ein ganzes Kapitel Rechtsoziologie handelt, werde ich etwas weiter ausholen. Wer mit dem Neoinstitutionalismus vertraut ist, sollte sich den Rest von Teil I ersparen und sogleich zu Teil II übergehen.

Sozialwissenschaftler sprechen oft schon im Hinblick auf einzelne verfestigte Normen von Institutionen.

»The only idea common to all usages of the term ›institution‹ is that of some sort of establishment of relative permanence of a distinctly social sort.«

Dieses geläufige Zitat von Everett C. Hughes6 bezeichnet die Schnittmenge aller Definitionen des Institutionsbegriffs: Eine Institution ist eine relativ stabile soziale Praxis. Aus juristischer und ebenso aus rechtssoziologischer Sicht ist es jedoch üblich und zweckmäßig, unter einem Institut oder einer Institution die Summe der vorhandenen Regeln zu einem abgrenzbaren Themenkomplex zu begreifen. Als Institutionen gelten deshalb etwa Vertrag, Ehe, Eigentum, Schule, Börse, Staat usw.

Gut etabliert ist die Unterscheidung zwischen formellen und informellen Institutionen. Früher galt es als Entdeckung der Rechtssoziologie, dass die förmlich in Gesetzen festgelegten und bürokratisch von Behörden und Gerichten verwalteten Rechtsnormen nur funktionieren, wenn sie von einer durch die Sozialisation internalisierten gesellschaftlichen Moral getragen werden. Heute stellt man auch insoweit nicht mehr auf einzelne Normen, sondern auf größere Zusammenhänge = Institutionen ab. Zugleich wird dieser normative Ansatz durch einen »kognitiven« und einen behavioristischen ergänzt.7 Der »kognitive« Ansatz (der besser kulturalistisch heißen würde) sucht nach den tief verankerten kulturellen Selbstverständlichkeiten, die jeder bewusst normativen oder rational kalkulierten Entscheidung zugrunde liegen. Die behavioristische Version schließlich erklärt die Befolgung von Recht als rational choice, freilich mit all den Modifizierungen, die das Modell der Rationalwahl durch Herbert A. Simons Konzept der beschränkten Rationalität erfährt.

Die wissenschaftliche Diskussion wird unter der Überschrift Neoinstitutionalismus geführt.8 Anknüpfungspunkt ist oft eine Formulierung von Douglass C. North, politische Institutionen könnten »any form of constraint that human beings devise to shape human interaction« annehmen und sowohl durch »formal constraints – such as rules that human beings devise – and informal constraints – such as conventions and codes of behavior« wirken.9

Schultze-Fielitz10 schreibt über

»informale Verfassungsregeln, d. h. Regeln, die in unmittelbarem Zusammenhang mit verfassungsrechtlichen Normen stehen, die sie stützen, ergänzen, praktikabel machen, mit Leben erfüllen usw. Eine der diesem Beitrag zugrundeliegenden Hypothesen stellt darauf ab, daß Verfassungsrecht um seiner Funktionsfähigkeit willen notwendigerweise auf derartige informale Regeln angewiesen ist.«

Als Beispiele nennt er Koalitionsvereinbarungen, Regeln über die Einhaltung des Fraktions- und Parteienproporz in der Parlamentsarbeit oder Regeln über Inkompatibilitäten. Es geht aber nicht nur um Verhaltensregeln, sondern auch um den Kreis der Akteure. Regierungs- und Parlamentsarbeit wird zum Teil auf außerministerielle oder außerparlamentarische Foren verlagert. Während es sich hierbei in erster Linie um stützende oder komplementäre11 Informalität handelt, ohne die Parlaments- und Regierungsarbeit nicht funktionieren könnte, sind an anderer Stelle informale Gegenordnungen zu beobachten. Ein Extremfall ist das transnationale Terrornetzwerk Al Quaida. Zwischen den stützenden und den konfligierenden informalen Institutionen stehen solche, die einer ineffektiven formalen Organisation Konkurrenz machen oder sie gar ersetzen12

Institutionalisierung ist kein Entweder-Oder-Phänomen, sondern eine Frage des Mehr oder weniger.13 Zwischen formalen und informalen Institutionen gibt es keine scharfen Grenzen, sondern eher fließende Übergänge. »The difference between informal and formal constraints is one of degree.«14 Dennoch gelingt es im Allgemeinen recht gut, eine Institution auf der einen oder der anderen Seite einzuordnen. Formalität setzt eine explizite und schriftlich fixierte Ausformulierung der Regeln voraus. Damit ist auch ein Normgeber als Zurechnungssubjekt definiert. Ebenso ist typisch auch ein Anfangszeitpunkt gesetzt. Die Regeln mögen durch Vertragsschluss entstanden sein, ihre Fortgeltung setzt aber keinen fortbestehenden Konsens voraus. Sie ordnen nicht bloß Verhalten, sondern regelmäßig auch die Beziehungen zwischen verschiedenen Beteiligten, häufig in der Form von Hierarchie und Bürokratie. Informale Institutionen dagegen haben keinen bestimmten Anfang. Die Regeln entstehen aus Übung. Die Beziehungen zwischen den Beteiligten werden typisch als Netzwerk geschildert.

Organisationen sind die kleine Münze der Institution. Institution ist nicht die einzelne konkrete Organisation, sondern die Tatsache, dass es immer wieder formale Organisationen der einen oder der anderen Art gibt. Um die Metapher auf die Spitze zu treiben: Wenn Institutionen die Währung sind, sind Organisationen das Geld. Seit den Untersuchungen von Roethlisberger und Dickson in den Hawthorne-Werken der Western Electric Company in Chicago15, die in den 1930er Jahren zur Entdeckung der informalen Organisation führten, gehört es zum Allgemeingut der Organisationswissenschaft, dass das Handeln in Organisationen nur zum Teil in den Bahnen vorgegebener Regeln abläuft. Neben formalen Handlungen gibt es einen weiten Bereich des Verhaltens, der in offiziellen Stellenbeschreibungen, Aufgabenzuweisungen und Verfahrensregeln nicht enthalten ist. Erst diese informale Organisation bildet zusammen mit den formalen Abläufen das Handlungssystem der Organisation. Informale Verhaltensmuster sind eine unvermeidbare Folge formaler Strukturen, so dass neue Formalisierungen stets auch neue Formen informalen Handelns mit sich bringen.16

Die Organisationswissenschaft konzentriert sich auf die organisationsinterne Informalität, wie sie in dreierlei Gestalt erscheint. Die erste, harmlose kommt aus der Human-Relations-Perspektive in den Blick und wird mit den persönlichen Bedürfnissen der Organisationsmitglieder und ihrem Wunsch nach Verbesserung zwischenmenschlicher Beziehungen am Arbeitsplatz erklärt. Die zweite wird als Selbstorganisation angesprochen. Vorgeschriebene Kommunikationswege werden auf dem kleinen Dienstweg umgangen. Hierarchische Entscheidungsstrukturen werden zugunsten informeller Selbstabstimmung vernachlässigt. Formal geordnete Abläufe werden durch andere ergänzt oder ersetzt, sei es, weil man glaubt, so schneller, besser oder bequemer ans Ziel zu gelangen. Solche Informalität ereignet sich in unterschiedlicher Distanz zur formalen Organisation. Für vieles lässt die formale Organisation Raum. Oft werden aber auch die Regeln der Organisation verletzt. Und es kommt sogar vor, dass im Interesse der Organisation gegen allgemeine Rechtsgesetze verstoßen wird. Luhmanns berühmtes Diktum von der brauchbaren Illegalität bezieht sich auf beide Stufen der Regelverletzung.17 All das ist, so könnte man sagen, eufunktionale Informalität. Sie ist sowohl im Innenbereich als auch bei den Außenkontakten zu beobachten. Organisationsinterne Informalität kann aber auch dysfunktional werden, etwa wenn zur ASteigerung der Effektivität Sicherungsvorschriften umgeangen werden.

Drittens zeigt Informalität sich in Rollenkonflikten. Die Organisation weist ihren Mitgliedern formale Rollen zu, z. B. als Vorgesetzte oder Untergebene, als Abteilungsleiter, Sachbearbeiter oder Sekretärin, die mit entsprechenden Erwartungen an das Verhalten verbunden sind. Jedes Mitglied bringt aber auch andere – aus der Sicht der Organisation informale – Rollen mit, z. B. seine Alters- und Geschlechtsrolle, seine Zugehörigkeit zu Religion und Partei, seinen Familienstand, Vereinsmitgliedschaften u. a. m. Mit jeder dieser Rollen verbinden sich Bündel von Verhaltenserwartungen. So betrachtet lässt sich informales Verhalten von Organisationsmitgliedern als Folge bestimmter Rollenanforderungen erklären. In krassen Fällen geht das zu Lasten der Organisation, z. B. als Nepotismus. Umgekehrt können Organisationsmitglieder gelegentlich im Interesse der Organisation auf ihren externen Rollensatz zurückgreifen. Der rollentheoretische Ansatz ist heute in den Hintergrund geraten, weil er – angeblich – die Interpretationsleistung der Akteure beim Rollenspiel und vor allem bei der Auflösung von Rollenkonflikten vernachlässigt.

Die Einschätzung und Bewertung von informalen Institutionen divergiert nach theoretischem Erklärungsansatz und praktischem Standpunkt. Von einem praktischen Standpunkt aus sind informale Institutionen und entsprechend die informale Organisation eher problematisch, weil sie sich kaum planen, sondern allenfalls berücksichtigen lassen. Das gilt für Politik und Verwaltung ebenso wie für Betriebswirtschaft und Management und nicht zuletzt auch für die Entwicklungszusammenarbeit. Daher stellt man die formale Organisation in den Vordergrund und behandelt die informale eher als Störungsfaktor. Die soziologische Betrachtung ist dagegen an dem interessiert, was nicht offen zu Tage liegt. Damit verschiebt sich das Gewicht – und zwar nicht bloß der Beschreibung, sondern auch der Bewertung – in Richtung auf die Informalität. Das gilt wohl auch für die Ethnologie.

In der Rechtswissenschaft akzeptiert man inzwischen, wie das Beispiel Schupperts zeigt, die Bedeutung informaler Institutionen und verhilft solchen, die man als funktional ansieht, zu rechtlicher Anerkennung, während man dysfunktionale Informalitäten formell zu bekämpfen versucht.

Die Unterscheidung zwischen formellen und informellen Institutionen ist, wie gesagt, geläufig. Aber der Begriff der informellen (oder informalen) Institution, so wie ihn etwa Schuppert gebraucht, deckt doch nur die Oberfläche des Phänomens, denn diese informalen Institutionen liegen zu Tage, sie sind, beinahe wie Gewohnheitsrecht, geläufig und lassen sich entsprechend ausformulieren. Es liegt aber noch eine Schicht der informalen Institutionalisierung unter dieser Oberfläche. Das ist das, was Ethnologen als kulturellen Code ansprechen, nämlich die wie selbstverständlich zugrunde gelegten und im Prinzip unbewussten Vorstellungen. Als solche wurde und wird etwa von den Critical Legal Studies die Unterscheidung zwischen öffentlich und privat behauptet oder von feministischer Seite die Bipolarität des Geschlechterverhältnisses. Einschlägig ist hier der dritte Klassiker des Neoinstitutionalismus, nämlich der Aufsatz von Lynne G. Zucker, The Role of Institutionalization in Cultural Persistence.18 Es fällt auf, dass dieser Aufsatz von der Hallenser Ethnologie nicht zitiert wird, obwohl er höchst einschlägig ist, geht es doch um die Beständigkeit von Handlungsweisen, die über Generationen erhalten bleiben.

Man kann den Neo-Institutionalismus als Diffusionstheorie lesen. In seiner Rational-Choice-Variante erklärt er sozialen Wandel aus Effizienzentscheidungen der Individuen. Die soziologische Variante, um die es hier geht, findet den Antrieb für das Festhalten an alten oder die Übernahme neuer Institutionen dagegen im Bemühen um eine Erhöhung gesellschaftlicher Legitimation.

Bereits die rollentheoretische Betrachtung stellt eine Verbindung zwischen dem Inneren der Organisation und ihrer Umwelt her. Auf den Umweltbeziehungen der Organisation liegt der Schwerpunkt des soziologischen Neoinstitutionalismus. Er will erklären, wie Strukturen und Abläufe in formalen Organisationen von formalen und vor allem informalen Beziehungen zu ihrer Umwelt, darunter auch andere Organisationen, geprägt werden.

Zu der Thematik, die allgemein als Diffusion und von den Hallenser Ethnologen als travelling models angesprochen werden, hat der Neoinstitutionalismus den Topos der Isomorphie der Institutionen beigetragen.19 Dieser Topos ist durch die Weltkulturtheorie der Stanford-Schule von John W. Meyer u. a. geläufig geworden.20 Sie besagt, dass sich in aller Welt ähnliche (formale) Institutionen ausbreiten: Schulen und Universitäten, Krankenhäuser und Feuerwehren, Kapitalgesellschaften, und nicht zuletzt der Territorialstaat mit Regierung und Parlament, Verfassung, Gesetzen, Gerichten und Militär. Einen anderen Akzent setzen DiMaggio und Powell. Sie behaupten, dass sich Organisationen, wo sie vorhanden sind, in ihren jeweiligen Betätigungsfeldern immer ähnlicher werden. Auch die Erklärung ist unterschiedlich. DiMaggio und Powell führen die Gleichförmigkeit moderner Organisationen darauf zurück, dass nicht Marktdurchsetzung und Effizienz, sondern Staat und Professionen und darüber hinaus Nachahmung die Gestalt von Organisationen bestimmen. Organisationen seien nicht in erster Linie so gestaltet, dass sie ihre Organisationsziele effektiv realisieren, sondern sie schielten nach Legitimität und Akzeptanz in ihrer sozialen Umgebung. Heute haben Organisationen diesen Legitimitätsdruck auch explizit aufgenommen. Sie begegnen ihm mit Bemühungen um eine corporate responsability, die ihnen eine eine license to operate21 sichern soll. Dagegen erklärt Meyer die weltweite Gleichförmigkeit der Institutionen aus einer vorgängigen globalen Weltkultur (world polity), welche die institutionelle Umgebung aller Akteure, seien sie Individuen, Organisationen oder Staaten, prägt.

Meyer und Rowan wenden sich gegen das bis dahin herrschende technologische Verständnis der Organisation als »Präzisionsinstrument, welches sehr verschiedenen, sowohl rein politischen wie rein ökonomischen wie irgendwelchen anderen Herrschaftsinteressen sich zur Verfügung stellen kann« (Max Weber). Sie betonen, dass Organisationen in einer Umgebung leben, in der formale und instrumentelle Rationalität im Sinne Webers kreuz und quer »institutionalisiert« ist (Meyer/Rowan S. 344).

»The more modernized the society, the more extended the rationalized institutional structure in given domains and the greater the number of domains containing rationalized institutions.« (Meyer/Rowan S. 345)

Die Institutionalisierung manifestiert sich in einer Vielzahl von Rechtsnormen, Sicherheitsvorschriften, Standardisierungen, Anforderungen an Management und Rechnungslegung sowie in einem generalisierten Rationalitätsglauben. Die Henne-Ei-Frage, die Frage also, was zuerst kommt, Rationalisierung der Organisation oder der Rationalitätsglaube ihrer Umgebung, wird implizit dahin beantwortet, dass es die Organisationen sind, die sich ihrer Umgebung anpassen.

»As rationalized institutional rules arise in given domains of work activity, formal organizations form and expand by incorporating these rules as structural elements.« (Meyer/Rowan S. 345)

Die Anpassung geht aber weiter als für die effektive Erbringung der erwarteten Sach- oder Dienstleistung notwendig wäre. Denn eine formal durchrationalisierte Struktur ist nur begrenzt funktional. Viele Regeln erweisen sich als unzweckmäßig. Andere verursachen hohe Kosten oder unbeabsichtigte Nebenfolgen. Unvorhergesehene und schnell wechselnde Situationen fordern Improvisationen. Organisationen aller Art zeigen sich daher nach außen formal und rational, arbeiten intern aber nicht, wie es das Gebot der (formalen) Rationalität eigentlich fordert, streng bürokratisch mit Weisung und Kontrolle, sondern koppeln sich von der Formalität ab.

»Thus, decoupling enables organizations to maintain standardized, legitimating, formal structures while their activities vary in response to practical considerations.« (Meyer/Rowan S. 357)

Isomorphie der Institutionen heißt deshalb nicht, dass die Organisationen überall gleich sind, sondern dass sie äußerlich einem übergeordneten Rationalitätsimperativ entsprechen. Dieses Formalitätsgebot sei der Mythos, der den Organisationen helfe, in ihrer Umgebung zu überleben, indem er ihnen Legitimität verschaffe und zu Ressourcen verhelfe. Die abwertend wirkende Bezeichnung des Rationalitätsglaubens als Mythos erklärt sich daraus, dass er nicht als reflektierte Einstellung, sondern als tief verankerte kulturelle Überzeugung verstanden wird. Er ist so selbstverständlich, dass er gar nicht mehr auf seine Wertbezüge und praktischen Folgen befragt wird.

»In modern societies, the myths generating formal organizational structure have two key properties. First, they are rationalized and impersonal prescriptions that identify various social purposes as technical ones and specify in a rulelike way the appropriate means to pursue these technical purposes rationally. Second, they are institutionalized and thus in some measure beyond the discretion of any individual participant or organization. They must, therefore, be taken for granted as legitimate, apart from evaluations of their impact on work outcomes.« (Meyer/Rowan S. 343 f.)

Ebenso wie im Umfeld von Organisationen das formale Recht von informalen Erwartungen begleitet oder sogar getragen wird, finden sich im Inneren von Organisation neben der formalen Verfassung informale Strukturen. Sie bestimmen sogar weitgehend das operative Geschäft. Vertrauen und guter Glaube sorgen dafür, dass die Effizienz der Organisation erhalten bleibt.

» … decoupled organizations are not anarchies. Day-to-day activities proceed in an orderly fashion. What legitimates institutionalized organizations, enabling them to appear useful in spite of the lack of technical validation, is the confidence and good faith of their internal participants and their external constituents.« (Meyer/Rowan S. 357f.)

Die institutionelle Umgebung von Organisationen fordert ihr Funktionieren, und sei es auch auf Grund übertriebener Vorstellungen von der praktischen Leistungsfähigkeit der von ihr verinnerlichten Rationalitäten. Ob der institutionalisierte Rationalitätsglaube wirklich rational ist, ist nicht entscheidend. Meyer und Rowan apostrophieren ihn wie gesagt als »myth and ceremony«. Doch müssen Organisationen dem Rationalitätsglauben ihrer Umgebung Rechnung tragen, um zu überleben:

»Isomorphism with environmental institutions has some crucial consequences for organizations: (a) they incorporate elements which are legitimated externally, rather than in terms of efficiency; (b) they employ external or ceremonial assessment criteria to define the value of structural elements; and (c) dependence on externally fixed institutions reduces turbulence and maintains stability. As a result, it is argued here, institutional isomorphism promotes the success and survival of organizations.« (Meyer/Rowan S. 348)

In der Neoinstitutionalistischen Organisationstheorie wird die radikale Sicht von Meyer und Rowan, nach der die formale Struktur von Organisationen eine zeremonielle Fassade ist, die nur das Überleben der Organisation in ihrer rationalitätsgläubigen Umwelt sichert, nicht geteilt.22 Man ist durchaus der Meinung, dass auch das operative Geschäft von Organisationen mindestens ebenso oder stärker von ihrer formalen Struktur abhängt als von informaler Selbstorganisation. Man könnte auch sagen, dass der Rollensatz der Organisationsmitglieder in der modernen westlich industrialisierten Welt durch den Rationalitätsglauben geprägt wird mit der Folge, dass sich die – aus der Sicht der Organisation – informalen Rollen meistens nicht soweit durchsetzen, dass sie das Funktionieren der Organisation torpedieren. Der Witz an der Sache ist jedenfalls, dass formale Organisationen im Großen und Ganzen praktisch funktionieren, dass also die Organisationsziele mehr oder weniger erreicht werden. Aber das stellen auch Meyer und Rowan nicht in Abrede. Die geradezu rituelle Pflege des formalen Außenbildes ist als Fassade keine Täuschung, sondern sondern hilft den Beteiligten, ihr Gesicht zu wahren, wenn sie abgekoppelt von der Form ihr Arbeit verrichten. Sie verbreitet eine Aura des Vertrauens innerhalb und außerhalb der Organisation.

»Participants not only commit themselves to supporting an organization’s ceremonial façade but also commit themselves to making things work out backstage. The committed participants engage in informal coordination that, although often formally inappropriate, keeps technical activities running smoothly and avoids public embarrassments. In this sense the confidence and good faith generated by ceremonial action is in no way fraudulent. It may even be the most reasonable way to get participants to make their best efforts in situations that are made problematic by institutionalized myths that are at odds with immediate technical demands.« (Meyer/Rowan S. 358f)

40 Jahre sind vergangen sind, seit Meyer und Rowan ihr Manuskript verfasst haben (und die Text von Rottenburg, um die es hier geht, sind bald zwanzig Jahre alt). In dieser Zeit hat sich, jedenfalls in Mitteleuropa und in den USA, der institutionalisierte Rationalitätsglaube formell und informell noch verfestigt mit der Folge, dass die informelle Innenseite der Organisationen eher geschrumpft ist. Vor 40 Jahren gab es etwa noch die Vorstellung, dass Korruption und Vetternwirtschaft bis zu einem gewissen Grade funktional sein könnten. Inzwischen ist Compliance nicht bloß angesagt, sondern wird auch praktiziert, und zwar nicht nur aus einem reinen Sanktionskalkül, sondern weil regelkorrektes Verhalten von Organisationen bis zu einem gewissen Grade zur kulturellen Norm geworden ist.

Im Einzelnen gibt es große Unterschiede, wieweit Organisationen sozusagen opportunistisch auf ihre Umgebung schielen müssen, und daher ist auch das decoupling unterschiedlich stark ausgeprägt.23 Meyer und Rowan haben in erster Linie Organisationen mit Gemeinwohlorientierung im Blick, ganze Staaten, Hospitäler, Schulen und Universitäten. Wirtschaftsunternehmen werden angesprochen, wenn und weil sie wegen ihrer Größe oder ihres Themas besonders unter öffentlicher Beobachtung stehen.24 Diese Organisationen haben in ihrer Formalstruktur eine offene Flanke in Gestalt interpretationsfähiger Zielbestimmungen. Das ist bei »normalen« Wirtschaftsunternehmen anders, weil sie auf ein messbares Effizienzziel festgelegt sind. Dieses erreichen sie aber nur, wenn das Ziel und die zu seiner Erreichung angemessenen Mittel auch informell institutionalisiert sind.

Zur informellen Institutionalisierung der Wirtschaft gehört – entgegen der Diagnose Karl Polanyis von der Entsozialisierung wirtschaftlichen Handelns in der Moderne – nicht nur der Rationalitätsglaube, von dem bei Meyer und Rowan die Rede ist. Dazu gehört auch eine spezifische Moralökonomie.25 Die Substanz der normativen Orientierung wirtschaftlichen Handelns in der westlichen Welt ist zwar undeutlich, ihre Existenz wird aber nur von dogmatisierenden Ökonomen bestritten.

Außerhalb dieser Welt gibt es große Unterschiede bei der informellen Basis formaler Organisationen. In Südamerika und weiten Teilen Asiens, in Russland und in den meistens Ländern Afrikas ist zwar die Institutionalisierung formellen Rechts und formaler Organisationen weit gediehen, aber die informale Basis hat damit nicht Schritt gehalten. Als eine nicht mehr ganz neue, aber immer noch triftige Beschreibung gilt Larissa Lomnitz, Informal Exchange Networks in Formal Systems, American Anthropologist 90, 1988, 42-55. Sie nimmt ihre Beispiele aus Chile und Mexiko, der Sowjetunion und Georgien. Auf Lomnitz rekurriert auch Rottenburg (1995a; 1996) ausführlich.

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  1. Englisch als: Far-fetched facts, A Parable of Development Aid, Cambridge, Mass. 2009. Eine kurze, eher faktenorientierte Darstellung gibt Rottenburg in dem Aufsatz »Accountability for Development Aid«, Jahrbuch Ökonomie und Gesellschaft 16, 2000, 143-173. Differenzierte, nicht unkritische Rezensionen zum Buch von Thomas Bierschenk, Paideuma, 49, 2003, 281-286, und Hanna Kienzler, Anthropological Theory 5, 2005, 304-307. Anke Draude (Der blinde Fleck der Entwicklungstheorie. Von der Unüberwindbarkeit der Modernisierungstheorie im Korruptionsdiskurs, 2007) kommt in einer ausführlichen Auseinandersetzung mit diesem Buch zu dem Ergebnis, dass auch die kontingenzbewusste kulturwissenschaftlich orientierte Analyse Rottenburgs sich nicht grundsätzlich von dem modernisierungstheoretischen Befund verabschieden, sondern nur situativ auf die jeweils spezifische Situation eingehen kann. 

  2. Folgende Texte Rottenburgs, deren Lektüre diesen und weitere Einträge veranlasst haben, werden hier nur mit Jahr und Seite zitiert:
    1994: »We have to do business as business is done!«. Zur Aneignung formaler Organisation in einem westafrikanischen Unternehmen, Historische Anthropologie 2, 1994, 265-286;
    1995a: Formale und informelle Beziehungen in Organisationen, in: Achim von Oppen/Richard Rottenburg (Hg.), Organisationswandel in Afrika, 19-34.
    1995b OPP. Geschichten zwischen Europa und Afrika, Kursbuch 120 »Korruption«, 90-106.
    1996: When Organization Travels: On Intercultural Translation, in: Barbara Czarniawska/Guje Sevón (Hg.), Translating Organizational Change, 1996, 191-240
    2001, FS Dieter Weiss, 349-377. 

  3. Die nach 1983 im Sudan entstandene Bürgerkriegssituation beschreibt und analysiert Rottenburg in dem Aufsatz »Das Inferno am Gazellenfluss. Ein afrikanisches Problem oder ein ›schwarzes Loch‹ der Weltgesellschaft?«, Leviathan 30, 2002, 3-33 []. 

  4. Paul J. DiMaggio/Walter W. Powell, The Iron Cage Revisited: Institutional Isomorphism and Collective Rationality in Organizational Fields, American Sociological Review 48, 1983, 147-160; deutsch als: Das »stahlharte Gehäuse« neu betrachtet: Institutionelle Isomorphie und kollektive Rationalität in organisationalen Feldern, in: Sascha Koch/Michael Schemmann (Hg.), Neo-Institutionalismus in der Erziehungswissenschaft, 2009, 57-84. 

  5. John W. Meyer/Brian Rowan, Institutionalized Organizations: Formal Structure as Myth and Ceremony, American Journal of Sociology 83, 1977, 340-363. Dieser Aufsatz ebenso wie der bereits angeführte von DiMaggio und Powell sind wieder abgedruckt worden in dem von Powell und DiMaggio herausgegebenen Sammelband »The New Institutionalism in Organizational Analysis« (1991). Eine ausführliche Rezension, die besonders das Verhältnis von Rechtssoziologie und Neoinstitutionalismus behandelt, bieten Mark C. Suchman/Lauren B. Edelman, Legal Rational Myths: The New Institutionalism and the Law and Society Tradition, Law and Social Inquiry 21, 1996, 903-941. 

  6. Everett C. Hughes, The Ecological Aspect of Institutions, American Sociological Review 1, 1936, 180-189, S. 180. 

  7. Gute Übersicht bei Suchman/Edelman a. a. O. 

  8. Dazu verweise ich auf die immer noch lesenswerte Darstellung von Dorothea Jansen, Der neue Institutionalismus, in ihrer Speyerer Antrittsvorlesung von 2000, und das nicht nur, weil Frau Jansen lange Jahre Mitarbeiterin an meinem Bochumer Lehrstuhl war; ferner auf die Darstellung von Holger Schulze, Neo-Institutionalismus. Ein analytisches Instrument zur Erklärung
    gesellschaftlicher Transformationsprozesse, Osteuropa-Institut der Freien Universität Berlin, Arbeitspapiere des Bereichs Politik und Gesellschaft, Heft 4/1997. 

  9. Douglass C. North, Institutions, Institutional Change and Economic Performance, 1990, S. 4. 

  10. Helmuth Schultze-Fielitz, Der informale Verfassungsstaat, 1984, 17 f. 

  11. Ausdruck von Hans-Joachim Lauth, Informal Institutions and Democracy, Democratization, 7, 2000, 21-, 50, S. 25. 

  12. Vgl. die Typologie informaler Institutionen von Gretchen Helmke und Steven Levitsky, Informal Institutions and Comparative Politics: A Research Agenda, Perspectives on Politics, 2, 2004, 725-740, S. 728. 

  13. Das betont besonders Lynne G. Zucker, The Role of Institutionalization in Cultural Persistence, American Sociological Review 42, 1977, 726-743. 

  14. North S. 46. 

  15. Fritz J. Roethlisberger/William J. Dickson, Management and the Worker, Cambridge, Mass. 1939. 

  16. Zur Ubiquität der Informalität in formalen Organisationen Stefan Kühl, Informalität und Organisationskultur, Working Paper 2010. 

  17. Niklas Luhmann, Funktionen und Folgen formaler Organisation, 1964, 304-314. 

  18. American Sociological Review 42, 1977, 726-743. 

  19. In Deutschland hat sich die Governance-Forschung des Isomorphie-Themas angenommen und auf die Suche nach einem »global script« der Ausbreitung westlicher Governance-Formen wie Rechtsstaat und Demokratie begeben (Tanja A. Börzel/Vera van Hüllen/Mathis Lohaus, Governance Transfer by Regional Organizations, SFB-Governance Working Paper Nr. 42, Januar 2013). Der Neoinstitutionalismus wird dort beiseitegeschoben mit dem Vermerk, er betone regionale Besonderheiten. Dass die Governanten damit wenig anfangen können, erklärt sich wohl daraus, dass sie nur die formellen Institutionen im Blick haben. 

  20. Dazu der Eintrag vom 30. 9. 2012: Isomorphie der Institutionen und die Entkoppelung von Recht und Realität

  21. Nachtrag vom 1. 12. 14: Zufällig bin ich eben auf das Sonderheft 3/4 der Zeitschrift Social Epistemology mit zehn Abhandlungen zur social licence to operate gestoßen. 

  22. Peter Walgenbach/Renate E. Meyer, Neoinstitutionalistische Organisationstheorie, 2008, S. 22ff, 81ff. 

  23. Meyer/Rowan S. 354. 

  24. S. 352. 

  25. Der Begriff stammt wohl von Edward P. Thompson (The Moral Economy of the English Crowd in the 18th Century, Past and Present 50, 1971, 76-136). Er wurde geläufig, als ihn Martin Kohli in seiner Analyse des Generationenvertrages in die Wohlfahrtsstaatsforschung einführte und wie folgt definierte: »Moralökonomie bezeichnet einen Bereich des Austauschs von Gütern, in dem die Preisbildung nach dem Marktmodell – d.h. nach dem Verhältnis zwischen Angebot und Nachfrage von Akteuren, die an der eigenen Nutzenmaximierang orientiert sind – außerökonomischen Einschränkungen unterworfen ist. Sie entzieht bestimmte Güter in bestimmten Situationen der nutzengeleiteten Disposition der Marktteilnehmer und unterstellt sie allgemeinen Kriterien von Gerechtigkeit (oder ›Fairness‹). Sie konstituiert also moralische Standards für die Entscheidung von wirtschaftlichen Konflikten.« (Moralökonomie und »Generationenvertrag«, in: Max Haller/Hans Joachim Hoffmann-Nowotny/Wolfgang Zapf (Hg.), Kultur und Gesellschaft: Verhandlungen des 24. Deutschen Soziologentags usw., 1989, 532-555. In unserem Zusammenhang wurde der Begriff schon 1987 von Georg Elwert verwendet: Ausdehnung der Käuflichkeit und Einbettung der Wirtschaft. Markt und Moralökonomie, KZfSS Sonderheft 28, 1987, 300-321. 

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