Diszipliniert Foucault!

Um Michel Foucault (1926-1984) hat sich ein Gefolgschafts-Dispositiv aufgebaut, an dem nur noch Juristen vorbeikommen. In unserer »Allgemeinen Rechtslehre« wird ihm immerhin ein Absatz gewidmet (auf S. 328). Für die Überarbeitung wollte ich noch einmal selbst ein paar Seiten Foucault lesen. Aber wo anfangen und wo aufhören? Jetzt türmen sich auf meinem Schreibtisch 21 Bände mit Texten von Foucault 56 cm hoch, und die vier Bände Dits et Ecrits sind noch nicht dabei. Damit mich der Turm nicht erschlägt, übe ich mich im distant reading.1 Nachdem ich ein paar Tage Foucault kreuz und quer geblättert habe, versuche ich festzuhalten, was mir für Rechtstheorie und Rechtssoziologie relevant erscheint. Das geht nicht ohne eine Disziplinierung.2

Foucault arbeitete weitgehend essayistisch unter Verzicht auf Methode und System. Seine Bücher wehren sich gegen eine Einvernahme als autoritative Texte mit definitiver Bedeutung. Sein mit historischen Reminiszenzen gesättigter Stil entwickelt literarische Qualitäten und wird eben auch deshalb geschätzt. Das sollte aber kein Hindernis, um sein Werk als Fundgrube auch für eine hartnäckig empirisch orientierte erklärende Soziologie aufzusuchen. Dazu darf man sich nicht weigern »die vielerlei methodologischen, theoretischen und konzeptionellen Unstimmigkeiten und Paradoxien, die das Werk (bewusst) durchziehen, auszublenden oder zu glätten«3

Die meisten Foucault-Anhänger suchen freilich gar nicht nach referierbaren Propositionen, sondern sind zufrieden, neue Perspektiven, Analysemöglichkeiten, Denkräume, kritisches Potential, Stichworte oder Provokationen und ähnliche Versprechungen zu entdecken. Sie üben sich im Doing Foucault und warnen uns, seine Texte »soziologisch zu disziplinieren«, das heißt, sie als Ausformulierung soziologischer Theoriepositionen zu verstehen. Foucaults Werk eröffne nur »eine For- schungsperspektive im wörtlichen Sinne: eine Art und Weise hinzuschauen, eine spezifische Blickrichtung«, indem sie »an sozialwissenschaftlichen Theorien parasitieren und diese zugleich irritieren«.4 Die Suche nach einer einheitlichen Theorie sei zum Scheitern verurteilt.5 Meine eigene – sehr fragmentarische – Foucault-Lektüre hat in seinen Texten mehr gesucht und gefunden, nämlich (einige) brauchbare Begriffe und handfeste Hypothesen. Sie erscheinen mir freilich teils verfremdet, teils verklausuliert, so dass sich die Frage aufdrängt, ob und wieweit es sich um »originelle Elemente und Überlegungen« handelt, »die nicht schon in einer anderen Tradition zu finden sind.«6

Wenn man für den Rest seines Lebens noch andere Pläne hat, als Foucault zu lesen, wenn man sich nicht einer selbstgenügsamen Foucault-Analyse hingeben und damit »der großen, zärtlichen und warmherzigen Freimaurerei der nutzlosen Gelehrsamkeit«7, so bleibt gar keine Wahl, als sein Werk, und sei es auch gegen seine Intention, in das sozialwissenschaftliche Theoriespektrum einzupassen und es dazu irgendwie einzudampfen. Die Lizenz zu solchem Vorgehen hat Foucault selbst bei der Eröffnung des Vorlesungszyklus 1976 erteilt:

» … fühle ich mich tatsächlich absolut verpflichtet, Ihnen in etwa mitzuteilen, was ich mache, wo ich stehe, in welche Richtung es geht; aber gleichzeitig denke ich, daß Sie mit dem, was ich sage, völlig frei umgehen sollten. Das betrifft die Forschungswege, Ideen, Modelle ebenso wie die Skizzen und Instrumente: Machen Sie damit, was Sie wollen.« (In Verteidigung der Gesellschaft, 1999 S. 13f)

Eklektizismus ist danach kein Problem. Man könnte sich ohnehin nicht zu allen Themen, die Foucault angesprochen hat, eine eigene, begründete Ansicht bilden. Man braucht auch keine Angst vor einem »bewusst respektlosen Umgang« mit seinen Texten, der vor »gezielten Missverständnissen« nicht zurückschreckt8, zu haben, und auch nicht vor Reduktion und Trivialisierung. Wenn ein Referat Foucaultscher Begriffe und Thesen trivial erscheint, kann das durchaus ein Anzeichen für Inhaltsleere der Texte sein.

Der außerordentliche Umfang der Texte sollte nicht schrecken, denn nicht alles ist wichtig. Im Meer der Foucault-Texte ist viel Bekanntes und noch mehr Redundanz anzutreffen. Der externalisierbare Gehalt bleibt schon aus diesem Grunde weit hinter dem Umfang der Texte zurück. Es lassen sich Strategien entwickeln, um die relevante Textmenge zu reduzieren.

Von Foucault-Kennern wird hervorgehoben, dass sich der theoretische Standpunkt des Meisters, wenn von einem solchen überhaupt die Rede sein könne, im Laufe der Jahre mehrfach verändert habe. Wenn das Ziel darin besteht, handfeste Begriffe und Hypothesen zu gewinnen, tritt die Entwicklungsgeschichte in den Hintergrund. Dann ist es vor allem überflüssig, Foucault gegen sich selbst in Schutz zu nehmen. Ein Nachvollzug seiner oft langwierigen Such- und Denkbewegungen ist nicht notwendig.

Einen großen Raum in Foucaults Texten beanspruchen Ausführungen zu Sexualität. Nachdem man das einmal zur Kenntnis genommen hat, kann man diese Ausführungen weitgehend ignorieren. »Wissenschaftliches Arbeiten kommt ohne affektive Orientierung nicht aus.«9 Ein Spezifikum Foucaults liegt in dem Erkenntnisinteresse, das aus seiner eigenen Betroffenheit als Homosexueller resultiert. Zeitlich und sachlich im Mittelpunkt seines Schaffens stehen die drei Bände der L’Histoire de la sexualité (Sexualität und Wahrheit). Der erste Band erschien 1976 als La Volonté de savoir (Der Wille zum Wissen, 1977), der zweite und der dritte Band wurden erst posthum veröffentlicht.10 Die vorausgegangenen Werke, in denen Foucault die historisch angeleitete Diskurs- und Dispositivanalyse entwickelte und mit denen er sich den Ruf als Wissenschaftler verdiente, der ihn in das Collège de France führte, kann man als Vorbereitung auf diese drei Bände lesen, behandeln sie doch mit der sozialen Konstruktion des »Wahnsinns« ein analoges Thema und mit der »Geburt der Klinik« und der »Geburt des Gefängnisses«, also mit dem ärztlichen Blick und mit der modernen Strafe, zwei wichtige Bausteine des Machtdispositivs, das auch die Sexualität in der Neuzeit geformt hat. Wie nicht selten, wenn ein persönliches Interesse den Wissenschaftler antreibt, macht es Foucault besonders scharfsichtig und lässt sein Werk weit darüber hinauswachsen. Wenn man dieses Interesse jedoch nicht teilt, verkürzen sich viele Texte sehr. Man wundert sich nur, dass die Texte Foucaults nicht viel aggressiver in der Diskussion um Sexualerziehung, kindlichen Sex und Pädophilie herangezogen werden.

Eng mit dem Sexualitätsthema hängen die Überlegungen zu Ethik und Moral im Spätwerk zusammen. Auch diese Texte können vernachlässigt werden, wenn es darum geht, Thesen für eine erklärende Sozialwissenschaft zu extrahieren.

Ein drittes Themenfeld, das die Rechtssoziologie besser ausspart, ist die Analyse des historisch-politischen Diskurses, wie sie Gegenstand der Vorlesungen von 1976 ist (Auf Deutsch veröffentlicht unter dem Titel »In Verteidigung der Gesellschaft«, 1999.) Dort findet sich etwa die steile These, dass die politische Auseinandersetzung bereits mit Beginn des 17. Jahrhunderts die »präzise Form« eines »Kriegs der Rassen« angenommen habe, und diese Diskurslinie wird bis zum nationalsozialistischen »Staatsrassismus« fortgeführt. Mit diesem Themenfeld mögen sich Historiker und Politikwissenschaftler11 befassen.

Es ist nicht einfach, auf Foucaults Schultern zu klettern. Er ist riesig, bietet aber keinen festen Stand. Aber vielleicht man muss auch gar nicht so hoch hinaus, denn man muss ja nicht unbedingt weiter sehen als der Meister, sondern kann sich schon damit zufrieden geben, seinem Weitblick zu folgen. Doch auch dafür bleibt keine Wahl, als ihn in Schubladen zu verpacken und dann auf den Schrank zu steigen, was sich freilich nur leisten kann, wer sich nicht um Karrierechancen, Veröffentlichungsmöglichkeiten und Drittmittel kümmern muss.12

Ein wichtiger Schritt zur Reduktion besteht darin, Foucault in gängige Kategorien zu verpacken. Dazu muss man etwas quetschen. Foucault lässt sich nicht einfach einer Wissenschaftsdisziplin zuordnen. Er war studierter Psychologe, hatte am Collège de France einen Lehrstuhl für die Geschichte der Denksysteme und wird heute bevorzugt von Soziologen und Politikwissenschaftlern zitiert. Seine Einordnung als Kulturwissenschaftler ist ebenso unproblematisch wie unergiebig, denn der kulturwissenschaftliche Bazillus hat mehr oder weniger alle Geistes- und Sozialwissenschaften infiziert. Relativ unproblematisch ist auch die Einordnung in die Schublade »Wissenssoziologie«. Wenn man davon absieht, dass Foucault mehr Historiker als Soziologe war, so war sein großes Thema doch das Dreieck zwischen sozialen Praktiken, der Ordnung des Wissens und Formierung von Subjekten. Es gibt radikalere Konstruktivisten als Foucault. Er hat das Phänomen des »Wahnsinns« als solches nicht in Abrede gestellt. Aber er hat zu zeigen versucht – und diesem Gedankengang kann auch ein hartgesottener Realist folgen –, wie sich die Wahrnehmung dieses Phänomens in der Moderne durch die Pathologisierung zur Geisteskrankheit verändert hat und zum sozialen Problem hat werden lassen.

(Der Eintrag wird schon wieder zu lang. Daher: Fortsetzung folgt.)

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  1. Eine Konvergenztheorie des Wissens bei Nr. 64. 

  2. Die Überschrift ist natürlich eine Anspielung auf Jean Baudrillard, Oublier Foucault, 1983 [Orig. 1977]. Ich habe Baudrillard nicht gelesen. 

  3. Diese Weigerung lobt Thomas Biebricher an dem Buch von Christian Schauer (Ancilla Juris 2007, 20-22, S. 21). 

  4. Ulrich Bröckling/Susanne Krasmann, Ni méthode, ni approche, in: Johannes Angermüller/Silke van Dyk (Hg.), Diskursanalyse meets Gouvernementalitätsforschung, 2010, 23-42. S. 32. 

  5. Marcus S. Kleiner (Hg.), Michel Foucault, Einführung in sein Denken, 2001, Einleitung S. 19. 

  6. Danach sucht für die Staatsanalytik Thomas Biebricher, Foucault, Gouvernementalität und Staatstheorie, Working Paper des Sfb 597, 2012: http://www.econstor.eu/bitstream/10419/59588/1/718685571.pdf

  7. Vorlesung vom 7. 1. 1976, in »Kritik des Regierens« S. 10. 

  8. Schauer S. 36. 

  9. Andreas Reckwitz, Auf dem Weg zu einer kultursoziologischen Analytik zwischen Praxeologie und Poststrukturalismus, in: Monika Wohlrab-Sahr (Hg.), Kultursoziologie, 2010, 179-205, S. 179. Reckwitz dürfte diese Verwendung des Zitats kaum billigen.  

  10. Band 2: L’Usage de plaisirs, 1984 (Der Gebrauch der Lüste, 1989); Band 3 Le souci de soi, 1984 (Die Sorge um sich, 1989).  

  11. Z. B. in dem Sammelband Brigitte Kerchner/Silke Schneider (Hg.), Foucault, Diskursanalyse der Politik: eine Einführung, 2006. 

  12. Übrigens: Handliche Zusammenfassungen von Foucault-Themen scheinen ein beliebtes Thema für Studienarbeiten zu sein, die dann sogar im Internet für Geld angeboten werden, z. B.: Anonymus, Der »Wille zur Wahrheit« in Michel Foucaults »Die Ordnung des Diskurses«; Marc-Christian Jäger, Michel Foucaults Machtbegriff, 2000.Ich habe sie nicht alle notiert. 

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