Ein Carl Schmitt der Literaturwissenschaft und die Rechtstheorie: Hans Robert Jauß

In der Rechtstheorie werden subjektive Auslegung und die Möglichkeit textimmanenter objektiver Auslegung noch immer mit Hilfe vor allem von Roland Barthes und Stanley Fish in Frage gestellt, zwei Autoren, die der Postmoderne zugerechnet werden. Dabei gab und gibt es mit der »Konstanzer Schule« auch hierzulande eine Rezeptionstheorie, die zwar nicht so plakativ und radikal formuliert, die es aber in der Sache durchaus mit den Rezeptionstheorien von Fish und Barthes aufnehmen kann.1

»Law and Literature« ist eines der Law & Something-Fächer, die sich in den USA etabliert haben. Bahnbrechend war 1925 ein Aufsatz von Cardozo, in dem er juristische Texte, vor allem Urteilstexte, in die Nähe von Literatur rückte. Einerseits will man mit den Methoden der Literaturkritik Struktur und Rhetorik juristischer Texte entschlüsseln (Recht als Literatur – law as literature = Interpretationsansatz). Andererseits soll das Verständnis für typische Problemlagen des Rechts vertieft werden, indem ihre Behandlung in der (schöngeistigen) Literatur heran gezogen wird (Recht in der Literatur – law in literature). Tatsächlich hat jeder halbwegs gebildete Jurist Kafkas »Prozeß« gelesen und ihn als Warnung verstanden, wie leicht Recht und Prozess zum Selbstzweck werden und dem Bürger die ihm gebührende Rolle verweigern. Dieser zweite Gesichtspunkt war und ist in Deutschland vorherrschend.

Im Zusammenhang mit der Juristischen Hermeneutik interessiert der Interpretationsansatz, dieser wiederum zugespitzt auf die Frage, ob die Methoden der Kritik und Interpretation von literarischen Texten für den Umgang mit Rechtstexten hilfreich sein könnten. Hier ist also Interdisziplinarität angesagt in der Hoffnung, Sichtbeschränkungen zu überwinden und neue Einsichten zu gewinnen. Das Bemühen um Interdisziplinarität wird jedoch gelegentlich durch Blendung behindert. In diesem Fall kommt die Blendung aus dem Westen, aus Frankreich und aus den USA. Darauf hat in diesen Tagen die Jauß-Affäre in Konstanz2 aufmerksam gemacht. Jauß gehörte zu den Gründungsprofessoren der Universität Konstanz. In einer Presseinformation der Universität vom 19. 11. 2014, in der die Veranlassung eines Historikergutachtens über seine NS-Vergangenheit bekannt gegeben wurde, heißt es über ihn:

»Prof. Dr. Dr. h.c. Hans Robert Jauß (1921-1997) hatte von 1966 bis 1987 die Professur für Romanische Literaturen und Allgemeine Literaturwissenschaft an der Universität Konstanz inne. Der Romanist hat in der Zeit seiner Tätigkeit in Konstanz ein neues literaturwissenschaftliches Paradigma, die ›Rezeptionsästhetik‹, mit begründet, womit ein in der ganzen Welt viel beachteter literaturwissenschaftlicher Durchbruch gelang. Darüber hinaus war Hans Robert Jauß ein entscheidender Anreger des interdisziplinären Projekts der Gruppe Poetik und Hermeneutik.
Die aktuelle Diskussion zur Rolle von Hans Robert Jauß während der Zeit seiner Zugehörigkeit zur Waffen-SS von 1939 bis 1945 bedarf der wissenschaftlichen Aufarbeitung.«

Die SS-Vergangenheit von Jauß war eigentlich immer bekannt. An der Gruppe »Poetik und Hermeneutik« war die Crème der deutschen Literaturwissenschaft beteiligt. Die Biographien von Carl Schmitt und Hans Robert Jauß zeigen große Unterschiede, nicht nur, weil Schmitt über 30 Jahre älter war. Bei Schmitt zeigte sich die Nähe zum Regime in seinen wissenschaftlichen Arbeiten. Jauß war SS-Offizier und begann seine Kariere als Wisenschaftler erst in der Nachkriegszeit. Es mag dahinstehen, ob man Jauß den Carl Schmitt der Literaturwissenschaft nennen soll. Wie bei Carl Schmitt gilt auch bei ihm: Die Ideen eines korrupten Autors muss man besonders kritisch prüfen. Aber wenn sie gut sind, sind sie gut. Das wäre in diesem Falle die Selbstreferenz der Rezeptionsästhetik.

Für die Vernachlässigung der Konstanzer Schule der Rezeptionsästhetik durch die Rechtstheorie sind verschiedene Erklärungen denkbar. Eine Erklärung könnte man darin suchen, dass die deutsche Rechtstheorie zu einem guten Teil durch die Weltsicht der Postmoderne geprägt ist und daher die Konstanzer Schule, die ohne erkenntnistheoretischen Nihilismus auskommt, nicht auf dem Schirm hat. Eine andere Erklärung liegt vielleicht in der Struktur der amerikanischen Law Schools, die von vornherein interdisziplinärer angelegt ist als die der deutschen Jurafakultäten. Immerhin hatte Stanley Fish selbst eine Stelle als Professor für Rechtstheorie an verschiedenen Law Schools inne. Wie dem auch sei: Es gilt zu prüfen, ob der SS-Offizier Hans Robert Jauß eine Botschaft auch für Juristen hatte.
[Fortsetzung folgt – vielleicht]

Nachtrag: Die Diskussion um Person und Werk geht weiter. Dazu Paul Ingendaay, Rückschau bringt Dämonen hervor, in FAZ vom 16. 6. 2016.

Print Friendly, PDF & Email

  1. Für einen Überblick Detlef Dieckmann, Rezeptionsästhetik, 2007, Bibelwissenschaft.de

  2. Vgl. etwa den Bericht von Volker Breidecker, Überzeugter Weltanschauungskrieger, Süddeutsche Zeitung vom 22. 5. 2015; ferner auf der Internetseite der Universität Konstanz verschiedene Pressemitteilungen und das Historikergutachten von Jens Westemeier

Related Posts:

Tags: , ,

   Hinterlassen Sie einen Kommentar:

Neueste Beiträge

Zurück zur Homepage von Prof. Röhl