Eine Konvergenztheorie des Wissens (3. Fortsetzung)

Gründe 52-65
Wissensrecycling und Redundanz

52. Die zeitgenössische Version eines naiven Fortschrittsglaubens äußert sich in der Rede von einer immer kürzeren Halbwertszeit des Wissens. Doch was veraltet, sind konkrete Fragen, Instrumente zu ihrer Beantwortung und die damit gewonnenen Daten. Das systematische Wissen über die Gesellschaft und ihr Recht zeigt dagegen eine erstaunliche Beständigkeit oder Kontinuität, so dass auch heute noch nicht nur Philosophen, sondern auch manche Rechts- und Sozialwissenschaftler mit Platon und Aristoteles diskutieren, als seien sie Zeitgenossen. Epochenumbrüche, wie sie von Kuhn als Paradigmenwechsel vorgestellt worden sind, waren nie so radikal, dass sie eine tabula rasa hinterlassen hätten.

53. Wissensrecycling: Das vorhandene Wissen wird etwa alle dreißig Jahre recycelt, ohne als Neuauflage erkennbar zu sein. Die zurzeit so beliebte Jagd nach Plagiaten wirkt vor diesem Hintergrund eher beckmesserisch.1

54. Die Warenwelt hat in die Wissenschaft Einzug gehalten. Die Produktion von Literatur ist billig geworden, nachdem Herausgeber und Autoren auch Lektorat und Layout der Texte übernommen haben und von den Verlegern keine Vegütung mehr erhalten. Verlage wie C. H. Beck, Springer, Hart Publishing, Oxford University Press u. a. mehr produzieren laufend schöne und teure neue Bücher, in denen wenig Neues steht. Es traut sich niemand, Literatur, die sich selbst als wissenschaftlich deklariert, für überflüssig zu erklären.

55. Wann immer man liest, die Literatur zu einer bestimmten Frage sei unübersehbar geworden,2 wird es Zeit die Masse dieser Literatur zu vergesen.

56. Ein Indiz für die Konvergenz des Wissens ist die zunehmende Verwendung von Sekundärliteratur – der ich mich – mindestens in dieser Reihe von Einträgen – anschließe.

57. In den Naturwissenschaften gibt es zum Teil eine Praxis des Reviews, die den Rückgriff auf ältere Texte abschneidet. Dazu werden periodisch an prominenter Stelle zusammenfassende Darstellungen der Forschungsergebnisse veröffentlicht mit der Folge, dass man sich künftig nicht mehr auf die Originalliteratur bezieht. In der Rechtswissenschaft treten an die Stelle solcher Reviews die Kommentare. Für Philosophie und Sozialwissenschaften ist dagegen die Zusammenführung des Wissens kaum institutionalisiert. Immerhin gibt es hier und da eine Diskussion über die Kanonisierung des Wissens.3

58. Als Indiz für die Konvergenz des Wissens taugt auch das Phänomen Wikipedia. Hier entsteht Konvergenz durch gemeinschaftliche Textarbeit. »Ein Wiki ist so etwas wie eine Schnapsbrennerei für verschärftes Wissen. Aus Infotrauben, die von verschiedenen Orten und Pflückern zusammengetragen werden, entsteht im Laufe der Zeit ein immer weiter konzentriertes, immer klareres und verfeinertes Destillat. Anders als in Blogs oder Online-Foren, wo Themen einem chronologischen Verlauf folgen, verdichtet sich der Stoff in einem Wiki zunehmend. Aus Daten und Informationen wird Wissen. … Wer zum Wikitum konvertiert, glaubt daran, dass die Welt edierbar ist.«4

59. Im kulturalistischen Jargon redet man nicht von Konvergenz, sondern von kollaborativer Wissenskonstruktion in Netzwerken oder im Wiki.5

60. Es bahnen sich technische Verfahren für die Zusammenführung konsonanter Literatur an.6 Die Diskussion wird unter dem Stichwort »Digital Humanities« geführt.7

61. Für Juristen gibt es Suchmaschinen die nach Präzedenzfällen suchen. Mit Suchmaschinen, die eigentlich dazu entwickelt wurden, um Plagiate zu entdecken, findet man auch inhaltliche Duplizität.8

62. Wissenschaftliche Texte beginnen oft mit einem Referat über die Geschichte des behandelten Problems und über bisherige Lösungsvorschläge. Oft folgt dann ein Teil, in dem die vom Autor zugrunde gelegte Methode dargestellt wird. Der historische und der methodische Vorspann sind wegen der Konvergenz der Inhalte besonders anfällig für Plagiate. Bei der Vorstellung seiner Plagiatssoftware schreibt Harold Garner:
»Als probates Gegenmittel bietet sich die Textanalyse an. Sie vermag nicht nur die Unsitte des Plagiierens abzuschaffen, sondern könnte auch völlig neue wissenschaftliche Kommunikationsformen unterstützen.
Eine faszinierende Idee hierzu ist vom Modell des Onlinelexikons Wikipedia inspiriert: Man schafft eine dynamische, elektronische Sammlung von Veröffentlichungen zu einem Thema, die von Wissenschaftlern kontinuierlich redigiert und verbessert wird. Jede neue ›Publikation‹ besteht aus einem Beitrag zu einem einheitlich wachsenden Wissensschatz; redundante Methodenabschnitte werden überflüssig. Das Wikipedia-Modell wäre ein Schritt zu einer zentralen Datenbank, die alle wissenschaftlichen Publikationen in sämtlichen Disziplinen umfasst. Autoren und Redakteure würden mittels Textanalyse die Originalität einer neuen Forschungsarbeit bestätigen …. «

63. Eine individuelle Strategie zur Bewältigung der Textredundanz ist die »offene Patchworkmethode«. Sie besteht darin, Schlüsselstellen des eigenen Textes aus offen ausgewiesenen Zitaten zu bauen. Sie findet ihre Grenzen im Urheberrecht, das den Umfang zulässiger Zitate begrenzt. Die Umfangsbegrenzung gilt jedoch nur für die Entnahme aus einem Text. Es gibt keine Beschränkung für die Anzahl von (Kurz-)Zitaten aus verschiedenen Texten. Daher lässt sich ein neuer Text vollständig aus Fremdzitaten herstellen. Der Extremfall wäre ein Hypertext-Essay nach dem Xanadu-Konzept, der nur aus einer Zusammenstellung von Links bestünde. Zur Charakterisierung juristischer Dissertationen hieß es früher gelegentlich, da werde aus 100 (oder 1000) Quellen ein neuer Text gebastelt.

64. »Distant Reading«: Die Literaturwissenschaft beklagt die Masse der Texte, die niemand mehr lesen kann. Als Ausweg hat Franco Moretti9 (Stanford Literary Lab) eine Methode des Distant Reading vorgeschlagen. Sie besteht im Prinzip darin, Texte nicht zu lesen, sondern sie mit computergestützten Verfahren sozusagen zu vermessen.10 Die Vermessung gilt sowohl eher äußerlichen Eigenschaften (Literaturgenre, Stil usw.) als auch den Inhalten (etwa Plots in Romanen oder Argumentationen in Gerichtsurteilen).11

65. Search Term Reading: Meine Methode des Distanzlesens – die ich vermutlich mit vielen Wissenschaftlern teile – ist das Stichwortlesen (search term reading). Sie besteht schlicht darin, viele Texte nicht Satz für Satz von Anfang bis zum Ende zu lesen, sondern sie auf gerade interessierende Stichworte zu scannen. Früher hatte man dazu mehr oder weniger gute Stichwortregister. Heute liest man viele Texte auf dem Bildschirm. Alle Browser verfügen über eine Suchfunktion. Die meisten Texte werden wohl als PDF gelesen, und selbstverständlich hat auch die dafür übliche Software eine Suchfunktion. Als Bild eingescannte Texte werden dazu in durchsuchbare umgewandelt.

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  1. Zygmunt Baumann kokettiert wohl, wenn er (in einem Interview) sagt »Mein Leben besteht darin, Information zu recyceln.« Ich dagegen nehme diese Aussage für mich als bare Münze. 

  2. Z. B. bei bei Andreas Voßkuhle, Expertise und Verwaltung, in: Hans-Heinrich Trute (Hg.), Allgemeines Verwaltungsrecht, 2008, 637-663, S. 639 Fn. 11 zum Wissensmanagement. 

  3. Den Weg zur Kanonisierung bahnen viele Anthologien oder Zusammenfassungen nach Art der »Hauptwerke«-Reihe im Kröner Verlag. Bemerkenswert ist der Eifer, mit dem Austin Sarat sich als »advocate for disciplinization« für eine Kanonisierung des Faches einsetzt. Zwar spricht er nicht von legal sociology oder sociology of law, sondern von »law and society scholarship«. Aber der Sprachgebrauch in den USA ist eben anders. Schon als Präsident der Law and Society Association hatte Sarat sich für eine »Kanonisierung« des Faches ausgesprochen. Bemerkenswert auch, dass er dafür Juristen (Jack Balkin und Sanford Levinson) zitiert: »Every discipline, because it is a discipline, has a canon, a set of standard texts, approaches, problems, examples, or stories that its members repeatedly employ or invoke, and which help define the discipline as a discipline.«. Seither hat Sarat durch die Herausgabe von zahlreichen Readern und des »The Blackwell Companion to Law and Society« selbst erheblich zur Abgrenzung und Befestigung dieses Kanons beigetragen. 

  4. Peter Glaser, Schnapsbrennerei für verschärftes Wissen, Heise-online, 06.04.2012. 

  5. Vgl. das Projekt »Kollaborative Wissenskonstruktion mit Wiki« am Leibniz Institut für Wissensmedien; und daraus Aileen Oeberst/Iassen Halatchliyski/Joachim Kimmerle/Ulrike Cress, Knowledge Construction in Wikipedia: A Systemic-Constructivist Analysis. Journal of the Learning Sciences, 23, 2014, 149-176. 

  6. Vgl. Kavita Ganesan/ChengXiang Zhai/Jiawei Han, Opinosis: A Graph Based Approach to Abstractive Summarization of Highly Redundant Opinions, Proceedings of COLING 2010, 340-348. Nachzugehen wäre auch der Meldung, dass die Fakultät für Informatik und Mathematik der Universität Passau ein Forschungsprojekt CODE zur Extraktion und Visualisierung von Informationen aus wissenschaftlichen Publikationen und dem Web 2.0 gestartet hat [http://idw-online.de/de/news483053]. 

  7. Überblick über die Aktivitäten weltweit bei Poul Holm/Dominic Scott/Arne Jarrick, Humanities World Report 2015, Kap 4 »The Digital Humanities« [http://www.palgraveconnect.com/pc/oa/browse/inside/chapter/9781137500281.0007/9781137500281.0007.html?chapterDoi=9781137500281.0007&focus=pdf-viewer#page=0]. Für Deutschland vgl. die Pressemitteilung der Goethe-Universität Frankfurt a. M. Wie der Computer mit den »Digital Humanities« Einzug in die Geisteswissenschaften hält vom 16. 12. 2014 [http://idw-online.de/de/news618503]. Seit 2007 erscheint die E-Zeitschrift Digital Humanities Quarterly

  8. Harold »Skip« Garner, Computerjagd nach Plagiaten, Spektrum der Wissenschaft Dezember 2014, 60-63. 

  9. Franco Moretti, Kurven, Karten, Stammbäume, Abstrakte Modelle für die Literaturgeschichte, 2009; ders., Distant Reading 2013. Zu dem neueren Buch – einer Aufsatzsammlung – vgl. die ausführliche Rezension von Shawna Ross, In Praise of Overstating the Case: A Review of Franco Moretti, Distant Reading (London: Verso, 2013, Digital Humanities Quarterly 8/1, 2013. 

  10. Kathryn Schulz, What Is Distant Reading? The New York Times – Sunday Book Review vom 24. 6. 2011[http://www.nytimes.com/2011/06/26/books/review/the-mechanic-muse-what-is-distant-reading.html?pagewanted=all&_r=0]. 

  11. Zu dem, was Moretti in Gang gebracht hat, vgl. auch den Tagungsbericht von Tobias Haberkorn, Es gibt einfach zu viele Texte, FAZ vom 12. 11. 2014 S. N3. 

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