Archiv für die Kategorie ‘Einzeluntersuchungen’

Ist das Strafmaß davon abhängig, ob der Lieblingsverein des Richters verloren hat?

Die Football-Fans unter den Richtern reagieren ihren Frust durch ein höheres Strafmaß ab, wenn ihr Lieblingsverein verloren hat. Das ist die These einer Untersuchung von Ozkan Eren und Naci Mocan von der Louisiana State University. »Emotional Judges and Unlucky Juveniles« ist die Arbeit[1] überschrieben. Darin haben die Autoren die Entscheidungen von Jugendrichtern, die sie als Anhänger des Football-Teams der Louisiana State University identifzieren konnten, unter die Lupe genommen. Sie kamen zu dem Ergebnis, dass diese Richter nach einer unerwarteten Niederlage ihrer Lieblings-mannschaft ein höheres Strafmaß auswarfen und dabei farbige Delinquenten noch besonders streng behandelten. Dieser Effekt hielt eine ganze Woche an. Spiele mit unerwartetem Gewinn oder mit offenem Ausgang hatten keinen erkennbaren Einfluss. Die Autoren nehmen an, dass die Richter auf diese Weise auf einen emotionalen Stress reagieren.

Es handelt sich um eine Untersuchung von Ökonomen, die nicht speziell justizkritisch gemeint ist, sondern zeigen soll, wie eigentlich als rational gedachte Entscheidungen von Emotionen beeinflusst werden.

Richter, die zu Beginn der Sitzung und nach einer Frühstückspause großzüger sind – das hatten wir schon. Die dazu angeführte Untersuchung stellte allerdings nicht direkt auf Emotionen ab, sondern auf ein Anchoring-Phänomen, dass aus der Kette von entcheidungen im Verlaufe einer Sitzung resultiert. Bei den Football-Fans geht die Erklärung nur dahin, dass ein unerwarteter Verlust stärkere Emotionen hevorruft als ein entsprechender Gewinn.

Diese Untersuchung hat Hanno Beck heute im Wirtschaftsteil der FamS unter der Überschrift »der menschliche Makel« vorgestellt. Beck meint, man könne nicht einmal sagen, ob die von solchen spezifischen Emotionen beeinflusste Entscheidung oder die emotionslose die objektiv bessere sei. Aber es ist natürlich richtig: wirklich emotionsfreie Entscheidungen wären nur von Maschinen zu erwarten, und die bieten hier keine Alternative.

[1] NBER Working Paper Nr. 22611, September 2016. In dem frei im Netz kursierenden Manuskript – nur das habe ich gelesen – fehlen die Tabellen.

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Sanktionen als Trockenfrüchte zum Geburtstag von Rsozblog

Rsozblog wird heute sieben Jahre und 339 Einträge alt. Zum Geburtstag gibt es aber nur Trockenfrüchte. Vor nunmehr 15 Jahren hatte ich für die neue Ausgabe der International Encyclopedia of the Social & Behavioral Sciences Artikel über »Law and Popular Culture« sowie über »Sanctions« präpariert. Der erste Artikel gefiel den Herausgebern nicht. Daher habe ich auch den zweiten Artikel »Sanction« zurückgezogen. Beim Aufräumen habe ich Artikel und Schriftwechsel wiedergefunden. Ich lade sie hier als PDF hoch, damit ich das Papier wegwerfen kann. Das ist sozusagen mein Archiv, das vielleicht noch jemanden interessiert. Übrigens ist der Artikel zu »Law and Popular Culture« zusammen mit zwei weiteren Artikeln (»Visual Communication in Law« und »Visual Communication about Law«) 2007 in der »Encyclopedia of Law and Society« bei Sage Publications erschienen.

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Amazons Mechanischer Türke und die Bedeutung der Kosten der Hochzeit für die Dauer der Ehe

Die aktuelle Liste der SSRN Top Downloads der letzten 60 Tage wird angeführt von

Andrew M. Francis/Hugo M. Mialon, ’A Diamond is Forever’ and Other Fairy Tales: The Relationship between Wedding Expenses and Marriage Duration.
22.254 Mal wurde das Paper heruntergeladen. Muss doch interessant sein. Hier die Zusammenfassung:

»In this paper, we evaluate the association between wedding spending and marriage duration using data from a survey of over 3,000 ever-married persons in the United States. Controlling for a number of demographic and relationship characteristics, we find evidence that marriage duration is inversely associated with spending on the engagement ring and wedding ceremony.«

Aber ich habe aus dieser Arbeit noch mehr gelernt, nämlich dass und wie man mit Amazons mechanischem Türken empirische Sozialforschung betreibt. Wirklich neu war das aber wohl nur für mich, dann darüber kann man bereits bei Wikipedia nachlesen: http://en.wikipedia.org/wiki/Amazon_Mechanical_Turk.

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Rechtssoziologie unter fremden Namen: Ornithologen gegen Vandalismus

Die Wirksamkeit von Verhaltensnormen ist ein zentrales Thema der Rechtssoziologie, das freilich zugunsten der komplexeren Frage nach der Wirkung von Recht etwas in den Hintergrund geraten ist. Aber mit Verhaltensnormen fängt alles an, und hier wiederum mit elementaren Normen wie dem Verbot von Sachbeschädigung und Diebstahl, die mit strafrechtlichen und zivilrechtlichen Sanktionen bewehrt sind.
Während Ökonomen darauf abstellen, dass Menschen in erster Linie auf Belohnungen und Strafen reagieren, betonen Soziologen, Psychologen und Anthropologen, dass kompliziertere Motivationsbündel und die situative Verflechtung der Variablen für die Befolgung von Rechtsnormen maßgeblich sind. Man gehorcht dem Recht, wenn man die dahinter stehende Autorität anerkennt, sich von ihnen respektvoll behandelt fühlt und die sachlichen Anforderungen des Rechts als richtig (legitim) akzeptiert. Das ist in vielen Einzeluntersuchungen bestätigt worden.1
Dass auch Ornithologen zu solcher Forschung beitragen, ist neu. Kein Wunder, wenn sie gar nicht bemerken, dass sie sich hier im Bereich der Rechtssoziologie bewegen. Deshalb ist ihre Arbeit aber nicht weniger interessant.2
Ornithologen und andere Tierforscher platzieren nicht selten mehr oder weniger auffällige materielle Objekte in der Natur, wo sie nicht bewacht und geschützt werden können. Es geht um Fallen, Kameras, Mess- und Funkgeräte usw. Nicht selten fallen diese Gegenstände dem Vandalismus zum Opfer. Forscher vom Max-Planck-Institut für Ornithologie in Seewiesen wollten nun wissen, ob der Umgangston von Hinweisschildern an der Ausrüstung Vandalismus verhindern kann. Dazu legten sie 60 Attrappen in vier Münchner Stadtparks aus.
Vandalismuswarnung
Tatsächlich fanden sie, dass freundlich beschriftete Ausrüstung eher in Ruhe gelassen wurde als solche mit einem neutralen oder gar drohenden Schild (Pressemitteilung vom 26. 11. 2013) [http://www.mpg.de/7628338/vandalismus]. Bei diesen gab es 36 Einwirkungen auf das Gerät. Bei den neutral beschrifteten Geräten wurden 57 Einwirkungen gezählt, bei denen mit Sanktionsdrohung 67. Das ist Wasser auf die Mühlen Tom Tylers. Allerdings geht es hier nicht bloß um respektvolle Behandlung der potentiellen Täter, sondern um eine Personalisierung derart, dass als Opfer ein individueller Diplomand erscheint und nicht bloß eine anonyme Organisation. Vielleicht wirkt auch das niedliche Eichhörnchen.

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  1. Verwiesen sei hier nur auf Tom Tyler, Why People Obey the Law, Yale University Press 1990; ders./Jeffrey Fagan, Legitimacy and Cooperation: Why Do People Help the Police Fight Crime in Their Communities, Ohio State Journal of Criminal Law 6, 2008, 231-275. 

  2. Clarin, B.-M., Bitzilekis, E., Siemers, B. M. and Goerlitz, H.:
    Personal Messages Reduce Vandalism and Theft of Unattended Scientific Equipment. Methods in Ecology and Evolution. Online Veröffentlichung 26.11.2013

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Crude Witchcraft

Noch einmal komme ich auf den Sammelband »Crude Domination« zurück, den ich im Eintrag vom 4. 11. 2012 vorgestellt hatte1, nunmehr nach der Lektüre des Beitrags der schwedischen Sozialanthropologin Kajsa Ekholm Friedman (S. 107-131). Er trägt die Überschrift »Elves and Witches: Oil Kleptocrats and the Destruction of Social Order in Congo-Brazzaville«. In dem Beitrag Reynas2 ging es um Gerüchte über Zauberei, bei Ekholm Friedman jetzt um Hexenglauben. Der deutsche Leser fragt sich unwillkürlich, ob die Übersetzung von witchcraft mit Hexerei angesichts der mit dem Ausdruck verbundenen Konnotationen angemessen ist. Aber solche Skrupel wären auch schon gegenüber dem englischen Begriff angezeigt, und man darf sich wohl damit beruhigen, dass auch Anthropologen im Deutschen von Hexerei reden3, zumal eine handliche Alternative nicht verfügbar ist. Von Aberglauben zu reden wäre politisch unkorrekt.

Schon von Reyna konnte man lernen, wie Anthropologen nach dem Vorbild von Evans-Pritchard zwischen Hexerei und Zauberei unterscheiden. Ein Zauberer verwendet Utensilien oder greift selbst handelnd ein wie die menschenfressenden Löwenmänner. Der Hexer dagegen kann durch seine bloße Existenz Kausalverläufe zum Bösen wenden. Aber wichtiger als der Unterschied ist das Gemeinsame in den Beiträgen von Reyna und Ekholm Friedman. Beide zeigen, wie die Menschen angesichts der Verletzungen, die ihnen die ölgetriebene Modernisierung in ihrer Heimat zufügt, mit magischen Vorstellungen reagieren.

Ekholm Friedman will erklären, warum in Afrika, und speziell in Kongo-Brazzaville, häufig Jugendliche der Hexerei beschuldigt werden. Das Phänomen scheint nicht unbedeutend zu sein. Entgegen der Erwartung, dass nach der Berührung mit der Moderne okkulte Vorstellungen und Praktiken an Bedeutung verlieren, scheinen sie im Gegenteil jedenfalls in Afrika, und zwar besonders dort, wo die Menschen unter Bürgerkriegen und anderen humanitären Katastrophen zu leiden haben, eher zuzunehmen.4 Auf der Internetseite Modern Ghana wird unter dem 18. Juni 2012 ausführlich und mit Bildern von einer Hexenjagd im nigerianischen Bundesstaat Akwa Ibom berichtet.5 ALJAZEERA meldet im November 2012, sei es in Akwa Ibom gesetzlich verboten habe, Kinder der Hexerei zu beschuldigen. Daher ist jeder Versuch, das Phänomen wissenschaftlich zu erklären, willkommen.

Ekholm Friedman stellt in einem ersten Schritt fest, dass Hexerei seit jeher einen zentralen Aspekt afrikanischer Kultur bilde (S. 108). Sie distanziert sich insoweit von der Ansicht, der Okkultismus sei eine neu oder wieder erfundene Tradition6, und damit auch von der These von Peter Geschiere7, Hexenglaube und Zaubereigerüchte seien selbst (nur) ein modernes Phänomen, weil sie als Hilfe zum Umgang mit der Angst bemüht werden, die aus der Begegnung mit der Moderne resultiert. Die aktuellen Ausprägungen im Kongo erklärt Ekholm Friedman jedoch sehr wohl als Reaktion auf die Wunden, die die missglückten Modernisierungsversuche aus der Zeit vor und vor allem nach der Unabhängigkeit gerissen haben. Der Glaube an magische Kräfte habe seine Wurzeln schon in vorkolonialer Religion, nämlich in der Idee, dass Lebenskraft von Gott über die Vorfahren und die politische Hierarchie der Könige und Häuptlinge bis hinunter zum Familienvater fließe. Die Vorstellung, dass bestimmte Menschen, über magische Kräfte verfügten, verbinde sich mit dem Glauben, dass nächtliche Träume nicht weniger real seien als die Tagwelt. Traditionell wurden übernatürliche Fähigkeiten aus der Traumwelt jedoch nur auf ältere Menschen transponiert, denen dann auch im Alltag die Fähigkeit beigelegt wurde, Böses zu tun, durchaus auch mit der Folge, dass sie als Hexer oder Hexen zu Tode gebracht wurden. Neu in den letzten 20 Jahren sei aber, dass jetzt vor allem Jugendliche der Hexerei beschuldigt und entsprechend verfolgt würden. Ekholm Friedman erklärt diese Verschiebung als Folge der Zerstörung der sozialen Ordnung und der allgemeinen Verarmung im nachkolonialen Kongo. Die Familienväter seien nicht länger in der Lage, den life spirit an die jüngere Generation weiter zu geben.

Ähnlich, aber viel ausführlicher hatte Ekholm Friedmann schon den ausufernden Fetischismus um die Wende zum 19. Jahrhundert zwar als konkrete als Reaktion auf die Zerstörung der politischen und damit der gesellschaftlichen Ordnung im Kongo erklärt, zugleich aber die unter Anthropologen anscheinend verbreitete Ansicht zurückgewiesen, Afrika habe vor der Kolonialisierung eigentlich keine eigene Religion gehabt.8

Der mittlere Teil des Artikels (S. 110-121) bildet eine selbständige Abhandlung, die den Niedergang von Kongo-Brazaville seit der Unabhängigkeit im Jahre 1960 schildert. Es ist eine ähnlich traurige Geschichte, wie sie Reyna für den Tschad erzählt hat. Anfangs, also 1960, war Kongo-Brazzaville ein für afrikanische Verhältnisse relativ wohlhabendes und entwickeltes Land, das sogar über eine Exportindustrie verfügte. Der unabhängige Staat war jedoch von Beginn an mehr oder weniger identisch mit einer Klasse von Machthabern, bestehend aus einem hierarchischen Zentrum und umgeben von einer Peripherie schlecht bezahlter Klienten. Die politische Klasse ist (heute) selbst im Weltmaßstab reich, denn sie kontrolliert alle von außerhalb einfließenden Gelder, Einnahmen aus der Erdölförderung ebenso wie Auslandsdarlehen und Entwicklungshilfe. Die enge Kooperation mit den Ölmultis macht sie unabhängig von einer Basis in der Bevölkerung, die weder als Steuerzahler noch als Arbeitskraft gebraucht werden. Das ist der Fluch des Ölreichtums (the resource curse). Von den Öleinnahmen kassiern der Ölminister 5 %, der Präsident 10 % und der Rest dient zur Finanzierung des Staatsapparats, vor allem aber des Militärs. Die weiteren Zutaten sind schnell aufgezählt: Wiederholte, teilweise gewaltsame Umstürze, über zwei Jahrzehnte ein sozialistisches Zwischenspiel, das die Exportorientierung zugunsten einer auf Autarkie gerichteten Abkopplung vom Weltmarkt favorisierte; ein Einparteiensystems, das die mögliche Opposition vereinnahmt. Nach Einführung der Mehrparteiendemokratie auf Drängen vor allem des IMF 1990 wurde alles nur noch schlimmer. Zwar wurde der unersättlich geldgierige Präsident Denis Sassou-Nguesso 1992 abgewählt. Doch durch die Stimmabgabe entlang den ethnischen Zugehörigkeiten verschoben sich die Machtverhältnisse und das Land zerfiel in drei ethnisch geprägte Regionen. Ein neuer Politikertyp tauchte auf, der junge Männer aus der eigenen ethnischen Gruppe als Bodygards und Miliz rekrutierte. 1997 kehrte der vom Ölkonzern Elf (jetzt Total) favorisierte Sassou aus dem Exil zurück. Es folgte ein schrecklicher Bürgerkrieg, indem sich Sassou mit Söldnertruppen und ausländischer Hilfe durchsetzte. Und immer spielten der Ölkonzern und Frankreich irgendwie mit. Das Ergebnis waren die Zerstörung aller sozialen Ordnung, generelle Verarmung, Unsicherheit und Gewalt überall. Das Öl geht langsam zur Neige und Sassou ist (nach einer Wiederwahl für sieben Jahre 2009) immer noch im Amt.

Die Zerstörung der Familien und der (erst in der Kolonialzeit neu gebildeten) Clanstrukturen ließ viele Jugendliche verwahrlosen, so dass sie in Straßengangs eine neue Heimat fanden oder sich leicht von Milizen anwerben ließen. Während früher gelegentlich Kinder ihre Eltern der Hexerei anklagten, waren es nach der Bürgerkriegszeit 1992/93 umgekehrt Kinder, die derart beschuldigt wurden, meistens allerdings nicht die leiblichen Kinder, sondern verwaiste Kinder aus dem Clan, die aus traditioneller Solidarität in die Familie aufgenommen worden waren. Wenn die Fähigkeit der Familie, Lebenskraft zu spenden, versage, würden umgekehrt den Jugendlichen magische Fähigkeiten zur Zerstörung zugesprochen. Und die Betroffenen wehrten sich oft gar nicht dagegen, erlebten sie doch im Traum ihre außerordentlichen Fähigkeiten selbst. Die magischen Kräfte würden als Gegengewicht zu den aus dem Westen importierten Wundern der Technik verstanden. Und so bilde der in vorkolonialer Religion verankerte Glaube an magische Kräfte verbunden mit dem Glauben an die Realität der Traumwelten eine Art kulturellen Widerstandes gegen die westliche Zivilisation und gegen die eigene politische Klasse.

Eigentlich müsste man parallel Rainer Becks Buch über einen letzten Hexenprozesse in Deutschland lesen9, der 1717 mit der Exekution von drei »Bettelbuben« endete. Das scheitert bei mir schon daran, dass das Buch 1008 Seiten hat. Aber beim Durchblättern fällt eine Parallele auf: Während im 16. und 17. Jahrhundert der typische Hexenprozess gegen ältere Frauen gerichtet war, wurden zu Beginn des 18. Jahrhundert in Freising und anderswo vagierende Jugendliche zu Opfern. Noch stärker ist allerdings die Diskrepanz zu afrikanischen Verhältnissen. In Europa war die Hexenverfolgung eine von kirchlichen und lokalen Autoritäten minutiös bürokratisch organisierte Angelegenheit. In Afrika bleibt sie eher kollektiver Gewalt überlassen.  Und dennoch drängt sich die Frage nach Vergleichsmöglichkeiten auf. Von den Anthropologen wird sie nicht aufgenommen. Hätten nicht Kajsa Ekholm-Friedman und Jonathan Friedman in der Einleitung zu ihrem Buch von 2008 die soziologische Modernisierungstheorie so rigoros zurückgewiesen, käme man vielleicht auf die Idee, für Afrika von einer unvollendeten Modernisierung zu sprechen. So bleibt der Eindruck, die Gerüchte von Zauber und Gegenzauber und die Suche nach Hexen seien ohnmächtige Reaktionen auf die erzwungene Berührung mit einer dauerhaft fremden Moderne.

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  1. Andrea Behrends/Stephen P. Reyna/Günther Schlee (Hg.), Crude Domination, An Anthropology of Oil, Berghahn Books, New York 2011. 

  2. Ste­phen P. Reyna, Con­sti­tu­ting Domination/Constructing Mons­ters, 132–162. 

  3. Vgl. Erdmute Alber, Hexerei, Selbstjustiz und Rechtspluralismus in Benin, in: Rolf Kappel u. a. (Hg.), Rechtsstaatlichkeit im Zeitalter der Globalisierung, Freiburg im Breisgau 2005, S. 375-402. 

  4. Michel Adam, Magic, Witchcraft and Sorcery in Contemporary Africa, Les Cahiers d’Afrique de l’Est IFRA Nr. 31, 2006; Aleksandra Cimpric, Children Accused of Witchcraft. An Anthropological Study of Contemporary Practices in Africa, Unicef Dakar April 2010. 

  5. Dave Emma, Witch Hunting Continues In Akwa Ibom State, As Government Official Backs Witch-Hunters. Ein (wohl schon etwas älteres) Video mit grausamen Bildern von einer Hexenverbrennung findet man auf der Seite LiveLeak

  6. So etwa Cimbric S. 1, 5. 

  7. Peter Geschiere, The Modernity of Witchcraft, Politics and the Occult in Postcolonial Africa, Charlottesville [Va.] 1997. Ich hatte nur die »Leseprobe»« bei Google-Books zur Verfügung. 

  8. in: Kajsa Ekholm Friedman/Jonathan Friedman, Modernities, Class, and the Contradictions of Globalization, The Anthropology of Global Systems, Lanham, MD 2008, S. 29-88. 

  9. Rainer Beck, Mäuselmacher, C. H. Beck, München, 2001. 

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Crude Sorcery

Ethnologen, Sozialanthropologen und die zahlreichen auf Entwicklung und Entwicklungsländer spezialisierten Forschungseinrichtungen1 bieten Informationen beinahe im Überfluss. Man kann nicht alles lesen und als Fachfremder nur schwer verallgemeinern. Vor diesem Problem stehe ich bei der weiteren Lektüre des Sammelbandes »Crude Domination«, den ich in einem Eintrag vom 4. 11. 2012 vorgestellt hatte. Heute habe ich mir die Beiträge der Herausgeber Behrends und Reyna vorgenommen.2
Der Beitrag der englischen Anthropologen Stephen P. Reyna ist überschrieben »Constituting Domination/Constructing Monsters« (S. 132-162). Er trägt den Untertitel »Imperialism, Cultural Desire and Anti-Beowulfs in the Chadian Petro-state« und ist vollständig bei Google-Books nachzulesen. Reyna will erklären, warum sich in der Ölregion des Tschad Gerüchte verbreitet haben, in der Nacht seien menschenfressende lionmen (Löwenmänner, Menschenlöwen?) unterwegs. Er hat seine Erklärung doppelt verpackt und mit einem bunten Aufkleber versehen.
Als Aufkleber dient die Geschichte von Beowulf, der dem dänischen König Hrothgar im Kampf gegen das Trollmonster Grendel zur Hilfe eilte. Den Grendel spielt in Reynas Geschichte das Konsortium aus Esso, Petronas und Chevron, das in der Doba-Region des Tschad die Ölförderung betreibt. Hrothgar ist wohl die einheimische Bevölkerung, die unter der Kollusion von Ölindustrie und der Staatselite des Tschad zu leiden hat. Die Analogie zum Beowulf besteht darin, dass in der Bevölkerung das Ölkonsortium als Monster wahrgenommen wird, dass über Zauberkräfte verfügt. So entstehen in den Köpfen die lionmen als Beowulfs, die das Ölmonster bekämpfen. Wie so oft, wenn Wissenschaftler Mythologie oder Literatur bemühen, entsteht auch hier nur Schaum.
Die äußere Hülle der Geschichte findet ihren Platz in der der Rubrik »Mogelpackung« der Stiftung Warentest. Als ozeangängiger Container für ein mittelgroßes Postpaket dient der »informale« Imperialismus der USA. Der Container scheint aus »Plunder« von Ugo Mattei und Laura Nader zu stammen. Die innere Hülle, die den Inhalt stoßfest halten soll, ist der Entwurf einer kompletten Gesellschaftstheorie, die als »Struktureller Realismus« daher kommt, als gäbe es keine Soziologie. Die einzige explizite Anleihe ist das Konzept der performativity logic von Judith Butler, ein Konzept, das seinerseits durch seine Soziologievergessenheit auffällt. Im konkreten Fall wäre das Erzählmuster von der Spinne in der Yucca-Palme kaum weniger erklärungskräftig. Man kann die Verpackung getrost entsorgen. Der Inhalt steht für sich.
Die Erklärung für die Lionmen-Gerüchte entfaltet sich in drei Schritten. Im ersten stellt Reyna die Entwicklung des Tschad seit der Unabhängigkeit von Frankreich 1960, das Eindringen der Erdölindustrie und ihre Komplizenschaft mit der Staatselite dar. Diese Entwicklung kam 2003 mit der Aufnahme der Erdölförderung durch »das Konsortium« zu einem gewissen Abschluss. Sie wird von Reyna als Konkurrenzkampf zwischen Frankreich und den USA um die Ausweitung und Festigung ihrer Interessensphären geschildert, in dem Frankreich sich am Ende mit seinem Favoriten Idriss Déby an der Staatspitze durchgesetzt hat, seine Beteiligung an der Ölförderung aber an das Konsortium mit der amerikanischen Esso verlor.
Im zweiten Schritt wird beschrieben, wie sich unter den Bürgerkriegswirren in der Bevölkerung ubiquitäre Angst um Hab und Gut, Leib und Leben aufgebaut hat. Für den sicherheitsbesessenen Westeuropäer, der sich nicht vorstellen kann, wie die Menschen unter den gegebenen Umständen dort leben, ist die Darstellung eindrucksvoll.
Im Anschluss daran will Reyna erklären, wie »das Konsortium« in den Augen der Bevölkerung zum unförmigen Monster wurde, dass für die Übel der Vergangenheit und Gegenwart verantwortlich gemacht wird, obwohl es sich selbst als Wohltäter der Region darstellt. Die Selbstdarstellung3 wird als cloaking abgetan. Irgendwie fehlt dem Leser aber doch eine Würdigung der anfangs hoch gepriesenen Einigung der Weltbank mit Ölindustrie und Regierung von 2001, die Beeinträchtigungen der indigenen Bevölkerung und der Umwelt durch die Ölförderung auszugleichen und einen erheblichen Teil der Öleinnahmen zur Entwicklung des Landes zu verwenden. Es ist bekannt, dass dieser Akkord von der Regierung beiseitegeschoben wurde mit der Folge, dass die Weltbank ausstieg4. Doch selbst dann, wenn das Konsortium sich weiterhin bemüht haben sollte, Umwelt und Bevölkerung zu schonen und vielleicht sogar zu entwickeln, so hättees die Wunden der Vergangenheit nicht heilen können. Deshalb ist es einleuchtend, dass »das Konsortium« für die Bevölkerung zum Sündenbock wurde. Die Entwicklung des Sündenbocks zum Monster ist die afrikanische Zutat. Dazu deutet Reyna (S. 152) die besondere Weltsicht der Menschen im Tschad an, die neben der sichtbaren eine unsichtbare Welt kennt, in der sich Unerklärliches ereignet. In dieser Welt gibt es Hexen und Zauberer. Zu dem Bestand magischer Vorstellungen gehört auch, dass bestimmte Menschen sich in Löwen verwandeln und ihre Opfer fressen können. Dem Öl-Konsortium, das alle Wunder der Technik zum Einsatz bringt, unter anderem Radarpistolen, mit denen Wachleute die Geschwindigkeit von Autos messen, werden magische Kräfte zugeschrieben. Aus dem Sündenbock wird ein Monster mit Zauberkräften, dessen Mitarbeiter Menschen fressen. Als eine Form der Gegenwehr entsteht die Vorstellung, es seien Löwenmenschen unterwegs, die des Nachts die Zauberer vom Konsortium fräßen. »Those spreading the rumors were … not people who had directly seen the consortium sorcers or the lionmen, but they got the story from somebody who knew. So … Doba Basin people learned: Consortium employee sorcerers ate villagers; villager lionmen ate consortium employees.« (S. 157)
Der fachfremde Leser kann diese Erklärung nachvollziehen. Aber seine Fragen sind damit nicht beantwortet. Er möchte Genaueres über die Verbreitung und Relevanz der Zauber-Gerüchte wissen. In der Einleitung hatte Reyna mitgeteilt, dass er von dem Löwenmann-Gerücht 2003 in einem Gespräch mit seinem Fahrer erfahren habe. 2002/2003 und 2007 hat Reyna in Interviews von Menschen aus allen Bevölkerungsschichten, ausgenommen einige höhere Beamte, stark negative Urteile über das Konsortium gehört. Ob und wie häufig ihm dabei auch das Löwenmann-Gerücht begegnet ist, sagt er nicht. Der Leser wüsste auch gerne, ob das Löwenmann-Gerücht mehr ist als ein kleines Trostpflaster, insbesondere, ob es eine Basis für realen Widerstand bildet. Der Leser hätte aber auch gerne mehr über die afrikanischen Eliten erfahren. Anscheinend interessieren sich die Anthropologen wenig für diese Eliten oder sie finden keinen Zugang. Wie kann es angehen, dass nach über 50 Jahren Unabhängigkeit der Tschad immer noch und immer wieder als failed state erscheint? Die Erklärung aus der kolonialen Vergangenheit oder – bei Peyna – als Produkt eines ressourcengierigen US-Kapitalismus ist einfach zu simpel, um Gehör zu finden. Da argumentiert die Mitherausgeberin Andrea Behrends sehr viel differenzierter.
Ihr Beitrag ist überschrieben »Fighting for Oil When Tere is No Oil Yet. The Darfour Chad Border« (S. 81-106). Behrends präsentiert die ganze Vielfalt der lokalen nationalen und internationalen Akteure, die an den offenen und latenten Bürgerkriegszuständen beteiligt sind, und ihre mutmaßlichen Interessen und Beweggründe. Sie probiert verschiedene Thesen, die zur Erklärung des Geschehens angeboten werden, so diejenige von Collier und Höffler, dass die Bürgerkriege direkt durch Öleinnahmen geschürt werden5, oder die Annahme von Michael Ross6, dass Ressourcen, die wie das Öl ortsfest sind und nur mit großen Investitionen mobilisiert werden können, separatistische Konflikte, oft entlang ethnischer Trennlinien, befördern. Und sie prüft natürlich die These vom Fluch des Öls, wie sie von Terry L. Karl7 formuliert wurde. Behrends findet keine der angebotenen Theorien für sich genommen ausreichend und differenziert zwischen den Verhältnissen im Tschad und in Darfour. Die Details sind so komplex, dass ein kurzes Referat sie verstümmeln müsste. Bei Google-Books kann man Behrends‘ Beitrag jedenfalls zum größeren Teil nachlesen, besser als gar nicht.

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  1. Eine ganz unvollständige Aufzählung im Posting vom 14. 7. 2012: Die Rolle des Rechts im Prozess der nachholenden Modernisierung. 

  2. Reyna und Behrends gehören zu den Gründern des Centre for Research in Anthropology and Human Sciences (CRASH) in N‘Djaména (Tschad). 

  3. Eine Selbstdarstellung des Konsortiums findet man unter http://www.essochad.com/

  4. World Bank Statement on Chad-Cameroon Pipeline

  5. Paul Collier/Anke Hoeff­ler, Greed and Grie­vance in Civil War, Oxford Eco­no­mic Papers 56, 2004, 563–595 (hier zitiert nach einer im Inter­net ver­füg­ba­ren Fas­sung von 2002). 

  6. Im Internet verfügbar »Natural Resources and Civil War: An Overview« (2003). 

  7. Sein Buch von 1997 (The Perils of Petroleum: Reflections on the Paradox of Plenty) habe ich nicht zur Verfügung. Im Internet zugänglich ist jedoch von Karl das Working Paper »Oil-led Development: Social, Political and Economic Consequences« (2009) sowie von Ian Gary und Terry L. Karl »Bottom of the Barrel: Africa’s Oil Boom and the Poor« 2003. 

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Die Rolle des Rechts im Prozess der nachholenden Modernisierung

Derzeit versuche ich mich an einer Abgleichung der »klassischen« soziologischen Modernisierungstheorie mit den Untersuchungen über Law and Development. Dabei sind mir drei Forschungsprojekte aufgefallen, die Rechtssoziologie unter fremdem Namen betreiben.
Das älteste ist das Projekt »States at Work. Public Services and Civil Servants in West Africa: Education and Justice in Benin, Ghana, Mali and Niger« des Instituts für Ethnologie und Afrikastudien an der Universität Mainz. Es lief von 2006 bis 2011. Ein zusammenfassender Projektbericht liegt anscheinend noch nicht vor. Aber die Webseite verweist auf viele interessante Arbeitspapiere und Buchbesprechungen. Hervorzuheben sind besonders:
Gifty Amo Antwi u. a., “They Are not Enlightened”. Wie Staatsbedienstete in Nordghana Differenz zwischen sich und ihren Klienten konstruieren.
Thomas Bierschenk, States at Work in West Africa: Sedimentation, Fragmentation and Normative Double‐Binds, 2010. Von »nachholender Rechtsstaatsentwicklung« spricht Bierschenk in einer ausführlichen Buchbesprechung.1

»Persistenz und Wandel von Neopatrimonialismus in verschiedenen Nicht-OECD-Regionen« heißt das von der Volkswagen Stiftung geförderte Projekt des Leibniz-Instituts für Globale und Regionale Studien (GIGA). Ein Forschungsschwerpunkt befasst sich speziell mit Recht und Politik. Das Projekt wird auf den Internetseiten gut beschrieben und es gibt eine Bibliographie sowie viele Hinweise auf eigene und fremde Vorarbeiten, die zum Teil online verfügbar sind.

Das dritte Projekt, das hier zu vermelden ist, steht unter der Regie der Konstanzer Politikwissenschaftlerin Katharina Holzinger und trägt den Titel »Traditionale Governance und moderne Staatlichkeit«. Es wird als Reinhart-Koselleck-Projekt von der DFG mit 1,5 Mill. EUR gefördert.2 Bisher gibt es dazu nur eine Presseinformation. Dort liest man:

Weltweit gibt es in vielen Staaten ethnische Bevölkerungsgruppen, die ihr inneres politisches Leben gemäß traditionaler Strukturen organisieren. Knapp 57% der Weltbevölkerung in 63 UN-Mitgliedstaaten leben in Rechtssystemen, in denen indigene Rechte in relevantem Umfang mit der staatlichen Gesetzgebung koexistieren. Gerade in Afrika sind traditionale Institutionen keineswegs strikt von staatlichen Institutionen abgegrenzt. ›Traditionale Institutionen, die sich entlang von Ethnien konstituieren, sind in vielen afrikanischen Ländern noch besonders bedeutend: sowohl in Hinsicht auf ihren Umfang als auch bezogen auf ihre politische Bedeutung. In diesen Staaten koexistieren indigene Formen der Governance mit modernen staatlichen Formen‹, schildert Katharina Holzinger. In vielen Fällen übernehmen solche traditionalen Institutionen staatliche Aufgaben – teils in Konkurrenz zum Staat, teils komplementär oder sogar verschränkt mit dem Staat.

»In einer weltweiten, quantitativen Untersuchung«, so heißt es weiter, soll ermittelt werden, »welche Wechselbeziehung zwischen Staat und traditionaler Governance bestehen und welche Auswirkungen dies auf die demokratische Entwicklung des Staates hat. Mittels acht Länderfallstudien, die sich auf afrikanische Staaten konzentrieren, wird Holzinger ihre weltweiten Analysen vertiefen.« In der Rechtssoziologie würde man nicht von Governance, sondern von Legal Pluralism reden.

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  1. Des Bandes von Rolf Kappel/Hans-Werner Tobler/Peter Waldmann (Hg.), Rechtsstaatlichkeit im Zeitalter der Globalisierung, Freiburg im Breisgau 2005. Zu diesem Band gibt es eine handliche Zusammenfassung des Wissenschaftlichen Beirats beim BMZ: Staatsentwicklung und Rechtsstaatlichkeit: Lehren aus der europäischen Geschichte und lateinamerikanischer Erfahrungen 2006. 

  2. Frau Holzinger ist Sprecherin des Fachkollegiums 111 Sozialwissenschaften der DFG. 

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Schattenwirtschaft in Griechenland

In einem Artikel in der Heimlichen Juristenzeitung vom 27. 2. 2012 äußert sich Dominik H. Enste vom Institut der Deutschen Wirtschaft in Köln zum Umfang der Schattenwirtschaft in Griechenland. Sie soll in den PIGS Staaten mit 19 bis 25 % doppelt so hoch liegen wie in den angelsächsischen Ländern. Eine Quelle wird nicht angegeben.
Definition und Ermittlung der Schattenwirtschaft sind notorisch ungenau. Das OECD-Handbuch »Measuring the Non-Observed Economy« (2002) unterscheidet vier Formen der Schattenwirtschaft:
(1) Underground Economy. Sie umfasst alle an sich rechtlich erlaubten wirtschaftlichen Betätigungen, die vor den Behörden verborgen werden, um Steuern und Abgaben zu sparen, um rechtliche Standards für die Bezahlung von Arbeitnehmern, Arbeitszeitregelungen sowie Sicherheit- und Gesundheitsvorkehrungen zu vermeiden. Der wichtigste Einzelposten ist wohl die gewöhnlich so genannte Schwarzarbeit.
(2) Illegal Production: Hierher zählen vor allem strafbare Formen der Prostitution und die Produktion von und der Handel mit kriminalisierten Drogen, ferner die marktorientierte organisierte Kriminalität. Auf diesen Bereich bezieht sich das Paper von Frank Wehinger, Illegale Märkte, auf das ich am 1. 11. 2011 hingewiesen habe.
(3) Informal Sector: Zur Schattenwirtschaft gehört ferner der so genannte informelle Sektor. Er umfasst die marktorientierten wirtschaftlichen Tätigkeiten, die sich staatlichen Regelungs- und Abgabenansprüchen entziehen. Viele Beispiele dafür gibt es in Deutschland nicht. Zu denken ist wohl in erster Linie an den Wohltätigkeitsbereich, etwa die »Tafeln«, die Lebensmittel an Bedürftige ausgeben, oder an den Verkauf selbstgemachter Marmelade auf dem Weihnachtsbazar.
(4) Household production for own final use: Zur Schattenwirtschaft im weiteren Sinne gehört schließlich die Subsistenzwirtschaft. Sie umfasst alle wirtschaftlichen Tätigkeiten für den Eigenkonsum, also insbesondere die Betätigung in Haus und Garten. Dieser Bereich ist weitgehend rechtsfrei. Es scheint so, dass dieser Bereich eine Tendenz zur Schrumpfung aufweist.
Bei den angebotenen Schätzungen weiß man nicht immer so genau, welchen Bereich sie einschließen. Außerdem färbt die eindeutige Verurteilung der illegalen Märkte auf die nicht ganz so eindeutig negativ besetzte Schattenwirtschaft ab.
Als Schattenwirtschaft im engeren Sinne interessiert die underground economy. Nur im Hinblick auf diesen Sektor stellt sich ernsthaft die Frage, ob die Schattenwirtschaft bei der Wirtschaftskraft und Wettbewerbsfähigkeit eines Landes positiv berücksichtigt werden soll. Sie wird durchgehend negativ beantwortet, aber so ganz selbstverständlich ist das nicht. Dazu müsste man schon genaueres über Charakter und Umfang der Schattenwirtschaft wissen. Die zweite Frage ist, ob die Schattenwirtschaft die offizielle stört oder ob sie ihr sogar hilft. Auch hier ist die Antwort nicht selbstverständlich.
Der Umsatz der Schattenwirtschaft in Deutschland betrug nach Angaben des Bundesfinanzministeriums im Jahre 2004 356 Milliarden EUR und lag damit bei 16,4 % des Bruttosozialprodukts. Enste nannte in einem Fernsehinterview aus dem Jahre 2009 für Schwarzarbeit im engeren Sinne einen Betrag von 150 Milliarden Euro. Es besteht ein gewisser Verdacht, dass der Umfang der Schattenwirtschaft von Wirtschaft und Politik systematisch überschätzt wird, um eine verstärkte Regulierung und Kontrolle zu rechtfertigen.

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Omri Ben-Shahar und Carl E. Schneider über den Unsinn gesetzlicher Informationspflichten

Auf diese Arbeit hat mich schon vor einiger Zeit mein Bochumer Kollege1 Karl Riesenhuber aufmerksam gemacht:
Omri Ben-Shahar/Carl E. Schneider, The Failure of Mandated Disclosure, University of Pennsylvania Law Review 159 , 2011, 647-750.
Die Arbeit passt jetzt gut zu dem Eintrag über Selbstbestimmungsrecht und Paternalismus vom 3. 1. 2012. Das folgende Zitat kann vielleicht besser noch als das Abstract einen Eindruck vermitteln, worum es geht:

Not only does mandated disclosure address a real problem, it also rests on a plausible assumption: that when it comes to decisionmaking, more information is better than less. More information helps people make better decisions, thus bolstering their autonomy. Since people can no longer customize most transactions, disclosure helps restore some individual control. It may also induce enterprises to behave more efficiently.
Although mandated disclosure addresses a real problem and rests on a plausible assumption, it chronically fails to accomplish its purpose. Even where it seems to succeed, its costs in money, effort, and time generally swamp its benefits. And mandated disclosure has unintended and undesirable consequences, like driving out better regulation and hurting the people it purports to help. Not only does the empirical evidence show that mandated disclosure regularly fails in practice, but its failure is inevitable. First, mandated disclosure rests on false assumptions about how people live, think, and make decisions. Second, it rests on false assumptions about the decisions it intends to improve. Third, its success requires an impossibly long series of unlikely achievements by lawmakers, disclosers, and disclosees. That is, the prerequisites of successful mandated disclosure are so numerous and so onerous that they are rarely met.

Die Autoren meinen einleitend, wenn man über Informationspflichten schreiben wolle, habe man dasselbe Problem, dass von diesen Pflichten aufgeworfen werde. Die Masse der Informationen übersteige die Fähigkeit des Informanten, sie angemessen darzustellen, und ebenso die Kapazität der Informierten, sie sinnvoll aufzunehmen. Deshalb möge man aus ihrem (104 Seiten langen) Artikel nur lesen, was einen interessiere. Insbesondere den ersten Teil, der die zahllosen Informationspflichten aufzähle, könne man getrost überschlagen, wenn man ohnehin von ihrer Allgegenwart überzeugt sei.
Ich habe zwar in der Tat einiges überschlagen, aber nicht weil ich den Artikel langweilig oder schwer zu lesen fand. Im Gegenteil: Die Amerikaner können einfach gut schreiben, so dass die Lektüre ein Vergnügen ist. Aber ich habe im Moment andere Themen im Kopf. Doch im Kopf habe ich jetzt auch, dass die Allgegenwart in Verbindung mit dem Umfang und der Komplexität der kraft Gesetzes angebotenen Informationen die weitgehende Wirkungslosigkeit dieses Angebots zur Folge hat. Die Autoren halten Informationsangebote zwar nicht für völlig unwirksam, meinen aber, nur ganz simple Informationen (etwa nach dem in Deutschland zurzeit diskutierten Ampelmodell für Nahrungsmittel) könnten effektiv sein. Gesetzgeber und Gerichte erfinden aber immer neue Informationspflichten, denn diese scheinen eine liberale, billige und wirksame Lösung vieler Probleme zu bieten.
Ben-Shahar und Schneider haben mit ihrer Arbeit ein Prachtexemplar symbolischer Gesetzgebung vorgestellt.

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  1. Darf man eigentlich als Emeritus die aktiven Fakultätsmitglieder noch als Kollegen ansprechen? 

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Rechtliche Identität

Zu den Berichten, die ich in meinen Einträgen zur Berichtsforschung im Blick hatte, gehört der Bericht der UNO Commission on Legal Empowerment of the Poor »Making the Law Work for Everyone«. Es handelt sich um eine Kommission unter dem Dach des United Nations Development Programme (UNDP) in New York. Vorsitzende waren die ehemalige amerikanische Außenministerin Madeleine Albright und der peruanische Ökonom Hernando de Soto. 2008 hat die Kommission einen zweibändigen Bericht abgeliefert:
Der erste Band mit seinen 96 Seiten ist mit vielen Bildern und buntem Design wie eine Public-Relations-Broschüre aufgemacht. Man kann ihn wie ein Management Summary lesen. Als solches bietet er klare Kernaussagen und darüber hinaus ganz interessante Hinweise und Inhalte. Die dramatische Basisaussage: Vier Milliarden Menschen haben keinen Zugang zum Recht. Der zweite Teil mit seinen 353 Seiten ist nüchterner im Stil eines wissenschaftlichen Gutachtens gehalten. Es wird viel Literatur ausgewertet, und es werden illustrative Einzelbeispiele herangezogen. Aber es gibt keine systematische Datenerhebung.
Ein gute Übersetzung für Legal Empowerment ist mir bisher nicht eingefallen. »Zugang zum Recht« trifft die Sache nicht ganz. Blankenburgs »Mobilisierung des Rechts«1 gefällt mir auch nicht 100%ig, weil sie auf die Aktivierung der Betroffenen abstellt. Das Problem beginnt nicht erst, wenn die Menschen nach Institutionen suchen, die ihnen helfen könnten, und sie sich bei diesen mit ihrem Anliegen durchsetzen müssen. Bei sehr vielen Menschen beginnt das Problem noch früher damit, dass sie keine legale Existenz haben, keinen amtlich registrierten Namen und folglich keinen Ausweis. Es fehlt damit die rechtliche Identität, an die der rechtliche Schutz von Eigentum und Vertragsrechten anknüpfen kann. Es fehlt die Identität vor Banken und Behörden. Mit Interesse hatte ich deshalb schon vor Jahr und Tag einen Zeitungsartikel von Christoph Hein mit der Überschrift »Eine Nummer für jeden Inder« gelesen.2 Bisher gibt es in Indien keinen Pass oder Personalausweis für jedermann, sondern nur zweckgebundene Einzelausweise. Hein: »Wer Steuern zahlt, bekommt eine PAN, die Nummer für ein Steuerkonto. Wer älter als 18 Jahre ist, wird im Wahlregister vermerkt. Die Armen erhalten Karten für Nahrungsrationen. Die im Ausland lebenden Inder haben den Status des NRI – des Non-Resident Indian.« Man kann sich leicht vorstellen, wie sehr dieser Zustand die Verwaltung des riesigen Landes erschwert. Deshalb hat die indische Regierung den Milliardär und Gründer von Infosys, Nandan Nilekani, beauftragt hat, 1,2 Millionen Inder mit einem Personalausweis zu versehen.

Nandan M. Nilekani nach einem Foto von E.T. Studhalter für das World Economic Forum 2007


(Nandan M. Nilekani nach einem Foto von E.T. Studhalter für das World Economic Forum 2007)

Nilekani ist nunmehr Leiter der Unique Identification Authority of India im Range eines Ministers. Nach dem Bericht von Christoph Hein zu urteilen, hat Nilekani die Aufgabe, hier Abhilfe zu schaffen, aber nicht übernommen, um der Verwaltung beizuspringen, sondern er sieht sie als eine soziale Aufgabe an.
Wie belastend ihr Zustand für die Ausweislosen ist, steht nicht ganz außer Frage. Die Doing-Business-Reports der Weltbank und ähnliche Berichte gehen einhellig davon aus, dass die Klarheit der Zuordnung von Eigentumsrechten, die Sicherheit des Eigentums und die Durchsetzbarkeit von Verträgen der Wirtschaft helfen. Autoren aus dem Deutschen Institut für Entwicklungspolitik weisen jedoch darauf hin, dass diese Annahme für den Informellen Sektor, der in den armen Entwicklungsländern für die Wirtschaft erhebliche Bedeutung hat, nicht zutreffen müsse.3 Sie berufen sich auf Studien, nach denen die Registrierung von Grundeigentum und Unternehmen für den informellen Sektor keine Bedeutung habe.
Die Eintragung von Grundeigentum kann sogar kontraproduktiv wirken, weil die Bodennutzung in manchen Regionen in einer Weise informell geregelt ist, die auch den Schwächsten noch eine gewisse Nutzungsmöglichkeit bietet. Die Registrierung von Grundeigentum führe dagegen zur Exklusion und zur Spekulation. Dem lässt sich wieder der Bericht der UNO Commission on Legal Empowerment of the Poor entgegenhalten. Darin wird an einem Beispiel aus Kenya gezeigt, wie wichtig die Registrierung von Grundeigentum für den Zugang zum Recht sei. Ohne registriertes Eigentum hätten die Bewohner keine Chance zur Gegenwehr, wenn Behörden oder Unternehmen ganze Siedlungen abreißen, um neu und modern zu bauen.
Im Ergebnis wird man wohl sagen müssen: Sobald die Modernisierung eines Landes einmal eingesetzt und die alten sozialen Strukturen zerstört hat, geht es nicht mehr ohne die rechtliche Identität.

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  1. Erhard Blankenburg, Mobilisierung des Rechts, Eine Einführung in die Rechtssoziologie, Berlin 1995. 

  2. FamS vom 14. 2. 2010 (S. 39). 

  3. Tilman Altenburg, Christan von Drachenfels, (2006): The ‘New Minimalist Approach’ to Private- Sector Development: A Critical Assessment. In: Development Policy Review, 24, 2006, 387–411; dies. und Matthias Krause, Seven Theses on Doing Business. Deutsches Institut für Entwicklungspolitik, 2008; Miguel Jaramillo, Is there Demand for Formality among Informal Firms? Evidence from microfirms in downtown Lima, Deutsches Institut für Entwicklungspolitik 2009. 

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