Modernisierung durch Recht II: Der Siegeszug der Moderne

Die moderne Gesellschaft erhielt ihre Prägung durch die sogenannte industrielle Revolution, die alle Strukturen verändert und nicht zuletzt jene Arbeitsteilung oder funktionale Differenzierung hervorgebracht hat, von der bei Durkheim die Rede ist. Vor allem aber hat die Industrialisierung den Reichtum der westlichen Industrienationen begründet und damit das wirtschaftliche Ungleichgewicht verursacht, das sich zwischen den Nationen, zwischen Ost und West, Nord und Süd, seit etwa 250 Jahren entwickelt hat. Die Frage, warum die moderne Industriegesellschaft sich zunächst nur in einem Teil der westlichen Welt entwickelt hat, gibt noch immer Rätsel auf. Fraglos waren naturwissenschaftlich-technische Kenntnisse eine wesentliche Voraussetzung. Aber sie können nicht allein entscheidend gewesen sein. Solche Kenntnisse verbreiten sich schnell und können daher nur zu einem zeitlich begrenzten Vorsprung verholfen haben.
Natürliche Ressourcen, insbesondere Bodenschätze, sind kaum als Ursache oder auch nur als Voraussetzung der Modernisierung anzusehen. Japan besitzt weit weni-ger Bodenschätze als etwa Indonesien, Mexiko oder Russland. Dennoch ist seine Wirtschaft viel stärker gewachsen. Erst recht spricht die Entwicklung der Stadtstaaten Hongkong und Singapur – oder früher Venedigs – dagegen, natürlichen Reichtum als Ursache der wirtschaftlichen Prosperität anzusehen. Auch die verbreitete Vorstellung, der Reichtum der westlichen Welt habe seine Ursache in ausbeuterischer Kolonisation, ist so nicht haltbar. Portugal und Spanien, einst die größten Kolonialmächte, sind in ihrer wirtschaftlichen Entwicklung erheblich hinter anderen westlichen Nationen zurückgeblieben. Deutschland, Frankreich und Italien erreichten wirtschaftliche Prosperität, bevor sie zu Kolonialmächten wurden. Andere prosperierende Länder wie Norwegen und die Schweiz haben sich nie als Kolonialmächte betätigt. Allenfalls die These, dass der Imperialismus westlicher Industrienationen die Entwicklung anderer Länder behindert habe, lässt sich vertreten. Ebenso wenig kann das allgemeine kulturelle Niveau – wenn es so etwas denn gibt – entscheidend gewesen sein. Man kann dem Europa des 18. Jahrhunderts kaum eine elaboriertere Kultur zuschreiben als etwa dem China der gleichen Zeit. Auch die arabische Kultur war sicherlich in keiner Weise rückständig.
Die Moderne verdankt ihre Entstehung wohl einer spezifischen Konstellation von wissenschaftlich-technischen Neuerungen und gesellschaftlichen Rahmen-bedingungen (Rosenberg/Birdzell 1986/1991). Dafür bietet Max Webers Soziologie immer noch die beste Erklärung. Seine Religions-, Wirtschafts- und Rechtssoziologie berücksichtigt Ost und West, oder, wie Weber es ausdrückt, Orient und Okzident, insbesondere im Vergleich des modernen Europa mit dem traditionellen China. Für sein Werk ist die evolutionäre These zentral, dass sich die westlichen Gesellschaften in Richtung auf rationale soziale Strukturen entwickelt haben, und dass die rationalisierteste Wirtschaftsform der Kapitalismus ist, welcher wiederum untrennbar mit der modernen bürokratischen Organisation als rationalisiertester Herrschaftsform verbunden ist. Für Weber ist Modernität eine einzigartige Entwicklung in der westlichen Geschichte. Seine zentrale Frage war:
»Welche Verkettung von Umständen hat dazu geführt, dass gerade auf dem Boden des Okzidents, und nur hier, Kulturerscheinungen auftraten, welche doch – wie wir uns wenigstens gern vorstellen – in einer Entwicklungsrichtung von universeller Bedeutung und Gültigkeit lagen?« (Weber 1920:1).
Weber antwortet mit einer langen Aufzählung von Merkmalen, die er in modernen westlichen Gesellschaften fand, aber im traditionellen China vermisste. Tominaga (1989) hat die Liste auf vier Hauptkategorien gekürzt:
– der Geist der Wissenschaftlichkeit als Motiv wissenschaftlich-technischer Modernisierung,
– der Geist des Kapitalismus als Motiv wirtschaftlicher Modernisierung,
– der Geist der Demokratie als Motiv politischer Modernisierung,
– der Geist der Rationalität als Motiv der sozio-kulturellen Modernisierung.
Es war diese spezifische Kombination von Umständen, die zusammen die »Modernisierung« westlicher Gesellschaften zur Folge hatten. Der Geist des Protestantismus, den Weber als Triebfeder der kapitalistischen Entwicklung in England und in den USA entdeckte, genügte dazu allein nicht. Er erklärt nur den internen Aspekt des Unternehmertums. Ein Aspekt, den Weber nicht hinreichend ausgearbeitet hat, ist aus heutiger Sicht die phonetische oder buchstabenschrift, die sich etwa seit dem 8. vorchristlichen Jahrhundert in Griechenland entwickelte. Sie ist vermutlich die Mutter jener rationalistischen Weltsicht, die den Angelpunkt der Rechtssoziologie Max Webers bildet.1
Dass der Geist des Protestantismus in unternehmerisch wirtschaftlicher Betätigung – und nicht etwa in Wissenschaft oder Kunst – seinen Ausdruck gefunden hat, bedarf einer zusätzlichen Erklärung: Die Entstehung eines freien Marktes hatte bereits den Weg für die industrielle Revolution geöffnet. Seit dem 12. Jahrhundert hatte in Westeuropa ganz allmählich der Übergang zu freien Märkten begonnen. Mehr und mehr wurde der wirtschaftliche Austausch, der bis dahin normativ nach mehr oder weniger festen Regeln gelenkt worden war, freien Vertragsbeziehungen überlassen. Nicht zuletzt die wissenschaftliche Aufklärung und ihre politische Schwester, der revolutionäre Ruf nach Freiheit und Gleichheit, drängten die ständischen Strukturen zugunsten des Marktes zurück, der dann im Verein mit Wissenschaft und Technik seine bis dahin ungeahnten Kräfte entfalten konnte.
Der Markt ist aber nur die Kehrseite des Rechts. So ist es kein Zufall, dass die Entstehung des Marktes genau mit jenen Entwicklungsschritten verbunden ist, die für Weber an der Rechtstradition des Westens einzigartig waren. Dies sind die streng begriffliche Denkweise des römischen Rechts und des auf ihm aufbauenden westlichen Rechts, die Herausbildung eines autonomen Rechtsstaats, der moderne Staat als ein politischer Zusammenschluss mit einer rational konzipierten Verfassung, die schrittweise Ersetzung partikularen Rechts (bestimmter Gruppen oder Regionen) durch einheitliche nationale Regeln, eine an rational erlassenen Gesetzesregeln orientierte Verwaltung, vollzogen von ausgebildeten Beamten, und der Aufstieg des Zweckvertrags als Mittel, den freien Austausch von Waren und Arbeit zu gestalten.
Mit Webers Theorie für den Aufstieg des Westens, der um 1400 noch weit hinter der Entwicklung in China zurücklag, konkurriert die Erklärung des Wirtschaftshistorikers Douglass North (der dafür den Nobelpreis erhalten hat). Er vermutete, ein wesentlicher Grund für den Aufstieg der westlichen Welt sei im politisch-militärischen und im wirtschaftlichen Wettbewerb der Staaten in Europa zu suchen. In diesem Wettbewerb hätten diejenigen einen Vorsprung gewonnen, die durch die Entwicklung oder Nachahmung geeigneter Institutionen die wirtschaftliche Entwicklung am besten förderten. Im Gegensatz dazu tendierten große Einheitsreiche wie das chinesische, das persische oder das römische nach anfänglicher Konsolidierung zur Stagnation.
Wenn wir Max Weber folgen und annehmen, dass die Entwicklung des modernen westlichen Rechts mit der Herausbildung der kapitalistischen Produktionsweise einhergeht, so müssten wir heute, nachdem Industrialisierung und freier Markt sich beinahe überall durchgesetzt haben, die globale Dominanz westlichen Rechts be-obachten können. Natürlich ist dies eine sehr weite und allgemeine Hypothese. Es scheint fast ausgeschlossen, sie in dieser Form empirisch zu testen. Deswegen dürfte es ertragreicher sein, auf solche Entwicklungen zu achten, die nicht ins Bild passen. Max Weber hatte sein England-Problem, weil England die Wiege des Kapitalismus war, obwohl englisches common law nicht den Standards »rationalen« Rechts entsprach. Die formale Rationalität als solche ist jedoch in erster Linie eine interne Qualität des juristischen Denkens. Die Entstehung des Kapitalismus setzte dagegen als Kalkulationsgrundlage Rechtssicherheit voraus. Diese kann aber, wie Weber selbst hervorhob, durch ein Präjudizienrecht gleichermaßen, wenn nicht sogar besser gewährleistet werden. Heute gilt unter Juristen England als der wirtschaftsfreundlichere Standort, weil »rationale« Überregulierung auf dem Kontinent zu Rechtsunsicherheit geführt hat. In der japanischen Erfolgsstory stellt sich das England-Problem von heute.
Der Markt ist sozusagen gegen das Recht entstanden. Heute kann er nur noch durch das Recht aufrechterhalten, oder, wo er noch nicht oder nicht mehr existiert, durch das Recht installiert werden. Das moderne Recht ist freilich von anderer Art. Im Gegensatz zu dem traditionellen, pluralistischen Recht, das der Markt verdrängt hat, ist das moderne Recht, das den Markt pflegt oder gar erst einrichtet, ein regulatives, monistisch-staatliches Recht.
Literatur: Douglass C. North, Institutions, Institutional Change and Economic Performance, Cambridge 1990; Nathan Rosenberg/L. E. Birdzell, How the West Grew Rich. The Economic Transformation of the Industrial World, New York 1986; dies., Industrielle Revolution und Prosperität, Spektrum der Wissenschaft, Januar 1991, 108-120; Keníchi Tominaga, Max Weber and the Modernization of China and Japan, in: Melvin L. Kohn (Hg.), Cross-National Research in Sociology, Newbury Park 1989, S. 125-146; Max Weber, Gesammelte Aufsätze zur Religionssoziologie, Bd. 1, 1920.

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  1. Vgl. dazu Jack Goody/Jan Watt, Konsequenzen der Literalität, in: Goody/Watt/Kathleen Gough (Hg.) Entstehung und Folgen der Schriftkultur, 1986, 63-122, S. 118. 

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