Modernisierung durch Recht: Die klassische Modernisierungstheorie in neun Punkten II

Dieser Eintrag setzt das Posting vom 22. August fort, mit dem ich begonnen habe, die neun Punkte, in denen Samuel Huntington[1] die klassische Modernisierungstheorie zusammengefasst hat, zu repetieren und fortzuschreiben.

(3) Modernisierung ist ein systemischer Prozess. Modernisiert sich ein gesellschaftlicher Bereich, so sind auch andere davon betroffen. Das ist das so genannte Interdependenztheorem, das besagt, dass alle Teilsysteme der Gesellschaft von der Modernisierung ergriffen werden und dass sie sich parallel entwickeln müssen, damit die Gesellschaft insgesamt den Zustand der Modernität erreichen kann. Diese Annahme ist nicht unproblematisch.[2] Sie hängt insbesondere davon ab, wie man den Zustand der Modernität definiert. Es ist wohl richtig, wenn der von Huntington zitierte Daniel Lerner schreibt, die verschiedenen Elemente der Modernisierung würden als zusammengehörig empfunden, weil sie in gewissem Sinne historisch zusammengehörten.«[3] Und tatsächlich werden alle Teilsysteme der Gesellschaft mehr oder weniger von der Modernisierung affiziert. Die Politik wird zum Dienstleister für die Bürger und muss sich auf Transparenz und Mitbestimmung einlassen. Das Rechtssystem muss die Idee der Gleichheit verarbeiten, sich als Infrastruktur für die Wirtschaft und als Steuerungsinstrument für Regierung und Verwaltung bereithalten. Die Modernisierung verändert Erziehung und Bildung, die nunmehr jedermann einschließen. Sport und Kunst folgen mit einigem Abstand nach. Die Medien entwickeln sich zu einem System der Massenkommunikation. Die Religion leistet noch am ehesten Widerstand. Im Vordergrund aller Modernisierungsanalysen steht jedoch die Wirtschaft. Die Wirtschaft ist der Antrieb der Moderne, indem sie sich selbst auf Wachstum programmiert. Für alle Teilsysteme gilt, dass sie durch Modernisierung irgendwie leistungsfähiger werden mit der Konsequenz, dass diese Leistung an Hand von Indikatoren gemessen und verglichen werden kann.

(4) Modernisierung ist ein globaler Prozess. … Das ist in erster Linie die Folge einer Diffusion moderner Ideen und Techniken von Mitteleuropa aus, beruht aber zum Teil auch auf endogenen Entwicklungen nicht-westlicher Gesellschaften. Alle Gesellschaften sind irgendwann einmal traditional gewesen. Heute sind alle Gesellschaften entweder modern oder auf dem Weg in die Moderne. Die Globalität des Modernisierungsprozesses lässt sich nicht mehr in Abrede stellen. Offen bleibt, ob die Globalisierung eine Konsequenz der Moderne bildet – so etwa Anthony Giddens, The Consequences of Modernity, 1990 – oder ob umgekehrt die Globalisierung selbst als Antrieb fortschreitender Modernisierung wirkt – in diesem Sinne etwa Niklas Luhmann und John Meyer. Alle Gesellschaften, die dort noch nicht angekommen sind, befinden sich auf dem Weg in die Moderne. Die Globalisierung macht regionale und vor allem nationale Unterschiede des Entwicklungsstandes manifest und damit die nachholende Modernisierung zur Aufgabe Problem. Zwar liefert die Globalisierung selbst auch Instrumente zu ihrer Unterwanderung, indem sie das globale Konzept der Menschenrechte zur Absicherung regionaler Besonderheiten anbietet. Aber die Menschenrechte enthalten zuallererst das Versprechen, dass sich jeder aus seinen traditionellen Bindungen befreien darf.

(5) Modernisierung ist ein langwieriger Prozess. Während die Modernisierung, was Art und Umfang der gesellschaftlichen Veränderungen betrifft, revolutionäres Ausmaß hat, ist die Modernisierung in ihrem zeitlichen Verlauf ein evolutionärer Prozess. Die westlichen Gesellschaften brauchten Jahrhunderte um sich zu modernisieren. Heute geht es schneller. Aber die Zeit für den Wandel von der traditionellen zur modernen Gesellschaft wird immer noch in Generationen gemessen. Modernisierung verlangt einen Persönlichkeitswandel, der allenfalls im Generationenrhythmus erreichbar ist. Modernisierung wird aber auch dadurch zum Dauerprozess, dass ungewünschte Nebenfolgen auftreten, die repariert werden müssen. Die drei wichtigsten sind der Verlust der sozialen Sicherung durch die Familie, der durch ein öffentliches Sozialsystem ausgeglichen werden muss, die Entstehung neuer Ungleichheiten und die Umweltzerstörung. Die Lösung ist bekanntlich nicht die Rückkehr in ein einfaches Leben, sondern raffiniertere Technik, Zunahme der bürokratischen Regulierung und weiteres Wirtschaftswachstum.



[1] Samuel P. Huntington, The Change to Change. Modernization, Development, and Politics, Comparative Politics 3, 1971, 283-322, S. 288ff. Daran orientiert sich auch Johannes Berger, Was behauptet die Modernisierungstheorie wirklich – und was wird ihr bloß unterstellt?, Leviathan 24, 1996, 45-62.

[2] Bestritten wird es etwa von Eisenstadt (Die Vielfalt der Moderne, 3. Aufl., 2011, S. 11).Vgl. auch Thomas Schwinn, Multiple Modernities: Konkurrierende Thesen und offene Fragen. Ein Literaturbericht in konstruktiver Absicht, Zeitschrift für Soziologie 38, 2009, 454-476, S. 458.

[3] Daniel Lerner, The Passing of Traditional Society, 1958, 438.

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