Modernisierung durch Recht: Konvergenz der Kulturen II

Homogenisierung und Hybridisierung

Die dritte industrielle Revolution hat nicht lediglich Produktionsmethoden und Arbeitsorganisation noch einmal grundlegend verändert, sondern vor allem das Zeitalter der Massenkommunikation eingeleitet. Verbesserte Kommunikationsmedien nähren einen Prozess der kulturellen Diffusion und Synchronisation. Die Unmenge der grenzüberschreitenden Kommunikationen verändert die Wissensbestände und führt vermutlich auch zu Einstellungsänderungen, die wiederum Konsequenzen für das Verhalten nach sich ziehen. Die Annahme liegt nahe, dass diese Entwicklung letztendlich zu einer einheitlichen Weltkultur führen wird, die nur noch durch regionale Akzente differenziert ist und vielleicht noch auf beiden Ebenen einige sektenhafte Gruppierungen duldet. Diese Annahme findet einen Ausdruck in den viel zitierten Schlagworten »Cocacolization« (Zdravko Mlinar, 1992[1]), »McDonaldisierung« (George Ritzer1993) oder »McWorld« (Benjamin Barber, 1995[2]), die für sich genommen darauf hindeuten, die Vielfalt der Kulturen könne zu einem großen Einheitsbrei mit westlichem Aroma zusammenschmelzen. In der Sammlung fehlt eigentlich nur noch »McLaw«. Aber das hat sicher auch schon jemand gesagt oder gedacht.

George Ritzer hat in seinem Bestseller eine bestimmte Form der Betriebsorganisation, wie sie beispielhaft und erfolgreich von McDonalds vorgemacht wurde, zum Rationalitätsmuster der Globalisierung verallgemeinert. Ritzer analysiert die Komponenten die dazugehörige Strategie als geprägt durch Effizienz, Berechenbarkeit, Vorhersagbarkeit und Kontrolle. Ritzer geht es eigentlich nur um die Ausbreitung der Managementmethoden, auf die der Erfolg der großen Fastfood-Kette zurückgeführt wird. Aber sein Buchtitel ist zur Metapher für eine vielfach beklagte Homogenesierung der Weltkultur geworden, wie sie kein Modernisierungstheoretiker postuliert (zu den Gegenpositionen später).

Differenzierter ist die von Pieterse ausgearbeitete Theorie der Globalisierung als eines Hybridisierungsprozesses, der schon im Altertum begonnen hat und der nicht nur die Kultur erfasst, sondern sich auf vielen Ebenen ereignet. Enger auf Sprache und Kultur bezogen ist das Konzept der Kreolisierung von Hannerz. Man weist gerne darauf hin, wie die Wirtschaft an der Verbraucherfront nach dem Motto »think globally – act locally« handelt. In diesem Sinne gehört es zur globalen Strategie der großen Fastfood-Ketten, ihr Angebot und dessen Dekoration an den ortsüblichen Geschmack anzupassen, die damit keines der Attribute der Modernität verlieren.[3] Aber Hybridisierung beschränkt sich nicht darauf, der Moderne zu einem Lokalkolorit zu verhelfen. Ihr Ergebnis ist nicht bloße Homogenisierung, sondern eine »Melange« (Pieterse), die von Ort zu Ort unterschiedlich ausfällt die von Ort zu Ort unterschiedlich ausfallen und durchaus Neuigkeitswert haben kann. Allerdings meint Pieterse, dass man aus weltgeschichtlicher Perspektive doch »von einer sich durchsetzenden Ähnlichkeit« sprechen könne: »Die Rückseite der kulturellen Hybridbildung ist die kulturübergreifende Konvergenz.« (Pieterse 1998:113f.).

Dass die großen Kulturkreise – und auch die kleinen kulturellen Traditionen – dem Modernisierungsprozess jeweils eine besondere Färbung verleihen, lässt sich zwanglos aus der Pfadabhängigkeit erklären und ändert am Ergebnis wenig. In diesem Sinne tragen das moderne Rechtssystem in Japan oder die in Europa wachsende neue Rechtsordnung ihren je eigenen Charakter.

Nicht alle Elemente der Moderne sind gleichermaßen variationsfähig. Die Wissenschaft als Kern der Rationalisierung verträgt nur oberflächliche Variationen. Postmoderne Varianten, die glauben, den rationalen Kern geknackt zu haben, sind damit aus der Wissenschaft in das Feuilleton abgewandert. Der Soziologe Thomas Schwinn meint, dass auch ethisch-normative Werte nicht in gleichem Maße hybridisierbar seien wie die alltagsästhetische Oberflächenkultur. Auch wenn sie sich nicht vernunftmäßig begründen ließen, so sei die Rationalisierungsfähigkeit von Normen doch stärker als bei ästhetischen Urteilen. »Das lässt sich ablesen an der internationalen rechtlichen Kodifizierung von Menschenrechts- und ökologischen Standards, die sich je einer spezifischen Kreolisierung entziehen.«[4] Einem Juristen würde man das so schnell nicht abnehmen. Aber Schwinn kann doch darauf verweisen, dass die Menschenrechte tatsächlich jedenfalls auf der Ebene von Weltgesellschaft und Weltkultur als universelle institutionalisiert sind.

Die Modernisierung lässt reichlich Raum für Vielfalt. Das bedeutet aber nicht, dass alle Vielfalt erhalten bleibt. Man darf sich die Hybridisierung nicht konfliktfrei und vor allem nicht verlustfrei vorstellen (Tenbruck). Es drohen auch Assimilation oder Untergang, etwa für wenig verbreitete Sprachen«[5] (und sicher auch für traditionelle Rechte).

Literatur: Jan Nederveen Pieterse, Globalization als Hybridization, in: Mike Featherstone u. a. (Hg.), Global Modernities, London 1995, S. 45-68; ders., Der Melange-Effekt. Globalisierung im Plural, in: Ulrich Beck (Hg.), Perspektiven der Weltgesellschaft, 1998, S. 87-124; ders., Globalization and Culture. Global Mélange, 2. Aufl., Lanham, Md. 2009; Ulf Hannerz, The World in Creolization, Africa 57, 1987, 546-559; ders., Transnational Connections: Culture, People, Places, London 1996; George Ritzer, Die McDonaldisierung der Gesellschaft, Frankfurt am Main 1997 [The McDonaldization of Society, 1993]; Pnina Werbner/Tariq Modood, Debating Cultural Hybridity, London, Atlantic Highlands, N.J., USA 1997.



[1] Individuation and Globalization: The Transformation of Territorial Social Organization, in: ders. (Hg.), Globalization and Territorial Identities, Aldershot: Avebury, 15-34.

[2] Jihad vs. McWorld. How Globalism and Tribalism are Reshaping The World. New York: Ballantine Books, 1995.

[3] Vgl. dazu Thomas Schwinn, Konvergenz, Divergenz oder Hybridisierung?, Kölner Zeitschrift für Soziologie und Sozialpsychologie 58 , 2006, 201-232, S. 210ff.

[4] Ebd. S. 221.

[5] Hier könnte der Eintrag vom 17. September 2010 über Die Hegemonie der westlichen Sozialwissenschaft und der englischen Sprache anschließen.

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