Konvergenzen und Divergenzen zwischen juristischer Methodenlehre und Literaturtheorie

Dieser Eintrag ist als erste Fortsetzung des letzten Eintrags gedacht, der durch das Echo auf das Historikergutachten zur Person des Konstanzer Romanisten Hans Robert Jauß ausgelöst wurde.

Die Rechtstheorie kämpft mit der Frage, was Normtexte für die Entscheidung einer Sachfrage hergeben. Während die juristische Methodenlehre mehr oder weniger zuversichtlich davon ausgeht, dass Rechtstexte einen fassbaren Inhalt haben, und Instrumente aufzeigt, um diesen Inhalt zu greifen, hat die Rechtstheorie als Metatheorie der Methodenlehre lange versucht, dieser Zuversicht durch den Rückgriff auf die geisteswissenschaftliche Hermeneutik von Schleiermacher bis Gadamer ein Fundament zu geben. Nachdem 1960 Gadamers »Wahrheit und Methode« erschienen war, beriefen sich Juristen zur Rechtfertigung der »objektiven« Methode der Gesetzesauslegung gerne auf Gadamers ontologische Hermeneutik. In diesem Fall fiel ihnen die Interdisziplinarität leicht, hatte doch Gadamer »mittels phänomenischen Anfragens bei den rechtlich juristischen Phänomenen für sein philosophisches Geschäft einigen Nutzen gezogen«1, fürwahr ein hermeneutischer Zirkel: lobst du meine Methode, so lobe ich deine Methode.

Die jüngere Rechtstheorie hat, gestützt auf die durch postmoderne Erkenntnistheorie angeleitete Sprachphilosophie und Literaturwissenschaft an dem Textfundament gegraben, aus dem Juristen ihre Entscheidungen gewinnen wollen. Die sprachphilosophische Kritik, die ihren Ausgang meistens bei Wittgenstein nimmt, sei hier vernachlässigt.2 Aus aktuellem Anlass, nämlich aus Anlass der fremdinduzierten Aufmerksamkeit für den verstorbenen Konstanzer Romanisten Hans Robert Jauß, soll es hier um die Konstanzer Schule der Rezeptionsästhetik gehen. Die interessiert mich

erstens wegen der Entsprechungen zwischen Literaturtheorie und juristischer Methode im Allgemeinen,
zweitens wegen ihrer Konvergenz3 mit Theorien von Roland Barthes, Jacques Derrida und Stanley Fish, und
drittens weil die Konstanzer Rezeptionsästhetik von der Rechtstheorie noch stärker vernachlässigt worden ist als ihr französisch-amerikanisches Pendent.

Heute will ich nur Punkt eins erledigen, und zwar durch Delegation, indem ich ihn als Dissertationsthema empfehle. Gute Themen sind knapp, und deshalb habe ich bereits früher in diesem Blog gelegentlich Vorschläge gemacht. Mein Vorschlag heute lautet also »Konvergenzen und Divergenzen zwischen juristischer Methode und Literaturtheorie«. Dazu nur folgende Andeutungen.

In der Literaturtheorie unterscheidet man wohl drei Theoriegruppen. Sie sind autorbezogen, textbezogen oder leserbezogen. Diese drei Theoriecluster bilden bis zu einem gewissen Grade auch zeitlich aufeinander folgende Phasen. Gegenwärtig dominieren wohl immer noch Rezeptionstheorien, die auf Leserorientierung und Wirkungsgeschichte abstellen.

Zwischen den Methoden der Gesetzesauslegung und den verschiedenen Literaturtheorien gibt es mehr oder weniger deutliche Parallelen. Historisch-kritische Methoden der Literaturtheorie, die den Autor und seine Intention als relevante Instanz der Textbedeutung sehen, finden ihre Entsprechung in der subjektiven Auslegung. Textbezogene Methoden, die im Sinne eines hermeneutischen Objektivismus nach der Bedeutung im Text suchen, entsprechen der objektiven Auslegung. Dagegen haben Methoden, die Texte formal und strukturalistisch analysieren, keine Entsprechung in der juristischen Methodenlehre. Hier könnte man immerhin an den Strukturalismus der Allgemeinen Rechtslehre4 denken. Leserorientierte Theorien scheinen solchen Methoden zu entsprechen, die die Bindung an das Gesetz lockern und den Gerichten größere Freiräume zugestehen. Eine Parallele zu radikaleren leserorientierten Theorien, welche die Bedeutung erst im Vorgang des Lesens entstehen lassen, bietet die Strukturierende Rechtslehre von Müller und Christensen5, wenn sie den Normtext als ein erst noch vom Rechtsanwender auszufüllendes »Textformular«6 begreift. Die leserorientierte Literaturtheorie interessiert sich, besonders in der Konstanzer Version der Rezeptionsästhetik, nicht nur für die aktuelle Leserreaktion, sondern auch für die Wirkungsgeschichte von Texten im Sinne der historischen Abfolge der Textinterpretationen. Für die Wirkungsgeschichte von Rechtsnormtexten wird man in erster Linie Rechtshistoriker für zuständig halten.

Wegen solcher Parallelen oder gar Konvergenzen drängt sich interdisziplinäres Arbeiten zwischen Rechtstheorie und Literaturtheorie geradezu auf. Wie weit es führt, entscheidet sich wohl nicht zuletzt an den unterschiedlichen Textsorten. Zwar gibt es im BGB einige Reime oder gar Hexameter. Dennoch sind Gesetze weder Gedichte noch Romane. Aber das sei cura posterior. Priorität hat ein referierender Vergleich. Der sollte allerdings auch herausarbeiten, was an den Auslegungstheorien hier und dort deskriptiv-analytisch und was normativ gemeint ist. Ich kenne bisher keinen solchen Vergleich. Nicht jeder Jurist kann sich in die Literaturtheorie einarbeiten. Ich bin gerade im Begriff, daran zu scheitern.

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  1. Alexander von Baeyer, Bemerkungen zum Verhältnis von juristischer und philosophischer Hermeneutik, ARSP 54, 1961, 27-42, S. 39. 

  2. Verwiesen sei auf Röhl/Röhl, Allgemeine Rechtslehre, 3. Aufl. 2008, dort insbes. Kapitel 2. 

  3. Für den Vortrag, den ich für die Berliner Rechtssoziologie-Tagung angemeldet habe (Konvergenz in Rechts- und Nachbarwissenschaften und das Internet als Konvergenzmaschine), soll sie mir als Beispiel dienen; zum Konvergenzthema vgl. auch die Einträge zu einer »Konvergenztheorie des Wissens«

  4. Andreas Funke, Allgemeine Rechtslehre als juristische Strukturtheorie, 2004. 

  5. Friedrich Müller/Ralph Christensen, Juristische Methodik, 10. Aufl., 2009 

  6. Ino Augsberg, Die Lesbarkeit des Rechts, Texttheoretische Lektionen für eine postmoderne juristische Methodologie, 2009, S. 101. 

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